Oh wie schön ist Nerdistan – Frischfleisch auf der FedCon 2018

Im Frühjahr 2018 sitzt ein einsamer Kleinstadt-Grufti Schrägstrich Nerd in seinem Keller am Rechner und beschließt, einmal in ganz neue Dimensionen vorzudringen.  Das Hirn rödelt mit dem Rechner, der langsam mal neue Innereien gebrauchen könnte, seit geraumer Zeit schon um die Wette, und dann passiert eine eigentlich unbedeutende Kleinigkeit, die den Grufti-Nerd-Hybriden aber dazu veranlasst, noch in der selben Nacht auf einen Rutsch Zugkarten, Unterkunft und Tickets zu ordern.

 

Heuer sollte es, nach 12 Jahren WGT in Folge, mal woanders hingehen zu Pfingsten – und zwar gen Bonn, zur FedCon. Wie ich im vorangegangenen Artikel schon schrub, so war die FedCon seit ca 1995 das Traum-Ziel meines damals jugendlichen Nerd-Ichs mit vollumfänglichem Star Trek-Vollschuß, doch zu der Zeit war das für mich eine unerreichbare Angelegenheit.

Inzwischen ist der 16-jährige Nerd wieder aufgestanden und freut sich gar diebisch seines Daseins – das heißt für mich auch daß ich nun ganz schamlos alles nachhole was in den 90ern so noch nicht ganz machbar war, wie eben Cons, Requisiten sammeln und bauen, und natürlich Uniformen nachnähen – so „screen accurate“ wie möglich – die dann selbstredend standesgemäß auf den Cons ausgeführt werden. Als Teenie-Nerd in den 90ern bekam man von seinem Umfeld für diese Leidenschaft nicht selten so einige Ekelhaftigkeiten ab.

 

Obwohl ich vor drei Jahren – mit der ersten deutschen Doctor Who Themen-Con namens „TimeLash“ bereits angefangen habe mal in Cons reinzuschnuppern, so bin ich dennoch eher ein Con-Neuling, denn ausser der Timelash hatte ich bis dato noch keine andere derarte Veranstaltung besucht. Die Doctor Who Con hat jedoch jedes Mal immer großen Spaß gemacht, auch dank der überschaubaren und unglaublich familiären Atmosphäre, bei der man an jedem Eck mit Leuten ins Gespräch kam und so zusammen seinen Spaß hatte.

 

Die FedCon jedoch war in meinem Kopf inzwischen eine unglaublich riesige und unübersichtliche Angelegenheit, daher fiel bislang die Entscheidung zu Pfingsten ohne viel Überlegen immer wieder aufs WGT – denn das Bild das ich mir da selbst gemalt hatte, war irgendwo auch etwas erschreckend.

 

Zu meinem Glück aber erwies sich das alles als völlig falsch, aber dazu später natürlich mehr …

 

Am 17. Mai kletterte ich unausgeschlafen und unter diversen Flüchen erstmal auf den Dachboden um „den Rollkoffer“ auszugraben – ein Gepäckstück das ich leidenschaftlich hasse, da es sperrig ist, Lärm macht und ständig irgendwie im Weg ist, leider aber ging mein Plan, alles an Gepäck in meinen großen Army-Rucksack komprimiert zu bekommen, hinten und vorne nicht auf, also stand ich am Ende mit besagtem Rollkoffer, einem kleinen Army-Rucksack und noch einer Umhängetasche am marktredwitzer Bahnhof und verbiß mir ein paar „farbige Metaphern“, als an der Anzeigetafel mal wieder eine Zugverspätung angekündigt wurde.

Das mit den Verspätungen sollte sich noch durch die weitere Reise ziehen, zum Glück belief sich – dank günstiger Alternativ-Verbindungen, aber mit einigem Gerenne und nervigen Extra-Gewarte – die Verspätung dann nur auf grob eine halbe Stunde.

 

Meine Unterkunft hatte ich über Airbnb gefunden, in Laufweite des Maritims, dennoch bot meine Gastgeberin mir sofort nach der Buchung ihr Rad an. Das Kopfkino sah schon Data auf einem alten Damenrad durch Bonn rollen, und nachdem ich eingecheckt hatte und die Vermieterin mir noch das Rad übergeben wollte, hätte ich beinahe laut losgelacht als es sich tatsächlich als hellblau gestrichenes Retro-Damenrad entpuppte! Das würde ein ganz großer Spaß werden …

 

In Bonn hatten Bekannte, die ich von der TimeLash bereits kannte, einen Tisch in einem kleinen chinesischen Restaurant reserviert, das praktischerweise auf halbem Wege zwischen Maritim und meiner Unterkunft lag, da man da bereits auf mich wartete, entlies ich nur noch schnell meine Starfleet-Uniformen aus dem Rollkoffer-Gefängnis und machte mich dann auf den Weg.

 

Der Vorabend war bereits ganz wunderbar und wir verstanden uns allesamt so prima daß schnell klar wurde, daß da wohl Freundschaften draus werden. Da mir solche Reisen „dank“ einiger Macken nicht grade leicht fallen, hatte ich im Vorfeld natürlich zusätzlich Bedenken, am Ende alleine und etwas verloren auf  einer mir unbekannten Veranstaltung zu stehen, doch „die Gang“ – wie sich die angenehm bunt gewürfelte Nerd-Truppe aus NRW nennt – nahm mich ganz herzlich auf! Und im Folgenden stellte sich auch heraus wie einfach es noch werden sollte, auch sonst Anschluß und großartige Gespräche zu finden!

Natürlich wird das schönere Ohr in die Linse gehalten 😀

Die erste Nacht war dann etwas holprig, ich war für meine Gewohnheiten als Fledermaus zu früh im Bett, und dann noch in einem unbekannten welchen, und dann klingelte mein sicherheitshalber  gestellter Wecker auch noch viel zu früh … vom WGT her kennt man das ja, das man den Vormittag erstmal verpennt oder zumindest jede Zeit ausnutzt um den Tag gemütlich anzugehen, denn meistens geht die Action erst Spätnachmittags richtig los .. diesmal aber überredete ich mich um halb 8 zum Frühstück, allerdings waren die Teetassen in der Küche zu klein um darin eine angemessen Menge Koffein, in Form von kräftigem schwarzen Tee mit Milch, unterzubringen, ich schaffte es dennoch mein Gesicht mit Vulkanier-Augenbrauen aus Wollkrepp auszustatten, nur der erste Versuch, spitze Ohren mit Mastix auf meine eigenen zu kleben, war mehr schlecht als recht und ich sah sie schon auf dem Rad bereits wieder von Dannen flattern …

 

 

Zum Glück aber hielten sie bis zum Abend durch, stoisch-vulkanisch in exakt der assymmetrischen Position in der ich sie unter vielen un-vulkanischen Flüchen angebracht bekommen hatte …

 

Am Maritim beobachteten noch nur wenige Besucher Spock auf dem Rad ankommen, ich hoffte inständig daß das gute Stück bis zum Abend vor der Türe stehenblieb und machte mich auf den Weg zur Bändchenausgabe. Dort bekam man eine Eintrittskarte und ein Bändchen, was beides beim Einlaß vorzuzeigen war.

Die Dame schob mir also das Band über die Hand und schaute mich dann verwirrt an weil ich immernoch stehenblieb – in gewohnter Erwartung daß jemand noch die Plombe zudrücken würde und die überschüssigen Enden abschneiden. Es stellte sich heraus daß bei diesen Teilen das wohl nicht nötig war, und so räumte ich den Platz und fing an meine neuen Freunde zu suchen.

 

Bild von Oti Würtz

Wir versumpften dann erstmal den nachmittag über in der Lobby, kamen wieder herrlich-angeregt ins nerdige Gespräch, danach drehten wir eine Runde, bei der die Gang mir die Örtlichkeiten zeigte und soweit alles erklärte – im Grunde ist die FedCon auch überschaubar, man trifft Bekannte von der Doctor Who Con und lernt so noch viele weitere Leute kennen. Bis auf vielleicht eine Begegnung habe ich so lauter großartige, nette, witzige und angenehm-durchgeknallte Leute kennenlernen dürfen, und allein schon der erste Tag war ein wahres Fest!

Auch Bekannte aus Luxemburg waren da, die aber leider nur für den Freitag freinehmen konnten, dennoch hatten wir Gelegenheit ein bisschen zu plaudern und ein paar Bilder zu machen – Monique hatte Anfang des Jahres von mir ein Doctor Who-Cosplay geschneidert bekommen und hatte sich in ein rotes Classik-Trek Uniformkleid geworfen, voll ausgerüstet mit Tricorder, Phaser (danke fürs kurze Ausleihen) und einem 20 Jahre alten Tribble der vor sich hin gurrte … Heng hatte sich Lokai aus der TOS-Folge „Bele jagt Lokai“ ausgesucht … da war ein gemeinsames Bild natürlich eine Notwendigkeit!

 

Mein erstes Panel war dann das erste mit Q himself – John DeLancie! Nachdem ich relativ spät mein Ticket geordert hatte, bekam ich „nur“ einen Platz auf der Empore, glücklicherweise war aber auch der große Saal im Maritim nicht exorbitant riesig und die Empore erwies sich nicht als der schlechteste Platz, wenn man zeitig reinkam konnte man sich direkt ans Geländer setzen und sah die Schauspieler von da aus eigentlich recht gut. Zur Erklärung: jeder bekommt nach Ticket-Nummer einen Sitzplatz zugewiesen, der in jedem Panel dann auch der eigene bleibt. Nur auf der Empore muss man sich suchen was noch frei ist.

 

Entgegen seiner oft exzentrischen Rollen – besonders auch als Q – erwies sich John DeLancie als sehr bodenständig und erzählte von seiner Leseschwäche in Jugendtagen. Natürlich gehören auch Fan-Fragen zu den Panels, und so begab es sich daß Q der versammelten Mannschaft erzählte, wie es war, für die TNG-Episode „Noch einmal Q“ unbekleidet auf der Brücke der Enterprise D zu materialisieren:

 

Direkt danach war es Zeit für die „Opening Ceremony“, die „Mistress of Ceremony“ – Lori Dungey, führte das gesamte Wochenende über ziemlich sympathisch und witzig durch das Programm und war sich auch für einige Extra-Späße bei noch kommenden Shows keineswegs zu schade – ich hatte sehr viel Spaß an der Moderation!

 

Zur Eröffnungsveranstaltung heizte die Moderatorin erstmal stimmunsgmässig-nerd-kompatibel ein und dann kamen die Vortragenden wie Schauspieler des Wochenendes auf die Bühne.

Die FedCon diesen Jahres war schwerpunktmässig auf die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ ausgelegt – eine Serie die ich anfang der 2000er nur sporadisch verfolgen konnte, denn meine Studentenbude war glotzenlos glücklich, so bekam ich immer nur wochenends bei Eltern mal was mit – die Serie steht auf jeden Fall noch auf der „Sehen-Muss“-Liste, denn das was ich mitbekommen hatte, hat mir damals schon zugesagt. Ich kannte also die Schauspieler im Grunde durchaus, hatte aber zu wenig Bezug zu der Serie, also lies ich die Panels aus und versteifte mich allein auf die anwesenden Star Trek Stars – die am Ende der Opening Ceremony auf die Bühne kamen. Neben John DeLancie waren Robert Picardo – der Holodoc aus „Voyager“ anwesend – und er sprach deutsch, sowie Jonathan Frakes und Brent Spiner – der seinen ersten Auftritt auch gleich speziell inszenierte:

Ich muss sagen daß übermässiges Fan-Gehabe eigentlich ja nie mein Ding war, muss aber wirklich gestehen daß ich ein bisschen in meinem Sitz versunken bin, als Commander Riker und – vor allem – Brent Spiner leibhaftig auf der Bühne standen. Ich stellte mir vor, ich könnte zurückreisen um meinem 16-Jährigen Ich zu sagen, ich würde Data tatsächlich mal treffen … da tat es einen unhörbaren Rummser, als der 16-Jährige innere Nerd ohne weiteren Kommentar hintenüber umgekippt ist … er hat es aber gut überstanden und grinst nun leicht benommen vor sich hin.

 

Meine Freunde sind ohne die Opening zu sehen zu ihrem Hotel zum Abendessen gegangen, ich schloß mich nach dem Ende dann an.

Der erste Abend endete damit relativ zeitig, in Erwartung von WGT-Ähnlichen Zuständen in den Folge-Tagen hatte ich auch nichts dagegen, wieder früher ins Bett zu kommen … denn am Samstag hatte ich Zeitdruck, das erste Panel von Brent Spiner und Jonathan Frakes war um 10:00 Uhr früh auf dem Plan und das durfte ich natürlich nicht verpassen!

 

Die Teetassen sind über Nacht dummerweise nicht größer geworden, also machte ich das Beste aus der frühen Zeit und und gab mir Mühe, mich in einen möglichst guten Data-Nachbau zu verwandeln.

Androide, frisch aufpoliert – glänzt wieder wie neu!

Wer sich generell für ein – richtig ausführliches Kostüm-Making-Of  interessiert, der sollte mal hier reinschauen. Primär rede ich da über die Herstellung der Uniformen, aber auch über das Make-Up und alles was sonst noch wichtig ist. Das WiP ist noch nicht abgeschlossen – aber wer nicht lesefaul ist, findet alles weitere dort.

Ich war zeitig gleichmässig eingegoldet und merkte aber schnell, daß Mr. Spiner nicht übertrieben hatte, als er sich in einem Interview mal über die Hartnäckigkeit des Goldpuders äusserte. Da ich auch ein bisschen was über die Hände verteilt hatte, zeigte sich schnell überall ein gleichmässig schillernder Glitzer-Film … trotz ordentlicher Schicht Fixierspray – welche mich nach dem Aufsprühen ein paarmal mit angehaltener Luft aus dem kleinen Bad flüchten lies …

 

Gegen halb 10 schwang sich Data dann also auf das hellblaue Damenrad und zog los. Die normalen Passanten guckten schon etwas, in Anflugschneise des Maritims aber hörte ich dann ein „Nein wie geil!“ hinter mir und vor mir reckte ein Besucher mit breitem Grinsen den Daumen in die Höhe. Und ja, ich freute mich total darüber!

Das „Auftakeln“ – hier mit diversen Cosplays aus der SciFi Landschaft – hat etwas viel entspannteres als die Aufrüscherei zum WGT. Primär hängt es damit zusammen daß man nicht per se als „Objekt, frei zum Abschuß, weil will es ja so!“ abgestempelt wird, sondern man ist ein Fan unter Fans der seine Begeisterung eben so ausdrückt, während Fans in T-Shirts weder darüber meckern noch angemeckert werden. Wenn jemand ein Bild machen will, oder man von sich selbst ein paar macht, so juckt das keinen auch nur annähernd.

Vor der Eingangstür stellte ich das Rad am gleichen Fleck wie tags davor ab, schwang – in alter Mountainbike-Fahrer-Gewohnheit – das Bein in unnötig hohem Bogen über den Sattel, fummelte am Schloß, zog die Uniformjacke nach unten und nahm Kurs auf den großen Maritim-Saal.

Jonathan Frakes und Brent Spiner waren exorbitant gut drauf und hatten schon nach kürzester Zeit den Saal ausgelassen zum Lachen gebracht. Man witzelte über die frühe Uhrzeit und kam bald auf die Idee, eine neue „Morning Show“ aufzuziehen – kurz entschlossen schlugen die zwei dann vor die „Pilotfolge“ am Montag zum Besten zu geben, indem sie ihre dort nacheinander geplanten Panels einfach zusammenlegen wollten.

Und da war es wieder – dieses irgendwie ganz neue Gefühl – der inhärente Fan-Dachschaden sprang an und so machten mich die zwei mit ihrem Humor emotional fix und alle – aber auf eine sehr angenehme und unterhaltsame Art! Entsprechend war das Panel viel zu schnell vorbei, und so suchte ich meine Freunde im Innenhof, lies mich kurz nieder und erstattete Bericht während ich zeitgleich versuchte, mich irgendwie wieder selbst einzusammeln. Und dann war es Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen, ich lies meine Tasche kurz bei der Gang und ging zum Ticket-Tresen. Dort verlangte ich ein Foto-Ticket … Staff-Mitglied eins fragte für wen – Brent Spiner – Staff-Mitglied zwei lässt kurz von ihrem eigenen Kunden ab und bemerkt grinsend – das würde man doch sehen!

 

Und kurze Zeit später fand ich mich, schon wieder etwas verwirrt, in einer Menschen-Schlange wieder. Hinter mir eine nette junge Dame in petrolfarbener Voyager-Uniform.  Wie so oft an diesem Wochenende kam man ganz ohne Umschweife ins Gespräch, sie hatte schon einige Con-Erfahrung mehr, war aber dennoch mindestens genauso nervös wie ich. Vor mir gruschte ein junger Kerl alle paar Minuten seinen Rucksack durch, den er dazu auf den Boden abstellte und sich herunterbückte. Durch die beengten Platzverhältnisse in der Schlange schrubbte sein be-jeanster Hintern dabei mehrere Male an meinen Handrücken entlang. Mit der Folge daß sich zwei immer deutlicher abzeichnende goldene Streifen auf seinem Hosenboden bildeten. Ich versuche Data-like Contenance zu bewahren und bezweifle gedanklich die Aufschrift auf der Fixierspay-Dose, die da versprach, Make-Up auch gegen extreme Beanspruchung und Abrieb resistent zu machen. Im Feldversuch eindeutig widerlegt – ich werfe meiner grinsenden Gesprächspartnerin ein Schulterzucken zu während der Hosenboden-Besitzer nichtsahnend die Schlange entlang vorrückt..

Zusammen nervös sein ist angenehmer und so verquatschten wir die Ansteh-Zeit ein wenig und plötzlich bin ich schon ganz nah dran … danach geht alles so schnell daß man keine Zeit mehr hat wirklich nervös zu sein, im Nachhinein finde ich das ziemlich schade, auch wenn ich weiß daß man die Massen an Leuten, die für die Fotos anstehen, ansonsten kaum durchbekommt.

 

Da steht er also, sieht mich – macht einen tatsächlich beeindruckten Gesichtsausdruck und hat für „Lady Data“ (auch wenn das natürlich nicht stimmt aber – ich habe ja auch kein Schild mit vollumfassender Erklärung um den Hals hängen …) ein Kompliment .. ein Glück daß man unter dem Gold nicht sieht wie die Gesichtsfarbe so leicht zum rot überwechselt. Klingt peinlich, zugegeben, aber hey – ich stehe  dem echten Data gegenüber, der meinen Nachbau gerade für toll befunden hat! Versetzt euch da doch mal in meine Lage 😀

„Oh, how are you today!“ sagt er dann noch in gemütlichem Plauderton, und ehe ich – in englisch – eine kleine Antwort rausgebracht habe, brüllt der Fotograf schon und zählt auf drei, reflexartig werden 15 Jahre Kamera-Erfahrung in den Arbeitsspeicher geladen, es blitzt uuund – im Kasten. Nächster bitte. Ich lasse Mr Spiner also los, der aber noch einen halben Schritt auf mich zumacht und tatsächlich noch irgendwas sagen will – doch da steht der nächste schon und mir fällt nur noch „thank you so much!“ ein, dann sammle ich meine Tasche wieder auf und finde mich in der Schlange zum Bilder-Abholen wieder. Ein weiteres mal an diesem Wochenende bin ich dezent verwirrt und emotional erschlagen. Hinter mir schließt das Mädel auf, mit dem ich mich schon so gut unterhalten hatte, zusammen verwirrt sein verkürzt auch die Wartezeit auf die Bilder etwas …

Bitte eine Zeitblase für diesen Moment – für ein schönes Gespräch, so von Original zu Kopie …

Aber mein Foto ist ganz großartig geworden und ich freue mich über das Mitbringsel, die Verwirrtheit weicht dem Glück des 16-jährigen Mini-Nerds der während des Fotos wieder umgekippt war und nun zu verstehen versucht, daß das tatsächlich gerade passiert ist. Meine Gesprächspartnerin holte kurz nochmal Luft und verabschiedet sich – die nächste Schlange war für Jonathan Frakes, und da hatte sie auch ein Ticket geholt.

Ich traf in der Abhol-Menge noch Ralf, einer der Organisatoren der TimeLash und auch wir gerieten nochmal in ein kurzes Gespräch. Ralf ist einer der alten Con-Hasen und es stellt sich nicht nur bei unserem Gespräch heraus daß die „Erfahrenen“ sich oft wirklich drüber freuen wenn das Frischfleisch noch alles ganz neu und aufregend findet und daher so ein wenig aus dem Häuschen gerät. Beim WGT hingehen scheint es oft so daß man nervöse Neulinge doof findet, wer in den 90ern noch nicht beim WGT war, sollte dann auch besser nicht erst mitreden …

 

Ralf stellte sich auch mit in die Jonathan Frakes Schlange, für mich sollte das Bild das ich gerade in seiner Mappe verstaute, das einzige des Wochenendes sein … ich muss mich an solche Fan-Ausgaben erst irgendwie auch noch gewöhnen und bin daher erstmal bescheiden gewesen.

 

Im Innenhof müsste die Gang noch versammelt sein, also steuerte ich den wieder an. Meine neuen Freunde begutachten das Bild auch gleich – ich kanns immernoch nicht fassen daß Leute sich wegen einem Fan-Dachschaden so wunderschön ehrlich mit einem freuen. Wenn man aus Jugendtagen drauf trainiert ist, daß Fan-Bekundungen zu abfälligen Blicken, bis hin zu handfesten Gemeinheiten führen, dann ist das wie der Nerd-Himmel auf Erden. Und mir fällt auf daß Brent Spiner ganz sicher auch Goldstaub von mir abbekommen haben muss … der innere, 16-jährige Nerd kichert schon wieder vor sich hin und sucht sich sicherheitshalber eine Papiertüte …

 

Später am frühen Abend steht Robert Picardo auf dem Plan, der legte auch gleich gut los und erklärte den Sinn seines Hutes – ohne diesen würde nämlich der Glanz seiner Glatze das Publikum blenden .. man könne ihn dann auch vom Weltraum aus sehen, also behält er den Hut mal lieber auf.

Beeindruckend auch seine Ausführungen über seine Arbeit für die „Planetary Society“ – die aber auch nicht ohne unterhaltsame Einlagen bleibt, denn als Einspieler lief dann Picardos Abschieds-Lied an die Raumsonde Cassini, die zu meinem Ohrwurm des Wochenedes werden sollte:

 

 

Seitdem habe ich das Video zigmal gesehen und kann immernoch nicht ganz genug davon bekommen …

 

 

Data testet die lokalen, wenn auch etwas archaischen Fortbewegungsmittel

Einige Bekannte wollen später noch das Panel von Jason Isaacs sehen, doch obgleich ich ihn als Mensch wie Schauspieler sympathisch und echt gut finde, so tue ich mir – als Trekkie mit gut 28 Dienstjahren – wie die meisten von der „alten Fan-Riege“ bei „Discovery“ nach der ersten Staffel noch recht schwer, selbiges unter „Star Trek“ überhaupt einzuordnen, also folge ich der Gang ins GSI um etwas gegen den knurrenden Magen zu unternehmen.

Die hat sich schon partytauglich frisch gemacht, da ich das nicht mehr schaffen würde, blieb ich wie ich bin. Das gab uns Gelegenheit „Data auf dem Damenrad“ mal in statischem wie in bewegtem Bild festzuhalten. Die Gang versucht nicht allzu sehr zu lachen, als ich mit schnörzelgerader Haltung eine kleine Runde für die Kamera drehe … tatsächlich passiert das ganz von alleine – man nehme nur 13-Jahre Bühnentanz-Erfahrung aus einer gut gerührte Mischung aus Ballett, Jazzdance und Steptanz, und ein Rad auf dem man eh nur kerzengerade sitzen kann …
Auf der Party später sorgt die gleiche Mischung – nur ohne das Rad – ebenfalls für etliche Grinser der umstehenden Gäste, denn sobald das neumodische Zeugs an Musik endlich erschlagen ist, kitzelt es auch mir in der großen Zehe und – Data tanzt!
Wer mich in Bewegung kennt, kennt dann auch den vielleicht etwas eigentümlichen Tanzstil, der wieder mal von der Ballett-Ausbildung herrührt und einfach da ist – ob ich will oder nicht  😀

 

 

Die Party geht für mich um etwa 2 Uhr nachts zuende, Teile der Gang haben vorher schon aufgegeben weil müde – nicht jeder ist so eine Eule wie ich und trotz einiger Witzchen ist das ja auch absolut OK. Ich rollerte also auf meinem Rad wieder gen temporärer Heimat und stand da noch vor dem Problem, das ganze Gold-Zeug wieder irgendwie aus dem Gesicht zu bekommen …

 

Hast du ein Problem, Pinkie-Haut?

Der Sonntag bricht an, und damit schon der dritte Tag. Wieder ist es verdammt früh, Robert Picardo hat nämlich um 10:00 Uhr sein zweites Panel, dummerweise habe ich diesmal vor, komplett blau auf der FedCon zu erscheinen, und bis dieser Zustand eingestellt ist, braucht es zumindest ein bisschen Vorlauf-Zeit …

Premiere für Shoran, den ständig schlechtgelaunten andorianischen Teenager … der Charakter taucht natürlich nicht in Star Trek auf, wohl aber das blauhäutige Volk mit den lustigen Fühlern auf dem Kopf – die mochte ich irgendwie immer schon, und als Spontan-Kostüm war das leicht zu bewerkstelligen, mit einigen Kleidungsstücken aus dem eigenen Schrank – nur blaues Make-Up sowie Fühler musste ich noch besorgen, bzw bauen.

Ein weiteres Mal steige ich auf mein Leih-Rad und höre in der letzten Kurve vor dem Maritim-Eingang jemanden hinter mir in einen deftigen Lachanfall ausbrechen. „Ein Andorianer aufm Fahrrad!“ – ich drehe mich kurz um, winke und lache zurück …

Robert Picardo habe ich nun knapp verpasst, man hätte sich in den Saal noch mit reinschleichen könne, aber die Gang sitzt schon wieder im Innenhof in der Sonne, also setzte ich mich mal dazu.

Ausser mir waren noch etliche andere Andorianer unterwegs – ein Umstand der selbstredend verbindet, man macht Andorianer-Gruppenfotos und kommt – wieder mal ins Gespräch.

Teile der Gang wollen sich Robert Vogels Gesprächsrunde zu „Discovery versus Orville“ anschauen, ich schließe mich an, da das Thema schon etliche Zeit natürlich in aller-nerds Munde ist. Ich bin ganz klar von der Orville-Fraktion, denn Seth MacFarlane schafft in seinem Trek-Klon wirklich gut, was mir bei „Discovery“ bislang  gefehlt hat – die intelligenten Stories zu gesellschaftlichen Problemen und sehr menschlichen Dingen. Wer Angst vor dem Klamauk-Faktor hat, der sei beruhigt – haltet die ersten zwei Folgen durch, und danach kriegt die Sache schon die richtige Kurve!

Die Diskussion nehmen wir mit nach draussen, an den Rand des Brunnens im Innenhof, und wieder passierte etwas was mich angenehm überraschte – während genau dieser Disput im Internet meistens nach kurzer Zeit in bissigen Streit ausartet, so tauschen wir sachlich unsere Ansichten aus, schaffen es den Standpunkt des Gegenübers nachzuvollziehen und damit wird wieder eine Diskussion daraus wie sie sein sollte – konstruktiv, trotz der unterschiedlichen Ansichten. Das war richtig gut!

So veralbere ich den Nachmittag mit weiteren alten aber auch neuen Bekannten und Freunden und fühle mich rundum wohl. Mit der Gang gehts dann wieder zum Abendessen, und danach mache ich mich mit zwei weiteren neuen Freunden auf, den Cosplay-Contest zu begutachten.

Die komplette Gang – und ein blaues Anhängsel 😀

Oben auf der Empore frägt mich meine Sitznachbarin auf englisch, ob ich da mitmachen würde, nach ein paar Sätzen stellte sich heraus daß wir beide des Deutschen mächtig sind, und schon hat man wieder ein nerdiges Gespräch in Gange.

Der Cosplay-Contest war in Rekordzeit zuende, offenbar wegen zu weniger Teilnehmern, unter denen die dabei waren, gab es aber wirklich grandioses zu sehen, beispielsweise ein Drachen-Kostüm, welches die Trägerin aus unzähligen Worbla-Schuppen gebaut hatte, ein Charakter aus Star Wars, dessen Schärpe vom Cosplayer von Hand bestickt wurde – so akkurat daß man es für Maschinen-Arbeit halten hätte können. Ein Jaffar aus der Stargate-Serie und die einzigen beiden Gruppen – darunter einige erstaunlich-akkurate Borg-Truppe, die die Tage über schon mit passender Kulisse in der Lobby Aufstellung genommen hatten – übrigens gegenüber der „German Asshole Society“ – eine Spaceballs-Kostümtruppe die mit sehr viel Begeisterung und Selbstironie bei der Sache waren – definitiv ein weiteres Highlight!

Ihr seht beide Gruppen, sowie einige der Teilnehmer auf in dem folgenden Video, das einen richtig tollen Eindruck von der gesamten FedCon vermittelt:

 

Noch nach dem Contest beschließe ich, nächstesmal noch etwas mehr Mut zusammenzukratzen um  selbst mal teilzunehmen. Inzwischen ist auch schon eine Entscheidung gefallen, welches Kostüm es dann werden soll.

Mit der Gang verbringe ich einen weiteren Abend in der Piano Bar des GSI, es gäbe auch heute eine FedCon Party, doch der Bettzipfel ruft lauter. Zwar nicht so sehr bei mir, aber – macht nichts.

Montag – ich schiebe die große Zehe aus dem Bett und stelle bestürzt fest, daß dies nun schon der letzte Tag war. Die Zeit verging wie im Fluge.

Ein viertes Kostüm hatte ich nicht eingepackt, ich hatte eigentlich geplant entweder Spock nochmal zu tragen oder nur die TOS-Uniform, ohne Vulkanier-Aufmachung, da der Tag nicht ganz so lange werden würde. Trotzdem entschied ich mich nochmal für Data – mit dem gesamten Bemalprogramm, natürlich – einfach weil ich Bock drauf hatte!

„Dalek Caaarl! Warum liegt da ein toter Mensch?“ O-Ton Barbara – danke dafür 😀

Wie immer traf ich die Gang im Innenhof, in der Sonne, und nach und nach gesellten sich dort auch die anderen Bekannten dazu – Barbara, die TARDIS-Bauerin und Dalek-Häklerin von der TimeLash hatte einen roten Glitzerdalek dabei, der aus der Handtasche heraus schon nach dem nächsten, exterminierbaren Opfer schielte – zu meinem Glück aber schienen künstliche Lebenformen nicht auf der Abschußliste zu stehen …

Dann war es Zeit für das letzte Panel – das sich als das unbestreitbare Highlight herausstellen sollte.

Ich suchte mir wieder einen guten Platz auf der Empore und konnte dann beobachten wie mehrere Helfer einen gedeckten Tisch aufbauten, Stühle darum platzierten und Geschirr sowie Kaffeekannen und Essen darauf drapierten. Und dann erschien auf dem Bildschirm der Bühne schon das Logo für die „Brent and Johnny Morning Show“!

In Kürze lag der Saal kollektiv auf dem Boden vor Lachen … die beiden hatten sichtlich Spaß und waren voll in ihrem Element. Ich hoffe ja sehr daß es noch einen gesamten Mitschnitt der „Morning Show“ gibt, sowas sollte man wirklich festgehalten haben – derweil leider nur ein etwas wackeliger Ausschnitt von einem Besucher:

 

Auch ich war danach schon wieder fix und alle und absolut fertig mit der realen Welt. Nachdem ich mich bei der Gang wieder etwas eingekriegt hatte, machte ich mich zu einer letzten Einkaufstour durch die Händler-Stände auf, die schon langsam zum Einpacken übergingen. Ich hätte einige Dinge gesucht gehabt, ging dann aber lediglich mit einer Handvoll Metall-Pins wieder zurück – dabei ein kompletter Satz Abzeichen für die „Monster Maroon“ Uniformen, die in den 80er-Kinofilmen zu sehen war, und nicht nur meiner Meinung nach das schönste Uniform-Design von allen ist. Data bekam für die „First Contact“-Uniform einen zweiten Satz Rank Pins, und für den Alltags-Nerd ein kleines TOS-Abzeichen mit dem Symbol der Wissenschafts-Abteilung.

 

Die Gang beschloß geschlossen, die Closing Ceremony nicht anzusehen, weil man befürchtete sonst die große Trauer über das Ende dieser wahrlich großartigen Con, also begann nun das große Verabschieden bereits, worauf sich einige weitere Bekannte dann zur Schlußveranstaltung anschlossen.

Nicht mehr alle Schauspieler waren noch vor Ort, einige hatten Videos hinterlassen, die übrigen sorgten für ein wirklich grandioses Finale, welches ihr hier sehen könnt:

 

 

Während ich äusserlich relativ gefasst blieb, verdrückte sich mein innerer Teenager-Nerd in ein dunkles Eck, um dort Rotz zu Wasser zu heulen.

In der Lobby passte ich dann noch einige andere Freunde und Bekannte ab und verabschiedete mich … und dann machte ich mich auf zu meinem hellblauen Leih-Rad um den Rückzug anzutreten .. die Stimmung unter den Aufbrechenden war immernoch ausgelassen, Data auf dem Rad bekam noch ein paar letzte Lacher, nette Zurufe und Komplimente ab, ein offenbar nicht beteiligter Radfahrer auf Gegenkurs streckte mir grinsend den vulkanischen Gruß entgegen, und dann saß ich auf dem Bett meiner Unterkunft und brauchte noch eine halbe Stunde um den Mut zu finden, mich aus der Uniform zu schälen und unter Zuhilfenahme einer sehr ausgiebigen Dusche das letzte Mal den Goldstaub aus dem Gesicht zu bekommen.

Die ersten Leute posteten vom Heimweg aus oder von der Ankunft zuhause, man lachte noch im Netz den Abend über gemeinsam und so langsam breitete sich der Con-Blues aus. Ich packte meine Sachen zusammen und schaffte es nichtmal mehr der Rheinaue einen kurzen Besuch abzustatten.

Am nächsten Vormittag dann ging es auch für mich auf den Rückweg, just als ich das letzte Teil aus dem Bad aufsammeln wollte, krachte es draussen laut – und es stand ein Gewitter direkt über Bonn. Eine Stunde später wagte ich mich durch den Regen, das Gewitter war zwar abgeklungen, doch das Wasser von oben legte nochmal ein Brikett nach, sodaß ich kurz darauf völlig patschnass in der U-Bahn saß und mir Mühe gab so zu tun als sei das das normalste auf der Welt.

Die Bahn war auch in Stimmung für Witze, und haute eine mehr als halbstündige Verspätung, schon im Bonner Bahnhof, obenauf. Ich verpasste mal wieder alle Anschlußzüge und kam diesmal eine ganze Stunde später als geplant zuhause an. Aber immernoch mit dem Kopf im siebten Nerd-Himmel … mein kostbares Foto steht nun, gut sichtbar auf meinem Wohnzimmer-Regal, und jedesmal wenn ich hinschaue muss ich über alle vier Backen grinsen – auch wenn mich immernoch plagt, was Brent Spiner kurz danach noch zu mir hätte sagen wollen.

 

Das Fazit zu der ganzen Sache: keine Sekunde bereue ich, mich für die FedCon entschieden zu haben. Vom ersten Moment an fühlte ich mich am rechten Platz und wunderbar willkommen. Zwar gab es einst, vor 12 Jahren auch auf dem WGT ein ganz wundervolles Angekommen-Gefühl, und immernoch liegt mir an dem Festival wirklich einiges, doch zum Einen hat sich die Routine da eingeschlichen, was ich persönlich einfach auch schade finde, auch wenn es natürlich immer an einem selbst liegt, irgendwas anders zu machen. Zum Anderen ist da ja noch mein innerer, 16-Jähriger Teenie-Nerd, der nun, nach 22 Jahren endlich mit seiner Starfleet-Uniform dasitzen darf ohne sich deswegen runterputzen lassen zu müssen, und sich so seiner Existenz erfreut!

 

Robert hat in seinem Bericht zum Besuch der „Destination Star Trek“ ganz ähnliches berichtet, und mehr als einmal hab ich beim Lesen hier in völliger Zustimmung dem Bildschirm zugenickt.

Auch mich hat damit der Con-Virus endgültig gepackt, die nächste Reise ist auch schon geplant, alle Tickets geordert – es geht zur Comic Con nach Stuttgart, wo zwar zu meinem großen Bedauern Nichelle Nichols und Arthur Darvill (Doctor Who) zwar inzwischen abgesagt haben aaaber – Marina Sirtis a.k.a Deanna Troi ist da und Data freut sich schon sehr darauf, ein Bild mit ihr mit nach Hause zu nehmen.

 

Im Oktober dann steht die vierte TimeLash in Kassel auf dem Programm, fürs nächste Jahr werde ich ebenfalls wieder zur FedCon fahren, und dann sehen wir mal wohin der Wind mich dann noch alles verschlagen wird!

 

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Die WGT Erinnerungspinnwand: Wie war Dein erstes Mal in Leipzig?

Pfingsten steht vor der Tür, und wie die meisten bin auch ich im Vorbereitungs-Streß, auch wenn diesmal nicht das WGT ansteht sondern die FedCon in Bonn. Für mich gerade ein besonderer Faktor zum nervös werden, denn während ich schon 12 mal auf dem WGT war, ist die FedCon heuer das erste Mal auf dem Programm .. doch keine Sorge, ich werde dem Schwarzkitteltum nicht untreu, ganz im Gegenteil, denn mein Kleiderschrank bleibt weiterhin schön dunkel und mein Schuhwerk spitz und meine Musik – wie vergessen in den 80ern  😉 , selbst wenn sich nun die eine oder andere Starfleet-Uniform in bunt und in Farbe dazugesellt hat – meine Gründe, dem WGT ganz freiwillig untreu zu werden sind einfach erklärt: seit 1990 bin ich Trekkie und seit Mitte der 90er wollte ich mal zur FedCon, was damals für mich noch in unendlichen Weiten und damit unerreichbar war. Ich muss ein paar Dinge jetzt, wo ichs endlich kann, wirklich mal nachholen!

 

Dann kam das WGT. Beide Veranstaltungen waren zeitlich schon etliche Jahre sehr nahe beieinander, seit wenigen welchen aber findet beides zu Pfingsten statt, damit war für mich zunächst klar – FedCon kann ich abschreiben! Wo das WGT doch DAS Familientreffen ist …

Aber seien wir ehrlich, mit so vielen Jahren schleicht sich auch eine gewisse Routine ein und in manchen Jahren hielt die Vorfreude sich in Grenzen – bis man dann endlich wirklich da war und gemerkt hat daß es wieder losgeht. Das finde ich auch schade, denn ich vermisse auch dieses große, ausnahmsweise angenehme Nervös-Sein vor dem WGT, und so stellte sich die Frage – entweder gehe ich diesmal das WGT grundlegend anders an, oder ich gehe generell irgendwas grundlegend anders an. Ich hab also versucht die Dinge nicht – wie sonst – in kleine Teile kaputtzusinnieren, sondern relativ spontan Nägel mit Köpfen gemacht und FedCon Ticket, Zugfahrten sowie Unterkunft in einer Nacht, auf einen Schlag und ohne drüber nochmal schlafen, gebucht. Und ich bin froh da meinem Hirn keine große Einmischung erlaubt zu haben, denn ich freue mich ungemein auf vier Tage mal „ganz anders“ – nur eben diesmal nochmal ganz anders – mit der nerdigen Seite der Familie.

 

Die WGT-Pause soll also auch dazu dienen daß diese Veranstaltung, die mir in all den Jahren sehr ans Herz gewachsen ist, nicht weiter zum Routine-Programm wird, sondern beim nächsten Mal wieder diese bekloppte Vorfreude auslöst wie damals meine ersten WGTs. Die FedCon schafft genau das, als Alternativprogramm, grade ganz gut, sodaß ich das Gefühl grade etwas geniessen kann, daß eine bevorstehende Veranstaltung aufregend und neu und besonders ist.

 

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema, denn gerade las ich daß  spontis.de aufgerufen hat, Erinnerungen an das erste WGT aufzuschreiben – dem ich an der Stelle sehr gerne nachkomme, denn trotz allem weiß ich daß ich das WGT dennoch vermissen werde und damit natürlich alle meine Freunde und Bekannte dort .. grüßt mir mein Leipzig ganz herzlich und habt wunderbare Tage, während ich in Bonn einfach mal ein paar Jugend-Träume nachhole.

 

Mein erstes WGT muss 2006 gewesen sein, auch hier wünschte ich mir schon einige Jahre vorher, endlich mal dorthin zu kommen. In dem Jahr dann sah es endlich so aus als würde es hinhauen, Studienkollegen von mir waren im Jahr davor schon, und hielten mir einen Platz in Zelt und Auto frei, also setzte ich mich auf den Hosenboden um für den Anlass ein relativ aufwendiges schwarzes Tournürenkleid zu nähen. Die sah man damals noch nicht so häufig und generell würde ich sagen – das „Wettrüsten“ mit Klamotten und möglichst dickem Kopfgerödel a la Pfingstochse war da noch lange nicht so ausgeprägt, auch wenn es natürlich schon Rudelknippser und dergleichen gab, doch soweit ich es noch weiß, noch in erträglichem Maße.

 

Eine meiner vorbereitenden Anschaffungen war eine Karte von Leipzig, so ganz altmodisch auf Papier und so, die begleitet mich seitdem jedes Jahr, auch jetzt, in Zeiten in denen man sich eigentlich eh schon auskennen sollte und zur Not auch ein schlaues Ding, das ganz zufällig auch telefonieren kann, irgendwo in den Hosentaschen auffindbar wäre.

Kurz vor knapp aber wollte der Wetterbericht seinerzeit nur noch miese Vorhersagen von sich geben, und so kam ich ins Wanken – mit Zelten hatte ichs damals nicht wirklich und fürs WGT würde ich auch jetzt keinesfalls damit anfangen wollen, daher war die Aussicht, vier Tage dauerunterkühlt im Freien zu verbringen, gelinde gesagt beschissen und ich war offengestanden kurz davor die Karte einfach verfallen zu lassen, denn so wäre das kein wirklicher Spaß geworden.

Dann hörte ich daß Bekannte einer Freundin noch ein Bett in ihrem Apartment freihatten, ausserdem würde besagte Freundin auch fahren, jedoch einen Tag später wegen ihren Uni-Verpflichtungen – die Gelegenheit nutzte ich dann, denn ein Tag später und festes Dach überm Kopf war um Längen besser als vier Tage durchnässt und durchgefroren oder garkein WGT – wo ich doch endlich mal hinwollte und schon die Karte in der Hand hatte.

 

Ich fand mich dann also etwas – zugegeben – unvorbereitet und heftig unsicher endlich doch auf dem WGT wieder, natürlich hatte ich mir einige Programmpunkte herausgesucht und bin auch mit meinen Freunden, die auf dem Zeltplatz geblieben sind, zu einigen gegangen, aber im Großen und Ganzen fühlte ich mich etwas überfahren 😀 – Leipzig kannte ich nicht, Straßenbahnen waren seltsam, die ganze schwarze Flut war einerseits großartig und hatte ein gewisses „daheim“-Gefühl, dennoch kamen da zig neue Eindrücke und Situationen, für einen Menschen der grade mit Panikstörungen zu tun hatte, war das eine Herausforderung, und ich klemmte mich mal an meine temporären Mitbewohner an, die ich dort ja auch erst kennengelernt hatte, oder an deren Freunde, die die Wohnung nebenan gemietet hatten, mal war ich mutig genug mich Leuten die ich auch anderen Treffen in der Stadt kennenlernte, anzuschließen.

Sonntags tappste ich – nervös – in meiner schwarzen Tournüre zum Natron-und-Soda-Treffen im Schillerpark, verlor dort die Gruppe mit der ich kam und wurde dafür von einer anderen „eingesaugt“ , fand Stunden später meine alte Gruppe wieder, fror – trotz der tausend Stoffschichten – wie blöde und flüchtete am gleichen Abend in Panik aus der Agra-Konzerthalle, als diese sich für VNV Nation unerträglich voller Menschen füllte. Ich glaub, ich sah noch nie so viele Leute in einer Halle zusammengedrückt … für mich war das wirklich extrem beängstigend zu dem Zeitpunkt.

Ich entdeckte den zweifelhaft-kargen „Charme“ der Agra-Verkaufshallen mit dem Dauergedudel das von allen Seiten über einen hereinbrach, fummelte ein paar Klamotten dort an und war entzückt daß die dortigen CD-Verkäufer auch die etwas ungewöhnlicheren Sachen im Angebot hatten – daraus wurde eine WGT-Tradition, denn primär habe ich die Folgejahre auch nur Musik, die ich sonst schwer auffinden konnte, in den Betonhallen eingetütet.

Im Anker entdeckte ich dann eine für mich neue Musikrichtung – den echten Industrial – auf der Hinfahrt fiel mir ein Musikstück auf der WGT-CD meiner Freundin besonders auf, weil es gar so brachial war 😀 – von Propergol – die dann auch da waren, daher schloß ich mich spontan den Herrschaften an, die sich das ansehen wollten, seitdem lasse ich mir die schwarzen Rüschen auch gerne mal von industriellem Krach davonpusten … und damit gab es auch die erste, wichtige WGT-Erkenntnis: meide den Mainstream und die großen Konzerthallen dort, die Perlen findest du abseits, da wo die Masse nicht hingeht. Das habe ich mir für die folgenden WGTs gemerkt und bin seitdem – so ich später dann vor lauter „Leute treffen“ Konzerte überhaupt geschafft habe – immer gut damit gefahren.

 

Ich stapfte durch ein leicht matschiges heidnisches Dorf, schlürfte eine Tasse Met und nahm dann am letzten Tag nochmal allen verbliebenen Mut zusammen um diesmal allein zum Kohlrabizirkus zu fahren … und an der Haltestelle dann lauter andere Grufties auf dem Rückweg, denn, so sagte man, in den Kohlrabizirkus lassen sie jetzt keinen mehr rein, der ist proppenvoll … Also Kehrtwende auf dem Absatz und wieder eine dreiviertel Stunde zurück zur Wohnung.

 

So endete mein erstes WGT, am Tag darauf ging es vormittags zurück in heimische, bayreuther Gefilde. Ich brauchte danach eine Weile, mich zu sortieren und alle Eindrücke irgendwie verwertet zu bekommen, auf jeden Fall aber war klar – ich komme wieder, nur dann etwas vorbereiteter … letztenendes weiß man beim ersten Mal wohl nie, was einen erwärt, besonders nicht bei einer Veranstaltung die über eine gesamte Stadt verteilt ist, und nicht nur auf ein Festival-Gelände beschränkt. Und besonders dann nicht wenn man spontane Planänderungen machen muss. Im Gegensatz zu den paar Wald- und Wiesenfestivals die ich die Jahre davor immer mal mitgenommen habe, waren das völlig andere Dimensionen – und das führte auch dazu daß ich das WGT-Konzept im Grunde immer ansprechender fand als normale Festivals.

 

Inzwischen können 12 Jahre WGT Bände an Geschichten und Erinnerungen füllen, und es werden ganz sicher noch weitere hinzukommen, nur in diesem Jahr werdet ihr von mir mal keinen WGT-Bericht bekommen, sondern einen aus Bonn 😉 – ich hoffe der wird euch dann aber trotzdem gefallen!

Eine Frage der Perspektive

Bei dem schönen Wetter kann man ja nicht den ganzen Tag im Keller verbingen um zu Arbeiten, also beschloss ich zumindest  kurz vor die Türe zu gehen um bei der Gelegenheit mein neues Objektiv mal auf die Aussenwelt loszulassen. Was größeres sollte es jedoch nicht werden, nur eben kurz den Weg entlang den ich sonst mit dem Rad fahre, um dort zu sehen was mir so vor die Linse geraten würde.
Sonntags ist immer ein Tag an dem potentiell viele Leute unterwegs sind, die einen bei solchen Aktionen stören können, denn beim Bilder machen hab ich am liebsten meine Ruhe – ausgenommen sind Bilderaktionen bei denen andere Leute natürlich eingeplant sind. Denn auch wenn moderne Spiegelreflex-Kameras inzwischen nichts allzu besonderes mehr sind, so wird die Sache schon interessanter für Zaungäste, wenn das Objektiv eine gewisse Länge hat und eventuell dann sogar noch ein Stativ im Spiel ist.

Dennoch war ich ganz froh lediglich von einer Horde kleiner Jungs im Moped-fähigen Alter genervt worden zu sein, die den Sonntag nutzten um mit ihren stinkenden Krawallbüchsen auf den Feldwegen entlangzuschrammeln. Doch auch die waren in respektvollem Abstand, da ich gerade das Grünzeug am Wegesrand, zugunsten einiger vor sich hin rostender Bagger und Kräne in einem nahegelegenen Steinbruch, links liegen gelassen hatte.

 

Als der Lärm aufhörte und die Jungs daher weitergezogen sein mussten, packte ich mein Stativ wieder auf den Rücken und machte mich auf den Rückweg, auf dem ich hie und da nochmal anhielt für das eine oder andere Bild.

Ich dachte mir also nichts und begann – wieder zurück auf dem Weg – an der Kamera rumzufummeln, denn nun hatte ich die Makro-Funktion des neuen Objektives entdeckt und kämpfte zunächst noch – abwechselnd mit den Kameraeinstellungen und der Sonnenbrille, die alle paar Sekunden von meiner Stirn wieder herunter auf die Nase plumpste.
Da sah ich aus dem Augenwinkel ein älteres Damenfahrrad langsam von hinten heranrollen, besetzt war es mit einem Herrn mittleren Alters, in ausgebeulten Hosen und einem grauen T-Shirt, der sein Gefährt langsam abbremste und kurz hinter mir zum Stehen brachte.

Ich bedachte den Mann nur mit einem kurzen Blick und wünschte mir, er möge schleunigst seinen Weg fortsetzen. Als er das nicht tat blieb mir nichts anderes als in die Offensive zu gehen und ihm verständlich zu machen, daß er ruhig weiterfahren könne, denn der Weg wäre garnicht mein Objekt der fotografischen Begierde, mal davon abgesehen daß ich sowieso noch mit Einstellungen beschäftigt war.

„Nagut.“ – hörte ich noch so, doch das Rad blieb stehen.
Der Mann musterte mich und dann die Umgebung eingehend und fragte schließlich, was es hier denn interessantes zu Fotografieren gäbe?

„Naja“ meinte ich – in Sichtweite war eine Baustelle für eine große Halle, von der aktuell erst eine Art Beton-Skelett stand, welches sich blass vom strahlendblauen Frühlingshimmel abhob.
„Hier, das Gebäude! Das wollte ich schon lange mal ablichten, ich sehe es immer wenn ich selbst mit dem Rad vorbeifahre … das ist faszinierend, so wunderbar geometrisch! Und diese Linien!“

HDR-Aufnahme aus 3 RAWs

 

Ich hatte das eigentlich nicht vorgehabt, aber nun kam ich wohl in Fahrt …
Der graugewandte Radler sah mich nur etwas ungläubig an und meinte dann – er hätte das Ding da heute das erste Mal gesehen … aber so interessant fände er es nun nicht gerade.

„Naja, von hier aus vielleicht, aber wenn man es von da hinten sieht und dann frontal draufschaut, wenn die Pfeiler so perspektivisch nach hinten kürzer werden – das sieht fantastisch aus! So schön gerade und geordnet!“
Ich ertappte mich dabei wie ich unbewusst ins wilde Gestikulieren übergegangen war vor lauter Begeisterung, worauf meine Sonnenbrille diesmal – nach einem weiteren Absturz – besonders schief auf meiner Nase landete.

Ich schob sie also wieder nach oben und bemerkte dann, daß der Kerl mich ansah als hätte er gerade Donald Trump in seiner Garagenauffahrt Macarena tanzen sehen.
„Also Perspektivisch … ich weiß nicht .. ich hab da jetzt nichts gesehen!“
Nagut, der ist wohl nicht so für die großen, architektonischen Dinge zu haben – schlußfolgerte ich und deutete dann auf den dicken Holzbalken, der als Geländer den Radweg zu beiden Seiten von der Böschung abgrenzte.
„Ja das ist ja nicht das einzige was man hier finden kann – schauen sie mal da! Das Holz! Das Moos, diese tolle Textur – das werden wunderbare Nah-Aufnahmen! Also das ist doch wirklich interessant! Man muss halt nur mal wirklich genau hinsehen!“

 

Der Mann guckte, aber nicht auf das spröde Holz … Donald Trump musste nun wohl einen pinken Fell-Bikini angezogen haben, um seine Tanzdarbietung noch spektakulärer zu gestalten.

Etwas betreten widmete ich mich also wortlos wieder meiner Kamera zu und begann, sprödes Holz und trockenes Moos abzuknippsen. Einige quälende Momente blieben Rad und Radler noch stehen und versuchten sich offenbar einen Reim auf Geometrie, Moos und Mr. Trump zu machen, und dann endlich presste er nur noch ein „Naja, dann halt nen schönen Tag noch!“ raus und zog endlich auf seinem alten Damenfahrrad von Dannen.

„Boah, so ein Banause!“ meinte ich, tatsächlich etwas verärgert, zu mir selbst und checkte meine wirklich hübsche Holz-Aufnahme, steckte den Deckel aufs Objektiv und machte mich dann auch wieder auf den Weg.

An Sonntagen sind wirklich nur seltsame Gestalten unterwegs …

Der Stand-Einstand am Strand – auf dem Biedermeier-Strandfest in Hayna

Noch beim WGT-Bericht schrub ich etwas von „neuen Erfahrungen“ – und hier ist gleich die nächste davon – nach knapp drei Jahren des selbstständigen Gewerbes in online-Form, zog es mich und mein Zeitreisendes Nähkästchen glatt mal in die freie Wildbahn. So ganz offline (in jeglicher Hinsicht) und – oh Grauen – unter Menschen!

Was das wohl werden würde, und überhaupt … man macht sich da im Vorfeld viele Gedanken, auch darüber was man mitnehmen könnte, wägt neue Sachen zum Verkauf ab und stürzt sich voller Tatendrang in die Produktion derselbigen.

Schleifchen ... Bild: Hester Thomas Photography

Schleifchen …
Bild: Hester Thomas Photography

Schon beim Online-Verkauf ist es bisweilen schwierig abzuschätzen, was die Leute so haben wollen, und tatsächlich ist es – je nach Plattform – ganz unterschiedlich. Nach dem Einen dreht sich auf DaWanda keiner auch nur ein zweites Mal um, und auf Etsy beispielsweise, verkauft man genau davon haufenweise … also abzuschätzen wie sich sowas im wahren Leben verhält, ist noch komplizierter …

Annette und ich hatten uns schon ein paarmal über einen Feldversuch mit eigenem Stand unterhalten, unter Anderem hatten wir den wunsiedlerischen Mittelaltermarkt „Collis Clamat“ schon im Auge, aber auch das „Victorian Village“ im Panometer zum WGT. Da sowas aber einiges an Vorlaufzeit braucht, kam es bislang nicht dazu – bis uns Birgit vom „Haynaer Strandverein“ fragte, ob wir Bock hätten, dort mit einem solchen Stand vertreten zu sein. Birgit kennen wir beide aus dem Kostümkram-Forum, und später traf man sich auch zum WGT regelmässig wieder.

Und da wir uns nicht um Stand-Equipment kümmern mussten oder Stellplatz-Gebühr zahlen, war die Gelegenheit eigentlich perfekt, um das Vorhaben „Offline-Verkaufen am eigenen Stand“ mal vorsichtig zu beschnuppern.

Der erse STand - fertig aufgebaut, jetzt müssen nur noch die Leute kommen. Bild: Florian Zwiener

Der erste Stand – fertig aufgebaut, jetzt müssen nur noch die Leute kommen.
Bild: Florian Zwiener

Soweit sogut, die Denkmurmel kochte ein wenig, auf der Suche nach Sachen, die sich hoffentlich gut verkaufen würden. Dabei spuckte die Nähkästchen-Werkstatt noch ein paar Hütchen und Fascinators aus, für die Jungs gab es Fliegen und Hals-Schleifen aus Jaquard und Seide, neue Blumen-Haarreifen und Kameen-Schmuck für die Damen, Mini-Capes und Rüschenkrägen wurden eingeplant und Frau Mutter beteiligte sich mit der Herstellung einiger gehäkelter Spitzen-Halsbänder.

Nur die schon zugeschnittenen und halb genähten „Unterbuxen“, a.k.a victorianische, lange Unterhosen, wollten partout nicht mehr fertig werden. Dann halt nächstesmal.

Hayna – das ist bei Leipzig, etwa 20 Autominuten stadtauswärts, und der besagte Biedermeierstrand am Schladitzer See. Da stellte sich dann plötzlich die Frage, wie hinkommen – zumindest nach Leipzig, wo Annette und Hester mir wieder einmal das Dach über dem Kopf anboten – wenn man haufenweise Hütchen und Dinge hat, aber kein Auto – Victoria fiel dann aus wegen einem Schaden an ihrem Auto, also musste ich mir was einfallen lassen.

Ein Teil der Nähkästchen-Auslage Bild: Hester Thomas Photography

Ein Teil der Nähkästchen-Auslage
Bild: Hester Thomas Photography

Montags vor dem Strandfest wurde also die Ware aus dem Lager der stahl’schen Werkstatt geräumt, katalogisiert und mit Preisschildchen versehen, und schließlich von meiner Versandabteilung – a.k.a Frau Mutter – fachgerecht in eine große Kiste verpackt, die sich dann erstmal allein auf den Weg gen Leipzig machen musste.

Mit etwas feuchten Handflächen beobachtete ich die Sendungsverfolgung – nachdem unsere gelben Freunde bei einer Lieferung zuvor schonmal richtig Mist gebaut hatte, war ich da etwas nervös, doch alles ging planmässig und die Kiste kam ganz und rechtzeitig da an wo sie hinsollte.

Es wurde also noch Kleinkram fertiggemacht, Dekoration gebastelt, ein kleiner Katalog mit Kleidern aus dem Nähkästchen gedruckt – immerhin war ich die Wochen zuvor auf Fotoshootings unterwegs, bei denen ich Kleider von mir dabei hatte, die die Damen nur zu gern vor der Kamera präsentierten, da gab es viel tolles neues Bildmaterial zu zeigen. Dinge erledigt, sich Gedanken gemacht und allgemein im Kreis gerannt. Naja, so ein „erstes Mal“ macht einen dann schon etwas nervös …

Freitag vormittag dann befüllte ich mein Köfferli mit der restlichen Ware, Dekorationsmaterial und passender Kleidung, stülpte mir meine Melone auf den Kopf und machte mich auf, per Zug gen Leipzig zu rollen.

Wir treffen alte Bekannte aus dem "grünen Forum" wieder - die Welt ist eben klein ;)

Wir treffen alte Bekannte aus dem „grünen Forum“ wieder – die Welt ist eben klein 😉

Versehentlich machte ich mich in dem Wagen breit, der in Gera stehengelassen werden sollte, und hechtete dann dort eiligst in den der weiterfahren wollte – der erwies sich als noch voller als der andere. Ich ignorierte also stoisch die Bierfahne sowie unerträgliche Musik, die beständig von meinem Nachbarn mit der tiefergelegten Hose,  zu mir hinüberwehte, und war gen 17:06 Uhr froh, aus dem Zug wieder an die frische Luft zu kommen.

Die Abendgestaltung blieb dann gemütlich, mit Animes und Katzen-flauschen.

Absinth-farbene Ohrringe Bild: Hester Thomas Photography

Absinth-farbene Ohrringe
Bild: Hester Thomas Photography

Am nächsten Tag brachen wir zeitig gen Hayna auf – der MDR wollte filmen, obwohl das Fest erst gen 15:00 Uhr losgehen sollte, fingen wir um 10:00 Uhr früh schon an, alles aufzubauen. Annettes kleines Auto war voll mit unseren Verkaufs-Sachen, irgendwie schafften wir es aber, die großen Kisten alle unterzukriegen. Ich war etwas müde, als nachtaktiver Mensch, der vormittags meist noch nicht zu einem geraden Gedankengang fähig ist, war es eine Herausforderung, auf den bereitgestellten Biertischen unter dem grünen Pavillion, eine ansehnliche Auslage mit den mitgebrachten Dingen zu fabrizieren. Dazu wollte der Wind uns persönlich ärgern – mehrere Male rannten wir unseren Artikeln hinterher, bis Hester genügend Steine am Ufer gesammelt hatte, um alles halbwegs windsicher auf dem Tisch festzunageln.

Live-Sendung vom Strand - den Link zum Beitrag gibts weiter unten. Bild: Florian Zwiener

Live-Sendung vom Strand – den Link zum Beitrag gibts weiter unten.
Bild: Florian Zwiener

Und kaum stand alles, kam schon der erste – ein älterer Herr mit Fahrrad stoppte, schaute- und hängte mir ein schier endloses Gespräch an. Ich weiß nicht woran es liegt, aber irgendwie landen sie alle bei mir – egal ob man nach Parkplätzen sucht, Programmauskunft wünscht, Annette einen Fuchsschwanz abkaufen möchte oder die Schuhgröße des durchschnittlichen, europäischen Sumpfhuhnes zu wissen wünscht – man frägt erstmal mich.

Der erste Verkauf ging dann an Annette, die im Auftrag ihrer Firma kleinere und auch ein paar größere Dinge aus Leder und Pelz dabei hatte, ich musste noch ein wenig warten, die meisten Leute waren auf Verkäufer garnicht eingestellt und hatten lediglich genug Geld für Eintritt, Kaffee und Kuchen bei sich, da blieb mir nur übrig, meine Flyer zu verteilen und auf meine Online-Shops bei Etsy, DaWanda und Palundu hinzuweisen.

Derweil auf der überdachten Bühne - Oliver Twist Bild: Florian Zwiener

Derweil auf der überdachten Bühne – Oliver Twist
Bild: Florian Zwiener

Interessant aber war, wie präsent das WGT in Leipzig auch unter dem Jahr ist, viele merkten an, mit meinen Sachen könne man sich ja aufs WGT wagen, andere gingen durchaus selbst hin, und schleichten, trotz der Beteuerung, eigentlich schon genug schwarze Dinge zu besitzen, um meine Auslagen herum. Eine freundliche, ältere Dame erzählte von ihrer elfjährigen Enkelin, die schon begeisterter „Gotik-Fan“ wäre, und ihr Taschengeld in passenden Kleidern und Schmuck anlegte, wenn sie nicht gerade Mangas las und Animes guckte. Die Dame fotografierte einige meiner Fascinators und schickte das postwendend weiter.

Während der Aufführung von „Oliver Twist“ auf der Bühne am Biedermeierstrand, wurde es sehr ruhig an den Ständen. Annette und Hester stärkten sich mit Kuchen von der gegenüber gelegenen „längsten Sammeltassenkaffeetafel“ – die wirklich sehr schön aufgezogen war, mit schöner Bestuhlung und lauter einzelnen Exemplaren besagter Sammeltassen. Im Gegensatz zu den Damen, die vom beständigen Blick auf den Kuchen, vom süßen Essen nicht genug kriegen konnten, führte das bei mir eher dazu, daß ich Hunger auf eine anständige „Worschdsemml“ bekam, doch auch der Imbiß-Stand etwas weiter unten, hatte nicht das was ich mir unter einer gepflegten „Worschdsemml“ so vorstellte.

Annette und Adrian am Stand

Annette und Adrian am Stand  Bild: Florian Zwiener

Dann war das Theaterstück auch schon aus, und endlich strömten wieder Leute an den Ständen vorbei – die freundliche ältere Dame mit ihrer Gotik-Fan-Enkelin kam nochmal vorbei und kaufte mir einen schwarz-silbernen Fascinator als Mitbringsel für die Kleine ab.

Ich wurde eine rote Jaquard-Schleife und ein paar Ohrringe los und freute mich über meine ersten Verkäufe.

Und dann war es bereits Zeit, alles wegzupacken. Nicht ohne die Nachzügler, die trotz allem noch zum schauen kommen wollen, aber das kennt man auch von der „anderen Seite“ gut genug – wenn man selbst gerade in den Einpackvorgang bei Märkten reinplatzt, aber noch was interessantes sieht.

Annette hat auch viele tolle Sachen dabei.

Annette hat auch viele tolle Sachen dabei.

Recht zügig war alles verstaut und in Annettes „Rennsemmel“ untergebracht, der letzte Programmpunkt des Abends war dann der „Biedermeier-Gesellschaftsball“, den Iris anleitete. Die Damen wechselten von schlichter bürgerlicher Kleidung auf farbenfrohere Abendgewänder, und dann ging es erstmal Richtung Ufer für ein paar gestellte Tanz-Bilder, bevor die eigentliche Action losging.

Historische Tänze sind nicht immer sonderlich schweißtreibend, doch gerade gen Ende des etwa zweieinhalb-stündigen Ball-Betriebes, packte Iris ein paar ziemlich schnelle Dinger mit reichlich Hüpferei aus, bei der nicht nur mir richtig warm wurde – eine dumme Bewegung später erinnerte ich mich wieder etwas unangenehm daran, daß ich mir einige Tage zuvor einen Muskel im Oberschenkel verrissen hatte … aber so mitten im Tanz bleibt einem dann auch nichts anderes übrig als Arschbacken zusammenkneifen und einfach weitermachen – ausserdem waren die flotteren Tänze viel zu spaßig, um dann wegen sowas aufzuhören 😉

Der Biedermeier-Ball Bild: Florian Zwiener

Der Biedermeier-Ball
Bild: Florian Zwiener

Der Ball wurde im Inneren des Bühnen-Pavillions abgehalten. Ein wirklich sehr liebevoller und detailreicher Bau mit Holz-Häuschen für alles notwendige. Als Kulisse hat man im Hintergrund den Schladitzer See – besonders bei Sonnenuntergang gibt das einen besonders malerischen Anblick ab. Daß sich der Strandverein damit richtig viel Mühe gegeben hat, sieht man auf den ersten Blick.

Gegen 22:00 Uhr kamen wir dann wieder bei Annette an, ließen die Kisten für den nächsten Tag natürlich gleich im Auto, und hauten uns wenig später dann auch aufs Ohr.

Da wir am Sonntag  nicht so früh vor Ort sein mussten, schliefen wir aus, machten frühstück und warfen uns dann gemütlich in Schale. Ich hielt mich ein wenig britisch – mit Melone, Kniebundhose und Kniestrümpfen, samstags noch schwarzweiß-geringelt, am Sonntag aber stilecht mit Rautenmuster 😀 – Annette und Hester trugen ihre bezaubernden, gestreiften Empire-Roben, sonntags blieb Hester daheim und Susi von „Cupid und Psyche“ schloß sich uns an – in einem sehr schönen Hausmädchen-Gewand.

Die schön aufgemachte Kaffeetafel mit den Sammeltassen. Bild: Florian Zwiener

Die schön aufgemachte Kaffeetafel mit den Sammeltassen.
Bild: Florian Zwiener

Der Stand war zügiger aufgebaut, wir wussten ja schon in etwa was wir wo hinlegen wollten. Annette bekam dann auch bald einen begeisterten Stamm-Kunden, der erst ausgiebig alle Pelz-Bommeln untersuchte, und schließlich die Waschbären-Pfote fand – ganz zum Mißfallen seiner Mutter …

Die gab schließlich dann doch nach, was dazu führte daß bald der ganze Festplatz von seiner neuen Errungenschaft wusste 😉 .

Bei mir gingen noch einige Ohrringe mit Kameen über den Ladentisch, ansonsten fiel der zweite Tag deutlich umsatz-ärmer aus. Wie vorher schon erwähnt, waren viele Leute einfach nicht auf die Anwesenheit von Ständen gefasst – was aber kein großes Problem war, denn beim ersten Stand kann mans ruhig angehen lassen, und ich werde beim nächsten mal auch ein paar andere Dinge mitnehmen, mehr als einmal wurde ich beispielsweise nach weißen, historischen Häubchen gefragt – die ich tatsächlich bei den Vorbereitungen noch in Betracht gezogen hatte, aber dann – entschied ich mich anders. Wie ebenfalls gesagt, ist es nicht einfach, einzuschätzen, was gefragt ist und was nicht, wenn man das Publikum so garnicht kennt.

Die längste Sammeltassenkaffeetafel Bild: Florian Zwiener

Die längste Sammeltassenkaffeetafel
Bild: Florian Zwiener

 

Ein paar Auftrags-Anfragen habe ich noch mitgenommen – ein Glück daß ich wenigstens noch daran gedacht hatte, meine Maßbänder einzustecken, denn für ein Korsett konnte ich vor Ort dann schonmal Maße mitnehmen.

Und so ging auch das Strandfest zuende, und wir packten das letzte Mal ein.

Die Pavillions wurden abgebaut und alle halfen zusammen, die Biertische noch wegzuräumen – schnell wurde es dann leer. Wir plauderten noch mit Iris und ihrem Mann, begutachteten noch das eigens eingerichtete „Biedermeier-Zimmer“ und verabschiedeten uns dann.

Das Biedermeier-Zimmer - mit originalen Möbeln hergerichtet. Bild: Florian Zwiener

Das Biedermeier-Zimmer – mit originalen Möbeln hergerichtet.
Bild: Florian Zwiener

Da es zu spät war, sich am Sonntag abend noch auf die Heimreise zu machen, blieb ich noch einen Tag, Annette und Hester mussten zwar montags arbeiten, aber das war kein großes Problem, Annette lies mir den Schlüssel da, also schlief ich aus, packte meine Kiste nochmal ordentlich und meinen Koffer, flauschte die Katzen ausgiebigst durch (bei dem Kampfschmus-Kater hatte ich auch keine andere Wahl) und begab mich dann nochmal gen Innenstadt. So ganz ohne WGT-Trubel, mal gemütlich etwas die Läden begutachten. Doch das WGT ist ja nie weit weg in Leipzig, der erste Laden erregte nur durch einige schwarze Teile mit Nietenbehang meine Aufmerksamkeit, ansonsten wäre der Damen-Bekleidungsladen links liegen geblieben. Und tatsächlich – an einer Wand hingen ausgeblichene Bilder von vergangenen WGTs, und die Werbung für WGT-Ansichtskarten. Alles dekoriert mit Nietengürteln und diversem metallhaltigen Leder-Schmuck. Eine schwarzgekleidete Dame probierte sich auch gerade durch das Angebot an der Wand, für mich persönlich aber blieb es beim gucken, eine Jungs-Abteilung gab es nicht 😉

Fasinators

Fascinators

 

Ein paar Läden weiter – hauptsächlich Stoff-Läden  und der Saturn am Hauptbahnhof, holte ich mir an letzterem noch eine Sushi-Box und machte mich auf den Rückweg. Mii-tan, der Kampfschmuser rammte mir beim Sojasoße-in-die-Schale-kippen den Kopf so überraschend in den Rücken daß ich die Wohnzimmertisch-Auflage unwillkürlich mit ein paar Flecken dekorierte. Ich habe ihm aber nichts von meinem Fisch abgegeben, dafür gabs hinterher nochmal ausgiebige Flauschs, die dann von Annettes Rückkehr unterbrochen wurden.

Wir haben uns dann die MDR-Sendung zum Haynaer Strandfest in der Mediathek angesehen – komisch daß man auch da das WGT erwähnte, obwohl das ja nun absolut nichts damit zu tun hatte – dann luden wir die frisch gepackte Kiste ein, stoppten bei einer naheliegenden Post-Stelle, und etwas knapp aber noch rechtzeitig quetschte ich mich in den Zug heimwärts, in dem die Leute bei meiner Ankunft schon wie die Ölsardinen im Gang stramm standen. Und dann verputzte ein langhaariger Typ mit verbeulten Strohhut auch noch sage und schreibe drei (!) Subway-Sandwiches mit extra viel Zwiebeln drauf im Durchgang, kurz nach der Abfahrt …

Mehr Ohrring-Details - diese sind noch nicht verkauft worden bislang ;) Bild: Hester Thomas Photography

Mehr Ohrring-Details – diese sind noch nicht verkauft worden bislang 😉
Bild: Hester Thomas Photography

Zwei Haltestellen weiter stand ein älteres Paar auf und bot mir einen ihrer Sitzplätze an. In dem Fall nahm ich gerne an und war froh etwas im Frischluft-Durchzug zu sitzen, da mir Eau de menschliche Ausdünstung in dem Moment dann wirklich zu viel war. Und so rollte ich doch noch ganz entspannt wieder in Hof ein.

Und so ging das Abenteuer des ersten eigenen Standes zu Ende.

Verkauft habe ich nicht viel, aber das macht nichts. Leipzig ist immer einen Ausflug wert, auch weil da Annette und Hester wohnen, und ich bekanntlich die zwei unglaublich gerne hab.

Zum Strandfest komme ich auch nächstes Jahr gerne wieder, die Örtlichkeit ist richtig schön, und die Leute dort sind herzlich und voll dabei, und für historische Tänze kann man mich eh immer begeistern. Die Besucher dürften jetzt ja vorgewarnt sein, und jeder weiß sicher auch, was man beim nächsten mal vielleicht etwas anders angehen könnte. Ich werde auch jeden Fall selbst Werbung dafür machen – ich war zu beschäftigt um mich darum auch noch zu kümmern – und vielleicht mal in die Runde fragen, ob es spezielle Wünsche gibt. Vielleicht auch ein wenig passender zum Thema „Biedermeier“ einige Kleinteile herstellen.

Und damit bin ich nun gespannt was sich generell in Sachen „Stand in echt und überhaupt“ so noch tun wird – geplant ist einmal auf dem kommenden WGT im Victorian Village entsprechend anwesend zu sein, sollte es dazu kommen, werde ich diesmal rechtzeitig die Werbetrommel rühren, und auch hier gilt – wer da sein wird und bestimmte Wünsche hat – die dürfen sehr gerne auch jetzt schon genannt werden!

Goth on the rocks – das WGT2016

Eine neue Erfahrung ist immer gut zur eigenen Horizonterweiterung und kann oftmals interessante neue Blickwinkel geben, nach 10 Jahren WGT, bei dem im letzten Jahr die Erfahrung „ein Pfingsten ohne das WGT“ erfolgte und als nicht wiederholungswürdig eingestuft wurde, gab es heuer das Experiment „WGT ohne Bändchen“.

Genau das.

Genau das.

Inwiefern man das als Empfehlenswert einstufen kann, zeigt die intensive Versuchsauswertung, deren Bericht ich an dieser Stelle für alle zugänglich machen möchte, damit kann jeder seine Schlußfolgerungen ziehen und gerne in Form eines Kommentars unter das hier vorliegende Versuchsprotokoll setzen.

Die erste Aufgabenstellung war – wie komme ich nach Leipzig. Da meine langjährige Reisegefährtin Victoria heuer ausfiel und ein eigenes Auto nur bedingt vorhanden ist, gab des da die Option „Zug“, welche sich nach dem diesjährigen Ausflug zur Buchmesse als erstaunlich angenehm herausstellte, dennoch gab es da das Problem „Gepäck“, das zum WGT ja bekanntlich doch etwas unhandlicher ausfällt. Zum Glück kennt man ja doch ein paar Leute, und so meldete sich auf meinen Hilferuf eine weitere Victoria, die mit ihrem Mann von Augsburg zum WGT anreiste und Platz für mich samt Gepäck hatte. An der A9 wurde ich aufgelesen und in zügigen und angenehm verquatschten anderhalb Stunden befanden wir uns auch bereits im Landeanflug auf die Grufti-Hauptstadt.

Unsere Route führte uns am Belantis vorbei, wo heuer die Eröffnungsveranstaltung stattfinden sollte, erstaunt und auch etwas entsetzt beobachteten wir da Massen, die den Platz vor dem Freizeitpark tiefschwarz einfärbten.

Am Bahnhof wurde ich abgesetzt und ein paar Meter weiter von Annette eingesammelt – alles erstaunlich perfekt und reibungslos. Faszinierend.

Der Donnerstag-Abend wurde dann traditionsgemäß mit dem Tanz auf der Wiese beim Parkschloß, veranstaltet von der Blauen Stunde, schön stimmungsvoll und gemütlich angegangen. Es war deutlich weniger los als in den Vorjahren, woran womöglich das Wetter und die Belantis-Veranstaltung Schuld gewesen sein mögen. Wir können nur spekulieren …

Entsprechend wenig bekannte Gesichter fanden wir, Dani, eine auch schon recht langjährige WGT-Freundin gesellte sich zu uns und Kathi, eine der jüngeren Spontis-Leserinnen, kam dann auch auf ein kleines Gespräch zu uns auf die Decke.

Gegen 1 Uhr trieb uns die Kälte und die Müdigkeit dann erstmal nach Hause.

Tage bei Annette und Hester fangen immer mit einem laut schnurrenden, schmusewütigen Kater an, und so rammte mir der feline Mitbewohner der beiden erstmal genüsslich den Kopf zwischen die Rippen, um sich von oben bis unten durchflauschen zu lassen. Auch der Prozess des Anziehens wird immer wieder mal katzbotiert, bevorzugt kurz nachdem man sich das Samt-Beinkleid an den Allerwerstesten gezogen hat, dann ist das in einem so unerträglich frischen Zustand daß man durch intensives Anschmusen erstmal gleichmässig Haare überall darauf verteilen muss.

Flausch mich!

Flausch mich!

Wir zogen zeitig los um zu einem Treffen am Panometer, wo heuer zum zweiten Mal das „Victorian Village“ stattfand, zu gelangen. Das „victorianische Dorf“ ist seit dem letzten Jahr quasi die weiterführende Veranstaltung des vormaligen victorianischen Picknicks, das auch ich durch den starken Andrang von Zaungästen und fotowütigen Zeitgenossen leider zunehmend ungemütlich fand. Das Picknick blieb dennoch ein Selbstläufer und findet wie gewohnt an alter Stelle statt, das Interesse, sich den Rudel-Abschuß anzutun war aber auch heuer genauso groß wie in den Jahren davor, daher war ich auf das Panometer gespannt.

Vor dem Victorian Village fand dann erstmal das „Lolita Treffen“ statt – eigentlich ist das ja nun nicht gerade mein persönliches Interessengebiet, und nein, natürlich wird der Adrian auf seine alten Tage jetzt nicht ganz wunderlich und fängt an, selbst kurze Rüschenkleidchen tragen zu wollen 😀 – Hester und Annette haben an dem Thema Gefallen gefunden, und ich halte das einfach nach dem Prinzip – immer schön neugierig bleiben und sich alles mal anschauen, vielleicht findet sich ja auch in dem Bereich ein neuer Kundenkreis, und wenn nicht, bestimmt einige nette Leute zum neu kennenlernen.

Lolita.Treffen am Panometer - und dazwischen lugt eine einsame Kalkleiste hervor ...

Lolita-Treffen am Panometer – und dazwischen lugt eine einsame Kalkleiste hervor …

Letztenendes war es so dann auch – ein paar meiner Flyer wanderten weiter und die anwesenden Mädels waren allesamt richtig nett und liebenswürdig. Ich habe versucht mich als männliches Gegenstück ein klein wenig anzupassen und klemmte mir für ein bisschen „Ouji-Style“* noch ein Krönchen schräg ins weiße Zweithaar. Das mit dem Kalk im Gesicht hätte ich zur Not auch ganz japanisch als „Shiro nuri“** verkaufen können – also, hätte jemand ob meiner Erscheinung komisch geguckt. Hat aber keiner.
Ganz im Gegenteil.

Im Panometer angekommen.

Im Panometer angekommen.

Vor dem Panometer machten wir noch ein paar Erinnerungsbilder für uns, und wanderten dann geschlossen nach Innen. Dort löste sich die Gruppe aber auch schon weitestgehend wieder auf, mit ein paar anderen kam man hingegen noch ganz angeregt ins Gespräch.

Das Victorian Village gefiel uns allen richtig gut, nicht überlaufen und kein permanentes Blitzlichtgewitter. Man konnte recht gemütlich unter sich die Szenerie genießen und sich unterhalten, rings herum waren die Stände kleiner Designer und Kunsthandwerker aufgebaut, von denen einige auch teils schon langjährige Bekannte und nun Kollegen sind, sodaß man die eine oder andere Fachsimpelei austauschen konnte. Im nächsten Jahr werden Annette und auch ich voraussichtlich ebenfalls mit Stand dort vertreten sein – auch wenn es noch hin ist bis dort – ihr könnt gerne schonmal kund tun, was ihr so sehen wollen würdet, dann kann ich schonmal anfangen, ein paar Sachen dafür einzuplanen.

Füße auf dem Südfriedhof

Füße auf dem Südfriedhof

Danach verschlug es uns erstmal in die Innenstadt, beim DM die obligatorisch-vergessenen Nachlackier-Hilfsmittel besorgen, eine Kleinigkeit zu Beißen suchen (Bäcker-Pizza, keine Jungfrauen – auch wenn das jetzt enttäuschend sein mag 😉 ) und hausgemachten Eistee in der „Milchbar“ einfüllen. Die Programmzusammenstellung der Gruppe „WGT ohne Bändchen“ spuckte uns dann noch eine Führung mit Vortrag zu Fledermäusen auf dem Südfriedhof aus, also wechselte ich schnell von Pikes auf meine ausgelatschten Anzugtreter, da die ramponierten Füße wegen längerer Pikes-Abstinenz ein paar Einwände einzubringen hatten.

Hester und Annette gehen auf Tauchstation im Gras

Hester und Annette gehen auf Tauchstation im Gras

Zu besagter Führung fanden sich aber so viele Leute ein, daß man keine Chance hatte, mehr als nur ein gelegentliches „Fledermaus“ aus dem Stimmengewirr herauszuhören, wir beschlossen also, alleine noch ein wenig auf dem Südfriedhof herumzulaufen und die Chance zu nutzen, ein paar Bilder zu machen – immerhin ist Hester eine tolle Hobby-Photographin. Generell haben wir das Wochenende recht intensiv zum Bildermachen für uns genutzt.

Manch schönes Bild sieht aus einer anderen Perspektive reichlich albern aus ...

Manch schönes Bild sieht aus einer anderen Perspektive reichlich albern aus …

Gegen zehn Uhr erklärten wir den Freitag auch schon für beendet – also ungewöhnlich früh für so ein WGT, was irgendwo schade war, andererseits aber auch recht entspannt, ich nutzte die Gelegenheit, den Kalk besonders gründlich aus jeder Pore des Gesichtes herauszuschrubben – wenn man das sonst immer im Halbschlaf und völlig platt, nachts um halb vier machen muss, schätzt man die ausreichende Zeit dafür durchaus.

Wir sichteten also unsere Bilder-Ausbeute, quatschten noch ein wenig und stöberten in der Programmauflistung für die Bändchen-losen. Um Mitternacht lagen wir dann schon flach und schnarchten dem nächsten Tag entgegen.

Während das Freitagswetter noch nahezu ideale Bedingungen bot – also nicht zu kalt und nicht zu warm, und lediglich ein kurzer Regenschauer – zeigte sich der Samstag von einer besonders ekligen Seite. Aprilwetter mit Regen, ja sogar Graupel, naßkaltem Wind und definitiv zu tiefen Temperaturen.

ungruftiges Rumblödeln auf dem Spielplatz Bild von Steffi Baumann

ungruftiges Rumblödeln auf dem Spielplatz
Bild von Steffi Baumann

Unsere erste Anlaufstelle war eine Freundin von Annette und Hester, die von uns im Friedenspark ein paar Bilder machen wollte. Nachdem sowas irgendwann immer in Albernheiten ausartet, gabs erstmal eine Aufwärmrunde auf dem Spielplatz – irgendwo in meiner linken Pikes-Spitze müsste noch Sand sein …

Die Damen bekamen dann spontan Hunger auf Nudeln mit Käsesoße, also flüchteten wir in der Innenstadt zu einem italienischen Restaurant vor der Kälte und leiteten noch ein paar Freunde dorthin um.

Aufwärmen beim Italiener - mit Käse-Nudeln (die sind aber fotoscheu ;) )

Aufwärmen beim Italiener – mit Käse-Nudeln (die sind aber fotoscheu 😉 )

Um 16:00 Uhr wäre dann ein Konzert gewesen, welches als Nicht-Bändel-Besitzer besuchbar gewesen wäre, und da es sich um das Industrial-Urgestein namens „Test Dept.“ handelte, welches auch Dauergast auf Göttertanz-Playlists ist, hatten wir uns das eigentlich auch vorgenommen.

Eigentlich.

Wir hielten uns zu lange im Lokal auf, auch weil die Bedienung aufgrund des WGT-typischen Andrangs relativ zäh verlief und verpassten in alter Tradition eins der wenigen Konzerte auf dem Plan selbstredend haushoch. wir stellen also fest: auch ohne das Ticket schafft man Konzerte verpassen ganz ohne sich anzustrengen.

Die Abendgestaltung sollte dann im heidnischen Dorf stattfinden, auch mit einem Konzert – Estampie.

Ihr dürft raten.

Genau.

Diesmal war der Hinderungsgrund aber die Kälte und die immer wieder drohenden Regenschauer, wir flüchteten also durchgefroren nach Hause, und während Hester nochmal zu einer J-Rock Party weiterzog,  wärmte ich mich erstmal mittels ausgiebigsten Entkalkungs-Maßnahmen unter der heißen Dusche auf, warf einen Blick auf Facebook an Annettes Rechner (ich bin schließlich Mobilinternetverweigerer!), schickte noch ein paar Infos an Leute raus die ich die folgenden Tage noch treffen wollte, und sich trotz der Warnungen via Facebook gemeldet hatten.

Sonntag morgen – das Wetter wurde nicht viel besser, der Kater verteilte weiterhin fleißig Haare auf Ausgehklamotten und hat mich schon längst als dritten Dosenöffner akzeptiert – und die Damen beschlossen, hauptsächlich aufgrund des erstgenannten Umstandes, das von den beiden organisierte historische Tanzen im Park ausfallen zu lassen.

Die Regenschauer wurden zwar weniger, trotzdem ist so ein durchgefeuchteter Untergrund nicht grade Tanztauglich. Ich wechselte noch ein paar SMS mit einer Photographin die ich an diesem Tag treffen wollte, dann steuerten wir das Grassi-Museum an.

Vier frieren vor dem Grassi-Museum

Vier frieren vor dem Grassi-Museum

Vor dem Eingang tummelte sich schon eine schwarze Menge, zu der sich bald ein paar Bekannte von uns dazugesellten, die uns auch darüber aufklärten, daß der Auflauf die „Weinverkostung zum WGT“ war. Also, jeder brachte Wein mit, der dann gemeinschaftlich vor dem Museum vernichtet wurde.

Wir froren fleißig vor uns hin, während wir auf weitere Freunde warteten, auch meine Photographin lies dann nicht mehr zu lange auf sich warten, allerdings mussten wir erstmal vor einem Regenguß ins Innere des Museums flüchten, dort rannte ich nochmal in Freunde aus Bayreuth, man verquatschte sich bis das Wetter wieder besser wurde und wir uns in den anschließenden Johannispark für die geplanten Bilder bewegen konnten. Dort hatten wir dann Glück, für längere Zeit war der Himmel sogar wolkenfrei und der schwarze Pelz wärmte sich im Sonnenlicht endlich mal schön angenehm auf.

Im Grassi-Museum hing die Pfingstgeflüster-Ausstellung von Markus Rietzsch, auch von mir war eine der Aufnahmen aus den Vorjahren dabei, im ganzen Gewühl habe ich es selbst aber nicht mehr in die Ausstellung geschafft, also berichtete mir Hester, welches Bild von mir dort zu sehen war.

Nach der Bilder-Aktion waren wir aber trotz der Sonne wieder einmal durchgefroren, also suchten wir uns vier Wände mit Dach drüber und schlenderten durch die Ausstellung des Labels „Lucardis Feist“ im noblen Fürstenhof. Dort rauschte ich in eine weitere Bekannte und Kundin, dummerweise schlug da meine Gesichtsblindheit voll zu und ich stand erstmal komplett verwirrt vor ihr.

Wir run mal so, also wäre von oben nicht schon genug Wasser gekommen ...

Wir run mal so, also wäre von oben nicht schon genug Wasser gekommen …

Inzwischen bin ich zwar recht gut darin, meine Unfähigkeit, Leute zu erkennen, zu überspielen, bis im Gespräch dann genug Anhaltspunkte zu Wort kommen, an denen ich mein Gegenüber identifizieren kann – nur manchmal klappt das eben auch nicht … es tut mir wirklich fürchterlich leid, aber ich kann nichts dafür  – ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel.

Jedenfalls verabredeten wir uns noch für den folgenden Tag, warteten einen weiteren Regenguß im Hotel ab und wanderten dann los um etwas gegen das aufkommende, kollektive Magenknurren zu unternehmen.

Kurz vor der Innenstadt hüpften wir noch ein wenig Bilderschießend um ein paar Springbrunnen herum, und es kam wie es kommen musste – Passanten zückten die Handykameras und fragten einer nach dem anderen nach einem Bild. Naja, es nahm immerhin nicht überhand und man zeigte sich auch recht interessiert an der Szene und dem Ganzen, ein Mann fragte mich ausgiebigst, wie „wir“ uns organisieren, und wie das alles so abliefe, setzte dann noch hinzu daß es sicher auch toll sein müsse, wenn man sich dann einmal im Jahr so schön „verkleiden“ könne und dann aus dem Alltag so ausbrechen könne – wie zu erwarten erntete ich einen erstaunten Gesichtsaudruck auf meine Aussage hin, daß ich – wie viele andere aus der Szene eben auch – recht konsequent auch alltags schwarz trage, und eben auch ausserhalb des WGTs andere Veranstaltungen sind auf denen man sich trifft und Gelegenheit hat „etwas mehr“ als Alltagsüblich in die Malerkiste zu greifen – ohne daß man das aus Gründen der „Verkleidung“ tut, sondern eben weil es Teil der persönlichen Szene-Identifikation und Ausdrucksmittel ist.

Einen schönen Kommentar zu Kleidung und Verkleidung gibt es von Dunja Brill auf den MDR-Seiten zum WGT den man sich unbedingt in dem Zusammenhang mal anhören sollte.

Man könnte fast meinen, es wäre schönes Wetter gewesen.

Man könnte fast meinen, es wäre schönes Wetter gewesen.

Ich muss aber auch sagen daß ich, jetzt wo ich auch in der Cosplay-Szene (die natürlich garnichts mit WGT und Goth-Tum zu tun hat) ein wenig herumgegeistert bin, ein paar Ideen habe, woran diese Verkleidungs-Aussenwahrnehmung der Szene noch liegen könne (als Ergänzung vielleicht zu dem was ja schon länger Gegenstand der Diskussion ist) – doch dem werde ich dann einen eigenen Artikel widmen.
Dort gibt es nach Veranstaltungen nämlich ganz ähnliche Reaktionen wie „hat uns jemand photographiert, schickt uns bitte die Bilder!“ – nur der Umgang damit ist deutlich ein Anderer. Vielleicht verwechseln Aussenstehende beide Szenen auch gerne mal?

Doch weiter im Programm – fürs Essen-Fassen haben wir uns an diesem Tag für Sushi entschieden. Und damit gab es für dieses WGT ein weiteres Novum für mich – ich rationalisiere bei solchen Veranstaltungen die Nahrungsaufnahme oft so ziemlich weg, ich bin an sich kein Fan von Essen-Gehen, und wenns dann anders nicht mehr geht, inhaliert man eher schnell an einer Ecke etwas von einer Imbiß-Bude und verkriecht sich dabei in irgend ein dunkles Eck um sogut wie möglich dabei seine verdammte Ruhe zu haben.

Der Haufen in der Sushi-Bar - nur echt mit im Kreis fahrendem Essen!

Der Haufen in der Sushi-Bar – nur echt mit im Kreis fahrendem Essen!

Doch die schon angesprochene Kälte macht irgendwo drinnen sitzen einfach angenehmer, und ich bin inzwischen auch deutlich entspannter, ausserdem fielen durch das Nichtvorhandensein des Bändchens einige andere Ausgaben weg, eingekauft habe ich sowieso nur eine David Bowie-Kachel im „Victorian Village“, da kann man sich dann auch an anderer Stelle mal was gönnen.

Ich war noch nie in einem Sushi-Restaurant in dem das Essen auf mittig platziertem Förderband an den Gästen vorbeizieht. Wir bestellten also asiatischen, hausgemachten Eistee und legten dann los. Es war tatsächlich ziemlich lustig und sollte definitiv wiederholt werden, wir waren alle viere am Ende auf rollbarem Niveau voll mit Sushi und anderem asiatischen Essen, daß es nicht schaffte, schnell genug an uns vorbeizufahren.

eine Miso-Suppe passt noch irgendwie rein ...

eine Miso-Suppe passt noch irgendwie rein …

Zur allgemeinen Verdauung hatten wir noch einen kleinen Spaziergang zurück zum Auto, mitten durch die Innenstadt vor uns – ein paar Photographen und Passanten mit Handykameras kamen noch an uns vorbei, aber im Großen und Ganzen war die Stadt um die Zeit dann schon fast leergefegt.

Da wir die Tage zuvor zeitig zuhause waren, und die Wedel-Parties, die nun seit 2008 fest im WGT-Programm sind, ohne Bändchenbesitz diesmal nicht besuchbar waren, sind wir in Sachen abendliche Party bis dahin leer ausgegangen, doch heuer waren die Wave-Abende im Beyerhaus-Keller wieder vorhanden und auch gegen Entgeld zugänglich, daher wollten wir wenigstens einen Tanz-Abend mitnehmen, ausserdem fand ich 2013 den Beyerhaus-Keller optisch und ambientig einfach großartig, und auch die Musikauswahl war vor drei Jahren eigentlich richtig granatig.

Wir fuhren also zuerst einmal kurz in die Wohnung, luden die warmen Umhänge und Schirme ab, und ich tauschte die weiße Kontaktlinse aus und entledigte mich des grau-weißen Zweithaares. Damit wären wir bei einem weiteren WGT-Novum: Perücken mochte ich eigentlich nie, irgendwie fanden dann aber für Cosplay doch ein paar dieser Dinger ihren Weg in meinen Schrank, also dachte ich mir mal – weiße Haare sind schon irgendwie cool, ich probiers mal aus.

Und ja – ich muss zugeben, das Endprodukt mit Zweithaar gefiel mir dann ausserordentlich gut – aus diesem Grund rannte ich dann drei Tage in Folge mit dem Ding auf dem Kopf herum. Nur am Abend des dritten welchen war ich dann auch froh um das erstaunlich zugige Gefühl auf dem Kopf. Eine Erfindung des WGT-Wochenendes war daher dann auch der Perücken- und Haarteil-Kratzer  – ähnlich wie der Rückenkratzer, nur kleiner eben. Alle Herrschaften aus unserem Bekanntenkreis, die ebenfalls Perücken oder Haarteile oder größeren Kopfschmuck tragen waren sich einig – wir müssen damit in Produktion gehen!

Der Beyerhaus-Keller - hier noch recht leer

Der Beyerhaus-Keller – hier noch recht leer

Zurück zum Beyerhaus-Keller. Wir standen zeitig vor der Tür, und als wir dann auch den Eingang fanden (der vor drei Jahren woanders war), saßen wir erstmal relativ alleine drinnen, lauschten den Soundchecks und beobachteten wie einige Techniker noch an Teilen der Beleuchtung herumfummelten. Annette und Hester fummelten derweil an ihren Handies herum – aber um ein paar Ambiente-Bilder von der Umgebung zu machen und Detailaufnahmen von diversen Scheinwerfern und Lichtspielen an Wänden und Personen.

Dabei entstand auch der folgende psychedelische Wave-Adrian, nur echt mit der Laser-Show auf der gesichtsgelegenen Kalk-Leinwand:

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Die Musikauswahl war wie vor drei Jahren formidabel, auch Herrn von Karnsteins Stimme, in Form seines Wave-Musikprojektes „Farblos“ war zu belauschen, gegen 12 Uhr füllte sich der Saal dann auch merklich, leider tat das der Stimmung ausnahmsweise den Abbruch schlechthin. Menschen die mitten auf der Tanzfläche Nachrichten in ihre Schlaufons tippten und laute, trotz des Wetters leicht bekleidete Damen, die sichtlich mehr als genug Alkohol intus hatten und fröhlich am Bar-Tresen vor sich hinschwankten … Hester schlief eh schon fast – sie war ja am Vorabend schon lange aus gewesen, daher brachen wir gen halb zwei Uhr auch wieder auf.

Und damit näherten wir uns auch schon dem letzten Tag des WGTs. Ich zupfte ein paar Katzenhaare von meinen neuen, gestreiften Pluderhosen, gab aber recht schnell wieder auf, und machte mich an die Details der gruftigen Kriegsbemalung.

Malerearbeiten in Arbeit - ich brauche noch ein "Vorsicht - frisch gestrichen!" - Schild :D

Malerarbeiten im Gange – ich brauche noch ein „Vorsicht – frisch gestrichen!“ – Schild 😀

Wir verabredeten und am Südplatz mit Freunden, einmal Susi, ebenfalls aus Leipzig, die via Tram zu uns stieß, und Anita nebst Freund – die ich am Vortag im Fürstenhof so grandios nichterkannt habe. Wir wanderte zu einer nahegelegenen Grünfläche und plauderten, ich nahm Maß für einen Kleider-Auftrag und zeigte Stoffproben her, die ich extra für meine Kundin mitgebracht hatte. Da Anita auch zur bildermachenden Fraktion gehört, nutzten wir auch ein halbes Stündchen für ein paar Bilder – als selbstständiger Schneider brauche ich natürlich auch zu Werbezwecken Augenfutter, denn ohne Bildmaterial keine Aufträge. Ganz logisch …

Schon wieder Bilder machen ...

Schon wieder Bilder machen … diesmal mit Anita Stellmacher

Wir trennten uns dann kurz und trafen uns beim inzwischen auch schon obligatorischen Spontis-Treffen nahe der Moritzbastei wieder – und dort tummelte sich eine schwarze Masse an Pikes-Trägern, Iros und wavigen Wuschelfrisurbesitzern. Das Treffen ist jedes Jahr immer wieder schön, man sieht alte Bekannte wieder die teils auch zu Freunden wurden im Laufe der Zeit, sowie neu hinzugekommene Leser von Roberts Blog, welcher unter spontis.de zu finden ist.

Wie immer unterhält man sich vorzüglich, hat andererseits aber auch wieder zu wenig Zeit um längere Gespräche zu führen, man wuselt vom Einen zum Anderen , und natürlich ist der Pikes-Kreis, der Jahr um Jahr an Umfang zunimmt, ein Muss.

Sicher wird sich Robert auch nochmal zu dem Treffen äussern – und wie immer gab es auch den Spontis-Treffen-Button sowie das kleine Magazin zum Blog, das von Jahr zu Jahr ein Stück professioneller wird.

Platzierungen für den Pikes-Kreis werden eingenommen

Platzierungen für den Pikes-Kreis werden eingenommen

Die Gruppe löste sich dann tröpfchenweise auf, und als nur noch eine schwarze Pfütze übrig war, verabschiedete ich auch mich, da ich meine Damen nicht weiter warten lassen wollte.

Wir steuerten dann auf das Umaii in der Innenstadt zu – ein weiteres japanisches Restaurant das sich hauptsächlich auf Ramen spezialisiert hatte.

Bis auf einen etwas verunglückten Heim-Versuch bei dem auch nicht alle Zutaten auftreibbar waren, hatte ich noch keine anständigen Ramen getestet – also eine weitere neue Erfahrung.

Bei dem immernoch anhaltenden Pisswetter war so eine warme, japanische Nudelsuppe genau perfekt, auf den stilgerechten Suppen-Schlürf-Vorgang habe ich aber verzichtet, das hätte der Kalk dann doch nicht ganz ausgehalten …

Ramen Nicht meine, sondern Annettes ...

Ramen
Nicht meine, sondern Annettes …

Das Lokal war jedoch reichlich leergefressen, beim Nachtisch-ordern waren eine ganze Reihe Dinge nicht mehr verfügbar, und Bekannte von uns, die gerade kamen als wir gingen, berichteten am nächsten Tag daß bei deren Bestellung noch weniger Zutaten vorhanden waren als bei uns noch.

Wir setzten dann Susi bei ihr zuhause ab, durch einen glücklichen Zufall hatte sie ein Paar Pikes übrig daß sie nicht trug, und wir noch dazu die gleiche Schuhgröße – und so wanderte ein weiteres Paar in meinen Besitz über.

Die Agra hatten wir die Tage über nicht angesteuert, da wir ohne Band eh nicht aufs Gelände konnten, jedoch wollten wir später zur Abschlußveranstaltung der Blauen Stunde, und das Haus ist von der Agra nicht weit entfernt, daher wickelten wir uns erstmal in alle Kleidungsstücke ein die wir dabei hatten und setzten uns noch ein Weilchen vor das Messegelände, in der Hoffnung daß noch ein paar unserer Bekannten vorbeikamen, die wir bislang nicht gesehen hatten.

Bedingt durch das Wetter und unser sonstiges Fernbleiben von der Agra sind uns die Massen der Besucher weitestgehend entgangen, doch unser Eindruck war, daß man Cyber kaum mehr sieht und der generelle Trend wieder ein Stückweit mehr zu klassischen Wave-Matten, Pikes und Pluderhosen gegangen ist als noch in den Vorjahren. Wer da aber andere Eindrücke hat, darf die sehr gerne in den Kommentaren mitteilen.

Vor der Agra hatten wir tatsächlich noch wen getroffen – das Pärchen kannte ich bislang zwar nicht, dafür Hester und Annette, doch relativ schnell landeten wir wieder beim Rumblödeln – besonders unser Einfall von einem der Vortage – das Grufti-Yoga für Morgenmuffel mit den Übungen „die Grabplatte“ und „der schlappe Zombie“ sorgten für einiges an Erheiterung und hemmungsloses Weiterspinnen der Idee. Auch der „Sanitär-Cyber“ hatte eine erneute Erwähnung und wurde noch etwas fachgerecht ausstaffiert.

Die Blaue Stunde

Die Blaue Stunde

Wir zogen dann weiter zum Haus der Blauen Stunde und konnten unser Stamm-Sofa, im Wohnzimmer gleich im Eck hinter dem großen Tisch, wieder besetzen. Dani traf nebst Freund etwas später ein, und so konnte man in Ruhe das WGT ausklingen lassen, während vom Nebenzimmer „Bauhaus“ hereindrang.

Das Haus füllte sich bald, aber nie übermässig, ich kam noch ins Gespräch mit ein paar Leuten die sich für victorianische Kleidung interessierten, machte erste Beratungen und erklärte den Aufbau und verteilte meine restlichen Flyer. Frank von der Blauen Stunde zeigte mir ein Plätzchen an dem ich den letzten Rest dann auslegen konnte, auf dem Tisch platzierte ich auch ein paar, die kurz darauf interessiert studiert wurden.

Samstags im heidnischen Dorf kam auch jemand auf Florentine zugestürmt – die an dem Tag Tournüre trug – mit der Frage wo man solche Kleider herbekommt. Mein Einsatz!

Und jetzt bin ich natürlich ganz gespannt was sich aus spontanen Beratungen, Plaudereien und Flyer-Verteilen noch so ergibt …

Die Blaue Stunde verließen wir um ein Uhr, also auch vergleichsweise zeitig, Dani rief vor Ort noch im Puschkin an, an dem dienstags unser obligatorisches Voll-im-Arsch-Frühstück stattfindet, nur wurde diesmal vergessen, daß wir dazu einen Tisch reservieren wollten, zum Glück lies sich das so kurzfristig aber noch regeln.

Dienstage nach WGTs sind immer so eine Sache, man ist müde und hängt durch und ist entsetzt daß vier Tage Treffen schon wieder so unglaublich schnell vergangen sind.

Mii-tan – Annettes Kater – kam dreimal ins Bett hochgekrochen und verlangte Krauleinheiten – und irgendwie war er da wieder, der schlappe Zombie 😀

Irgendwann  hatte das Katertier mich wach genug daß ich mich schonmal ins Bad schlich und die Dusche besetzte um Kalkreste und Haarlack vom Vortag gar abzuschrubben.

Der Koffer wurde neu geschichtet – da ich zur Anreise schon alles reingepresst hatte was ich reinbekommen habe, war „reinwerfen und zumachen“ diesmal keine Option, jeder Quadratmillimeter musste ausgenutzt werden.

Das Puschkin war gut gefüllt, wie gewohnt, doch auch hier gab es weniger Andrang als in manchen Vorjahren.

Alwa und Mike saßen da schon, ich habe mich riesig gefreut die beiden endlich mal wieder sehen zu können, freitags sind wir uns im Panometer schon begegnet, doch ein bisschen genauer quatschen über diverse Dinge war dann im Puschkin einfach besser.

Die Frühstücksrunde fiel wesentlich kleiner aus als in manch anderen Jahren, neben Alwa, Mike, Hester, Annette, Dani und ihrem Freund Severin sowie mir, kam noch ein Paar aus Hamburg dazu das wir seit vielen Jahren am WGT wiedertreffen, der Erstkontakt war hier auch, wie bei sehr vielen Bekannten und inzwischen guten Freunden, über das sogenannte „grüne Forum“ in dem man sich über historische Kleidung austauschen kann. Ich bin jedoch schon seit Jahren dort nicht mehr aktiv, man hält aber den Kontakt heutzutage vornehmlich über Facebook weiter.

Gegen zwei Uhr war es dann Zeit für das große Verabschieden, mein Gepäck luden wir in Danis Auto um, das Severin fachgerecht umschlichtete, Dani hatte als erfahrene Tournürendame natürlich einiges an Stoff bei sich – im eigenhändig vernähtem Zustande natürlich – aber noch war genug Platz für einen schmalen Kerl und seinen Dreispitz.

In großzügigen anderhalb Stunden kamen wir auch schon an meiner Abwurfstelle an der A9 vorbei, in einer weiteren halben Stunde war ich dann wieder in den eigenen vier Wänden, wo mein eigener Kater die Taschen, ob der ungewohnten Gerüche, die natürlich auch von den zwei Katzen (Chi, das Mädel ist ziemlich scheu, im Gegensatz zu ihrem brutalschmusigen Bruder), die bei Annette und Hester wohnen, herrührten, ausgiebigst abschnuffelte.

Und damit ist ein weiteres WGT leider schon wieder Geschichte …

Fazit des Ganzen: WGT ohne Bändchen ist möglich und es finden sich genug Programmpunkte die man problemlos mitnehmen kann. Ob ich das jedoch wiederhole ist eine andere Geschichte, die Agra hat mir ein wenig gefehlt – weniger wegen der *hust* Atmosphäre da und noch weniger wegen den Konzerten, auch die Verkaufshalle brauche ich nicht zwingend, in den letzten Jahren habe ich sowieso nur Ringelsocken gekauft dort. Aber als Treffpunkt an dem sich früher oder später alle Bekannten die man im Lauf von gut zehn Jahren WGT nun so alle kennengelernt hat, ist die Agra einfach ein Teil davon. Natürlich bleibt mehr als fraglich ob das Agra-Abhäng-Kriterium die Geldausgabe für die Karte rechtfertigen würde – denn das tut es definitiv nicht, also warten wir bis es im nächsten Jahr mit dem Programm soweit ist daß man absehen kann, ob es sich generell lohnen würde.

Wäre das Wetter insgesamt besser gewesen, hätte man auch sicher noch einige Aktivitäten mehr mitnehmen können, doch für das Wetter kann man nunmal nichts.

Viele Bändchenverweigerer begründeten ihre Entscheidung ja auch mit der Band-Auswahl, in der Hinsicht aber muss ich sagen daß ich eigentlich recht viele Bands gefunden hatte, die ich durchaus hätte sehen wollen, und bei der Dreckskälte wäre die Motivation, sich in einen Konzertsaal zu begeben, sicher auch höher gewesen als bei den warmen bis heftig heißen WGTs der Vorjahre, wo man leichter mal draußen versumpfen konnte. Trotzdem hatten wir unseren Spaß und auch wenn die Bändchenlosigkeit das Ganze ein wenig seltsam gemacht hatte, so war es wieder ein tolles WGT – aber warten wir mal auf das nächste Jahr mit der Entscheidung, ob dann wieder richtig und mit Karte, oder doch wieder ohne.

Nur das Wetter möge bitte deutlich besser werden …

*Ouji = japanisch für „Prinz“, ein Begriff der unter anderem für das männliche Gegenstück zu Lolita verwendet wird, ist ebenfalls inspiriert von victorianischer Kleidung.

*Shironuri = japanisch für „weiß angemalt“ – bezieht sich auf das weiße Make-Up, ein gesonderter Artikel folgt.

Gothic Friday 2016 Mai – von Kalkleisten und Stoffbergen

Der Fluch des Selbstständigen – manchmal hat man Wartezeiten zwischen Aufträgen, manchmal überrennt einen die Arbeit förmlich, Und genau deswegen habe ich die letzten beiden Beiträge absolut nicht geschafft, der Plan, jeden Tag ein paar Sätze zu schreiben, ging dann auch nicht auf, da ich irgendwie dann mit dem Gesamttext unzufrieden war, und nochmal anfing.

Auch nicht der Sache dienlich, daher gibts ab jetzt „Augen zu und durch“.

Zwar lauert die Arbeit jetzt nach dem WGT weiterhin auf mich, immerhin habe ich von dort in Form von neuen Kunden-Maßen auch wieder neue mitgenommen, doch noch sitzt die WGT-Wehmut schwer in den Knochen – was ich mir gleich zunutze mache, um mich dem aktuellen Gothic Friday Thema zu widmen.

Es geht um Stil, Optik, Haare, Make-Up .. also das ganze Zeug was gern mal unter „Oberflächlich“ unter Naserümpfen abgetan wird, aber nunmal dennoch einen wichtigen Teil der Szene-Identifikation ausmacht.

Die Bandbreite ist groß, manche fühlen sich am wohlsten wenn T-Shirt und Jeans zumindest eingeschwärzt sind, andere treiben weitaus mehr Aufwand. Ich muss zugeben daß mir die Diskussion um Styling und (vermeintliche) Oberflächlichkeiten in letzter Zeit vermehrt auf den Sack gegangen ist, besonders sofern man auf Facebook in die große WGT-Gruppe schaut. Ich möchte das an der Stelle nicht näher vertiefen, nur dazu sagen daß mir wumpe ist, wer wie rumrennt, solange man sich versteht und sich jeder in seiner Haut wirklich wohl fühlt, mache ich Sympathie nicht an Äusserlichkeiten fest – das war nie so und wird ganz sicher auch nie so sein.

Genau das.

Genau das.

Was mir persönlich gefällt und was ich garnicht mag, hat ebenso mit der Person darunter nichts zu tun, sondern sind nur rein ästhetische Präferenzen, nicht mehr und nicht weniger

Aber hier geht es ja um den eigenen Stil, daher nach den einleitenden Worten endlich zur Sache.

Meine zentrale Inspirationsquelle sind die New Romantics der 80er und natürlich auch der frühe Wave-Stil – der ja nicht immer sauber vom New Romantic trennbar ist. Dazu historische Mode aus allen Epochen, und so allmählich schleichen sich auch ein paar extravagantere, japanische Einflüsse bei mir ein – was mich selbst überrascht da ich für den Japan-Hype zu alt bin und eigentlich selbst lang genug die Nase darüber gerümpft habe.

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2013 „Dandy Strange“ – irgendwann früh um halb fünf nach dem Club-Besuch – aber der Kalk, der sitzt noch

Gerade die New Romantics waren damals ja auch verschrieen, nichts als aufmerksamkeitsgeile Poser zu sein, doch finde ich daß das dem Ganzen auch etwas unrecht tut, da hier viele äusserst kreative Menschen ihre ersten Schritte gemacht haben und von da aus in sehr kreative Berufe weitergegangen sind. Und die ganze Geschichte kommt im Grunde genommen ja aus dem Punk, die damals schon ausgesaugte „Ästhetik des Hässlichen“ wurde nochmal auf den Kopf gestellt, um etwas Neues daraus zu machen. Ganz zu Anfang habe ich mangels Geld auch genommen was ich finden konnte, und es zu Schmuck und Accessoires umgebaut und zweckentfremdet, alte Damastvorhänge zu Kleidern verarbeitet, Schmuck aus 1-Euro Läden auseinandergebaut und neu verbraten und geschaut daß ich mit quasi kaum Budget das schönste rausbekomme, was irgendwie möglich ist. Ich bin also nun wirklich kein Hobby-Adeliger, sondern doch eher irgendwie Punk und sehe in der Beziehung einfach persönliche Parallelen zu den New Romantics.

Personen aus dem Umfeld die mich schon immer inspiriert haben sind an erster Stelle definitiv David Bowie, und seinen zahlreichen Bühnen-Personas mit denen er sich auch auf optischem Wege Ausdruck verliehen hat. Gerade auch durch seine androgyne und oft alienhafte Erscheinung war er schon immer einer der ganz Besonderen und „heiligen“ (so man das so ausdrücken kann) Vorbilder für mich.

Dazu gesellen sich noch Adam Ant, Thomas Dolby (als schrulliger, altmodischer Wissenschaftler), teilweise Steve Strange und im Allgemeinen die sehr androgyne Ästhetik der frühen 80er.

Anna-Varney Cantodea muss ich – als gestandene Kalkleiste – auch zu den Inspirationsquellen zählen, und ich wage zu behaupten daß so ziemlich jeder der sich wandweiß anlackiert, ein gewisses Faible für diese Ausnahmekünstlerin hegen dürfte.

Das mit der Kalkerei betreibe ich nun auch schon seit mehr als zehn Jahren, so schrittweise wurde die Gesichtsfarbe zu Festivals und an Clubabenden immer weißer, einhergehend mit immer präziseren und komplexeren Malereien darauf. Für mich hat das wenig mit „Make-Up“ zu tun, denn tatsächlich mit Malerei – von Schminken hab ich eigentlich kaum Ahnung, wenn es sich nicht grade auf derart hart übertriebene Bemalung bezieht. „Natürlich“ kann ich nicht, will ich nicht, brauch ich alltags erstrecht nicht und finde ich öde.

2012

2013

Sogar als ich noch versucht habe, irgendwie als Frau durchzugehen, war meine Alltagsbemalung mit harten, aufgemalten Eyeliner-Augenbrauen und extremem Lidstrich. Und jetzt wo ich mich dem Druck auch nicht mehr aussetze, als Mädl rumrennen zu müssen, ist Alltags-Schminken für mich sowieso irrelevant, und auch davor führte alles was „natürlich-weiblich“ war, für mich einfach nur zu heftigem Unwohlsein in meiner  eigenen Haut – was ich lange Zeit einfach nur auf die Bevorzugung gruftiger Ästhetik schob, heute bin ich mir aber sicher daß die Gründe andere waren.

2012 - ein paar Monate später war das ausgewucherte Zeugs auf dem Kopf endlich Geschichte

2012 – ein paar Monate später war das ausgewucherte Zeugs auf dem Kopf endlich Geschichte

Das extrem künstlich wirkende „Kalken“ hat aber gerade auch als Ausdrucksform für mich auch heute noch einen großen Reiz, da man sich mehr als lebendes Kunstwerk herrichtet – losgelöst von Geschlecht, egal ob biologisch oder der Eigen-Identifikation nach. Ähnlich wie ich die extremen Bemalungen der New Romantics eben ziemlich faszinierend finde und mich  immer wieder davon inspirieren lasse.

Ein etwas pragmatischer Grund fürs Kalken ist die Haltbarkeit – ein Tag 40 Grad am WGT und nachts noch bis zum Morgengrauen unterwegs – der Kalk hält. Unerschütterbar. Auch bei schlechterem Wetter ist das Zeug, sofern man seinen Gimpel nicht voll in die Witterung streckt, zuverlässig bis zum bitteren Ende. Normale Produkte hat man dann oft in kürzester Zeit in den Kniekehlen hängen und muss nachlackieren – bis auf ab und an mal Lippen neu tünchen, hält der Scheiß einfach da wo man ihn platziert. Jedes WGT denk ich mir am Montag spätestens – jetzt könnteste mal nen Tag aussetzen. Aber sofern ich nicht völlig auf Malerei verzichten will, schiebe ich den Gedanken dann auch meist ganz schnell wieder weg.

WGT 2009 Das "Hörndl-G'Wand" (wie Alwa dazu immer sagt) ist - trotz Rock immernoch eins meiner Liebsten - auch wen ichs nicht mehr trage.

WGT 2009
Das „Hörndl-G’Wand“ (wie Alwa dazu immer sagt) ist – trotz Rock immernoch eins meiner Liebsten – auch wen ichs nicht mehr trage.

Wer sich mal ansehen möchte wie das mit dem Kalken von einem echten Make-Up Artist gemacht wird, dem lege ich das folgende Video von einem lieben Bekannten aus München ans Herz:

 

Nur die Kleider von früher habe ich entweder abgeworfen oder sehr weit in den Kleiderschrank zurückgeschoben, stattdessen kommen nun Rüschenhemden und Brokat.Westen zum Einsatz, wenns mehr die schwarzromantische Ecke sein soll. Ich habe auch erstmal überlegt ob ich hier noch alte Reifrock-Bilder von mir einfügen soll, da ich die gerade aus persönlichen Wohlfühlgründen immer weiter aus dem Netz nehme, dennoch gehören sie ja irgendwie dazu, und ich vertraue auch auf das Verständnis meiner Leser.

WGT 2008 Bild von Frankon

WGT 2008
Bild von Frankon

Spitziges Schuhwerk gehörte seit den ersten Schrankinhalt-Einschwärzungen dazu, auch wenn es anfangs noch keine echten Pikes waren. Und tausend silberne Klimperarmreifen, mehrreihige Nietengürtel und drei Nummern zu große Hemden zu Röhrenhosen – später dann auch Pluderhosen, nachdem ich rausgefunden hatte wie der Schnitt für sowas aussieht.

2012 Bilder machen im Schloßpark Fantaisie - ja, das war stellenweise Alltagsaufzug bei mir.

2012
Bilder machen im Schloßpark Fantaisie – ja, das war stellenweise Alltagsaufzug bei mir.

Das gehörte lange Zeit aber mehr zu meinem Alltags-schwarz, ab und an auch mit einem historischen Kleidungsstück dazu. Im Gegenzug haben sich irgendwann aber auch mal diese Elemente stilbrechend in Reifrock-Outfits und verwandtes mit eingeschlichen. Pikes und zerfetzte Strumpfhosen unter dem riesigen Rüschenkleid gehörten immer dazu, und sorgten bei denen für Verwunderung, die nur die gekalkte Person in Reifröcken kannten, und daher wohl den Eindruck „Hobby-Adel“ hatten.

Und bei der Mischung bin ich jetzt im Moment im Wesentlichen, der klassische Waver ist schon längst auch deutlich in die Ausgehgarderobe eingezogen, die Rüschenhemden kann ich aber nicht sein  lassen – genauso wenig wie eben das Kalken.

Meine Szene-Anfänge hingegen waren erstmal von Lack, Nieten und Bondage-Klamotten geprägt, aber zumindest kann ich mit gewissem Stolz behaupten, daß davon kein Teil gekauft war – lag auch am Budget, der Bondage-Rock wurde aus einer schlecht geschnittenen Cargo-Hose umgenäht und den Lack hortete Frau Mutter in ihrem Stoffschrank und benutze ihn selbst doch nie, daher wurde er irgendwann, als ich endlich die Möglichkeit hatte, mich in schwarzen Clubs rumzutreiben, zu Ausgehklamotten vernadelt.

2004 Kurz darauf wurde aus dem Lack schwarze Rüschen

2004
Kurz darauf wurde aus dem Lack schwarze Rüschen

Lang bin ich aber nicht bei der Lack-und Bondagerock-Fraktion geblieben, das schwenkte dann doch recht schnell zu historisch inspirierten Kleidern und den ersten 80er-Anleihen über und entwickelte sich so über all die Jahre.

Zwangsläufig stellt sich da auch immer wieder die Frage: wenn man so extrem auffällig rumläuft, dann muss man doch ein stückweit richtig scharf drauf sein, gesehen zu werden oder?

Jein, ich finde die Schlußfolgerung „Auffällig ist zwangsweise dumm, oberflächlich und nichts was was mit der Szene zu tun hat“ seinerseits nicht grade weit gedacht, da man damit die Person ja wieder auf die reine Optik reduziert, ich denke, für ein Urteil sollte man vielleicht dann schon ein paar Worte mit den Leuten gewechselt haben, die Extremstyler gab es seit den Szeneanfängen genauso wie die unauffällig schlicht-schwarzen, und sicher auch eine große Bandbreite an Leuten die sich aus sehr unterschiedlichen Gründen in der Szene rumtrieben – von denen einige sicher auch damals nicht superszenepassend waren.

WGT 2011 Beim Spontis-Treffen

WGT 2011
Beim Spontis-Treffen

Bei mir war das so – am Anfang war es schon ein schönes Gefühl, wenn die Leute schön fanden was man da tat – halt mal ein paar nette Worte neben der Tanzfläche oder auf dem Festivalgelände. Harmlos eigentlich.

ANT-Style 2010

ANT-Style
2010 – Bild von Photo&Magic

 

Dann kamen die Sensationsknippser, vornehmlich zum WGT, und in dem Maße ist und bleibt das eine sehr unangenehme Sache, besonders wenn denen jeglicher Anstand abgeht da man auch hier im Grunde auf das Äussere herunterreduziert wird – man ist ja nicht nur Kleidung und Make-Up sondern ein kompletter Mensch. Doch auch das Thema ist hinreichend diskutiert worden.

Gargoyle WGT 2014 Bild von Crescentia Moon

Gargoyle
WGT 2014
Bild von Crescentia Moon

Ja, ich mache auch Photoshootings, und das schon seit 2003. Eine reine Hobbysache, ich finde es ganz schön von sich Bilder zu haben und so ein aufgetakeltes Gesamtbild als Kunstwerk auch für bildnerische Kunstwerke zur Verfügung zu stellen. Es ist wie mit Filmen – bei einem solchen Medium kann man Geschichten erzählen die die Wirklichkeit verlassen, und sich selbst als Teil dazu zu machen ist auch eine Form von Abstand zum Alltagsleben – nicht als Realitätsflucht, sondern auf eine Art, weswegen andere Menschen sich vielleicht drei Wochen Karibikurlaub gönnen. Mal abschalten eben.

"Dandy Strange" Bild von Pam Meier

„Dandy Strange“
Bild von Pam Meier

Inzwischen gebe ich aber auch schamlos zu daß ich die Aufmerksamkeit auch etwas bewusster forcieren möchte. Der Grund ist logisch-pragmantisch: ich bin selbstständig, und das in einem Bereich in dem man sich sehr, sehr schwer tut, wahrgenommen zu werden, und vor allem – auch ein Bereich der nunmal sehr an Optik und Style hängt. Ohne Werbung kann ich meinen Laden einstampfen – da das aber mein ganz großer Traum ist und ich natürlich als Mensch aus der Szene für die Szene hier und in meinem eigenen Atelier herstelle, tue ich alles* um genug Aufmerksamkeit zu bekommen, daß die Leute Kleidung von mir gemacht haben möchten. Viele haben den Bezug nicht dazu, was es heißt sich mit einem eigenen Gewerbe durchhauen zu müssen, ohne die Sicherheit eines „normalen“ Jobs mit nur acht Stunden am Tag, immerhin würde ich gerne mal genug rausbekommen um zumindest sorgenfrei alleine meine Semmeln bezahlen zu können, daher bin ich ganz ehrlich und sehe nichts verwerfliches darin das frei rauszusagen – die Leute sollen mich sehen und auf mich zukommen, und mich ansprechen, wenn etwas hilft daß ich ohnehin für mich gerne mache – umso besser, so fügt sich im Grunde alles zu einem großen Ganzen, in dem ich nicht für einen Job zurückstecken muss (was nichts schlimmes ist – ich verstehe sehr gut wenn man als Angestellter da einfach die Dinge anders handhaben muss) – sondern alles fließend ineinander übergeht.

WGT 2013 Mad Scientist /Tesla Punk Bild von Hester Thomas

WGT 2013
Mad Scientist /Tesla Punk
Bild von Hester Thomas

Damit nähere ich mich dem Ende des heutigen Beitrages – trotz des vermeintlich „oberflächlichen“ Themas bin ich dann doch in viel philososchwafligen Text abgeglitten – ganz einfach weil Optik für mich immer ein nonverbales Ausdrucksmittel war, an dem ich nichts schlimmes finden kann, sodenn Substanz dahintersteckt. Für die Szene-Ästhetik ist eben auch der Punkt einer den man sich öfters mal bewusst machen sollte – daß man mit Optik in hohem Maße auch kommuniziert, beispielsweise „Lass mich in Ruhe“ oder „Ich gehöre nicht zu euch“ oder – sucht euch was aus. ich denke, im Grunde schlägt sich jede Szene-Philosophie irgendwie sehr wohl im Kommunikationsmittel „Style“ nieder – eben jeder auf seine ganz eigene Art.

*liebe RTL und Pro7 Fernsehteams: Nein!

Gothic Friday 2016 – Warum bist Du immer noch in der Szene?

Es war einmal ein Blog-Projekt welches da hies „Gothic Friday“, und zu dem die Schwarzgewandeten aller Länder zusammengekommen waren, um ihren Teil des Ganzen beizutragen … und wenn sie nicht gestorben sind, dann finden sie sich auch nun wieder zusammen …

Oder so ähnlich.

Der „Gothic Friday“ ist natürlich kein Märchen, es gab ihn anno 2011 schonmal, und gestorben ist, wider der Annahmen manch „bunter“ Menschen, die sich für besonders witzig halten, wenn sie uns, ob der finsteren Kleidungs-Farbwahl auf ein derartiges Ereignis anzusprechen meinen müssen, dann eigentlich auch nicht.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit, trotzdem scheint es manchmal, als wäre es neulich erst gewesen. Es schien vielen so ergangen zu sein, denn die Stimmen wurden lauter, die ganze Aktion einfach doch nochmal neu aufzulegen.

Damals riefen dieses ziemlich interessante Projekt Robert von Spontis und Shan Dark vom schwarzen Planeten ins Leben. Einmal pro Monat wurde an einem Freitag ein Thema gestellt, zu dem sich Gruft-Blogger und Sympathisanten in Textform äussern konnten. Dabei wurde eine Vielzahl von Anektoden, Erlebnissen, Meinungen und Ansichten zusammengetragen, die auch heute noch spannend zu lesen sind.

Die zweite Runde wurde am 5. Februar – natürlich ein Freitag – neu eingeleitet, es wird hierbei keine Wiederholung sein, sondern mehr eine Fortführung, da neue Themen ausgewählt wurden, einsteigen kann aber dennoch jeder der Spaß daran hat, man muss also nicht schon bei der ersten Runde dabei gewesen sein.

Selbstredend wird der Nähkästchen-Blog auch diesmal mit von der Partie sein, jedoch nicht nur als Teilnehmer – dem Fahndungsausfruf nach Mit-Tätern bin ich auch gefolgt  – verraten wird natürlich noch nichts, außer höchstens daß wir viele sehr interessante Themen zusammengetragen haben.

Das Einstiegsthema ist für alle neu dazugekommenen – als einzige Ausnahme – dann doch eine Wiederholung, nämlich die Frage danach, wie man eigentlich in die Szene gekommen ist. Damit die Teilnehmer der ersten Runde sich dabei aber nicht langweilen müssen, gibt es die Alternativ-Aufgabe – „Warum bist Du noch immer in der Szene?“ – und genau dieser Frage möchte ich mich im Folgenden nun widmen.

Auch Schwarzvolk altert, längst ist die Subkultur über den Status der reinen Jugendkultur hinausgewachsen und nicht alle die schon seit den Anfängen in den frühen 80ern dabei waren, haben sich mit fortschreitendem Alter von der vermeintlichen „Jugendsünde“ abgewandt. Es folgten neue Generationen die von den vorherigen mit gerümpfter Nase beäugt wurden, und die letztenendes selbst irgendwann über das Teenie-Alter hinaus kamen – und ebenfalls überzeugt schwarz blieben.

Man sieht die altersmässige Durchmischung ganz gut an jedem schwarzen Club-Abend und an jedem Festival.

WGT 2014 man trifft sich sogar schon selbst ;)

WGT 2014 man trifft sich sogar schon selbst 😉

Ich selbst zähle mich zur zweiten Generation – die der frühen 90er. Auch wenn mein aktiver Szene-Einstieg erst um 2000 herum seinen Lauf nahm, so waren meine ersten Begegnungen mit dem „schwarz“ in den Anfängen der 90er. In Nürnberg und Bayreuth, da liefen „sie“ in den Innenstädten herum, und irgendwann überwand die Faszination das mulmige Gefühl, und ich fand mich im nürnberger „Underground“ wieder. Gekauft habe ich da nie etwas, aber es führte dazu daß ich Frau Mutter, ihrezeichens selbst vom Fach des textilverarbeitenden Handwerkes, mit Pannesamt und Tüllspitze vor der damals noch etwas irritierten Nase herumwedelte (ich habe zu der Zeit noch nicht selbst genäht – nur wenn die Bude sturmfrei war und niemand sehen konnte daß ich mich an der Nähmaschine zu schaffen mache). Auch wenn die komplette Einschwärzung noch ein wenig auf sich warten lies, der „schwarze Faden“ zeigte sich schon seit meiner Kindheit immer wieder mal, daher war das Endergebnis nicht so verwunderlich, lediglich das Aufwachsen in einer beknackten Kleinstadt, in Zeiten vor dem Internet und nicht vorhandenen Transportmöglichkeiten, zögerten einige Dinge dann unweigerlich etwas hinaus.

Doch das ist jetzt auch schon ein Weilchen her.

In den letzten zwei bis drei Jahren habe ich mich etwas rar gemacht, was aber an vielen verschiedenen Dingen lag, der hinderlichste ist wohl der, daß ich – nicht wirklich freiwillig, wie ich dazu sagen muss – nun wieder in der Kleinstadt festsitze, die ich nach meinem Abitur nur zu gern verlassen hatte. Von hier aus irgendwohin schwarz weggehen ist ein halber Staatsakt – die Story vom letzten Göttertanzbesuch von hier aus wäre beispielsweise ein Roman für sich … trotzdem, manchmal hat man auch allgemein weniger das Bedürfnis nach Weggehen, oder es halten einen stressige Saisonjobs am Theater vom Besuch des Lieblingsfestivals ab – deswegen kehrt man dem schwarz ja nun nicht den Rücken, denn in den eigene vier Wänden läuft immernoch die gleiche Musik und der Kleiderschrankinhalt hat nichts vom heimeligen schwarz eingebüßt, auch wenn die Pikes einen leichten Staubfilm angesetzt haben – denn in der hauseigenen Keller-Werkstatt macht man sich logischerweise eher selten die Mühe, zu Kajal und Toupierkamm zu greifen.

Halbwegs aktuell - April 2015

Halbwegs aktuell – April 2015

Was mich immer in der Szene gehalten hat, war – natürlich neben der Musik, die Leute. Selbst wenn es immer wieder bunte Ausnahmen gab und sicher weiterhin geben wird, welche die sprichwörtliche Regel bestätigen, so ist die Wahrscheinlichkeit, in der Szene auf Leute zu treffen, bei denen die Wellenlänge im Weitesten die Gleiche ist, einfach doch um einiges höher. Bei meinem ersten, richtigen Schwarzclub-Besuch gab es dieses überwältigende Gefühl des „Daheim-angekommen-seins“, und dieses Zuhause wurde im Laufe der Jahre dann auch mit immer mehr Leuten angefüllt, die man sehr wohl als die eigene schwarze Familie bezeichnen kann und mit denen man nicht selten sehr tiefe und tolle Freundschaften entwickelt hat.

Man sollte natürlich nicht drüber hinwegsehen daß es auch in der Szene Idioten und Arschlöcher gibt und daß sicher nicht alle neueren Entwicklungen zum Guten hin sind, doch als generelle Wohlfühlumgebung sind mir schwarze Veranstaltungen einfach um Längen lieber, schonmal deswegen weil die ganze Grundstimmung eine völlig andere ist. Aus der dennoch auch vorhandenen Erfahrung mit handelsüblichen Diskos heraus resümiert, kann ich aber sagen daß mich allein schonmal die Musik dort tierisch nervt, und dann die kreischend-laute Habgefälligstspaß-Partystimmung – nein Danke. Dazu kommt noch allgegenwärtiges, penetrantes Balzverhalten unter Einfluß übermässigen Alkohol-Konsums, was auch gern mal in aggressiven Auswüchsen endet. Und ja, solche Episoden habe ich schon vor beinahe 15 Jahren tatsächlich live miterlebt – von schwarzen Parties kenne ich sowas in der Regel garnicht, auch Balzverhalten ist meistens subtiler und respektvoller und keinesfalls der scheinbar einzige Grund, sich in ein nächtliches Getümmel mit irgendwie tanzbar gearteter Musik zu stürzen. Es ist also nur eine logische Konsequenz, etwas zu meiden das einem nicht nur keinen Spaß macht, sondern stellenweise auch regelrecht auf den Zeiger geht. Wenns um das Thema „Party“ geht, habe ich bei normalen Leuten nicht selten schnell den Ruf weg, zu reserviert und spaßbremsig-distanziert zu sein – naja, dann ist das halt so – es macht aber doch schließlich keinen Sinn, sich durch was durchzuquälen was man im Grunde nicht ausstehen kann.

People_1714Mir sagt auch durchaus die sehr androgyne Grund-Ästhetik der Szene im Allgemeinen, ziemlich zu. Früher noch war mir das nicht so bewusst daß ich es auch formulieren hätte können, heute ist man dem eigenen Wesenskern wieder ein stückweit näher gekommen, und versteht, nach einiger Selbstreflexion auch eher, wieso die Szene ein stückweit auch zu einem sicheren Ort geworden ist. Hier ist das Überschreiten von binären Geschlechtergrenzen nicht nur eine Mode-Erscheinung, sondern für viele auch ein wichtiges Ausdrucksmittel ihrer selbst. Und da lässt man einander auch sein, wie und wer man ist. Tatsächlich ist der Großteil meiner Freunde und Bekannten irgendwo in der queeren Buchstabensuppe verortet, alle auf ihre eigene Art – und allein schon der Austausch persönlicher Geschichten und Ansichten ist ziemlich spannend, im Alltag gestaltet sich sowas weit schwieriger, bin ich ja selbst nicht grade ein Mensch der sich mit seinen biologisch vorgegebenen Voraussetzungen so richtig identifzieren kann, ich würde auch soweit gehen daß die Szenezugehörigkeit erstmal den nötigen Freiraum für Selbsterkenntnis überhaupt gegeben hat, und an einem gewissen Punkt auch den Mut, mehr und mehr davon an die eigene Oberfläche durchsickern zu lassen – was eine immens befreiende Angelegenheit ist, wenn man eine weitere unnötige Fassade (auch wenn die einem lange genug selbst nicht wirklich so bewusst war) endlich beiseite schieben kann. Diesen speziellen Freiraum sucht man im normalen Umfeld auch oft vergebens, oder man beißt auf verschiedenst geartetes Gestein …

 

Wie schon angedeutet – Kritik kann man auch an der Szene genügend loswerden, und nicht alles was „schwarz“ ist, ist deswegen auch jedergrufts Freund, in diesem Umfeld. Letztenendes treiben sich überall nur Menschen herum, ob man sich weiterhin da zuhause fühlt, oder weiterziehen möchte, ist die Entscheidung eines jeden selbst, angebrachte – oder auch manchmal weniger passende – Kritik hin oder her, das Feld zu räumen würde mir nie in den Sinn kommen, auch nicht dann wenn ich mich mal rar mache – schwarz bleibt nämlich schwarz!