Butoh – der Tanz der Finsternis

Tanz ist nicht nur ein netter Sport sondern ein ganz besonderes Ausdrucksmedium. Hier wird der Mensch nicht nur Künstler sondern Kunstwerk selbst, er setzt seinen Körper ein um sich mitzuteilen. Nonverbale Kommunikation die mit Gewändern und Make-Up betont werden kann – einerseits durch besonders viel aber auch durch besonders wenig.

Tanz begleitet mich seid ich 11 bin, da habe ich mit Ballett angefangen. Klar, ein typischer Kleinmädchentraum, das muss ich zugeben 😉 doch Tanz ist eben mehr als das. Heute finde ich schnurzklassiche Bühnenstücke zwar vom technischen Standpunkt interessant, wirklich faszinierend finde ich mehr moderne Ausdruckstanz-Formen.

Der moderne Tanz – als Kunstform auf der Bühne – hat seinen Ursprung bei Pionieren wie Mary Wigman – im deutschen Expressionismus.

Dieser neue Ausdruckstanz bahnte sich nach dem zweiten Weltkrieg seinen Weg in die japanische Kunst. Tatsumi Hijikata und Ōno Kazuo griffen diese Wurzeln auf und erfanden „Ankoku Buto“ – den „Tanz der Finsternis“ – wie die Langform von „Butoh“ übersetzt lautet.

Der Ausdruck lässt schon erahnen worum es inhaltlich beim Butoh hauptsächlich geht: menschliche Abgründe, Angst, Verzweiflung, Trauer, Tod, sexuelle Absonderlichkeiten. Themen die gesellschaftlich wenig Akzeptanz finden.

Besonders in den 60er Jahren erlebte Butoh seine Blütezeit, im Fahrwasser des anti-amerikanischen Protestes in Japan.
Wo Butoh zunächst als Protest gegen die steife, traditionelle Geisteshaltung der japanischen Gesellschaft stand und gegen die ebenso starren Normen japanischer Tanzformen rebellierte die all das ausdrückten, wurde Butoh später auch Ausdruck des Widerstandes gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur.
Butoh hat keine Regeln und folgt keinen starren Choreographien, Mittelpunkt ist der Ausdruck – oft von Tabuthemen wie Tod, Trauer, Irrsinn, menschlichen Abgründen. Butoh ist aber auch ritueller Tanz in Anlehnung an schamanistische Praktiken, archaisch, primitiv – denn der Tod bringt auch neues leben und einen neuen Anfang hervor – ein Ansatz den viele spirituelle Richtungen zeigen, egal ob sie alt oder neu sind.

Im Jahre 1959 sollte das erste Butoh-Bühnenstück vor Publikum uraufgeführt werden – „Hijikatas Kinjiki“ – thematisch drehte sich die Handlung um Homosexualität, zudem sollte auf der Bühne ein Huhn umgebracht werden. Die Vorstellung fand nie statt – ob die Japaner am Tod des Huhnes oder der homosexuellen Thematik Anstoß nahmen liegt im Dunklen.

Der Tänzer will den Zuschauer nicht unterhalten, er kommuniziert mit ihm durch Körpersprache. Ganz in sich versunken bewegt er sich tranceartig, verkrampft, grotesk. Langsam. Unwirklich. Die Ästhetik ist hier mehr suf der Seite dessen was allgemein als „hässlich“ empfunden wird. Kahle Körper, androgyne Erscheinung bis zum Crossdressing, schmerzhaft aussehnde Grimassen und Verkrampfungen, weißes Make-Up.

Auch die Grenzen zwischen biologischen Geschlechtern werden hier verwischt da die Tänzer oft geschlechtslos auftreten.


Vielleicht klingelt es bei einigen die es nicht eh schon wussten – schaut doch schwer nach Sopor Aeternus bzw Anna-Verney Cantodea aus?

Richtig.

Er/Sie ist selbst Butoh-Tänzer und hat in ihrem/seinen Werk sehr viel Butoh-Ästhetik übernommen. Angefangen vom Erscheinungsbild über die grotesken Artworks, die Bewegungen (auch wenn er/sie bekanntlich nicht auftritt) – gemsicht mit mittelalterlichen Einflüssen, victorianischer Schauerästhetik in feiner Tradition der schwarzen Romantik – und Wave. Ja, wirklich! Gerade die ersten Werke sind noch sehr deutlich wave-lastig und auch wenn sich Legenden um ihr/sein Alter ranken, so bekommt man stellenweise immer wieder Hinweise darauf daß er/sie in der schwarzen Wave-Szene aufgewachsen sein muss und von da aus einen ganz eigenen Schritt unternommen hat. Stellenweise hört man die Wurzeln aus der Musik auch noch deutlich heraus

Natürlich fasziniert mich Anna-Varney genauso wie viele andere Schwarz- und Endzeitromantiker.
Aber auch der Hintergrund mit dem Butoh-Tanz allein ist eine spannende Sache die vom Aspekt der Kunst her schon für sich genommen sehr „gruftig“ ist.
Ich bin jetzt niemand der für den Japan-Hype allzu viel übrig hat. Wenn man den ganzen bonbonbunten Kram a la Lolita und Visual K mal wegschiebt bietet aber auch diese Kultur sehr faszinierende Aspekte die weiter gehen als Mode und Trends und sogar tatsächlich ins schwarze Bild passen.

Ich habe zwar viel Tanz betrieben und bin – nicht nur deswegen – auf Veranstaltungen auch ziemlicher Ausdruckstänzer, mit Butoh habe ich aber keine persönlichen Erfahrungen.
Ich kann aber bestätigen daß die grotesken, langsamen Bewegungen der Butoh-Tänzer, auch wen sie erstmal komisch aussehen mögen, enorme Körperbeherrschung und Kraft erfordern. Man sieht das am drahtigen Körperbau ja auch ganz gut. Zudem kommt die Fähigkeit sich emotional auch noch so reinzusteigern – ich werde auch das Gefühl nicht los daß der „Danse de la terre“ von Rosa Crux auch maßgeblich vom Butoh beeinflußt ist 😉

Selbstzerstörung als Kunstform – die Geschichte von John Faré

Industrial ist eine üble Sache – wenn man darunter Agonoize und Ähnliches versteht, dann sowieso 😉 aber wer mit dem Begriff wirklich was anfangen kann, der weiß auch daß Neonklamottenträger bei waschechten Industrialperformances schreiend zu Mammi gerannt wären – man verzeihe mir die Bissigkeit der obigen Worte 😉

„Industrial music for industrial people“ – ein Satz der heute auch noch gelegentlich zitiert wird und dabei eher als Werberuf für Finstertechno-Parties eingesetzt wird. Doch wers erfunden hat – weiß das noch jemand?
Das Enfant Terrible der jungen Industrial Culture Ende der 70er wars – Monte Cazazza – der mit schockierenden Aktionen seine Umwelt verschreckt hat und auch einige Zeit in Gefängnissen und Psychatrien zugebracht haben soll.

Über die Industrial Culture möchte ich weiter keine Wort verlieren und verweise stattdessen auf diesen sehr lesenswerten Artikel, der eigentlich genau das auf den Punkt bringt was mit Industrial ursprünglich gemeint war : Die Industrial Culture Szene“ – kein Neon, keine Party, keine Fellpuscheln …

Ein Name taucht im Zusammenhang mit der Industrial Culture immer wieder auf – John Fare.
Der kanadische Performancekünstler hat 1936 in Toronto das Licht der Welt erblickt, wenig erfolgreich als Student der Architektur verließ er London, wo er studiert hatte und ging nach Kopenhagen. Seine frühen „Aktionen“ bestanden darin sich in der Öffentlichkeit auszuziehen oder seinen nackten Hintern gegen die Fensterscheiben von Nobelrestaurants zu drücken.
Was heutzutage dann gelegentlich im Nachmittagsprogramm der geliebten Privatsender als Proll-Belustigung ausgestrahlt wird, waren damals ausgewachsene Skandale, die John Fare immer wieder zu Gefängnis- und Psychatrieaufhalten verhalfen.

Prothese

Den absoluten Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere erreichte John Fare ab Mitt der 60er jahre mit einer Serie von Performances in denen er sich schrittweise selbst verstümmelte und schließlich sogar umbrachte.
Dazu baute er einen automatischen Roboter der aus einem Operationstisch und vier mechanischen Armen bestand, auf dem er sich für jede einzelne Performance schnallen lies. Bei der ersten Veranstaltung wurde er dabei lobotomisiert – was 1964 in Kopenhagen stattgefunden haben soll.
1968 lies er sich in der nächsten Show die komplette rechte Hand amputieren und im Weiteren verlor er in seinen Shows ein Auge, beide Hoden, Finger, Zehen und auch innere Organe sowie mehrere Stücke seiner Haut, die verlorenen Gliedmaßen wurden durch Prothesen aus Metall und Plastik ersetzt die aber wenig Funktional waren und mehr als Symbol der Entmenschlichung dienten.
Bei den Amputationen wurden Mikrofone an Fares Körper sowie der Maschine angebracht, die die Geräusche während der „Vorführungen“ über Lautsprecher in den Zuschauerraum übertrugen. Die Klangcollagen sollen Ähnlichkeiten mit Walgesängen gehabt haben – was sich freilich sehr euphemistisch anhören mag wenn man sich vor Augen führen mag daß auch Knochensägen bei der Amputation der Hand im Spiel gewesen sein mussten.

Die abgetrennten Körperteile wurden danach thetaralisch in Ethanol eingelegt und aufbewahrt.

The operation over, one metal claw abruptly raised the hand and wagged it about horribly for a few seconds, as one would a found purse everyone had been searching for in a large field. It then placed the hand in a jar of alchohol, which Andoff, reappearing with the houselights, carefully labelled and placed on a table next to the birth certificate.*

„Dying is an art like everyone else!“ wurde John Fare als Zitat in den Mund gelegt, und um dem nachzukommen lies er sich von seinem Roboter enthaupten – als finale Performance, von einer Art angeschliffenem Ventilator.

Die Kunstform der Performance, die in den 60ern aufkam spielte oft mir menschlichen Perversionen und Abgründen, der Künstler erniedrigte sich oft vor dem Publikum, Selbstverstümmelung war auch ein Thema das immer wieder auftauchte. So war der Künstler von seinem Werk nicht getrennt sondern quasi selbst das erschaffene Werk das vor den Augen des Publikums ausgestellt wurde.
Auch die Verbindung Mensch-Maschine war ein oft aufgegriffenes Thema, was hier selten glanzvoll und glattpoliert präsentiert wurde, sondern mit allen negativen Folgen die menschliche Urängste berührten.
Vorläufer der Performance finden sich in den Kunstformen des Dadaismus und Futurismus, auch aufgenommen werden kultische Ritualhandlungen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Industrial als Musikform und seiner Nachfolger die oben genanntes ebenso als Inhalte haben.

Die geschichte von John Fare hielt sich in den Kreisen der Industrial Culture und des Postpunks lange, schließlich waren seine Performances die ultimative Industrial-Show – der Selbstmord auf Raten bis zum furiosen Finale! Auch die aufkeimende Body-Art Szene deren verwässerte Modeauswüchse heute in ungeliebten „Arschgenweihen“ und den aus der Mode gekommenen Augenbrauenpiercings im Mainstream angekommen sind, stürzten sich auf die erschreckende Geschichte von John Fare.

Doch das alles ist nur eine Legende.

1985 schrieb der Performancekünstler Danny Devos einen Brief an den Direktor der Isaacs Gallery in Toronto, wo sich Fare in der oben geschilderten Performance die Hand amputieren lies – angeblich. Und erhielt als Antwort die Versicherung daß es einen John Fare nie gegeben habe, und auch die Shows reine Legenden seien.
Logisch betrachtet liegt ja auch schon nahe daß an der Geschichte von Fare einiges nicht stimmen kann – 1964 einen Roboter zu bauen der präzise nicht nur eine Hand abtrennen konnte, sondern auch Stücke der Haut millimetergenau entfernen konnte … ganz zu schweigen von dem Umstand daß Fare nach dem ersten Eingriff – der Lobotomie – noch imstande war den Roboter für die weiteren Einrgiffe zu programmieren wurde schon andernweitig kritisiert.
Noch dazu gibt es keinerlei Bilddokumente von den Performances.

Die fiktive Biographie von John Fare wurde 1972 von Tim Craig verfasst, der Artikel erschien 1987 im „a Coil Magazine“ das von der gleichnamigen Industrial Band „Coil“ herausgegeben wurde, und so verbreitete sich der Mythos in der Post-Industrial Kultur weiter.
Unter den prominenten Anhängern dieser Legende befand sich im Übrigen auch kein geringerer als David Bowie himself 😉

Faszinierend wie sich so ein Mythos hält, Fares Biographie enthielt darüber hinaus alle Details seiner Performances, schön theatralisch ausgearbeitet. Man gruselt sich und stellt sich vor daß so etwas wirklich real geschehen ist und will dabei garnicht wahr haben daß in Wahrheit alles nur fiktiv ist – vielleicht weil das Gruseln über menschliche Abgründe abstoßend aber gleichzeitig irgendwie angenehm ist – ein Thema über das man freilich auch Bände an Text und Gedanken füllen kann. So ist man freilich auch selbst immer betroffen wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, und auch beim Industrial bleibt man nie reiner Konsument, kein Partygänger der Spaß hat, man wird in den Abgrund hinein gezogen und wird Teil des Grauens. Und das ganz ohne Neonschläuche auf dem Kopp, sondern nackt, hilflos, verängstigt und allein.

* http://www.myspace.com/23missingparts

Weitere Quellen:
http://www.john-fare.com/threadsindex.html
http://www.evolver.at/stories/John_Fare_Portrait_Rokkos_Adventures_2_10_2008/
http://www.couni.com/texte/indust.htm