Unknown Pleasures – Peter Hook in Nürnberg

Ob man an „Zufälle“ glauben mag oder nicht sei jedem selbst überlassen, Tatsache aber ist daß manche Ereignisse sich so glücklich ergeben daß man in wortwörtlich „ungläubiges“ Staunen verfällt.

So geschehen Anfang Februar. Von der Modeschule aus hatten wir die Gelegenheit, am 9. Februar in Fürth an einem Symposium für textile Innovationen teilzunehmen. Frau verhinderter Ingenieur war natürlich gleich begeistert und meldete sich an 😉
Kurz darauf stolperte ich über die Ankündigung daß in Nürnberg am Abend davor Peter Hook – ehemaliger Bassist bei Joy Division – in Nürnberg spielen würde. Im Gepäck: ausschließlich alte Songs der Postpunk-Legenden.
Ich habe zigmal das Datum nachsehen müssen um zu glauben daß beide Veranstaltungen so praktisch beieinander liegen, und ohne fahrbaren Untersatz war die Anreise per Zug am Abend zuvor sowieso notwendig.
Ein guter Freund, Chris, lies sich auch schnell begeistern und ich hatte damit auch einen Schlafplatz in Nürnberg sicher 😉

In Nürnberg am Bahnhof endlich angekommen, gegen kurz nach 18:15 Uhr trennten sich die Wege der Mädels die ebenfalls das Symposium besuchen wollten und mir – kurze Suchpause im Gewirr des nürnberger Bahnhofes, dann fanden Chris und ich uns. Im Vorbeigehen noch eine belegte Semmel ergattert und im Auto damit etwas gegen den knurrenden Magen getan der seit 10:00 Uhr nichts festes mehr gesehen hatte.
Wir sammelten Andy Ghoul – einen weiteren Bekannten – auf und machten uns dann auf den Weg zum Hirsch – den Veranstaltungsort. Ich war heilfroh daß wir früher aus Naila abhauen konnten, eine Stunde später anzukommen hätte uns in arge Zeitprobleme versetzt, so war es zeitlich eine Punktlandung.

Vor dem Hirsch dann noch kurz die Schuhe gewechselt – statt der bestöckelten, warmen Winterstiefel rein in die Pikes die von den satten Minusgraden inzwischen gut durchgekühlt waren – teils geschuldet gruftiger Eitelkeit, teils auch der Tatsache daß meine Füße schon Einwände gegen die Stiefel hervorzubringen wussten.

Das Hirsch ist in Nürnberg eine bekannte Örtlichkeit für Konzerte aller Art, aber auch für Parties. Ich war bisher noch nie dort, auch wenn ein-zwei Konzerte vorher schon mein Interesse geweckt hatten, es hat sich dann doch nie ergeben.
Ich hatte den Saal weit größer eingeschätzt und hatte mich schon darauf eingestellt irgendwo am Rand oder weiter hinten eingeklemmt zu werden – zum Glück erwies sich der Saal als überschaubar und die Besucherzahl war auch für meine Abneigung gegen Ölsardinenfeeling akzeptabel.

Die Besucherzahl war noch recht gering als wir kurz vor 19:30 eintrafen. Eine halbe Stunde später sollte das Konzert dann stattfinden. Erwartungsgemäß war der Altersdurchschnitt eher etwas höher, im Vorraum legten die Jungs von der „We Want Revenge“ allerlei göttliche alte Wave-Schinken auf.

Peter Hook verzögerte ein wenig. Da noch immer nicht übertrieben viel los war – was mich verwunderte – war es ein Leichtes sich bis zum Bühnenrand vorzuwagen. Ich hatte wie gesagt ja schon damit abgeschloßen irgendwo abseits in Fluchtfreundlicher Position einen Platz ergattern zu können, aber nachdem sich die restlichen Anwesenden erstmal weiter hinten lose verteilten, hatte man vorne auch halbwegs Luft.
Andy machte mir dann seinen Platz am Zaun direkt vor der Bühne frei weil der Junge als großer, starker Totrocker 😉 eindeutig ein paar Köpfe länger ist als ich – vielen Dank nochmals dafür ❤

Dann wurde es irgendwie surreal – die Band spielte noch nicht, aber die Instrumente waren schon aufgebaut, alles in farbiges Licht getaucht. Dahinter, eine große Flagge mit dem Logo des "Unknown Pleasures" – Album – die charakteristischen Graphen welche ich hier mal näher auseinander genommen und erklärt habe (aber Robert ist schuld 😛 )

Auf einem großen, altmodischen Röhrenmonitor links der Bühne liefen alte Konzertmitschnitte von Joy Division, die Tonspur kam über die Lautsprecher gedämpft in den Zuschauerraum. Um einen herum, Schwarzgewandete. Buttons an Reverskrägen, Bandshirts. Das Gefühl gerade in eine Zeitreisemaschine geraten zu sein die einen anno 1980 wieder ausgespuckt haben muss.

Natürlich machte der Anfang des Konzertes dieses Gefühl wieder etwas zunichte, denn aus bekannten Gründen betrat natürlich nicht Ian Curtis die Bühne sondern Peter Hook, im hellgrauen T-Shirt mit dem „Closer“-Motiv über einem leichten Bauchansatz. 1980 ist eben doch schon ein Weilchen her …
Aber er legte sich durchaus ins Zeug – die Bässe kitzelten angenehm in der Magengegend, auch ohne die Originalbesetzung war es ein grandioses Gefühl diese alten Songs live erleben zu dürfen. Neben den Stücken des „Unknown Pleasures“-Albums, welche in Reihenfolge gespielt wurden, kamen die restlichen Klassiker ebenso zu Gehör.
Ein Zwischenrufer, der lautstark seinen Wunsch nach „Blue Monday“ äusserte, erntete von Hook einen kommentarlosen Stinkefinger – was das Publikum zum Lachen brachte 😀

Nach „I remember nothing“ verließ die Band erstmal die Bühne. Das letzte Stück des „Unknown Pleasures“-Albums wurde live sehr beeindruckend interpretiert, statt der industriell anmutenden Samples der Albumversion verdösknaddelten Peter Hook und sein Bassist ihre E-Klampfen auf eine Weise die den Instrumenten Töne entlockten, die fast körperlich weh taten – ziemlich genial!

Begeisterungsrufe entlockten aber hauptsächlich die bekannten Songs – „Shadowplay“, „She’s lost control“, „Transmission“ – und als allerletztes Stück natürlich „Love will tear us apart“

Zu den letzten Akkorden schälte sich Peter Hook aus dem inzwischen schon gut durchgeschwitzen Shirt und warf es in die Menge. Ärgerlicherweise landete es etliche Meter hinter mir 😉 – als wir mit den restlichen Besuchern den Weg gen Ausgang antraten, stand die glückliche Fängerin nebst ihrem Mann noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.
Chris beäugte das Shirt das sie zusammengeknüllt festhielt – „guck mal, der hat auch schon ganz neidisch drauf geschaut!“ meinte sie daraufhin zu ihrem Begleiter.

Ich muss gestehen, kein Konzert das ich bisher gesehen habe war gefühlt so schnell vorbei. Und das Phänomen spricht natürlich eindeutig für die Show. Es war toll – auch wenn es natürlich in dem Sinne kein echtes Joy Division Konzert war – mit Peter Hook als das einzige ursprüngliche Mitglied der Band.
Die Tour mit diesem Programm jedoch soll nicht nur an Ian Curtis erinnern, die Band spendet auch einen Teil der Einnahmen an Einrichtungen für die Behandlung psychisch kranker Menschen in England.

In der Vorhalle drangen nun wieder Depeche Mode und The Cure in gedämpfter Lautstärke aus den Lautsprechern. Ich holte mir noch ein Glas Wein zum Abschluß des Abends. Eindrücke Revue passieren lassen, ein wenig quatschen, innerlich noch ein paarmal den Kopf schütteln daß der Zufall es möglich gemacht hat daß ich das Konzert tatsächlich sehen konnte.

Dann ein zeitiges Ende des Abends – immerhin fand das Konzert mitten unter der Woche statt, aber es hat sich absolut gelohnt.

Am nächsten morgen stand ich dann mit Nadelstreifengehrock und hochgesteckter Mähne in der fürther Stadthalle – ein kleiner Kulturschock für die Mädels die mich am Abend zuvor noch ganz anders zurückgelassen haben 😉

Dank für die Konzertimpressionen geht an Andy – ich habe leider meine Kamera wieder mal vergessen.

19.03.2011 – Waid Noises

Spontane Ideen sind oftmals gute Ideen und eine solche bescherte uns einen wirklich großartigen Samstag abend.

Da stand man nun vor der Frage, was man mit eben diesem Samstag abend anstellen wollte – im Stammclub die Stammveranstaltung mit allem quer durch die schwarzen Musikrichtungen stand zur Auswahl – wie sie jeden Monat stattfindet.
Chris fiel die Decke auf den Kopf und auch wenn ich mich an Wochenenden momentan arg aufraffen muss, mal rauskommen und Gesellschaft von Seinesgleichen suchen tut dann doch immer wieder gut.
Recht kurzfristig fiel unser Augenmerk auf eine feine, kleine Veranstaltung im Nürnberger Raum, die wie die Grey Area und Subkultan vom gleichen Verein organisiert wurde – Waid Noises. Nichts wozu man das Tanzbein schwingt, das Konzept erinnerte mich insbesondere im Laufe des Abends mehr an die Blaue Stunde – was die Sache freilich sympathisch machte.
Geboten wurde dafür ein Konzert – die österreichische Neofolk-Kapelle namens Jännerwein spielte auf.
Da das Konzert im Freien unter dem Licht des Vollmondes stattfinden sollte, war warme Kleidung freilich ein Muss. Mir war eh mehr nach Gemütlichkeit zumute, also blieb die Kalkdose geschlossen und der Reifrock verstaut im Schrank. Stattdessen Pikes und Pluderhosen und ein gescheiterter Versuch mit dem Toupierkamm – wo sich andere über mangelnde Haarpracht beschweren ist meine jahrelang gezüchtete Wolle dann wohl etwas zu viel des Guten *gg*

Kurz nach 22:00 Uhr kamen wir im beschaulichen Kalchreuth an, seitwärts in die Büsche ging es dann gen Waldrand, die Lokalität erwies sich als überaus uriger Biergarten – die Innenräume rustikal dekoriert mit Heuballen, Dreschflegel und Sense, der Vorhänge – solides weiß-rotes Karo, sorgfältig zurückgebunden. Und dazwischen tummelten sich schwarzgewandete Gestalten. Will auf den ersten Blick freilich so garnicht zusammenpassen, und etwas skurril wirkte die Szene zunächst auch.
Passend dazu war die „Eintrittskarte“ ein Ast-Scheibchen, aufgefädelt an einem Stück grober Paketschnur, mit dem man sich dieses Holzstückchen an den Klamotten festtüddeln konnte. Witzige Idee, mal was anderes als der obligatorische Stempel.

Die Räume waren, bis auf die Theke fast ausschließlich von Kerzenlicht beleuchtet, wir waren zeitig genug da um uns noch einen Sitzplatz zu reservieren, dann noch ein Glas Wein geordert und bei Neofolk-Klängen aus der Konserve etwas ins Plaudern gekommen.
Allerdings wuchs die Lautstärke im Laufe des Abends auf Disco-Pegel an, was für Unterhaltungen dann wenig optimal war – wäre es eine Tanzveranstaltung gewesen, wäre der Umstand freilich OK gewesen, aber in diesem Rahmen wäre etwas weniger Lautstärke angenehmer gewesen – auch wenn die Musik durchweg gut war.

Gegen Mitternacht spielten dann Jännerwein – nicht im Freien wie eigentlich gedacht sondern in der Gaststätte. Wir rückten die Tische ein wenig beiseite und ich wunderte mich wie auf dem doch recht eng bemessenen Raum die ganzen Musiker samt Gerätschaften Platz finden wollten.
Es ging – Neofolker haben den Vorteil daß elektronisches Gerät nicht unbedingt zum Einsatz kommt, und auch Bühnentechnik wie Mikrophone samt Verstärker waren in dem sehr kleinen Saal auch unnötig. Sprich, das Ganze war ein astreines unplugged-Konzert, passend für das Musikgenre freilich.
So war die Runde auch relativ „kuschlig“, die Besucherzahl war ausgesprochen überschaubar, der Raum wie gesagt auch eher klein. Wir saßen quasi direkt vor der Band – so mag ich Konzerte einfach am liebsten.

Jännerwein – das ist eine noch recht junge Neofolk-Band aus Salzburg die neben den neofolk-typischen Instrumenten wie Akustik-Gitarren und Streicher auch für das Genre exotischere Instrumente einsetzt, wie mittelalterliche Drehleiern und Dudelsäcke, was manchen Stücken einen leichten Hang ins Mittelalterliche verleiht, was aber nie zu sehr in den Vordergrund gerät.
Inhaltlich drehen sich die Werke um Mythen und Bräuche einer kargen, unwirtlichen Bergwelt, aber auch Gedichte werden vertont, beispielsweise aus der Romantik – und wie finster die „Romantik“ eigentlich war zeigt sich auch hier wieder. Die Musik ist passend dazu durchgehend melancholisch und düster, Stoff für einsame Winternächte bei Kerzenschein.

Der Name „Jännerwein“ ist hierbei vom oberbayrischen Volkslied „Der Wildschütz Jennerwein“ entlehnt, welches das Ende des Georg Jennerwein besingt – der 1877 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Jennerwein war von Beruf Holzknecht, was nicht ausreichte um seinen Unterhalt zu bestreiten, sodaß er anfing in den königlichen Wäldern um den Schliersee herum zu wildern, eine Art bayrischer Robin Hood.
Nach seinem Tod wurde er zur Legende und Symbolfigur der Auflehnung gegen die Obrigkeit, verehrt von den einfachen Menschen.
Sein Leben wurde auch mehrfach verfilmt.

Mit deutschsprachigem Neofolk werde ich offengestanden nur sehr selten warm, was meist an den wackligen Gesangskünsten der meisten „Sänger“ liegt, manchmal aber auch an arg aufgepresst wirkenden Texten. Englischsprachig wirkt das einfach anders, sogar wenn der Sänger mal etwas wacklig auf den Tönen ist.

Jännerwein war mir bereits ein Begriff, nur bewusst konnte ich mich an kein Musikstück erinnern, also habe ich mich nachmittags etwas eingehört. Komplett vom Hocker hat mich die Band da nicht gerissen, aber ich fand sie doch recht gut.

Live jedoch begeisterte die Band vom Fleck weg, alle vier Musiker haben wunderbare Singstimmen die auf den Aufnahmen meiner Meinung nach bei Weitem nicht so gut rauskommen wie im Konzert. Nach den ersten drei-vier Stücken standen die Jungs auf um feierlich das Kirchenlied „Tantum Ergo“ vorzutragen, vierstimmig und a capella. An sich ist Religion nichts was mich sonderlich betrifft, doch die Darbietung führte eindeutig zu Gänsehaut – das oben verlinkte Video kommt dem Live-Erlebnis ebenfalls nicht richtig nahe.
Einzelne Lieder hatten mit Trommeleinsatz auch einen sehr mitreißenden Military Pop-Anklang.

Zum Abschluss gab Jännerwein – wieder a capella – ein englischsprachiges Seemannslied zum Besten (habe noch nicht herausgefunden wie es hies, aber der Text war göttlich).

Kurz nach dem Konzert entschieden wir uns dann den Rückzug anzutreten da sich dann doch etwas Müdigkeit zeigte. Draußen zeigte sich der aktuell besonders erdnah stehende Vollmond in prächtiger Größe und beschien heller als sonst das Gelände um den Felsenkeller. Draußen war inzwischen das Lagerfeuer angezündet worden und einige Gäste scharten sich zum Luftschnappen darum, denn drinnen wurde es während des Konzertes schnell recht warm – wir waren ja auf nächtliches Freiluftkonzert eingestellt gewesen.
Eine wahrhaft magische Nacht die bei besserer Verfassung zum Verweilen und Weiterträumen nach dem großartigen Konzert geradezu eingeladen hätte. Jännerwein hatte einen ganz gut in die passende Stimmung versetzt – passend dazu war das Motto dieser Waid Noises Veranstaltung – Moon Music. Bestimmt hätte das Konzert im Freien am Lagerfeuer und unter dem hellen Mond sogar noch mehr Eindruck hinterlassen.

Fazit: Jännerwein is eine sehr schöne Neuentdeckung aus dem Neofolk, welche sich sicher jetzt öfters in meine Playlist verirren wird 😉
Die „Waid Noises“ ist eine ausgesprochen gelungene Veranstaltungsreihe die sich mehr als angenehm vom schwarzen Clubbesuch abhebt und durch den kleinen Rahmen etwas sehr familiäres an sich hat. Da werde ich mich ohne Zweifel gerne wieder „hinverirren“ 😉 – besonders wenn die Veranstalter noch öfters solche musikalische Perlen ausgraben.

Zum Schluss als musikalische Kostprobe noch ein Stück von Jännerwein: – „Klage“ – nach Joseph von Eichendorff, 1809, vom ersten Album „Abendgeläut“, 2008