Goth on the rocks – das WGT2016

Eine neue Erfahrung ist immer gut zur eigenen Horizonterweiterung und kann oftmals interessante neue Blickwinkel geben, nach 10 Jahren WGT, bei dem im letzten Jahr die Erfahrung „ein Pfingsten ohne das WGT“ erfolgte und als nicht wiederholungswürdig eingestuft wurde, gab es heuer das Experiment „WGT ohne Bändchen“.

Genau das.

Genau das.

Inwiefern man das als Empfehlenswert einstufen kann, zeigt die intensive Versuchsauswertung, deren Bericht ich an dieser Stelle für alle zugänglich machen möchte, damit kann jeder seine Schlußfolgerungen ziehen und gerne in Form eines Kommentars unter das hier vorliegende Versuchsprotokoll setzen.

Die erste Aufgabenstellung war – wie komme ich nach Leipzig. Da meine langjährige Reisegefährtin Victoria heuer ausfiel und ein eigenes Auto nur bedingt vorhanden ist, gab des da die Option „Zug“, welche sich nach dem diesjährigen Ausflug zur Buchmesse als erstaunlich angenehm herausstellte, dennoch gab es da das Problem „Gepäck“, das zum WGT ja bekanntlich doch etwas unhandlicher ausfällt. Zum Glück kennt man ja doch ein paar Leute, und so meldete sich auf meinen Hilferuf eine weitere Victoria, die mit ihrem Mann von Augsburg zum WGT anreiste und Platz für mich samt Gepäck hatte. An der A9 wurde ich aufgelesen und in zügigen und angenehm verquatschten anderhalb Stunden befanden wir uns auch bereits im Landeanflug auf die Grufti-Hauptstadt.

Unsere Route führte uns am Belantis vorbei, wo heuer die Eröffnungsveranstaltung stattfinden sollte, erstaunt und auch etwas entsetzt beobachteten wir da Massen, die den Platz vor dem Freizeitpark tiefschwarz einfärbten.

Am Bahnhof wurde ich abgesetzt und ein paar Meter weiter von Annette eingesammelt – alles erstaunlich perfekt und reibungslos. Faszinierend.

Der Donnerstag-Abend wurde dann traditionsgemäß mit dem Tanz auf der Wiese beim Parkschloß, veranstaltet von der Blauen Stunde, schön stimmungsvoll und gemütlich angegangen. Es war deutlich weniger los als in den Vorjahren, woran womöglich das Wetter und die Belantis-Veranstaltung Schuld gewesen sein mögen. Wir können nur spekulieren …

Entsprechend wenig bekannte Gesichter fanden wir, Dani, eine auch schon recht langjährige WGT-Freundin gesellte sich zu uns und Kathi, eine der jüngeren Spontis-Leserinnen, kam dann auch auf ein kleines Gespräch zu uns auf die Decke.

Gegen 1 Uhr trieb uns die Kälte und die Müdigkeit dann erstmal nach Hause.

Tage bei Annette und Hester fangen immer mit einem laut schnurrenden, schmusewütigen Kater an, und so rammte mir der feline Mitbewohner der beiden erstmal genüsslich den Kopf zwischen die Rippen, um sich von oben bis unten durchflauschen zu lassen. Auch der Prozess des Anziehens wird immer wieder mal katzbotiert, bevorzugt kurz nachdem man sich das Samt-Beinkleid an den Allerwerstesten gezogen hat, dann ist das in einem so unerträglich frischen Zustand daß man durch intensives Anschmusen erstmal gleichmässig Haare überall darauf verteilen muss.

Flausch mich!

Flausch mich!

Wir zogen zeitig los um zu einem Treffen am Panometer, wo heuer zum zweiten Mal das „Victorian Village“ stattfand, zu gelangen. Das „victorianische Dorf“ ist seit dem letzten Jahr quasi die weiterführende Veranstaltung des vormaligen victorianischen Picknicks, das auch ich durch den starken Andrang von Zaungästen und fotowütigen Zeitgenossen leider zunehmend ungemütlich fand. Das Picknick blieb dennoch ein Selbstläufer und findet wie gewohnt an alter Stelle statt, das Interesse, sich den Rudel-Abschuß anzutun war aber auch heuer genauso groß wie in den Jahren davor, daher war ich auf das Panometer gespannt.

Vor dem Victorian Village fand dann erstmal das „Lolita Treffen“ statt – eigentlich ist das ja nun nicht gerade mein persönliches Interessengebiet, und nein, natürlich wird der Adrian auf seine alten Tage jetzt nicht ganz wunderlich und fängt an, selbst kurze Rüschenkleidchen tragen zu wollen 😀 – Hester und Annette haben an dem Thema Gefallen gefunden, und ich halte das einfach nach dem Prinzip – immer schön neugierig bleiben und sich alles mal anschauen, vielleicht findet sich ja auch in dem Bereich ein neuer Kundenkreis, und wenn nicht, bestimmt einige nette Leute zum neu kennenlernen.

Lolita.Treffen am Panometer - und dazwischen lugt eine einsame Kalkleiste hervor ...

Lolita-Treffen am Panometer – und dazwischen lugt eine einsame Kalkleiste hervor …

Letztenendes war es so dann auch – ein paar meiner Flyer wanderten weiter und die anwesenden Mädels waren allesamt richtig nett und liebenswürdig. Ich habe versucht mich als männliches Gegenstück ein klein wenig anzupassen und klemmte mir für ein bisschen „Ouji-Style“* noch ein Krönchen schräg ins weiße Zweithaar. Das mit dem Kalk im Gesicht hätte ich zur Not auch ganz japanisch als „Shiro nuri“** verkaufen können – also, hätte jemand ob meiner Erscheinung komisch geguckt. Hat aber keiner.
Ganz im Gegenteil.

Im Panometer angekommen.

Im Panometer angekommen.

Vor dem Panometer machten wir noch ein paar Erinnerungsbilder für uns, und wanderten dann geschlossen nach Innen. Dort löste sich die Gruppe aber auch schon weitestgehend wieder auf, mit ein paar anderen kam man hingegen noch ganz angeregt ins Gespräch.

Das Victorian Village gefiel uns allen richtig gut, nicht überlaufen und kein permanentes Blitzlichtgewitter. Man konnte recht gemütlich unter sich die Szenerie genießen und sich unterhalten, rings herum waren die Stände kleiner Designer und Kunsthandwerker aufgebaut, von denen einige auch teils schon langjährige Bekannte und nun Kollegen sind, sodaß man die eine oder andere Fachsimpelei austauschen konnte. Im nächsten Jahr werden Annette und auch ich voraussichtlich ebenfalls mit Stand dort vertreten sein – auch wenn es noch hin ist bis dort – ihr könnt gerne schonmal kund tun, was ihr so sehen wollen würdet, dann kann ich schonmal anfangen, ein paar Sachen dafür einzuplanen.

Füße auf dem Südfriedhof

Füße auf dem Südfriedhof

Danach verschlug es uns erstmal in die Innenstadt, beim DM die obligatorisch-vergessenen Nachlackier-Hilfsmittel besorgen, eine Kleinigkeit zu Beißen suchen (Bäcker-Pizza, keine Jungfrauen – auch wenn das jetzt enttäuschend sein mag 😉 ) und hausgemachten Eistee in der „Milchbar“ einfüllen. Die Programmzusammenstellung der Gruppe „WGT ohne Bändchen“ spuckte uns dann noch eine Führung mit Vortrag zu Fledermäusen auf dem Südfriedhof aus, also wechselte ich schnell von Pikes auf meine ausgelatschten Anzugtreter, da die ramponierten Füße wegen längerer Pikes-Abstinenz ein paar Einwände einzubringen hatten.

Hester und Annette gehen auf Tauchstation im Gras

Hester und Annette gehen auf Tauchstation im Gras

Zu besagter Führung fanden sich aber so viele Leute ein, daß man keine Chance hatte, mehr als nur ein gelegentliches „Fledermaus“ aus dem Stimmengewirr herauszuhören, wir beschlossen also, alleine noch ein wenig auf dem Südfriedhof herumzulaufen und die Chance zu nutzen, ein paar Bilder zu machen – immerhin ist Hester eine tolle Hobby-Photographin. Generell haben wir das Wochenende recht intensiv zum Bildermachen für uns genutzt.

Manch schönes Bild sieht aus einer anderen Perspektive reichlich albern aus ...

Manch schönes Bild sieht aus einer anderen Perspektive reichlich albern aus …

Gegen zehn Uhr erklärten wir den Freitag auch schon für beendet – also ungewöhnlich früh für so ein WGT, was irgendwo schade war, andererseits aber auch recht entspannt, ich nutzte die Gelegenheit, den Kalk besonders gründlich aus jeder Pore des Gesichtes herauszuschrubben – wenn man das sonst immer im Halbschlaf und völlig platt, nachts um halb vier machen muss, schätzt man die ausreichende Zeit dafür durchaus.

Wir sichteten also unsere Bilder-Ausbeute, quatschten noch ein wenig und stöberten in der Programmauflistung für die Bändchen-losen. Um Mitternacht lagen wir dann schon flach und schnarchten dem nächsten Tag entgegen.

Während das Freitagswetter noch nahezu ideale Bedingungen bot – also nicht zu kalt und nicht zu warm, und lediglich ein kurzer Regenschauer – zeigte sich der Samstag von einer besonders ekligen Seite. Aprilwetter mit Regen, ja sogar Graupel, naßkaltem Wind und definitiv zu tiefen Temperaturen.

ungruftiges Rumblödeln auf dem Spielplatz Bild von Steffi Baumann

ungruftiges Rumblödeln auf dem Spielplatz
Bild von Steffi Baumann

Unsere erste Anlaufstelle war eine Freundin von Annette und Hester, die von uns im Friedenspark ein paar Bilder machen wollte. Nachdem sowas irgendwann immer in Albernheiten ausartet, gabs erstmal eine Aufwärmrunde auf dem Spielplatz – irgendwo in meiner linken Pikes-Spitze müsste noch Sand sein …

Die Damen bekamen dann spontan Hunger auf Nudeln mit Käsesoße, also flüchteten wir in der Innenstadt zu einem italienischen Restaurant vor der Kälte und leiteten noch ein paar Freunde dorthin um.

Aufwärmen beim Italiener - mit Käse-Nudeln (die sind aber fotoscheu ;) )

Aufwärmen beim Italiener – mit Käse-Nudeln (die sind aber fotoscheu 😉 )

Um 16:00 Uhr wäre dann ein Konzert gewesen, welches als Nicht-Bändel-Besitzer besuchbar gewesen wäre, und da es sich um das Industrial-Urgestein namens „Test Dept.“ handelte, welches auch Dauergast auf Göttertanz-Playlists ist, hatten wir uns das eigentlich auch vorgenommen.

Eigentlich.

Wir hielten uns zu lange im Lokal auf, auch weil die Bedienung aufgrund des WGT-typischen Andrangs relativ zäh verlief und verpassten in alter Tradition eins der wenigen Konzerte auf dem Plan selbstredend haushoch. wir stellen also fest: auch ohne das Ticket schafft man Konzerte verpassen ganz ohne sich anzustrengen.

Die Abendgestaltung sollte dann im heidnischen Dorf stattfinden, auch mit einem Konzert – Estampie.

Ihr dürft raten.

Genau.

Diesmal war der Hinderungsgrund aber die Kälte und die immer wieder drohenden Regenschauer, wir flüchteten also durchgefroren nach Hause, und während Hester nochmal zu einer J-Rock Party weiterzog,  wärmte ich mich erstmal mittels ausgiebigsten Entkalkungs-Maßnahmen unter der heißen Dusche auf, warf einen Blick auf Facebook an Annettes Rechner (ich bin schließlich Mobilinternetverweigerer!), schickte noch ein paar Infos an Leute raus die ich die folgenden Tage noch treffen wollte, und sich trotz der Warnungen via Facebook gemeldet hatten.

Sonntag morgen – das Wetter wurde nicht viel besser, der Kater verteilte weiterhin fleißig Haare auf Ausgehklamotten und hat mich schon längst als dritten Dosenöffner akzeptiert – und die Damen beschlossen, hauptsächlich aufgrund des erstgenannten Umstandes, das von den beiden organisierte historische Tanzen im Park ausfallen zu lassen.

Die Regenschauer wurden zwar weniger, trotzdem ist so ein durchgefeuchteter Untergrund nicht grade Tanztauglich. Ich wechselte noch ein paar SMS mit einer Photographin die ich an diesem Tag treffen wollte, dann steuerten wir das Grassi-Museum an.

Vier frieren vor dem Grassi-Museum

Vier frieren vor dem Grassi-Museum

Vor dem Eingang tummelte sich schon eine schwarze Menge, zu der sich bald ein paar Bekannte von uns dazugesellten, die uns auch darüber aufklärten, daß der Auflauf die „Weinverkostung zum WGT“ war. Also, jeder brachte Wein mit, der dann gemeinschaftlich vor dem Museum vernichtet wurde.

Wir froren fleißig vor uns hin, während wir auf weitere Freunde warteten, auch meine Photographin lies dann nicht mehr zu lange auf sich warten, allerdings mussten wir erstmal vor einem Regenguß ins Innere des Museums flüchten, dort rannte ich nochmal in Freunde aus Bayreuth, man verquatschte sich bis das Wetter wieder besser wurde und wir uns in den anschließenden Johannispark für die geplanten Bilder bewegen konnten. Dort hatten wir dann Glück, für längere Zeit war der Himmel sogar wolkenfrei und der schwarze Pelz wärmte sich im Sonnenlicht endlich mal schön angenehm auf.

Im Grassi-Museum hing die Pfingstgeflüster-Ausstellung von Markus Rietzsch, auch von mir war eine der Aufnahmen aus den Vorjahren dabei, im ganzen Gewühl habe ich es selbst aber nicht mehr in die Ausstellung geschafft, also berichtete mir Hester, welches Bild von mir dort zu sehen war.

Nach der Bilder-Aktion waren wir aber trotz der Sonne wieder einmal durchgefroren, also suchten wir uns vier Wände mit Dach drüber und schlenderten durch die Ausstellung des Labels „Lucardis Feist“ im noblen Fürstenhof. Dort rauschte ich in eine weitere Bekannte und Kundin, dummerweise schlug da meine Gesichtsblindheit voll zu und ich stand erstmal komplett verwirrt vor ihr.

Wir run mal so, also wäre von oben nicht schon genug Wasser gekommen ...

Wir run mal so, also wäre von oben nicht schon genug Wasser gekommen …

Inzwischen bin ich zwar recht gut darin, meine Unfähigkeit, Leute zu erkennen, zu überspielen, bis im Gespräch dann genug Anhaltspunkte zu Wort kommen, an denen ich mein Gegenüber identifizieren kann – nur manchmal klappt das eben auch nicht … es tut mir wirklich fürchterlich leid, aber ich kann nichts dafür  – ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel.

Jedenfalls verabredeten wir uns noch für den folgenden Tag, warteten einen weiteren Regenguß im Hotel ab und wanderten dann los um etwas gegen das aufkommende, kollektive Magenknurren zu unternehmen.

Kurz vor der Innenstadt hüpften wir noch ein wenig Bilderschießend um ein paar Springbrunnen herum, und es kam wie es kommen musste – Passanten zückten die Handykameras und fragten einer nach dem anderen nach einem Bild. Naja, es nahm immerhin nicht überhand und man zeigte sich auch recht interessiert an der Szene und dem Ganzen, ein Mann fragte mich ausgiebigst, wie „wir“ uns organisieren, und wie das alles so abliefe, setzte dann noch hinzu daß es sicher auch toll sein müsse, wenn man sich dann einmal im Jahr so schön „verkleiden“ könne und dann aus dem Alltag so ausbrechen könne – wie zu erwarten erntete ich einen erstaunten Gesichtsaudruck auf meine Aussage hin, daß ich – wie viele andere aus der Szene eben auch – recht konsequent auch alltags schwarz trage, und eben auch ausserhalb des WGTs andere Veranstaltungen sind auf denen man sich trifft und Gelegenheit hat „etwas mehr“ als Alltagsüblich in die Malerkiste zu greifen – ohne daß man das aus Gründen der „Verkleidung“ tut, sondern eben weil es Teil der persönlichen Szene-Identifikation und Ausdrucksmittel ist.

Einen schönen Kommentar zu Kleidung und Verkleidung gibt es von Dunja Brill auf den MDR-Seiten zum WGT den man sich unbedingt in dem Zusammenhang mal anhören sollte.

Man könnte fast meinen, es wäre schönes Wetter gewesen.

Man könnte fast meinen, es wäre schönes Wetter gewesen.

Ich muss aber auch sagen daß ich, jetzt wo ich auch in der Cosplay-Szene (die natürlich garnichts mit WGT und Goth-Tum zu tun hat) ein wenig herumgegeistert bin, ein paar Ideen habe, woran diese Verkleidungs-Aussenwahrnehmung der Szene noch liegen könne (als Ergänzung vielleicht zu dem was ja schon länger Gegenstand der Diskussion ist) – doch dem werde ich dann einen eigenen Artikel widmen.
Dort gibt es nach Veranstaltungen nämlich ganz ähnliche Reaktionen wie „hat uns jemand photographiert, schickt uns bitte die Bilder!“ – nur der Umgang damit ist deutlich ein Anderer. Vielleicht verwechseln Aussenstehende beide Szenen auch gerne mal?

Doch weiter im Programm – fürs Essen-Fassen haben wir uns an diesem Tag für Sushi entschieden. Und damit gab es für dieses WGT ein weiteres Novum für mich – ich rationalisiere bei solchen Veranstaltungen die Nahrungsaufnahme oft so ziemlich weg, ich bin an sich kein Fan von Essen-Gehen, und wenns dann anders nicht mehr geht, inhaliert man eher schnell an einer Ecke etwas von einer Imbiß-Bude und verkriecht sich dabei in irgend ein dunkles Eck um sogut wie möglich dabei seine verdammte Ruhe zu haben.

Der Haufen in der Sushi-Bar - nur echt mit im Kreis fahrendem Essen!

Der Haufen in der Sushi-Bar – nur echt mit im Kreis fahrendem Essen!

Doch die schon angesprochene Kälte macht irgendwo drinnen sitzen einfach angenehmer, und ich bin inzwischen auch deutlich entspannter, ausserdem fielen durch das Nichtvorhandensein des Bändchens einige andere Ausgaben weg, eingekauft habe ich sowieso nur eine David Bowie-Kachel im „Victorian Village“, da kann man sich dann auch an anderer Stelle mal was gönnen.

Ich war noch nie in einem Sushi-Restaurant in dem das Essen auf mittig platziertem Förderband an den Gästen vorbeizieht. Wir bestellten also asiatischen, hausgemachten Eistee und legten dann los. Es war tatsächlich ziemlich lustig und sollte definitiv wiederholt werden, wir waren alle viere am Ende auf rollbarem Niveau voll mit Sushi und anderem asiatischen Essen, daß es nicht schaffte, schnell genug an uns vorbeizufahren.

eine Miso-Suppe passt noch irgendwie rein ...

eine Miso-Suppe passt noch irgendwie rein …

Zur allgemeinen Verdauung hatten wir noch einen kleinen Spaziergang zurück zum Auto, mitten durch die Innenstadt vor uns – ein paar Photographen und Passanten mit Handykameras kamen noch an uns vorbei, aber im Großen und Ganzen war die Stadt um die Zeit dann schon fast leergefegt.

Da wir die Tage zuvor zeitig zuhause waren, und die Wedel-Parties, die nun seit 2008 fest im WGT-Programm sind, ohne Bändchenbesitz diesmal nicht besuchbar waren, sind wir in Sachen abendliche Party bis dahin leer ausgegangen, doch heuer waren die Wave-Abende im Beyerhaus-Keller wieder vorhanden und auch gegen Entgeld zugänglich, daher wollten wir wenigstens einen Tanz-Abend mitnehmen, ausserdem fand ich 2013 den Beyerhaus-Keller optisch und ambientig einfach großartig, und auch die Musikauswahl war vor drei Jahren eigentlich richtig granatig.

Wir fuhren also zuerst einmal kurz in die Wohnung, luden die warmen Umhänge und Schirme ab, und ich tauschte die weiße Kontaktlinse aus und entledigte mich des grau-weißen Zweithaares. Damit wären wir bei einem weiteren WGT-Novum: Perücken mochte ich eigentlich nie, irgendwie fanden dann aber für Cosplay doch ein paar dieser Dinger ihren Weg in meinen Schrank, also dachte ich mir mal – weiße Haare sind schon irgendwie cool, ich probiers mal aus.

Und ja – ich muss zugeben, das Endprodukt mit Zweithaar gefiel mir dann ausserordentlich gut – aus diesem Grund rannte ich dann drei Tage in Folge mit dem Ding auf dem Kopf herum. Nur am Abend des dritten welchen war ich dann auch froh um das erstaunlich zugige Gefühl auf dem Kopf. Eine Erfindung des WGT-Wochenendes war daher dann auch der Perücken- und Haarteil-Kratzer  – ähnlich wie der Rückenkratzer, nur kleiner eben. Alle Herrschaften aus unserem Bekanntenkreis, die ebenfalls Perücken oder Haarteile oder größeren Kopfschmuck tragen waren sich einig – wir müssen damit in Produktion gehen!

Der Beyerhaus-Keller - hier noch recht leer

Der Beyerhaus-Keller – hier noch recht leer

Zurück zum Beyerhaus-Keller. Wir standen zeitig vor der Tür, und als wir dann auch den Eingang fanden (der vor drei Jahren woanders war), saßen wir erstmal relativ alleine drinnen, lauschten den Soundchecks und beobachteten wie einige Techniker noch an Teilen der Beleuchtung herumfummelten. Annette und Hester fummelten derweil an ihren Handies herum – aber um ein paar Ambiente-Bilder von der Umgebung zu machen und Detailaufnahmen von diversen Scheinwerfern und Lichtspielen an Wänden und Personen.

Dabei entstand auch der folgende psychedelische Wave-Adrian, nur echt mit der Laser-Show auf der gesichtsgelegenen Kalk-Leinwand:

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Die Musikauswahl war wie vor drei Jahren formidabel, auch Herrn von Karnsteins Stimme, in Form seines Wave-Musikprojektes „Farblos“ war zu belauschen, gegen 12 Uhr füllte sich der Saal dann auch merklich, leider tat das der Stimmung ausnahmsweise den Abbruch schlechthin. Menschen die mitten auf der Tanzfläche Nachrichten in ihre Schlaufons tippten und laute, trotz des Wetters leicht bekleidete Damen, die sichtlich mehr als genug Alkohol intus hatten und fröhlich am Bar-Tresen vor sich hinschwankten … Hester schlief eh schon fast – sie war ja am Vorabend schon lange aus gewesen, daher brachen wir gen halb zwei Uhr auch wieder auf.

Und damit näherten wir uns auch schon dem letzten Tag des WGTs. Ich zupfte ein paar Katzenhaare von meinen neuen, gestreiften Pluderhosen, gab aber recht schnell wieder auf, und machte mich an die Details der gruftigen Kriegsbemalung.

Malerearbeiten in Arbeit - ich brauche noch ein "Vorsicht - frisch gestrichen!" - Schild :D

Malerarbeiten im Gange – ich brauche noch ein „Vorsicht – frisch gestrichen!“ – Schild 😀

Wir verabredeten und am Südplatz mit Freunden, einmal Susi, ebenfalls aus Leipzig, die via Tram zu uns stieß, und Anita nebst Freund – die ich am Vortag im Fürstenhof so grandios nichterkannt habe. Wir wanderte zu einer nahegelegenen Grünfläche und plauderten, ich nahm Maß für einen Kleider-Auftrag und zeigte Stoffproben her, die ich extra für meine Kundin mitgebracht hatte. Da Anita auch zur bildermachenden Fraktion gehört, nutzten wir auch ein halbes Stündchen für ein paar Bilder – als selbstständiger Schneider brauche ich natürlich auch zu Werbezwecken Augenfutter, denn ohne Bildmaterial keine Aufträge. Ganz logisch …

Schon wieder Bilder machen ...

Schon wieder Bilder machen … diesmal mit Anita Stellmacher

Wir trennten uns dann kurz und trafen uns beim inzwischen auch schon obligatorischen Spontis-Treffen nahe der Moritzbastei wieder – und dort tummelte sich eine schwarze Masse an Pikes-Trägern, Iros und wavigen Wuschelfrisurbesitzern. Das Treffen ist jedes Jahr immer wieder schön, man sieht alte Bekannte wieder die teils auch zu Freunden wurden im Laufe der Zeit, sowie neu hinzugekommene Leser von Roberts Blog, welcher unter spontis.de zu finden ist.

Wie immer unterhält man sich vorzüglich, hat andererseits aber auch wieder zu wenig Zeit um längere Gespräche zu führen, man wuselt vom Einen zum Anderen , und natürlich ist der Pikes-Kreis, der Jahr um Jahr an Umfang zunimmt, ein Muss.

Sicher wird sich Robert auch nochmal zu dem Treffen äussern – und wie immer gab es auch den Spontis-Treffen-Button sowie das kleine Magazin zum Blog, das von Jahr zu Jahr ein Stück professioneller wird.

Platzierungen für den Pikes-Kreis werden eingenommen

Platzierungen für den Pikes-Kreis werden eingenommen

Die Gruppe löste sich dann tröpfchenweise auf, und als nur noch eine schwarze Pfütze übrig war, verabschiedete ich auch mich, da ich meine Damen nicht weiter warten lassen wollte.

Wir steuerten dann auf das Umaii in der Innenstadt zu – ein weiteres japanisches Restaurant das sich hauptsächlich auf Ramen spezialisiert hatte.

Bis auf einen etwas verunglückten Heim-Versuch bei dem auch nicht alle Zutaten auftreibbar waren, hatte ich noch keine anständigen Ramen getestet – also eine weitere neue Erfahrung.

Bei dem immernoch anhaltenden Pisswetter war so eine warme, japanische Nudelsuppe genau perfekt, auf den stilgerechten Suppen-Schlürf-Vorgang habe ich aber verzichtet, das hätte der Kalk dann doch nicht ganz ausgehalten …

Ramen Nicht meine, sondern Annettes ...

Ramen
Nicht meine, sondern Annettes …

Das Lokal war jedoch reichlich leergefressen, beim Nachtisch-ordern waren eine ganze Reihe Dinge nicht mehr verfügbar, und Bekannte von uns, die gerade kamen als wir gingen, berichteten am nächsten Tag daß bei deren Bestellung noch weniger Zutaten vorhanden waren als bei uns noch.

Wir setzten dann Susi bei ihr zuhause ab, durch einen glücklichen Zufall hatte sie ein Paar Pikes übrig daß sie nicht trug, und wir noch dazu die gleiche Schuhgröße – und so wanderte ein weiteres Paar in meinen Besitz über.

Die Agra hatten wir die Tage über nicht angesteuert, da wir ohne Band eh nicht aufs Gelände konnten, jedoch wollten wir später zur Abschlußveranstaltung der Blauen Stunde, und das Haus ist von der Agra nicht weit entfernt, daher wickelten wir uns erstmal in alle Kleidungsstücke ein die wir dabei hatten und setzten uns noch ein Weilchen vor das Messegelände, in der Hoffnung daß noch ein paar unserer Bekannten vorbeikamen, die wir bislang nicht gesehen hatten.

Bedingt durch das Wetter und unser sonstiges Fernbleiben von der Agra sind uns die Massen der Besucher weitestgehend entgangen, doch unser Eindruck war, daß man Cyber kaum mehr sieht und der generelle Trend wieder ein Stückweit mehr zu klassischen Wave-Matten, Pikes und Pluderhosen gegangen ist als noch in den Vorjahren. Wer da aber andere Eindrücke hat, darf die sehr gerne in den Kommentaren mitteilen.

Vor der Agra hatten wir tatsächlich noch wen getroffen – das Pärchen kannte ich bislang zwar nicht, dafür Hester und Annette, doch relativ schnell landeten wir wieder beim Rumblödeln – besonders unser Einfall von einem der Vortage – das Grufti-Yoga für Morgenmuffel mit den Übungen „die Grabplatte“ und „der schlappe Zombie“ sorgten für einiges an Erheiterung und hemmungsloses Weiterspinnen der Idee. Auch der „Sanitär-Cyber“ hatte eine erneute Erwähnung und wurde noch etwas fachgerecht ausstaffiert.

Die Blaue Stunde

Die Blaue Stunde

Wir zogen dann weiter zum Haus der Blauen Stunde und konnten unser Stamm-Sofa, im Wohnzimmer gleich im Eck hinter dem großen Tisch, wieder besetzen. Dani traf nebst Freund etwas später ein, und so konnte man in Ruhe das WGT ausklingen lassen, während vom Nebenzimmer „Bauhaus“ hereindrang.

Das Haus füllte sich bald, aber nie übermässig, ich kam noch ins Gespräch mit ein paar Leuten die sich für victorianische Kleidung interessierten, machte erste Beratungen und erklärte den Aufbau und verteilte meine restlichen Flyer. Frank von der Blauen Stunde zeigte mir ein Plätzchen an dem ich den letzten Rest dann auslegen konnte, auf dem Tisch platzierte ich auch ein paar, die kurz darauf interessiert studiert wurden.

Samstags im heidnischen Dorf kam auch jemand auf Florentine zugestürmt – die an dem Tag Tournüre trug – mit der Frage wo man solche Kleider herbekommt. Mein Einsatz!

Und jetzt bin ich natürlich ganz gespannt was sich aus spontanen Beratungen, Plaudereien und Flyer-Verteilen noch so ergibt …

Die Blaue Stunde verließen wir um ein Uhr, also auch vergleichsweise zeitig, Dani rief vor Ort noch im Puschkin an, an dem dienstags unser obligatorisches Voll-im-Arsch-Frühstück stattfindet, nur wurde diesmal vergessen, daß wir dazu einen Tisch reservieren wollten, zum Glück lies sich das so kurzfristig aber noch regeln.

Dienstage nach WGTs sind immer so eine Sache, man ist müde und hängt durch und ist entsetzt daß vier Tage Treffen schon wieder so unglaublich schnell vergangen sind.

Mii-tan – Annettes Kater – kam dreimal ins Bett hochgekrochen und verlangte Krauleinheiten – und irgendwie war er da wieder, der schlappe Zombie 😀

Irgendwann  hatte das Katertier mich wach genug daß ich mich schonmal ins Bad schlich und die Dusche besetzte um Kalkreste und Haarlack vom Vortag gar abzuschrubben.

Der Koffer wurde neu geschichtet – da ich zur Anreise schon alles reingepresst hatte was ich reinbekommen habe, war „reinwerfen und zumachen“ diesmal keine Option, jeder Quadratmillimeter musste ausgenutzt werden.

Das Puschkin war gut gefüllt, wie gewohnt, doch auch hier gab es weniger Andrang als in manchen Vorjahren.

Alwa und Mike saßen da schon, ich habe mich riesig gefreut die beiden endlich mal wieder sehen zu können, freitags sind wir uns im Panometer schon begegnet, doch ein bisschen genauer quatschen über diverse Dinge war dann im Puschkin einfach besser.

Die Frühstücksrunde fiel wesentlich kleiner aus als in manch anderen Jahren, neben Alwa, Mike, Hester, Annette, Dani und ihrem Freund Severin sowie mir, kam noch ein Paar aus Hamburg dazu das wir seit vielen Jahren am WGT wiedertreffen, der Erstkontakt war hier auch, wie bei sehr vielen Bekannten und inzwischen guten Freunden, über das sogenannte „grüne Forum“ in dem man sich über historische Kleidung austauschen kann. Ich bin jedoch schon seit Jahren dort nicht mehr aktiv, man hält aber den Kontakt heutzutage vornehmlich über Facebook weiter.

Gegen zwei Uhr war es dann Zeit für das große Verabschieden, mein Gepäck luden wir in Danis Auto um, das Severin fachgerecht umschlichtete, Dani hatte als erfahrene Tournürendame natürlich einiges an Stoff bei sich – im eigenhändig vernähtem Zustande natürlich – aber noch war genug Platz für einen schmalen Kerl und seinen Dreispitz.

In großzügigen anderhalb Stunden kamen wir auch schon an meiner Abwurfstelle an der A9 vorbei, in einer weiteren halben Stunde war ich dann wieder in den eigenen vier Wänden, wo mein eigener Kater die Taschen, ob der ungewohnten Gerüche, die natürlich auch von den zwei Katzen (Chi, das Mädel ist ziemlich scheu, im Gegensatz zu ihrem brutalschmusigen Bruder), die bei Annette und Hester wohnen, herrührten, ausgiebigst abschnuffelte.

Und damit ist ein weiteres WGT leider schon wieder Geschichte …

Fazit des Ganzen: WGT ohne Bändchen ist möglich und es finden sich genug Programmpunkte die man problemlos mitnehmen kann. Ob ich das jedoch wiederhole ist eine andere Geschichte, die Agra hat mir ein wenig gefehlt – weniger wegen der *hust* Atmosphäre da und noch weniger wegen den Konzerten, auch die Verkaufshalle brauche ich nicht zwingend, in den letzten Jahren habe ich sowieso nur Ringelsocken gekauft dort. Aber als Treffpunkt an dem sich früher oder später alle Bekannten die man im Lauf von gut zehn Jahren WGT nun so alle kennengelernt hat, ist die Agra einfach ein Teil davon. Natürlich bleibt mehr als fraglich ob das Agra-Abhäng-Kriterium die Geldausgabe für die Karte rechtfertigen würde – denn das tut es definitiv nicht, also warten wir bis es im nächsten Jahr mit dem Programm soweit ist daß man absehen kann, ob es sich generell lohnen würde.

Wäre das Wetter insgesamt besser gewesen, hätte man auch sicher noch einige Aktivitäten mehr mitnehmen können, doch für das Wetter kann man nunmal nichts.

Viele Bändchenverweigerer begründeten ihre Entscheidung ja auch mit der Band-Auswahl, in der Hinsicht aber muss ich sagen daß ich eigentlich recht viele Bands gefunden hatte, die ich durchaus hätte sehen wollen, und bei der Dreckskälte wäre die Motivation, sich in einen Konzertsaal zu begeben, sicher auch höher gewesen als bei den warmen bis heftig heißen WGTs der Vorjahre, wo man leichter mal draußen versumpfen konnte. Trotzdem hatten wir unseren Spaß und auch wenn die Bändchenlosigkeit das Ganze ein wenig seltsam gemacht hatte, so war es wieder ein tolles WGT – aber warten wir mal auf das nächste Jahr mit der Entscheidung, ob dann wieder richtig und mit Karte, oder doch wieder ohne.

Nur das Wetter möge bitte deutlich besser werden …

*Ouji = japanisch für „Prinz“, ein Begriff der unter anderem für das männliche Gegenstück zu Lolita verwendet wird, ist ebenfalls inspiriert von victorianischer Kleidung.

*Shironuri = japanisch für „weiß angemalt“ – bezieht sich auf das weiße Make-Up, ein gesonderter Artikel folgt.

Rosa’s klamottiger Giftschrank

Ich bin mir noch nicht ganz sicher ob ich es hassen soll oder lieben, sicherheitshalber entscheide ich mich mal für Letzteres, denn Elternbesuche bergen oft eine nicht zu unterschätzende Gefahr: da erinnert man sich plötzlich an den einen oder anderen Gegenstand den man vor sehr vielen Jahren in irgend einen Karton gepackt hatte und unter irgend welchen anderen Kartons auf dem Dachboden abstellte, entscheidet daß ebendieser Gegenstand inzwischen doch wieder nützlich ein könne und beschließt selbigen zu suchen.
Dabei fallen einem die unmöglichsten Dinge in die Finger, Erinnerungen und alte Geschichten werden herausgekramt und nach Stunden im Staub wühlen hat man zwr bergeweise alten Kram gefunden, meist aber genau nicht den Gegenstand den man eigentlich gesucht hatte.

So war ich heute beispielsweise auf der Suche nach einem alten Jackett – der Rest ist vorhersehbar – ich fand es nicht, aber etliche Kleidungsstücke die ich zwischen 14 und 18 selbst gemacht oder umdekoriert hatte und natürlich stolz trug.

Wie ich in meinem Gothic-Friday Artikel zum Thema „Wie bist Du in die Szene gekommen“ schrub, bin ich in dem Alter noch nicht konsequent schwarz durch die Gegend gelaufen obwohl mich diese Nicht-Farbe bereits sehr faszinierte, ich probierte mich fröhlich aus und wechselte von tiefschwarz zu knallbunt und dann wieder zu schwarz zurück.
Und wenn ich knallbunt sage, meine ich keinesfalls schnödes feuerwehrrot oder leuchtgrün – nein, wenn ich knallbunt sage dann meine ich das ziemlich ernst – man kann sagen ich pendelte von einem Extrem ins andere, ohne Zwischenstops.

Da ich zu meiner partiell knallbunten Jugend voll und ganz stehe – womöglich habe ich es teilweise so übertrieben daß mein Bedarf für Farbe bis zum Lebensende dann verbraten wurde – präsentiere ich die haarsträubendsten Teile aus meinem jugendlichen Klamottenschrank.

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Fangen wir erst einmal recht harmlos an. Wie ich ebenfalls in oben genanntem Artikel erwähnte, habe ich mich gern bei dem bedient was meine Eltern aus ihren Kleiderschränken ausrangierten. Einiges wurde vor dem Weitergebrauch aber erstmal umgestaltet, wie beispielsweise diese Jeansjacke die sich meine Mutter in den 80ern gekauft hatte und eigentlich im Originalzustand schon ganz witzig war – den Rücken zierte buntgescheckter Organza, den ich aber abtrennte da ich die Jacke etwas individueller haben wollte.

Die Idee dazu kam mir als ich zufällig den Film „Susan, verzweifelt gesucht“ gesehen hatte. Inhaltlich zwar völlig belanglos, aber der 80er Look ist einfach genial – auch wenn der anno 1994 noch nicht so arg weit weg war, ich stand damals schon drauf.
Inspiration war Madonnas grüne Jacke mit der großen Pyramide auf dem Rücken, welche auch im Trailer oben zu sehen ist.
Da Seidenmalerei zu der Zeit als Hobby „in“ war, griff ich zu den Seidenfarben und malte diverse altägyptische Symbole – den Lotos, Symbol für Wiedergeburt, Leben und die Sonne, das Ankh, ebenfalls ein Symbol des Lebens und das Horusauge, Symbol für den Mond, Vervollständigung, Schutz und Kraft, auf die Seide und lies meine Mutter das Ganze für mich auf den Rücken der Jacke nähen.

hose_vAusstellungsstück Nummer zwei ist leider eine Unvollendete.

Ich muss zugeben daß ich einen sehr großen Bedarf an weißen Jeans hatte zu der Zeit, aber nachdem es mich mit meinen schneeweißen Schlaghosen regelmässig immer dann wenn ich die trug in die nächstbeste Schlammpfütze gelegt hatte und das Problem durch den Färbe-Eimer erstaunlicherweise schlagartig aufhörte (ein Omen ^^), waren weiße Hosen nur noch Rohmaterial für weitere Bearbeitung.

Am liebsten tobte ich mich mit Schnurbatik aus und saute das Bad so treffsicher flächendeckend ein, abgesehen davon sind allerdings Leinwände aus dem Kunstmalerbedarf, auch nur Baumwollstoff, da lag es nahe zur Stoff-Farbe zu greifen um tragbare Kunst zu verbrechen.

Auf dieser Hosenvorderseite findet sich mein Interesse für Astronomie, Surrealismus und ein weiteres mal – altägyptische Mythologie.hose_h

Das eine fertiggestellte Hinterbein zeigt eine wolkenverhangene Vollmondnacht, eine Film Noir Szene in der der Protagonist, der desillusionierte Privatschnüffler grade auf seine Stammkneipe zusteuert um seinen Kummer in Bourbon zu ertränken und am unteren Rande, wieder Vollmond, diesmal über den hoch aufragenden Wolkenkratzern einer Riesenmetropole – ein sehr persönliches Symbol ,das ich einerseits mit den Detektivromanen verband die ich damals lieben gelernt habe, anderereseits für die Anonymität von Großstäden die gleichermaßen bedrückend als auch angenehm sein kann.

In Natura ist die ganze Hose ein einziger optischer Overkill, teilweise hatte ich Metallicfarben mit vielen Glitzerpartikeln verwendet, was hier auch wieder als ein Kontrast zu den Motiven an sich gedacht war.

Wer jetzt noch nicht daran gedacht hat, zur Sonnenbrille zu greifen, der sollte das spätestens jetzt tun. Wir kommen zu meinem Lieblingspullover meiner Teenie-Zeit.

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Zu der Zeit habe ich noch nicht ernsthaft selbst genäht, dafür kilometerweise Wolle verstrickt. Pullover mussten vor allem eines sein: anders. Dieses Stück entstand aus allen Wollresten die ich bis dahin angesammelt hatte, in Rekordzeit von 2 Wochen. Ich hatte praktisch überall mein Strickzeug dabei und hab auch öfters Rüffel kassiert als ich im Unterricht einfach weitergestrickt hatte. Ich war der Auffassung sowohl Aufpassen zu können als auch die Finger beschäftigt zu haben. Glauben wollte mir das leider kaum ein Lehrer obwohl die Hände tatsächlich irgendwann auf Automatik liefen und der Kopf da nicht weiter involviert war.

Jedenfalls, dieses hirnzerstörende Kleidungsstück stellt sowas wie den Kern meiner wollverarbeitenden Schaffensphase dar. Blos kein erkennbares Muster oder irgendwie ähnliche Einzelteile produzieren. Colin Baker wäre blass vor Neid geworden – oder zumindest die die ihm die Klamotten aufgeschwatzt hatten damals 😀

Der Rest meine Pullover-Kunstwerke war moderater, musste aber immer irgendwie assymmetrisch oder von generell zweifelhafter Formgebung sein. Während ich das hier tippe, trage ich Modell „Schneegestöber“ – passend zum Wetter – was mir aus meinem alten Kleiderschrank promt auf die Füße fiel – Grundfarbe schwarz (zum Glück) mit weißen Böppeln ^^ und sehr 80er mässig überdimensional weil breiter als lang.

Wer jetzt noch keine ernsthaften Netzhautschäden hat, dem mute ich jetzt noch die Rückansicht zu.

pulli_hhemd_vStichwort „Batik“ fiel ja schon. Kam auch oft genug vor daß ich mit verfärbten Händen morgens in der Schule saß. Dabei habe ich alles eingefärbt was nicht niet und nagelfest war. Schwarz batiken war eine Herausforderung da das selten wirklich tiefschwarz wurde, in bunt fiel sowas weniger auf. Neben einer regenbogenfarbenen Hose war folgendes Hemd eindeutig das schrillste was ich jemals aus meinen Farbtöpfen zog. Aufwendig war es auch – jede einzelne Farbe musste separat gefärbt werden. Idealerweise mit Zeit zum Trocknen damit die einzelnen  Farben nicht unkontrollierbar ineinander liefen. Es mag nicht den Eindruck machen als wäre das notwendig gewesen, aber ja, man musste da schon etwas drauf achten 😀

Zum Abschluß dann noch ein Teil das unverändert gekauft wurde. Mein Bananen-Schlips. Den hatte ich mir auch in etwa mit 18 Jahren zugelegt, Hintergedanke war bei dem Teil einerseits daß ich eben auch oft in Herrenanzügen rumlief, mit allem Drum und Dran, und ich Bananen für das widerwärtigste Gewächs des ganzen Universums halte. Allein der Geruch schlägt mich erfolgreich in die Flucht. Sich das Hassobjekt somit um den Hals zu binden war ein zutiefst selbstironischer Akt.

Ebenso der Zug sich bei miesem Licht und angeschlagener Gesundheit mit der Digiknippse blitzen zu lassen oO – aber egal, da es wie bei den vorherigen Artikel ohne Doctor Who Bezug ja erklärtermaßen nicht geht momentan, gibts das Bananenschlipsbild dennoch – weil doppelte Who-Referenz 😀   – leider gabs kein qualitativ besseres Video im Netz zu finden …bananaschlipsAbschließend muss ich mich noch für schlechte Bilder und eventuell miese Formatierung entschuldigen, ich sitze grade mit einem winzigen Netbook am Netz und habe nur unzureichende technische Möglichkeiten – ich kümmere mich drum sobald ich wieder zuhause bin 🙂

Weils halt cool ausschaut … oder so.

Zugegeben, ziemlich fassungslos hatte ich für ein paar Sekunden wohl aus der Wäsche geschaut, als mich vor mehreren Wochen jemand fragte, ob ich das Shirt das ich an dem Tag anhatte, nur deshalb trug weil ich „den Style cool finde“ oder tatsächlich die zugehörige Band mochte.
Für mich war die Frage absurd – wie konnte man „sowas“ einen Menschen fragen, der zum angesprochenen Shirt Pikes, Pluderhosen und einen Samtblazer mit einer Sammlung von Buttons, die fast alle Motive von Musikgruppen aus der gleichen Ära zeigen, trug – in monochromem schwarz versteht sich.
Nachdem ich den Schock darüber überwunden hatte, war ich mehr angenehm erstaunt daß der gute Mann das Motiv identifizieren konnte – denn ausser der charakteristischen Graphik des „Unkown Pleasures“ Album von Joy Division befindet sich auf dem Teil kein Bandname oder sonstiger Text.

Das Eine oder Andere Mal noch schüttelte ich innerlich den Kopf über die Annahme, es gäbe tatsächlich Leute die sich sowas nur aus Modegründen an den Hintern hängen – und dann vergaß ich den Vorfall auch schon wieder.

Bis gestern.

Da blätterte eine meiner 20-jährigen Studienkolleginnen an der Modeschule in einem Mode-Magazin. Eher zufällig fiel mein Blick auf das Blatt – für Mode-Zeitschriften interessiere ich mich eher weniger. Klingt paradox in meinem Fall – zugegeben – aber mich hat die Frage nach dem was aktuell „trend“ ist in meinem ganzen Leben noch nie interessiert, und die Momente in denen man an der Schule dazu gezwungen ist, sich mal damit zu befassen waren mit der Prämisse „Ich muss den Scheiß den ich da entwerfe ja nicht anziehen“ dann meistens halbwegs erträglich. Manchmal sogar amüsant, zugegeben – meistens dann wenn man explizit vom Standard-Stil großer 08/15 Modeketten abweichen durfte um fröhlich vor sich hin zu spinnen – hauptsache die Trend-Farben stimmten …

Aber zurück zum Mode-Heftchen – beinahe hätte ich mich an meinem Tee verschluckt (schwarzer natürlich, ohne Zusätze *g*) als mein Blick auf ein Shirt mit besagtem Motiv fiel – die Graphen des Unknown Pleasures – Albumcovers, zusätzlich dazu darüber groß „JOY DIVISION“ gedruckt, und darunter der Albumtitel. Chic kombiniert dargestellt mit giftgrünem Beinkleid und einer dieser unsäglichen Weibchen-Handtaschen die eng in der Achselhöhle anliegen.
Gut, wer die Band geil findet und stilmässig einfach nicht die Reinkarnation des Ur-Gruftis ist – ist auch nichts dagegen einzuwenden, aber die Präsentation schien nicht groß darauf hinaus zu laufen, sich an tatsächliche Musikliebhaber zu richten, sondern mehr an das hippe Girl von Nebenan.

Ich bat um einen Blick auf das Magazin – aus Interesse an der Beschreibung, Preis und Hersteller. Ersteres verlor auch weiter kein Wort zu der Band, der Preis – stolze 42 Geld. Ich äusserte mich dahingehend, daß ich es recht daneben finde, sich im speziellen ein Bandshirt an den Hintern zu hängen, nur weil man das Motiv grad irgendwie „trendy“ findet – noch dazu da es sich hier um keine leicht verdauliche Partymucke handelt, sondern etwas was zumindest ein Mindestmaß an Beschäftigung damit erfordert.

Ein weiterer Blick auf den Artikel vonseiten meiner Kollegin – naja, das Motiv sei graphisch ja schon interessant – so gesehen mag das auch zutreffend sein, würde es sich hier um „nur“ Design handeln, aber das Motiv wurde durchaus mit Bedacht gewählt. Ich werfe aber mal ganz verallgemeinernd in den Raum, daß das trendy Girl von Nebenan nur sehr selten nachforschen wird, was es mit dem chicen Motiv auf ihrem Shirt so auf sich hat.

Der Trend mit Bandshirts von der Mode-Kette von Nebenan ist natürlich nichts Neues, vor 10 Jahren schon hingen in Pimkie und Orsay Oberteile mit Motiven durchaus bekannter Metal-Scheiben im Laden. Und auf den Strassen fand man Jungvolk, das oftmals sogar sehr erstaunt darüber war daß das „lustige Motiv“ da auf dem Oberteil ein Plattencover war – oh Schreck, sogar aus einer Musiksparte die man eigentlich garnicht mochte!
Damals fand ich das schon reichlich blöde, aber das Unknown Pleasures-Shirt im Sortiment einer Modekette zu finden, war ein leichter Schock – vielleicht gerade aus dem Grund weil man mit Motiv und zugehöriger Musik persönlich mehr verbindet als mit den Metal-Motiven die vor einer guten Dekade „in Mode“ kamen.

Der Hersteller des Shirts ist Urban Outfitters – hier neben einigen anderen Band-Motiven zu finden.
Die Firma richtet sich nach eigenen Angaben an Leute zwischen 18 und 30 , hauptsächlich den Typus des sogenannten „Hipsters“ ansprechend – zu dem Thema hat Robert auf seinem Blog – Spontis – schon ein paar treffende Zeilen verfasst.

Treibt die trendgerechte Vermarktung eines solchen Motives die Szene weiter in den wohlheraufbeschwörten Untergang? Ein Streit-Thema das keineswegs neu ist. Und ich denke das kann man aus verschiedener Sicht sehen – zum Einen gibts da den Schockmoment, eben sowas im Trend-Laden wiederzufinden, zum Anderen – es gibt auch genügend (Jung-)Schwarze die mit dem Motiv wohl wenig anzufangen wüssten und sich sehr subkulturell fühlen weil die Klamotten von einschlägigen „Szene“-Läden stammen – was ich weitaus kritischer sehe. Innerhalb der Szene werden genauso „Trends“ aufschnappen und vermarkten wie es die ganz normale Modeindustrie eben auch macht. Unter dem Strich kein großer Unterschied also – ob bunt oder schwarz, wenn nur „Mode“ zählt kann man beides getrost in einen Topf werfen. Da ist die „Szene“ auch ganz eindeutig im Mainstream angekommen – wie kürzlich Sat.1 in einer Reportage über das M’Era Luna fachkundig proklamierte – über die Qualität dieses Berichtes möchte ich mich an dieser Stelle aber nicht groß auslassen, das M’Era habe ich noch nie besucht da es mich auch noch nie groß interessiert hatte, daher fehlt mir die Grundlage zu bewerten ob das Dargestellte der Wahrheit entspricht oder wieder einmal überzogener Sensationsjournalismus ist – die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen, denke ich, so oder so weckt es auch weniger das Interesse, der Geschichte tatsächlich einmal einen Besuch abzustatten – wobei ich auf der anderen Seite gestehen muss, daß ich die Möglichkeit hatte bei der angesprochenen Modenschau als Designer dabei zu sein. Widersprüchlich, zugegeben, aber ich sehe es mehr als das Gegenteil von Mainstream an, wenn Designer aus der Szene für eben diese arbeiten und liebevoll gestaltete Einzelstücke und Kleinserien anbieten, anstelle von Massenware die genauso industriell produziert wird wie die der großen und langweiligen Mode-Ketten – finde ich zumindest … aber das Thema wäre einen eigenen Artikel wert und deswegen lasse ich es an dieser Stelle auch dabei bleiben.

So oder so – ich interesiere mich für Trends und das was modemässig angesagt ist, immer noch nicht. Nur manche „Trends“ bekommt man eben mehr zu Gesicht als andere.

Wenn ich dann doch mal im Zuge einer Arbeit für die Aubildung in den „Trend-Büchern“ blättere, fällt stark auf wie 80er-lastig auch die „normale“ Mode ist. Mit beinahe allen Merkmalen die man in den beiden Dekaden danach so völlig scheußlich fand – Leggins, Neonfarben, wüste Drucke, Oversize-Hemden, verspielte Pastells die einen an romantische Teenie-Komödien aus den USA dieser Periode erinnern und einen innerlich erschauern lassen. Lediglich bei den Schulterpolstern scheint man dann doch die stilistische Schmerzgrenze nicht überschreiten zu wollen – aber wer weiß was noch kommt.

Immerhin kann man der Mode der „bunten“ Welt eine gute Seite abgewinnen – man könnte beispielsweise auch wieder mal ganz retromässig stilistischen Widerstand gegen diese knüllebunte Spaßgesellschaft leisten – am Besten mit einer guten Joy Division Scheibe im Ohr und der Gewissheit daß im eigenen Bandshirt, das mit Schereneinsatz und einigen – womöglich – krummen Nähten in Eigeninitiative in Wunschform gebracht wurde, mehr Aussage steckt als im fertig produzierten Shirt vom Trend-Hersteller welches tatsächlich nur wegen des „coolen Styles“ des Aufdruckes, gekauft wurde.

In diesem Sinne wandere ich jetzt auch wieder an meine eigene Nähmaschine …

Zurück in die Vergangenheit

In Schwarzenbach und Naila ticken die Uhren anders, oder hinter der ruppigen Schale der Leute da verbergen sich geniale Wissenschaftler die es ganz heimlich still und leise geschafft haben, die Zeitreisemaschine zu erfinden – in Form eines alten Reisebusses der pünktlich jeden Morgen eine Horde Schulkinder zu den Schulen befördert – und mittendrin mich ebenso.

Wer also einen kleinen Trip in die frühen 80er unternehmen will, muss nur nach Schwarzenbach kommen, hier der Beweis:

Fahrkarte

Nächste Woche geh ich dann mal den Flux-Kompensator im Bus suchen …