The City of Darkness – Kowloon Walled City

Rein zufälig bin ich eines Tages beim planlosen rumsuchen im Netz auf dieses Phänomen gestoßen.

Verlassene Gebäude und Orte haben mich schon immer fasziniert , doch die Kowloon Walled City die einst in Hong Kong quasi eigenständig existierte, nimmt zu recht eine Sonderstellung ein.

Im Gegensatz zum klassischen Lost Place handelt es sich hier um ein weit gewaltigeres Areal von 100×200 Metern, auf der unzählige Menschen in unglaublichen Lebensverhältnissen wohnten. Der Ort mit der höchsten Bevölkerungsdichte weltweit.
Und noch einen Unterschied gibt es: Kowloon Walled City existiert nicht mehr. Ende der 80er Jahre wurde von der britischen und chinesischen Regierung beschlossen, die Walled City abzureißen, was 1993 dann durchgeführt wurde.

Die „City of Darkness“ war ein architektonisches Kuriosum, ein organisch anmutendes Gebilde, wie ein mißglücktes Experiment eines wahnsinnigen Wissenschaftlers wucherte die Walled City bis zu 14 Stockwerke in den Himmel, im Inneren mit verwinkelten Gassen und Treppen, die so eng waren daß kein natürliches Sonnenlicht mehr nach innen drang.
Die lebenspendenden Adern dieses Ungetüms waren planlose, frei verlegte Kabel- und Rohrstränge die sich wahlos durch die Gassen zogen und von den Fassaden herrunter krochen.
Es gab keine Bauvorschriften – zumindest hielt man sich an nichts, und es herrschte anarchische Selbstverwaltung.
Manche Geschichten erzählen von der unglaublichen Kriminalrate in Kowloon, und andere berichten von eher friedlichem Zusammenleben. Wahrscheinlich stimmt beides, denn krumme Geschichten waren für die Walled City wohl nicht ungewöhnlich. Da suchten Ärzte ohne Arbeitserlaubnis Zuflucht und boten ihre Dienste Gestalten an die möglichst unentdeckt bleiben wollten, Triaden machten ihre Geschäfte und Drogenküchen taten ihr Werk.
Die Mietpreise waren dafür extrem niedrig, am begehrtesten waren die Wohnungen auf den Dächern und an den Aussenseiten, wo man frische Luft und Sonnenlicht geniessen konnte, denn in der Stadt muss es nicht gerade nett gerochen haben. Abfälle wurden oft einfach so aus den Fenstern gekippt, wo sie am Boden liegen blieben, oder eben auf dem erstbesten Hindernis. Durch undichte Leitungen, trocknende Wäsche und anderen war die Luftfeuchtigkeit sehr hoch, und es tropfte stellenweise durch die Schächte die von den Häuserfassaden gebildet wurden nach unten.
Ratten und Ungeziefer waren unter solchen Umständen normal.

Wer mehr über die Geschichte dieses Ortes wissen will, der kann das in diesem Artikel nachlesen:

„Das letzte Labyrinth

Nun, was macht so einen ungemütlichen Ort denn so faszinierend …

Ich würde mal behaupten daß mein Fimmel für Cyberpunk da nicht ganz unschuldig ist.
Als ich die Bilder vom Inneren von Kowloon gesehen habe, musste ich sofort an Wiliam Gibson denken, an schräge Cyberpunk-Filmchen die ganz genau in solch einer skurrilen Umgebung spielen. Und ich dachte mir: wow, sowas hat es real gegeben .. und dann fand ich einen Hinweis drauf, daß Gibson sich von Kowloon maßgeblich hat inspirieren lassen, und da er der Erfinder des Cyberpunk-Genres war ist logisch daß alles was nach ihm kam in ästhetischer Hinsicht ganz ähnlich war.

Wenn man sich die typische Cyberpunk-Örtlichkeit vorstellt … was hat man da?
Genau. Flackernde Neon-Röhren, ständiges Tröpfeln von oben und nasse, schmale Gassen wo sich Müll stapelt. Grelle Leuchtreklamen mit asiatischen Schriftzeichen, dubiose Hinterhof-Ärzte die nicht nur die Blessuren von der letzten Schießerei beheben. Rauchschwaden und Dunkelheit.

Bilder gibt es nicht allzu viele, doch ich war sehr glücklich ein paar Videos aufgetrieben zu haben die das Innere der Walled City zeigen.
Wer da nicht die Ästhetik des Cyberpunks wiederfindet, der hat was falsch verstanden 😉 .. oder hat mit Science Fiction vielleicht auch garnichts am Hut.

Da wäre einmal ein Ausschnitt aus „Blood Sport“ – das surreale Innere von Kowloon passte einfach prächtig zu der Neonröhren-Ästhetik der 80er:

Und dann noch ein zweiteiliger Clip aus einer chinesischen Produktion, der die „Qualitäten“ der Stadt in der Stadt noch viel deutlicher zeigt.
Wer allerdings eine sehr blei-haltige Atmosphäre nicht mag sollte gewarnt sein. Insbsondere beim zweiten Teil 😉

Ich muss gestehe, ich hätte diesen Ort gerne mit meinen eigenen Augen gesehen. So uneinladend er gewesen sein mag, es war ein Phänomen das es sonst kein zweites mal gab.

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