Maschinenfest 2k13

IMAG0082_kl On the road again – nach nervigem Umzugskisten-Schleppen und einem Haufen weiterer Unerfreulichkeiten, war es endlich mal wieder soweit, Chris und ich begaben uns gen Nordrhein-Westfalen, um dort ein dreitägiges Festival zu besuchen.

Diesmal nichts mit neoklassischen Klängen und Leuten in aufwendigen Roben, keine Foto-Menschen auf Safari, kein edler, historischer Saal.

1999 fand das Maschinenfest zum ersten Mal statt, seitdem  finden sich jedes Jahr zahlreiche Bands aus dem Industrial-Umfeld und Fans dieser Musiksparte in der Turbinenhalle in Oberhausen ein.

Ich selbst hatte schon seid einigen Jahren vor, mir das mal anzusehen, doch wie es immer ist – nie wollte es organisatorisch gesehen hinhauen. Ein Glück daß Chris sich für solche Musik ebenfalls begeistern kann, und so haben wir es in diesem Jahr dann endlich geschafft,d en knapp fünfstündigen Fahrweg bis Köln auf uns zu nehmen, wo uns ein Bekannter liebenswerterweise beherbergte. Von da aus ist Oberhausen nochmal 45 Fahrtminuten weg, nicht ganz ohne wenn man das dann drei Tage fahren muss, besonders beim Rückweg, aber noch im Rahmen.

Jetzt aber moment mal – Kalkleisten und Romantik-Grufties auf einem Industrial-Festival?

Ja, das passt sogar sehr gut zusammen, wie uns dann auch einer der Künstler am letzten Tag noch eindrucksvoll bewiesen hatte 😉 – aber dazu später mehr – nur soviel dazu – wer sich mal die Playlisten diverser Götteränze ansieht, stellt schnell fest daß da mehr echter Industrial gespielt wird, als auf puren Cyber-Parties – man denke da an Sephiroth, Test Dept oder Mental Measuretech …

Aber zurück zum Anfang.

Donnerstag morgen, der 10. Oktober, gegen 11:00 Uhr, ich fummle noch schnell meinen Schlips zurecht, und dann geht es los.

Die Fahrt ist unspektakulär. Es regnet teilweise in Strömen, mittendrin kommt sogar auch mal ein Fetzerl Sonne raus, zähflüssiger Verkehr kurz vor Köln, aber es wird aus, und so schlagen wir irgendwas vor 18:00 Uhr in Köln Vogelsang auf. Ziemlich kaputt, ebenso unser Gastgeber der sich kurz darauf mit Grippe in die Arbeit schleppen darf und somit uns sein Domizil überlässt.

Wir decken uns noch kurz beim Supermarkt mit Frühstück und Wein für den Abend ein, dann machen wir ausgiebig Gebrauch von Watchever und lassen den Abend mit „Little Britain“ und einem Schluck trockenen Weißen ausklingen. In der Turbinenhalle wäre eine Warm Up Party, doch Chris hat vom Fahren die Nase voll – was auch völlig verständlich ist. Ich bin auch platt, und gegen 23:00 Uhr fallen wir um.

Die Tage beginnen allesamt sehr gemütlich, da die Konzerte erst gegen 18:00 Uhr anfangen. Wir verbringen den Freitag-Vormittag mit Doctor Who und einem Abstecher nach Köln um zu Frühstücken. Dazu verschlägt es uns in eine kleine Bäckerei mit SItzgelegenheiten, nahe der Oper. Mir fällt auf wie ungemein offen und freundlich die Leute sind – womöglich ist am Klischee des grumpfigen, miesmutigen Franken ja doch was dran 😉

Neben uns hat sich ein Grüppchen Iren breit gemacht die sich viel  Mühe geben den ganzen Laden zu unterhalten. Wir erfahren daß sie für ein Fußballspiel angereist sind, natürlich passend gekleidet in den Nationalfarben und mit einem Aufblas-Hammer im Gepäck.

Ich schlürfe an meinem Tee und grinse, die Herrschaften sind zwar redseelig, aber auf sehr sympathische Weise.

Wir machen und am Nachmittag dann ganz gemütlich fertig, Chris passend für Tzolk’In mit Turban und Pluderhosen, und ich im Anzug, da fühl ich mich momentan am Wohlsten drin und auf herbes Auftakeln habe ich keine Lust, ich bin noch ein wenig angeschlagen.

Gegen 16:00 Uhr fahren wir dann nach Oberhausen, 45 Minuten Fahrzeit sagt das Navi, die doppelte Zeit via Landstraße. Schon bei der Auffahrt auf die Autobahn stockt der Verkehr. Und es will nicht besser werden, alle 5 Kilometer haben wir einen kurzen Stau, es nervt. Die letzte halbe Stunde geht dann über Landstraße. Zwei volle Stunden hat es gebraucht bis wir da waren, und das war schon sehr nervtötend. Aber immernoch rechtzeitig zur ersten Band – sofern man das als „Band“ bezeichnen kann, denn die meisten Elektro-Künstler sind Einzelgänger und schrauben auf der Bühne ihre Klangteppiche zusammen.

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Der erste Künstler – Person Unknown – macht seinem Namen alle Ehre und taucht mit weißer Maske auf der Bühne auf, ob er darüber eine Sonnenbrille trägt oder die Maske bemalt ist, kann ich nicht erkennen, er sieht aus wie das typische Alien mit den großen schwarzen Augen.

Aber ein super Einstieg. Die Turbinenhalle ist die perfekte Location für diese Musik. Die Bühne ist bis unter das Dach mit Elementen von Bauzäunen dekoriert, auf denen die beeindruckende Lichtanlage herumspielt.  Besonders übel sind einige grellweiße Scheinwerfer die gelegentlich im Takt als Stroboskobe geschaltet werden, zum Einen brennen sie sich schwer in die Netzhaut wenn man sich gerade ans Dunkel der Konzerthalle gewöhnt hat, zum Anderen wird einem tatsächlich schnell mal schwindlig davon, besonders wenn die Musik ihr Übriges tut.

Wir sind hier in einer äusserst dystopischen Parallelwelt gelandet,  wo die Farbe von den Wänden blättert und nackter Stahl die beeindruckende Halle stützt. Beton unter den Pikes. Vor der Bühne ist noch immer der alte Lastenkran installiert, Marke M.A.N, Baujahr 1920. Und er funktioniert noch – wie wir an dem Wochenende mehrmals zu Gesicht bekommen. Chris und ich sind sofort begeistert von dem alten, industriellen Bau und der schneidend kalten Atmosphäre – halbwegs zumindest, denn die Temperatur ist ziemlich niedrig und will auch bei ausreichend Leuten im Saal nicht wirklich nach oben gehen, und so friere ich trotz dreiteiligem Anzug vor mich hin.

Der zweite Künstler – Le Moderniste – knallt ordentlich rein, und ich fürchte schon er bläst mir die Bügelfalten aus den Hosen 😀 – jedenfalls vibriert der Stoff um mich rum ordentlich mit.

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Danach noch Fausten – sehr genial, aber die Videoprojektion ist genretypisch krankes Zeug, danach brauche ich erstmal eine Pause.

Die nächste Band wird ignoriert, bei „Sudden Infant“ sitzen wir im spartanischen Imbiß-Raum zwischen Stahlträgern und Plastik-Tischdecken und ruhen die Füße aus. Uns beide spricht der Künstler auch nicht sehr an, im Prinzip brüllt er eine gute Stunde lang in sein Mikrophon.

Nächster Versuch – config.sys – drei Stücke halte ich durch, dann merke ich daß bei mir Schicht im Schacht ist, leider, Tzol’kin und The Klinik hätte ich gerne gesehen, aber meine Aufnahmefähigkeit ist für heute ausgereizt, im Stroboskopgewitter der Lichtanlage kann ich mich kaum auf den Beinen halten, also treten wir den Rückzug an und hauen uns zum Runterkommen ruhigen Wave im Auto auf die Ohren.

Zweiter Tag, der Morgen wird mit ein paar Doctor Who Episoden begonnen, ich schlürfe meinen Tee.

Gemütlich kommen wir wieder gegen 18:00 Uhr an, diesmal ohne Stau. Wir lassen es ruhig angehen und quasseln ein wenig mit neuen Bekannten.

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Von Alarmen bekommen wir dann noch die letzten beiden Stücke mit – toller Ambient, da werde ich mich nochmal weiter reinhören – Greyhound danach ist uns nach zwei Stücken zu viel Geprügel.

In die Konzerthalle treibt es uns dann zu Ruby my Dear. Wir hatten vormittags ein paar Stücke gehört und fanden das Projekt absolut genial

Man stelle sich Ambient a la Space Nights zwischen Trip Hop und Dubstep vor. Irgendwie ganz schön cool. Die Füße wollen sofort mit, schaffen die durchbrochenen Beats aber nicht immer – eine tolle Entdeckung ist das französische Ein-Mann-Projekt aber definitiv, und Chris sackt kurz darauf gleich die Scheibe in Vinyl ein. Und mir ist endlich mal warm nachdem ich das ganze Konzert in Bewegung war.

Nach Ankunft in der Turbinenhalle versuche ich fast eine Stunde lang zu ignorieren daß ich am ganzen Kerl schlottere, obwohl ich bis zum Hals eingepackt bin ist es dreckskalt – manche Besucher kommen in kurzen Röcken, T-Shirts oder Trägertops, wie die das aushalten frage ich mich an dem Wochenende mehrmals.

Beinahe nahtlos geht es mit Klangstabil weiter. Eine Band die mehr melodisch ist und die ich schon sehr lange mal live sehen wollte. Enttäuscht haben die zwei Herren uns auch nicht, das Konzert kam uns viel zu kurz vor, obwohl es das nicht war. Stücke wie „Math and Emotion“ und „You May Start“ haben uns jedenfalls reichlich Dampf unter den Pikes gemacht.

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Zwischen den Konzerten ist natürlich Plaudern mit neuen Bekannten ein Muss, am Stück sind mir so viele Konzerte jedenfalls sowieso zu viel und manche Projekte muss man auch im Gehörgang setzen lassen. Die schlimmsten Geprügel-Bands haben wir heute aber sowieso aussen vor gelassen. Ausserdem, ein Festival ohne Leute treffen finde ich dann auch blöde.

IMAG0085_klIm Laufe der drei Tage sehen wir auch noch andere Räumlichkeiten der Turbinenhalle, die anders als der Name verlauten lässt keine Turbinen beherbergte, sondern Gasmaschinen, mit denen Strom für die ansässige Eisenhütte II erzeugt wurde. Erbaut im Jahre 1909 stand der riesige Bau dann in den 1980er Jahren, als der Hüttenbetrieb zurück ging, leer, bis 1993 in einem der Hallen eine Discothek eingerichtet wird.

Rundum ist die ganze Turbinenhalle Industrie pur, vom ehemaligen Betrieb geschwärzte Wände, nackte Stahlträger, Beton. Der Raum in dem der Imbiß untergebracht ist, könnte kärger nicht sein, im Durchgang zu den Toiletten blättert die rote Farbe von der Wand, die Disco, die von vielen dann als etwas ruhigerer Ort zum Verschnaufen genutzt wird, hat unterkühlten Beton-Charme – wie herrlich kann man sich da einen Haufen Waver vorstellen die zu guter Musik ihre Pikes über den grauen Boden schlurfen lassen … Chris und ich sind hellauf begeistert!

Dennoch verlassen wir Oberhausen um 1:00Uhr, in etwa eine Stunde nach Klangstabil. Zwei Bands würden jetzt noch kommen, aber wir sind müde und müssen ja noch nach Köln zurück.

Sonntag fahren wir ein wenig früher los und sind gegen 16:00 Uhr wieder in der Turbinenhalle, aber nicht nur wir sind immernoch müde von den beiden Tagen davor, auch das restliche Publikum ist alles andere als zahlreich anwesend, die Türen zum Konzertbereich noch nicht offen, obwohl Monolog für die Uhrzeit im Programm steht.

Die Verzögerungen fallen aber nicht weiter schlimm aus. Monolog hören wir uns an, gefiel mir auch ganz gut, nur war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht allzu sehr in Stimmung. Das ändert sich dann bei Phillip Münch, ausnahmsweise stehen hier mal drei Menschen auf der Bühne, es gibt sogar eine Sängerin, ein wenig erinnert mich das an Sanctum, ähnlich experimentell fallen die Musikstücke aus, die Pikes wippen schon mit.

Von der vorherigen Band bekommen wir auch noch zwei Stücke mit – SIlent Walls – schöner Dark Ambient, eigentlich schade daß wir die nicht auch noch gesehen haben, aber wie gesagt, gerade bei solchen Musikprojekten ist die Aufnahmefähigkeit schnell am Ende. Immerhin, pro Tag stehen 9 Bands hintereinander auf der Bühne, das kann man unmöglich komplett schaffen.

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Danach lassen wir Shorai und Control saußen und verquatschen uns wieder – wir lernen eine Dame aus Paris kennen die uns die vorherigen Tage schon auffiel, da sie die einzige in Cyber-Klamotten ist. Ohne Neon, allerdings, und ansonsten sehen wir auch weiter keinen Vertreter der Cyber-Sorte.

Cyber hin oder her, sympathisch ist die Dame in jedem Fall, auch wenn die Kommunikation oft schwer fällt …

Dominik, eine weitere sehr liebenswerte Bekannschaft des Wochenendes, schwärmt schon den ganzen Tag von Sonic Area, auch beim Testhören am Morgen gefiel uns die Musik schonmal ganz gut, und der Live-Auftritt ist mit Sicherheit der Beste des ganzen Festivals.

Da steht eine Gestalt mit bizarrer Maske auf der Bühne, mit weißen Handschuhen und in einen victorianischen Anzug gekleidet, ebenso als Deko Absinthflasche und Glas und ein Kerzenständer mit elektrischen Birnen. Geniale Kombination, hochgradig kreative Musik, dazu der historische Aufzug der insgesamt an Geschichten von Edgar A. Poe denken lässt. In ein bestimmtes Genre lässt sich Sonic Area nicht wirklich einordnen, der Künstler bedient sich bei Dubstep, mischt unschuldige Spieluhren-Melodien mit ein wie barocke Arrangements, ist mal treibend-rhytmisch, mal langsam und melancholisch. Das letzte Stück würde auch perfekt auf einen Göttertanz passen, was Chris überzeugend demonstriert indem er den Reifrocksaum mit Schwung über den Betonboden wischen lässt. Auch das Artwork der Scheibe „Music for Ghosts“ knüpft perfekt an victorianische Geister-Photographie an und lässt an Seancen und die damalig vorherrschende Euphorie für Übernatürliches denken.

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Nach dem Konzert sind wir beide zutiefst beeindruckt, und Dominik schier aus dem Häuschen 😀

Mimetic lassen wir deswegen auch saußen, Mono No Aware ist uns im Moment dann auch zu brachial. Kurz vor Ah Cama-Sotz brechen wir ab weil die Müdigkeit schon arg zugeschlagen hat, wir verabschieden uns, treten den Rückflug an und pennen in Köln nahtlos weg.

Vormittags darauf packen wir uns zusammen und verlassen Olli, unseren Gastgeber gegen 11:00 Uhr, der ist noch sichtlich angeschlagen, und in den vier Tagen haben wir uns auch nicht wirklich oft gesehen, dank Grippe und Arbeitszeiten die mit dem Festival-Plan nicht ganz konform gingen. Danke aber dennoch fürs unterkriechen lassen – die Wohnung ist sehr gemütlich und ich habe mich doch ganz wohl gefühlt.

Wir kommen gut durch, halten nur ein paarmal öfters an als auf dem Hinweg, zuhause bin ich dann komplett platt und für den Rest des Tages nicht mehr vernünftig ansprechbar …

IMAG0117_klFazit: das Maschinenfest hat sich völlig gelohnt und im nächsten Jahr ist es wieder fest eingeplant. Die Turbinenhalle ist absolut großartig und auch die Atmosphäre wie die Leute ganz toll. Ein paar Dinge werden wir anders organisieren, wie zB eine Unterkunft näher an Oberhausen suchen, dann klappt es hoffentlich auch mit Bands die ganz am Schluß spielen, denn Tzolk’In, The Klinik und Ah Cama-Sotz wären schon sehr sehenswert gewesen.

Über die Organisation kann man auch nicht weiter meckern, am ersten Tag verschoben sich die Bands zwar ein ganzes Stück nach hinten, aber Samstags blieb es fast exakt beim Plan, und Sonntag hat nur die vorletzte Band merklich geschoben. Die Leute am EIngang sowie den Ständen waren nett, lediglich einer legte die größtmöglichste Verpeiltheit an den Tag, als Chris abends vor der Rückfahrt nochmal Kaffee holte.

Größter Kritikpunkt sind die Bänder, da für drei Tage durchgehend solche Abreiß-Wegwerfdinger verwendet wurden, die bei uns kaum durchhielten, für Einzeltickets ist das OK, aber für alle drei Tage suboptimal, wenn die Veranstalter da gewebte Bänder nehmen würden, wäre das deutlich besser, aber ansonsten nichts zu meckern – in diesem Sinne, bis zum nächsten Jahr, Maschinenfest!

Selbstzerstörung als Kunstform – die Geschichte von John Faré

Industrial ist eine üble Sache – wenn man darunter Agonoize und Ähnliches versteht, dann sowieso 😉 aber wer mit dem Begriff wirklich was anfangen kann, der weiß auch daß Neonklamottenträger bei waschechten Industrialperformances schreiend zu Mammi gerannt wären – man verzeihe mir die Bissigkeit der obigen Worte 😉

„Industrial music for industrial people“ – ein Satz der heute auch noch gelegentlich zitiert wird und dabei eher als Werberuf für Finstertechno-Parties eingesetzt wird. Doch wers erfunden hat – weiß das noch jemand?
Das Enfant Terrible der jungen Industrial Culture Ende der 70er wars – Monte Cazazza – der mit schockierenden Aktionen seine Umwelt verschreckt hat und auch einige Zeit in Gefängnissen und Psychatrien zugebracht haben soll.

Über die Industrial Culture möchte ich weiter keine Wort verlieren und verweise stattdessen auf diesen sehr lesenswerten Artikel, der eigentlich genau das auf den Punkt bringt was mit Industrial ursprünglich gemeint war : Die Industrial Culture Szene“ – kein Neon, keine Party, keine Fellpuscheln …

Ein Name taucht im Zusammenhang mit der Industrial Culture immer wieder auf – John Fare.
Der kanadische Performancekünstler hat 1936 in Toronto das Licht der Welt erblickt, wenig erfolgreich als Student der Architektur verließ er London, wo er studiert hatte und ging nach Kopenhagen. Seine frühen „Aktionen“ bestanden darin sich in der Öffentlichkeit auszuziehen oder seinen nackten Hintern gegen die Fensterscheiben von Nobelrestaurants zu drücken.
Was heutzutage dann gelegentlich im Nachmittagsprogramm der geliebten Privatsender als Proll-Belustigung ausgestrahlt wird, waren damals ausgewachsene Skandale, die John Fare immer wieder zu Gefängnis- und Psychatrieaufhalten verhalfen.

Prothese

Den absoluten Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere erreichte John Fare ab Mitt der 60er jahre mit einer Serie von Performances in denen er sich schrittweise selbst verstümmelte und schließlich sogar umbrachte.
Dazu baute er einen automatischen Roboter der aus einem Operationstisch und vier mechanischen Armen bestand, auf dem er sich für jede einzelne Performance schnallen lies. Bei der ersten Veranstaltung wurde er dabei lobotomisiert – was 1964 in Kopenhagen stattgefunden haben soll.
1968 lies er sich in der nächsten Show die komplette rechte Hand amputieren und im Weiteren verlor er in seinen Shows ein Auge, beide Hoden, Finger, Zehen und auch innere Organe sowie mehrere Stücke seiner Haut, die verlorenen Gliedmaßen wurden durch Prothesen aus Metall und Plastik ersetzt die aber wenig Funktional waren und mehr als Symbol der Entmenschlichung dienten.
Bei den Amputationen wurden Mikrofone an Fares Körper sowie der Maschine angebracht, die die Geräusche während der „Vorführungen“ über Lautsprecher in den Zuschauerraum übertrugen. Die Klangcollagen sollen Ähnlichkeiten mit Walgesängen gehabt haben – was sich freilich sehr euphemistisch anhören mag wenn man sich vor Augen führen mag daß auch Knochensägen bei der Amputation der Hand im Spiel gewesen sein mussten.

Die abgetrennten Körperteile wurden danach thetaralisch in Ethanol eingelegt und aufbewahrt.

The operation over, one metal claw abruptly raised the hand and wagged it about horribly for a few seconds, as one would a found purse everyone had been searching for in a large field. It then placed the hand in a jar of alchohol, which Andoff, reappearing with the houselights, carefully labelled and placed on a table next to the birth certificate.*

„Dying is an art like everyone else!“ wurde John Fare als Zitat in den Mund gelegt, und um dem nachzukommen lies er sich von seinem Roboter enthaupten – als finale Performance, von einer Art angeschliffenem Ventilator.

Die Kunstform der Performance, die in den 60ern aufkam spielte oft mir menschlichen Perversionen und Abgründen, der Künstler erniedrigte sich oft vor dem Publikum, Selbstverstümmelung war auch ein Thema das immer wieder auftauchte. So war der Künstler von seinem Werk nicht getrennt sondern quasi selbst das erschaffene Werk das vor den Augen des Publikums ausgestellt wurde.
Auch die Verbindung Mensch-Maschine war ein oft aufgegriffenes Thema, was hier selten glanzvoll und glattpoliert präsentiert wurde, sondern mit allen negativen Folgen die menschliche Urängste berührten.
Vorläufer der Performance finden sich in den Kunstformen des Dadaismus und Futurismus, auch aufgenommen werden kultische Ritualhandlungen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Industrial als Musikform und seiner Nachfolger die oben genanntes ebenso als Inhalte haben.

Die geschichte von John Fare hielt sich in den Kreisen der Industrial Culture und des Postpunks lange, schließlich waren seine Performances die ultimative Industrial-Show – der Selbstmord auf Raten bis zum furiosen Finale! Auch die aufkeimende Body-Art Szene deren verwässerte Modeauswüchse heute in ungeliebten „Arschgenweihen“ und den aus der Mode gekommenen Augenbrauenpiercings im Mainstream angekommen sind, stürzten sich auf die erschreckende Geschichte von John Fare.

Doch das alles ist nur eine Legende.

1985 schrieb der Performancekünstler Danny Devos einen Brief an den Direktor der Isaacs Gallery in Toronto, wo sich Fare in der oben geschilderten Performance die Hand amputieren lies – angeblich. Und erhielt als Antwort die Versicherung daß es einen John Fare nie gegeben habe, und auch die Shows reine Legenden seien.
Logisch betrachtet liegt ja auch schon nahe daß an der Geschichte von Fare einiges nicht stimmen kann – 1964 einen Roboter zu bauen der präzise nicht nur eine Hand abtrennen konnte, sondern auch Stücke der Haut millimetergenau entfernen konnte … ganz zu schweigen von dem Umstand daß Fare nach dem ersten Eingriff – der Lobotomie – noch imstande war den Roboter für die weiteren Einrgiffe zu programmieren wurde schon andernweitig kritisiert.
Noch dazu gibt es keinerlei Bilddokumente von den Performances.

Die fiktive Biographie von John Fare wurde 1972 von Tim Craig verfasst, der Artikel erschien 1987 im „a Coil Magazine“ das von der gleichnamigen Industrial Band „Coil“ herausgegeben wurde, und so verbreitete sich der Mythos in der Post-Industrial Kultur weiter.
Unter den prominenten Anhängern dieser Legende befand sich im Übrigen auch kein geringerer als David Bowie himself 😉

Faszinierend wie sich so ein Mythos hält, Fares Biographie enthielt darüber hinaus alle Details seiner Performances, schön theatralisch ausgearbeitet. Man gruselt sich und stellt sich vor daß so etwas wirklich real geschehen ist und will dabei garnicht wahr haben daß in Wahrheit alles nur fiktiv ist – vielleicht weil das Gruseln über menschliche Abgründe abstoßend aber gleichzeitig irgendwie angenehm ist – ein Thema über das man freilich auch Bände an Text und Gedanken füllen kann. So ist man freilich auch selbst immer betroffen wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, und auch beim Industrial bleibt man nie reiner Konsument, kein Partygänger der Spaß hat, man wird in den Abgrund hinein gezogen und wird Teil des Grauens. Und das ganz ohne Neonschläuche auf dem Kopp, sondern nackt, hilflos, verängstigt und allein.

* http://www.myspace.com/23missingparts

Weitere Quellen:
http://www.john-fare.com/threadsindex.html
http://www.evolver.at/stories/John_Fare_Portrait_Rokkos_Adventures_2_10_2008/
http://www.couni.com/texte/indust.htm