Eine Frage der Perspektive

Bei dem schönen Wetter kann man ja nicht den ganzen Tag im Keller verbingen um zu Arbeiten, also beschloss ich zumindest  kurz vor die Türe zu gehen um bei der Gelegenheit mein neues Objektiv mal auf die Aussenwelt loszulassen. Was größeres sollte es jedoch nicht werden, nur eben kurz den Weg entlang den ich sonst mit dem Rad fahre, um dort zu sehen was mir so vor die Linse geraten würde.
Sonntags ist immer ein Tag an dem potentiell viele Leute unterwegs sind, die einen bei solchen Aktionen stören können, denn beim Bilder machen hab ich am liebsten meine Ruhe – ausgenommen sind Bilderaktionen bei denen andere Leute natürlich eingeplant sind. Denn auch wenn moderne Spiegelreflex-Kameras inzwischen nichts allzu besonderes mehr sind, so wird die Sache schon interessanter für Zaungäste, wenn das Objektiv eine gewisse Länge hat und eventuell dann sogar noch ein Stativ im Spiel ist.

Dennoch war ich ganz froh lediglich von einer Horde kleiner Jungs im Moped-fähigen Alter genervt worden zu sein, die den Sonntag nutzten um mit ihren stinkenden Krawallbüchsen auf den Feldwegen entlangzuschrammeln. Doch auch die waren in respektvollem Abstand, da ich gerade das Grünzeug am Wegesrand, zugunsten einiger vor sich hin rostender Bagger und Kräne in einem nahegelegenen Steinbruch, links liegen gelassen hatte.

 

Als der Lärm aufhörte und die Jungs daher weitergezogen sein mussten, packte ich mein Stativ wieder auf den Rücken und machte mich auf den Rückweg, auf dem ich hie und da nochmal anhielt für das eine oder andere Bild.

Ich dachte mir also nichts und begann – wieder zurück auf dem Weg – an der Kamera rumzufummeln, denn nun hatte ich die Makro-Funktion des neuen Objektives entdeckt und kämpfte zunächst noch – abwechselnd mit den Kameraeinstellungen und der Sonnenbrille, die alle paar Sekunden von meiner Stirn wieder herunter auf die Nase plumpste.
Da sah ich aus dem Augenwinkel ein älteres Damenfahrrad langsam von hinten heranrollen, besetzt war es mit einem Herrn mittleren Alters, in ausgebeulten Hosen und einem grauen T-Shirt, der sein Gefährt langsam abbremste und kurz hinter mir zum Stehen brachte.

Ich bedachte den Mann nur mit einem kurzen Blick und wünschte mir, er möge schleunigst seinen Weg fortsetzen. Als er das nicht tat blieb mir nichts anderes als in die Offensive zu gehen und ihm verständlich zu machen, daß er ruhig weiterfahren könne, denn der Weg wäre garnicht mein Objekt der fotografischen Begierde, mal davon abgesehen daß ich sowieso noch mit Einstellungen beschäftigt war.

„Nagut.“ – hörte ich noch so, doch das Rad blieb stehen.
Der Mann musterte mich und dann die Umgebung eingehend und fragte schließlich, was es hier denn interessantes zu Fotografieren gäbe?

„Naja“ meinte ich – in Sichtweite war eine Baustelle für eine große Halle, von der aktuell erst eine Art Beton-Skelett stand, welches sich blass vom strahlendblauen Frühlingshimmel abhob.
„Hier, das Gebäude! Das wollte ich schon lange mal ablichten, ich sehe es immer wenn ich selbst mit dem Rad vorbeifahre … das ist faszinierend, so wunderbar geometrisch! Und diese Linien!“

HDR-Aufnahme aus 3 RAWs

 

Ich hatte das eigentlich nicht vorgehabt, aber nun kam ich wohl in Fahrt …
Der graugewandte Radler sah mich nur etwas ungläubig an und meinte dann – er hätte das Ding da heute das erste Mal gesehen … aber so interessant fände er es nun nicht gerade.

„Naja, von hier aus vielleicht, aber wenn man es von da hinten sieht und dann frontal draufschaut, wenn die Pfeiler so perspektivisch nach hinten kürzer werden – das sieht fantastisch aus! So schön gerade und geordnet!“
Ich ertappte mich dabei wie ich unbewusst ins wilde Gestikulieren übergegangen war vor lauter Begeisterung, worauf meine Sonnenbrille diesmal – nach einem weiteren Absturz – besonders schief auf meiner Nase landete.

Ich schob sie also wieder nach oben und bemerkte dann, daß der Kerl mich ansah als hätte er gerade Donald Trump in seiner Garagenauffahrt Macarena tanzen sehen.
„Also Perspektivisch … ich weiß nicht .. ich hab da jetzt nichts gesehen!“
Nagut, der ist wohl nicht so für die großen, architektonischen Dinge zu haben – schlußfolgerte ich und deutete dann auf den dicken Holzbalken, der als Geländer den Radweg zu beiden Seiten von der Böschung abgrenzte.
„Ja das ist ja nicht das einzige was man hier finden kann – schauen sie mal da! Das Holz! Das Moos, diese tolle Textur – das werden wunderbare Nah-Aufnahmen! Also das ist doch wirklich interessant! Man muss halt nur mal wirklich genau hinsehen!“

 

Der Mann guckte, aber nicht auf das spröde Holz … Donald Trump musste nun wohl einen pinken Fell-Bikini angezogen haben, um seine Tanzdarbietung noch spektakulärer zu gestalten.

Etwas betreten widmete ich mich also wortlos wieder meiner Kamera zu und begann, sprödes Holz und trockenes Moos abzuknippsen. Einige quälende Momente blieben Rad und Radler noch stehen und versuchten sich offenbar einen Reim auf Geometrie, Moos und Mr. Trump zu machen, und dann endlich presste er nur noch ein „Naja, dann halt nen schönen Tag noch!“ raus und zog endlich auf seinem alten Damenfahrrad von Dannen.

„Boah, so ein Banause!“ meinte ich, tatsächlich etwas verärgert, zu mir selbst und checkte meine wirklich hübsche Holz-Aufnahme, steckte den Deckel aufs Objektiv und machte mich dann auch wieder auf den Weg.

An Sonntagen sind wirklich nur seltsame Gestalten unterwegs …

Butoh – der Tanz der Finsternis

Tanz ist nicht nur ein netter Sport sondern ein ganz besonderes Ausdrucksmedium. Hier wird der Mensch nicht nur Künstler sondern Kunstwerk selbst, er setzt seinen Körper ein um sich mitzuteilen. Nonverbale Kommunikation die mit Gewändern und Make-Up betont werden kann – einerseits durch besonders viel aber auch durch besonders wenig.

Tanz begleitet mich seid ich 11 bin, da habe ich mit Ballett angefangen. Klar, ein typischer Kleinmädchentraum, das muss ich zugeben 😉 doch Tanz ist eben mehr als das. Heute finde ich schnurzklassiche Bühnenstücke zwar vom technischen Standpunkt interessant, wirklich faszinierend finde ich mehr moderne Ausdruckstanz-Formen.

Der moderne Tanz – als Kunstform auf der Bühne – hat seinen Ursprung bei Pionieren wie Mary Wigman – im deutschen Expressionismus.

Dieser neue Ausdruckstanz bahnte sich nach dem zweiten Weltkrieg seinen Weg in die japanische Kunst. Tatsumi Hijikata und Ōno Kazuo griffen diese Wurzeln auf und erfanden „Ankoku Buto“ – den „Tanz der Finsternis“ – wie die Langform von „Butoh“ übersetzt lautet.

Der Ausdruck lässt schon erahnen worum es inhaltlich beim Butoh hauptsächlich geht: menschliche Abgründe, Angst, Verzweiflung, Trauer, Tod, sexuelle Absonderlichkeiten. Themen die gesellschaftlich wenig Akzeptanz finden.

Besonders in den 60er Jahren erlebte Butoh seine Blütezeit, im Fahrwasser des anti-amerikanischen Protestes in Japan.
Wo Butoh zunächst als Protest gegen die steife, traditionelle Geisteshaltung der japanischen Gesellschaft stand und gegen die ebenso starren Normen japanischer Tanzformen rebellierte die all das ausdrückten, wurde Butoh später auch Ausdruck des Widerstandes gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur.
Butoh hat keine Regeln und folgt keinen starren Choreographien, Mittelpunkt ist der Ausdruck – oft von Tabuthemen wie Tod, Trauer, Irrsinn, menschlichen Abgründen. Butoh ist aber auch ritueller Tanz in Anlehnung an schamanistische Praktiken, archaisch, primitiv – denn der Tod bringt auch neues leben und einen neuen Anfang hervor – ein Ansatz den viele spirituelle Richtungen zeigen, egal ob sie alt oder neu sind.

Im Jahre 1959 sollte das erste Butoh-Bühnenstück vor Publikum uraufgeführt werden – „Hijikatas Kinjiki“ – thematisch drehte sich die Handlung um Homosexualität, zudem sollte auf der Bühne ein Huhn umgebracht werden. Die Vorstellung fand nie statt – ob die Japaner am Tod des Huhnes oder der homosexuellen Thematik Anstoß nahmen liegt im Dunklen.

Der Tänzer will den Zuschauer nicht unterhalten, er kommuniziert mit ihm durch Körpersprache. Ganz in sich versunken bewegt er sich tranceartig, verkrampft, grotesk. Langsam. Unwirklich. Die Ästhetik ist hier mehr suf der Seite dessen was allgemein als „hässlich“ empfunden wird. Kahle Körper, androgyne Erscheinung bis zum Crossdressing, schmerzhaft aussehnde Grimassen und Verkrampfungen, weißes Make-Up.

Auch die Grenzen zwischen biologischen Geschlechtern werden hier verwischt da die Tänzer oft geschlechtslos auftreten.


Vielleicht klingelt es bei einigen die es nicht eh schon wussten – schaut doch schwer nach Sopor Aeternus bzw Anna-Verney Cantodea aus?

Richtig.

Er/Sie ist selbst Butoh-Tänzer und hat in ihrem/seinen Werk sehr viel Butoh-Ästhetik übernommen. Angefangen vom Erscheinungsbild über die grotesken Artworks, die Bewegungen (auch wenn er/sie bekanntlich nicht auftritt) – gemsicht mit mittelalterlichen Einflüssen, victorianischer Schauerästhetik in feiner Tradition der schwarzen Romantik – und Wave. Ja, wirklich! Gerade die ersten Werke sind noch sehr deutlich wave-lastig und auch wenn sich Legenden um ihr/sein Alter ranken, so bekommt man stellenweise immer wieder Hinweise darauf daß er/sie in der schwarzen Wave-Szene aufgewachsen sein muss und von da aus einen ganz eigenen Schritt unternommen hat. Stellenweise hört man die Wurzeln aus der Musik auch noch deutlich heraus

Natürlich fasziniert mich Anna-Varney genauso wie viele andere Schwarz- und Endzeitromantiker.
Aber auch der Hintergrund mit dem Butoh-Tanz allein ist eine spannende Sache die vom Aspekt der Kunst her schon für sich genommen sehr „gruftig“ ist.
Ich bin jetzt niemand der für den Japan-Hype allzu viel übrig hat. Wenn man den ganzen bonbonbunten Kram a la Lolita und Visual K mal wegschiebt bietet aber auch diese Kultur sehr faszinierende Aspekte die weiter gehen als Mode und Trends und sogar tatsächlich ins schwarze Bild passen.

Ich habe zwar viel Tanz betrieben und bin – nicht nur deswegen – auf Veranstaltungen auch ziemlicher Ausdruckstänzer, mit Butoh habe ich aber keine persönlichen Erfahrungen.
Ich kann aber bestätigen daß die grotesken, langsamen Bewegungen der Butoh-Tänzer, auch wen sie erstmal komisch aussehen mögen, enorme Körperbeherrschung und Kraft erfordern. Man sieht das am drahtigen Körperbau ja auch ganz gut. Zudem kommt die Fähigkeit sich emotional auch noch so reinzusteigern – ich werde auch das Gefühl nicht los daß der „Danse de la terre“ von Rosa Crux auch maßgeblich vom Butoh beeinflußt ist 😉