Oh wie schön ist Nerdistan – Frischfleisch auf der FedCon 2018

Im Frühjahr 2018 sitzt ein einsamer Kleinstadt-Grufti Schrägstrich Nerd in seinem Keller am Rechner und beschließt, einmal in ganz neue Dimensionen vorzudringen.  Das Hirn rödelt mit dem Rechner, der langsam mal neue Innereien gebrauchen könnte, seit geraumer Zeit schon um die Wette, und dann passiert eine eigentlich unbedeutende Kleinigkeit, die den Grufti-Nerd-Hybriden aber dazu veranlasst, noch in der selben Nacht auf einen Rutsch Zugkarten, Unterkunft und Tickets zu ordern.

 

Heuer sollte es, nach 12 Jahren WGT in Folge, mal woanders hingehen zu Pfingsten – und zwar gen Bonn, zur FedCon. Wie ich im vorangegangenen Artikel schon schrub, so war die FedCon seit ca 1995 das Traum-Ziel meines damals jugendlichen Nerd-Ichs mit vollumfänglichem Star Trek-Vollschuß, doch zu der Zeit war das für mich eine unerreichbare Angelegenheit.

Inzwischen ist der 16-jährige Nerd wieder aufgestanden und freut sich gar diebisch seines Daseins – das heißt für mich auch daß ich nun ganz schamlos alles nachhole was in den 90ern so noch nicht ganz machbar war, wie eben Cons, Requisiten sammeln und bauen, und natürlich Uniformen nachnähen – so „screen accurate“ wie möglich – die dann selbstredend standesgemäß auf den Cons ausgeführt werden. Als Teenie-Nerd in den 90ern bekam man von seinem Umfeld für diese Leidenschaft nicht selten so einige Ekelhaftigkeiten ab.

 

Obwohl ich vor drei Jahren – mit der ersten deutschen Doctor Who Themen-Con namens „TimeLash“ bereits angefangen habe mal in Cons reinzuschnuppern, so bin ich dennoch eher ein Con-Neuling, denn ausser der Timelash hatte ich bis dato noch keine andere derarte Veranstaltung besucht. Die Doctor Who Con hat jedoch jedes Mal immer großen Spaß gemacht, auch dank der überschaubaren und unglaublich familiären Atmosphäre, bei der man an jedem Eck mit Leuten ins Gespräch kam und so zusammen seinen Spaß hatte.

 

Die FedCon jedoch war in meinem Kopf inzwischen eine unglaublich riesige und unübersichtliche Angelegenheit, daher fiel bislang die Entscheidung zu Pfingsten ohne viel Überlegen immer wieder aufs WGT – denn das Bild das ich mir da selbst gemalt hatte, war irgendwo auch etwas erschreckend.

 

Zu meinem Glück aber erwies sich das alles als völlig falsch, aber dazu später natürlich mehr …

 

Am 17. Mai kletterte ich unausgeschlafen und unter diversen Flüchen erstmal auf den Dachboden um „den Rollkoffer“ auszugraben – ein Gepäckstück das ich leidenschaftlich hasse, da es sperrig ist, Lärm macht und ständig irgendwie im Weg ist, leider aber ging mein Plan, alles an Gepäck in meinen großen Army-Rucksack komprimiert zu bekommen, hinten und vorne nicht auf, also stand ich am Ende mit besagtem Rollkoffer, einem kleinen Army-Rucksack und noch einer Umhängetasche am marktredwitzer Bahnhof und verbiß mir ein paar „farbige Metaphern“, als an der Anzeigetafel mal wieder eine Zugverspätung angekündigt wurde.

Das mit den Verspätungen sollte sich noch durch die weitere Reise ziehen, zum Glück belief sich – dank günstiger Alternativ-Verbindungen, aber mit einigem Gerenne und nervigen Extra-Gewarte – die Verspätung dann nur auf grob eine halbe Stunde.

 

Meine Unterkunft hatte ich über Airbnb gefunden, in Laufweite des Maritims, dennoch bot meine Gastgeberin mir sofort nach der Buchung ihr Rad an. Das Kopfkino sah schon Data auf einem alten Damenrad durch Bonn rollen, und nachdem ich eingecheckt hatte und die Vermieterin mir noch das Rad übergeben wollte, hätte ich beinahe laut losgelacht als es sich tatsächlich als hellblau gestrichenes Retro-Damenrad entpuppte! Das würde ein ganz großer Spaß werden …

 

In Bonn hatten Bekannte, die ich von der TimeLash bereits kannte, einen Tisch in einem kleinen chinesischen Restaurant reserviert, das praktischerweise auf halbem Wege zwischen Maritim und meiner Unterkunft lag, da man da bereits auf mich wartete, entlies ich nur noch schnell meine Starfleet-Uniformen aus dem Rollkoffer-Gefängnis und machte mich dann auf den Weg.

 

Der Vorabend war bereits ganz wunderbar und wir verstanden uns allesamt so prima daß schnell klar wurde, daß da wohl Freundschaften draus werden. Da mir solche Reisen „dank“ einiger Macken nicht grade leicht fallen, hatte ich im Vorfeld natürlich zusätzlich Bedenken, am Ende alleine und etwas verloren auf  einer mir unbekannten Veranstaltung zu stehen, doch „die Gang“ – wie sich die angenehm bunt gewürfelte Nerd-Truppe aus NRW nennt – nahm mich ganz herzlich auf! Und im Folgenden stellte sich auch heraus wie einfach es noch werden sollte, auch sonst Anschluß und großartige Gespräche zu finden!

Natürlich wird das schönere Ohr in die Linse gehalten 😀

Die erste Nacht war dann etwas holprig, ich war für meine Gewohnheiten als Fledermaus zu früh im Bett, und dann noch in einem unbekannten welchen, und dann klingelte mein sicherheitshalber  gestellter Wecker auch noch viel zu früh … vom WGT her kennt man das ja, das man den Vormittag erstmal verpennt oder zumindest jede Zeit ausnutzt um den Tag gemütlich anzugehen, denn meistens geht die Action erst Spätnachmittags richtig los .. diesmal aber überredete ich mich um halb 8 zum Frühstück, allerdings waren die Teetassen in der Küche zu klein um darin eine angemessen Menge Koffein, in Form von kräftigem schwarzen Tee mit Milch, unterzubringen, ich schaffte es dennoch mein Gesicht mit Vulkanier-Augenbrauen aus Wollkrepp auszustatten, nur der erste Versuch, spitze Ohren mit Mastix auf meine eigenen zu kleben, war mehr schlecht als recht und ich sah sie schon auf dem Rad bereits wieder von Dannen flattern …

 

 

Zum Glück aber hielten sie bis zum Abend durch, stoisch-vulkanisch in exakt der assymmetrischen Position in der ich sie unter vielen un-vulkanischen Flüchen angebracht bekommen hatte …

 

Am Maritim beobachteten noch nur wenige Besucher Spock auf dem Rad ankommen, ich hoffte inständig daß das gute Stück bis zum Abend vor der Türe stehenblieb und machte mich auf den Weg zur Bändchenausgabe. Dort bekam man eine Eintrittskarte und ein Bändchen, was beides beim Einlaß vorzuzeigen war.

Die Dame schob mir also das Band über die Hand und schaute mich dann verwirrt an weil ich immernoch stehenblieb – in gewohnter Erwartung daß jemand noch die Plombe zudrücken würde und die überschüssigen Enden abschneiden. Es stellte sich heraus daß bei diesen Teilen das wohl nicht nötig war, und so räumte ich den Platz und fing an meine neuen Freunde zu suchen.

 

Bild von Oti Würtz

Wir versumpften dann erstmal den nachmittag über in der Lobby, kamen wieder herrlich-angeregt ins nerdige Gespräch, danach drehten wir eine Runde, bei der die Gang mir die Örtlichkeiten zeigte und soweit alles erklärte – im Grunde ist die FedCon auch überschaubar, man trifft Bekannte von der Doctor Who Con und lernt so noch viele weitere Leute kennen. Bis auf vielleicht eine Begegnung habe ich so lauter großartige, nette, witzige und angenehm-durchgeknallte Leute kennenlernen dürfen, und allein schon der erste Tag war ein wahres Fest!

Auch Bekannte aus Luxemburg waren da, die aber leider nur für den Freitag freinehmen konnten, dennoch hatten wir Gelegenheit ein bisschen zu plaudern und ein paar Bilder zu machen – Monique hatte Anfang des Jahres von mir ein Doctor Who-Cosplay geschneidert bekommen und hatte sich in ein rotes Classik-Trek Uniformkleid geworfen, voll ausgerüstet mit Tricorder, Phaser (danke fürs kurze Ausleihen) und einem 20 Jahre alten Tribble der vor sich hin gurrte … Heng hatte sich Lokai aus der TOS-Folge „Bele jagt Lokai“ ausgesucht … da war ein gemeinsames Bild natürlich eine Notwendigkeit!

 

Mein erstes Panel war dann das erste mit Q himself – John DeLancie! Nachdem ich relativ spät mein Ticket geordert hatte, bekam ich „nur“ einen Platz auf der Empore, glücklicherweise war aber auch der große Saal im Maritim nicht exorbitant riesig und die Empore erwies sich nicht als der schlechteste Platz, wenn man zeitig reinkam konnte man sich direkt ans Geländer setzen und sah die Schauspieler von da aus eigentlich recht gut. Zur Erklärung: jeder bekommt nach Ticket-Nummer einen Sitzplatz zugewiesen, der in jedem Panel dann auch der eigene bleibt. Nur auf der Empore muss man sich suchen was noch frei ist.

 

Entgegen seiner oft exzentrischen Rollen – besonders auch als Q – erwies sich John DeLancie als sehr bodenständig und erzählte von seiner Leseschwäche in Jugendtagen. Natürlich gehören auch Fan-Fragen zu den Panels, und so begab es sich daß Q der versammelten Mannschaft erzählte, wie es war, für die TNG-Episode „Noch einmal Q“ unbekleidet auf der Brücke der Enterprise D zu materialisieren:

 

Direkt danach war es Zeit für die „Opening Ceremony“, die „Mistress of Ceremony“ – Lori Dungey, führte das gesamte Wochenende über ziemlich sympathisch und witzig durch das Programm und war sich auch für einige Extra-Späße bei noch kommenden Shows keineswegs zu schade – ich hatte sehr viel Spaß an der Moderation!

 

Zur Eröffnungsveranstaltung heizte die Moderatorin erstmal stimmunsgmässig-nerd-kompatibel ein und dann kamen die Vortragenden wie Schauspieler des Wochenendes auf die Bühne.

Die FedCon diesen Jahres war schwerpunktmässig auf die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ ausgelegt – eine Serie die ich anfang der 2000er nur sporadisch verfolgen konnte, denn meine Studentenbude war glotzenlos glücklich, so bekam ich immer nur wochenends bei Eltern mal was mit – die Serie steht auf jeden Fall noch auf der „Sehen-Muss“-Liste, denn das was ich mitbekommen hatte, hat mir damals schon zugesagt. Ich kannte also die Schauspieler im Grunde durchaus, hatte aber zu wenig Bezug zu der Serie, also lies ich die Panels aus und versteifte mich allein auf die anwesenden Star Trek Stars – die am Ende der Opening Ceremony auf die Bühne kamen. Neben John DeLancie waren Robert Picardo – der Holodoc aus „Voyager“ anwesend – und er sprach deutsch, sowie Jonathan Frakes und Brent Spiner – der seinen ersten Auftritt auch gleich speziell inszenierte:

Ich muss sagen daß übermässiges Fan-Gehabe eigentlich ja nie mein Ding war, muss aber wirklich gestehen daß ich ein bisschen in meinem Sitz versunken bin, als Commander Riker und – vor allem – Brent Spiner leibhaftig auf der Bühne standen. Ich stellte mir vor, ich könnte zurückreisen um meinem 16-Jährigen Ich zu sagen, ich würde Data tatsächlich mal treffen … da tat es einen unhörbaren Rummser, als der 16-Jährige innere Nerd ohne weiteren Kommentar hintenüber umgekippt ist … er hat es aber gut überstanden und grinst nun leicht benommen vor sich hin.

 

Meine Freunde sind ohne die Opening zu sehen zu ihrem Hotel zum Abendessen gegangen, ich schloß mich nach dem Ende dann an.

Der erste Abend endete damit relativ zeitig, in Erwartung von WGT-Ähnlichen Zuständen in den Folge-Tagen hatte ich auch nichts dagegen, wieder früher ins Bett zu kommen … denn am Samstag hatte ich Zeitdruck, das erste Panel von Brent Spiner und Jonathan Frakes war um 10:00 Uhr früh auf dem Plan und das durfte ich natürlich nicht verpassen!

 

Die Teetassen sind über Nacht dummerweise nicht größer geworden, also machte ich das Beste aus der frühen Zeit und und gab mir Mühe, mich in einen möglichst guten Data-Nachbau zu verwandeln.

Androide, frisch aufpoliert – glänzt wieder wie neu!

Wer sich generell für ein – richtig ausführliches Kostüm-Making-Of  interessiert, der sollte mal hier reinschauen. Primär rede ich da über die Herstellung der Uniformen, aber auch über das Make-Up und alles was sonst noch wichtig ist. Das WiP ist noch nicht abgeschlossen – aber wer nicht lesefaul ist, findet alles weitere dort.

Ich war zeitig gleichmässig eingegoldet und merkte aber schnell, daß Mr. Spiner nicht übertrieben hatte, als er sich in einem Interview mal über die Hartnäckigkeit des Goldpuders äusserte. Da ich auch ein bisschen was über die Hände verteilt hatte, zeigte sich schnell überall ein gleichmässig schillernder Glitzer-Film … trotz ordentlicher Schicht Fixierspray – welche mich nach dem Aufsprühen ein paarmal mit angehaltener Luft aus dem kleinen Bad flüchten lies …

 

Gegen halb 10 schwang sich Data dann also auf das hellblaue Damenrad und zog los. Die normalen Passanten guckten schon etwas, in Anflugschneise des Maritims aber hörte ich dann ein „Nein wie geil!“ hinter mir und vor mir reckte ein Besucher mit breitem Grinsen den Daumen in die Höhe. Und ja, ich freute mich total darüber!

Das „Auftakeln“ – hier mit diversen Cosplays aus der SciFi Landschaft – hat etwas viel entspannteres als die Aufrüscherei zum WGT. Primär hängt es damit zusammen daß man nicht per se als „Objekt, frei zum Abschuß, weil will es ja so!“ abgestempelt wird, sondern man ist ein Fan unter Fans der seine Begeisterung eben so ausdrückt, während Fans in T-Shirts weder darüber meckern noch angemeckert werden. Wenn jemand ein Bild machen will, oder man von sich selbst ein paar macht, so juckt das keinen auch nur annähernd.

Vor der Eingangstür stellte ich das Rad am gleichen Fleck wie tags davor ab, schwang – in alter Mountainbike-Fahrer-Gewohnheit – das Bein in unnötig hohem Bogen über den Sattel, fummelte am Schloß, zog die Uniformjacke nach unten und nahm Kurs auf den großen Maritim-Saal.

Jonathan Frakes und Brent Spiner waren exorbitant gut drauf und hatten schon nach kürzester Zeit den Saal ausgelassen zum Lachen gebracht. Man witzelte über die frühe Uhrzeit und kam bald auf die Idee, eine neue „Morning Show“ aufzuziehen – kurz entschlossen schlugen die zwei dann vor die „Pilotfolge“ am Montag zum Besten zu geben, indem sie ihre dort nacheinander geplanten Panels einfach zusammenlegen wollten.

Und da war es wieder – dieses irgendwie ganz neue Gefühl – der inhärente Fan-Dachschaden sprang an und so machten mich die zwei mit ihrem Humor emotional fix und alle – aber auf eine sehr angenehme und unterhaltsame Art! Entsprechend war das Panel viel zu schnell vorbei, und so suchte ich meine Freunde im Innenhof, lies mich kurz nieder und erstattete Bericht während ich zeitgleich versuchte, mich irgendwie wieder selbst einzusammeln. Und dann war es Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen, ich lies meine Tasche kurz bei der Gang und ging zum Ticket-Tresen. Dort verlangte ich ein Foto-Ticket … Staff-Mitglied eins fragte für wen – Brent Spiner – Staff-Mitglied zwei lässt kurz von ihrem eigenen Kunden ab und bemerkt grinsend – das würde man doch sehen!

 

Und kurze Zeit später fand ich mich, schon wieder etwas verwirrt, in einer Menschen-Schlange wieder. Hinter mir eine nette junge Dame in petrolfarbener Voyager-Uniform.  Wie so oft an diesem Wochenende kam man ganz ohne Umschweife ins Gespräch, sie hatte schon einige Con-Erfahrung mehr, war aber dennoch mindestens genauso nervös wie ich. Vor mir gruschte ein junger Kerl alle paar Minuten seinen Rucksack durch, den er dazu auf den Boden abstellte und sich herunterbückte. Durch die beengten Platzverhältnisse in der Schlange schrubbte sein be-jeanster Hintern dabei mehrere Male an meinen Handrücken entlang. Mit der Folge daß sich zwei immer deutlicher abzeichnende goldene Streifen auf seinem Hosenboden bildeten. Ich versuche Data-like Contenance zu bewahren und bezweifle gedanklich die Aufschrift auf der Fixierspay-Dose, die da versprach, Make-Up auch gegen extreme Beanspruchung und Abrieb resistent zu machen. Im Feldversuch eindeutig widerlegt – ich werfe meiner grinsenden Gesprächspartnerin ein Schulterzucken zu während der Hosenboden-Besitzer nichtsahnend die Schlange entlang vorrückt..

Zusammen nervös sein ist angenehmer und so verquatschten wir die Ansteh-Zeit ein wenig und plötzlich bin ich schon ganz nah dran … danach geht alles so schnell daß man keine Zeit mehr hat wirklich nervös zu sein, im Nachhinein finde ich das ziemlich schade, auch wenn ich weiß daß man die Massen an Leuten, die für die Fotos anstehen, ansonsten kaum durchbekommt.

 

Da steht er also, sieht mich – macht einen tatsächlich beeindruckten Gesichtsausdruck und hat für „Lady Data“ (auch wenn das natürlich nicht stimmt aber – ich habe ja auch kein Schild mit vollumfassender Erklärung um den Hals hängen …) ein Kompliment .. ein Glück daß man unter dem Gold nicht sieht wie die Gesichtsfarbe so leicht zum rot überwechselt. Klingt peinlich, zugegeben, aber hey – ich stehe  dem echten Data gegenüber, der meinen Nachbau gerade für toll befunden hat! Versetzt euch da doch mal in meine Lage 😀

„Oh, how are you today!“ sagt er dann noch in gemütlichem Plauderton, und ehe ich – in englisch – eine kleine Antwort rausgebracht habe, brüllt der Fotograf schon und zählt auf drei, reflexartig werden 15 Jahre Kamera-Erfahrung in den Arbeitsspeicher geladen, es blitzt uuund – im Kasten. Nächster bitte. Ich lasse Mr Spiner also los, der aber noch einen halben Schritt auf mich zumacht und tatsächlich noch irgendwas sagen will – doch da steht der nächste schon und mir fällt nur noch „thank you so much!“ ein, dann sammle ich meine Tasche wieder auf und finde mich in der Schlange zum Bilder-Abholen wieder. Ein weiteres mal an diesem Wochenende bin ich dezent verwirrt und emotional erschlagen. Hinter mir schließt das Mädel auf, mit dem ich mich schon so gut unterhalten hatte, zusammen verwirrt sein verkürzt auch die Wartezeit auf die Bilder etwas …

Bitte eine Zeitblase für diesen Moment – für ein schönes Gespräch, so von Original zu Kopie …

Aber mein Foto ist ganz großartig geworden und ich freue mich über das Mitbringsel, die Verwirrtheit weicht dem Glück des 16-jährigen Mini-Nerds der während des Fotos wieder umgekippt war und nun zu verstehen versucht, daß das tatsächlich gerade passiert ist. Meine Gesprächspartnerin holte kurz nochmal Luft und verabschiedet sich – die nächste Schlange war für Jonathan Frakes, und da hatte sie auch ein Ticket geholt.

Ich traf in der Abhol-Menge noch Ralf, einer der Organisatoren der TimeLash und auch wir gerieten nochmal in ein kurzes Gespräch. Ralf ist einer der alten Con-Hasen und es stellt sich nicht nur bei unserem Gespräch heraus daß die „Erfahrenen“ sich oft wirklich drüber freuen wenn das Frischfleisch noch alles ganz neu und aufregend findet und daher so ein wenig aus dem Häuschen gerät. Beim WGT hingehen scheint es oft so daß man nervöse Neulinge doof findet, wer in den 90ern noch nicht beim WGT war, sollte dann auch besser nicht erst mitreden …

 

Ralf stellte sich auch mit in die Jonathan Frakes Schlange, für mich sollte das Bild das ich gerade in seiner Mappe verstaute, das einzige des Wochenendes sein … ich muss mich an solche Fan-Ausgaben erst irgendwie auch noch gewöhnen und bin daher erstmal bescheiden gewesen.

 

Im Innenhof müsste die Gang noch versammelt sein, also steuerte ich den wieder an. Meine neuen Freunde begutachten das Bild auch gleich – ich kanns immernoch nicht fassen daß Leute sich wegen einem Fan-Dachschaden so wunderschön ehrlich mit einem freuen. Wenn man aus Jugendtagen drauf trainiert ist, daß Fan-Bekundungen zu abfälligen Blicken, bis hin zu handfesten Gemeinheiten führen, dann ist das wie der Nerd-Himmel auf Erden. Und mir fällt auf daß Brent Spiner ganz sicher auch Goldstaub von mir abbekommen haben muss … der innere, 16-jährige Nerd kichert schon wieder vor sich hin und sucht sich sicherheitshalber eine Papiertüte …

 

Später am frühen Abend steht Robert Picardo auf dem Plan, der legte auch gleich gut los und erklärte den Sinn seines Hutes – ohne diesen würde nämlich der Glanz seiner Glatze das Publikum blenden .. man könne ihn dann auch vom Weltraum aus sehen, also behält er den Hut mal lieber auf.

Beeindruckend auch seine Ausführungen über seine Arbeit für die „Planetary Society“ – die aber auch nicht ohne unterhaltsame Einlagen bleibt, denn als Einspieler lief dann Picardos Abschieds-Lied an die Raumsonde Cassini, die zu meinem Ohrwurm des Wochenedes werden sollte:

 

 

Seitdem habe ich das Video zigmal gesehen und kann immernoch nicht ganz genug davon bekommen …

 

 

Data testet die lokalen, wenn auch etwas archaischen Fortbewegungsmittel

Einige Bekannte wollen später noch das Panel von Jason Isaacs sehen, doch obgleich ich ihn als Mensch wie Schauspieler sympathisch und echt gut finde, so tue ich mir – als Trekkie mit gut 28 Dienstjahren – wie die meisten von der „alten Fan-Riege“ bei „Discovery“ nach der ersten Staffel noch recht schwer, selbiges unter „Star Trek“ überhaupt einzuordnen, also folge ich der Gang ins GSI um etwas gegen den knurrenden Magen zu unternehmen.

Die hat sich schon partytauglich frisch gemacht, da ich das nicht mehr schaffen würde, blieb ich wie ich bin. Das gab uns Gelegenheit „Data auf dem Damenrad“ mal in statischem wie in bewegtem Bild festzuhalten. Die Gang versucht nicht allzu sehr zu lachen, als ich mit schnörzelgerader Haltung eine kleine Runde für die Kamera drehe … tatsächlich passiert das ganz von alleine – man nehme nur 13-Jahre Bühnentanz-Erfahrung aus einer gut gerührte Mischung aus Ballett, Jazzdance und Steptanz, und ein Rad auf dem man eh nur kerzengerade sitzen kann …
Auf der Party später sorgt die gleiche Mischung – nur ohne das Rad – ebenfalls für etliche Grinser der umstehenden Gäste, denn sobald das neumodische Zeugs an Musik endlich erschlagen ist, kitzelt es auch mir in der großen Zehe und – Data tanzt!
Wer mich in Bewegung kennt, kennt dann auch den vielleicht etwas eigentümlichen Tanzstil, der wieder mal von der Ballett-Ausbildung herrührt und einfach da ist – ob ich will oder nicht  😀

 

 

Die Party geht für mich um etwa 2 Uhr nachts zuende, Teile der Gang haben vorher schon aufgegeben weil müde – nicht jeder ist so eine Eule wie ich und trotz einiger Witzchen ist das ja auch absolut OK. Ich rollerte also auf meinem Rad wieder gen temporärer Heimat und stand da noch vor dem Problem, das ganze Gold-Zeug wieder irgendwie aus dem Gesicht zu bekommen …

 

Hast du ein Problem, Pinkie-Haut?

Der Sonntag bricht an, und damit schon der dritte Tag. Wieder ist es verdammt früh, Robert Picardo hat nämlich um 10:00 Uhr sein zweites Panel, dummerweise habe ich diesmal vor, komplett blau auf der FedCon zu erscheinen, und bis dieser Zustand eingestellt ist, braucht es zumindest ein bisschen Vorlauf-Zeit …

Premiere für Shoran, den ständig schlechtgelaunten andorianischen Teenager … der Charakter taucht natürlich nicht in Star Trek auf, wohl aber das blauhäutige Volk mit den lustigen Fühlern auf dem Kopf – die mochte ich irgendwie immer schon, und als Spontan-Kostüm war das leicht zu bewerkstelligen, mit einigen Kleidungsstücken aus dem eigenen Schrank – nur blaues Make-Up sowie Fühler musste ich noch besorgen, bzw bauen.

Ein weiteres Mal steige ich auf mein Leih-Rad und höre in der letzten Kurve vor dem Maritim-Eingang jemanden hinter mir in einen deftigen Lachanfall ausbrechen. „Ein Andorianer aufm Fahrrad!“ – ich drehe mich kurz um, winke und lache zurück …

Robert Picardo habe ich nun knapp verpasst, man hätte sich in den Saal noch mit reinschleichen könne, aber die Gang sitzt schon wieder im Innenhof in der Sonne, also setzte ich mich mal dazu.

Ausser mir waren noch etliche andere Andorianer unterwegs – ein Umstand der selbstredend verbindet, man macht Andorianer-Gruppenfotos und kommt – wieder mal ins Gespräch.

Teile der Gang wollen sich Robert Vogels Gesprächsrunde zu „Discovery versus Orville“ anschauen, ich schließe mich an, da das Thema schon etliche Zeit natürlich in aller-nerds Munde ist. Ich bin ganz klar von der Orville-Fraktion, denn Seth MacFarlane schafft in seinem Trek-Klon wirklich gut, was mir bei „Discovery“ bislang  gefehlt hat – die intelligenten Stories zu gesellschaftlichen Problemen und sehr menschlichen Dingen. Wer Angst vor dem Klamauk-Faktor hat, der sei beruhigt – haltet die ersten zwei Folgen durch, und danach kriegt die Sache schon die richtige Kurve!

Die Diskussion nehmen wir mit nach draussen, an den Rand des Brunnens im Innenhof, und wieder passierte etwas was mich angenehm überraschte – während genau dieser Disput im Internet meistens nach kurzer Zeit in bissigen Streit ausartet, so tauschen wir sachlich unsere Ansichten aus, schaffen es den Standpunkt des Gegenübers nachzuvollziehen und damit wird wieder eine Diskussion daraus wie sie sein sollte – konstruktiv, trotz der unterschiedlichen Ansichten. Das war richtig gut!

So veralbere ich den Nachmittag mit weiteren alten aber auch neuen Bekannten und Freunden und fühle mich rundum wohl. Mit der Gang gehts dann wieder zum Abendessen, und danach mache ich mich mit zwei weiteren neuen Freunden auf, den Cosplay-Contest zu begutachten.

Die komplette Gang – und ein blaues Anhängsel 😀

Oben auf der Empore frägt mich meine Sitznachbarin auf englisch, ob ich da mitmachen würde, nach ein paar Sätzen stellte sich heraus daß wir beide des Deutschen mächtig sind, und schon hat man wieder ein nerdiges Gespräch in Gange.

Der Cosplay-Contest war in Rekordzeit zuende, offenbar wegen zu weniger Teilnehmern, unter denen die dabei waren, gab es aber wirklich grandioses zu sehen, beispielsweise ein Drachen-Kostüm, welches die Trägerin aus unzähligen Worbla-Schuppen gebaut hatte, ein Charakter aus Star Wars, dessen Schärpe vom Cosplayer von Hand bestickt wurde – so akkurat daß man es für Maschinen-Arbeit halten hätte können. Ein Jaffar aus der Stargate-Serie und die einzigen beiden Gruppen – darunter einige erstaunlich-akkurate Borg-Truppe, die die Tage über schon mit passender Kulisse in der Lobby Aufstellung genommen hatten – übrigens gegenüber der „German Asshole Society“ – eine Spaceballs-Kostümtruppe die mit sehr viel Begeisterung und Selbstironie bei der Sache waren – definitiv ein weiteres Highlight!

Ihr seht beide Gruppen, sowie einige der Teilnehmer auf in dem folgenden Video, das einen richtig tollen Eindruck von der gesamten FedCon vermittelt:

 

Noch nach dem Contest beschließe ich, nächstesmal noch etwas mehr Mut zusammenzukratzen um  selbst mal teilzunehmen. Inzwischen ist auch schon eine Entscheidung gefallen, welches Kostüm es dann werden soll.

Mit der Gang verbringe ich einen weiteren Abend in der Piano Bar des GSI, es gäbe auch heute eine FedCon Party, doch der Bettzipfel ruft lauter. Zwar nicht so sehr bei mir, aber – macht nichts.

Montag – ich schiebe die große Zehe aus dem Bett und stelle bestürzt fest, daß dies nun schon der letzte Tag war. Die Zeit verging wie im Fluge.

Ein viertes Kostüm hatte ich nicht eingepackt, ich hatte eigentlich geplant entweder Spock nochmal zu tragen oder nur die TOS-Uniform, ohne Vulkanier-Aufmachung, da der Tag nicht ganz so lange werden würde. Trotzdem entschied ich mich nochmal für Data – mit dem gesamten Bemalprogramm, natürlich – einfach weil ich Bock drauf hatte!

„Dalek Caaarl! Warum liegt da ein toter Mensch?“ O-Ton Barbara – danke dafür 😀

Wie immer traf ich die Gang im Innenhof, in der Sonne, und nach und nach gesellten sich dort auch die anderen Bekannten dazu – Barbara, die TARDIS-Bauerin und Dalek-Häklerin von der TimeLash hatte einen roten Glitzerdalek dabei, der aus der Handtasche heraus schon nach dem nächsten, exterminierbaren Opfer schielte – zu meinem Glück aber schienen künstliche Lebenformen nicht auf der Abschußliste zu stehen …

Dann war es Zeit für das letzte Panel – das sich als das unbestreitbare Highlight herausstellen sollte.

Ich suchte mir wieder einen guten Platz auf der Empore und konnte dann beobachten wie mehrere Helfer einen gedeckten Tisch aufbauten, Stühle darum platzierten und Geschirr sowie Kaffeekannen und Essen darauf drapierten. Und dann erschien auf dem Bildschirm der Bühne schon das Logo für die „Brent and Johnny Morning Show“!

In Kürze lag der Saal kollektiv auf dem Boden vor Lachen … die beiden hatten sichtlich Spaß und waren voll in ihrem Element. Ich hoffe ja sehr daß es noch einen gesamten Mitschnitt der „Morning Show“ gibt, sowas sollte man wirklich festgehalten haben – derweil leider nur ein etwas wackeliger Ausschnitt von einem Besucher:

 

Auch ich war danach schon wieder fix und alle und absolut fertig mit der realen Welt. Nachdem ich mich bei der Gang wieder etwas eingekriegt hatte, machte ich mich zu einer letzten Einkaufstour durch die Händler-Stände auf, die schon langsam zum Einpacken übergingen. Ich hätte einige Dinge gesucht gehabt, ging dann aber lediglich mit einer Handvoll Metall-Pins wieder zurück – dabei ein kompletter Satz Abzeichen für die „Monster Maroon“ Uniformen, die in den 80er-Kinofilmen zu sehen war, und nicht nur meiner Meinung nach das schönste Uniform-Design von allen ist. Data bekam für die „First Contact“-Uniform einen zweiten Satz Rank Pins, und für den Alltags-Nerd ein kleines TOS-Abzeichen mit dem Symbol der Wissenschafts-Abteilung.

 

Die Gang beschloß geschlossen, die Closing Ceremony nicht anzusehen, weil man befürchtete sonst die große Trauer über das Ende dieser wahrlich großartigen Con, also begann nun das große Verabschieden bereits, worauf sich einige weitere Bekannte dann zur Schlußveranstaltung anschlossen.

Nicht mehr alle Schauspieler waren noch vor Ort, einige hatten Videos hinterlassen, die übrigen sorgten für ein wirklich grandioses Finale, welches ihr hier sehen könnt:

 

 

Während ich äusserlich relativ gefasst blieb, verdrückte sich mein innerer Teenager-Nerd in ein dunkles Eck, um dort Rotz zu Wasser zu heulen.

In der Lobby passte ich dann noch einige andere Freunde und Bekannte ab und verabschiedete mich … und dann machte ich mich auf zu meinem hellblauen Leih-Rad um den Rückzug anzutreten .. die Stimmung unter den Aufbrechenden war immernoch ausgelassen, Data auf dem Rad bekam noch ein paar letzte Lacher, nette Zurufe und Komplimente ab, ein offenbar nicht beteiligter Radfahrer auf Gegenkurs streckte mir grinsend den vulkanischen Gruß entgegen, und dann saß ich auf dem Bett meiner Unterkunft und brauchte noch eine halbe Stunde um den Mut zu finden, mich aus der Uniform zu schälen und unter Zuhilfenahme einer sehr ausgiebigen Dusche das letzte Mal den Goldstaub aus dem Gesicht zu bekommen.

Die ersten Leute posteten vom Heimweg aus oder von der Ankunft zuhause, man lachte noch im Netz den Abend über gemeinsam und so langsam breitete sich der Con-Blues aus. Ich packte meine Sachen zusammen und schaffte es nichtmal mehr der Rheinaue einen kurzen Besuch abzustatten.

Am nächsten Vormittag dann ging es auch für mich auf den Rückweg, just als ich das letzte Teil aus dem Bad aufsammeln wollte, krachte es draussen laut – und es stand ein Gewitter direkt über Bonn. Eine Stunde später wagte ich mich durch den Regen, das Gewitter war zwar abgeklungen, doch das Wasser von oben legte nochmal ein Brikett nach, sodaß ich kurz darauf völlig patschnass in der U-Bahn saß und mir Mühe gab so zu tun als sei das das normalste auf der Welt.

Die Bahn war auch in Stimmung für Witze, und haute eine mehr als halbstündige Verspätung, schon im Bonner Bahnhof, obenauf. Ich verpasste mal wieder alle Anschlußzüge und kam diesmal eine ganze Stunde später als geplant zuhause an. Aber immernoch mit dem Kopf im siebten Nerd-Himmel … mein kostbares Foto steht nun, gut sichtbar auf meinem Wohnzimmer-Regal, und jedesmal wenn ich hinschaue muss ich über alle vier Backen grinsen – auch wenn mich immernoch plagt, was Brent Spiner kurz danach noch zu mir hätte sagen wollen.

 

Das Fazit zu der ganzen Sache: keine Sekunde bereue ich, mich für die FedCon entschieden zu haben. Vom ersten Moment an fühlte ich mich am rechten Platz und wunderbar willkommen. Zwar gab es einst, vor 12 Jahren auch auf dem WGT ein ganz wundervolles Angekommen-Gefühl, und immernoch liegt mir an dem Festival wirklich einiges, doch zum Einen hat sich die Routine da eingeschlichen, was ich persönlich einfach auch schade finde, auch wenn es natürlich immer an einem selbst liegt, irgendwas anders zu machen. Zum Anderen ist da ja noch mein innerer, 16-Jähriger Teenie-Nerd, der nun, nach 22 Jahren endlich mit seiner Starfleet-Uniform dasitzen darf ohne sich deswegen runterputzen lassen zu müssen, und sich so seiner Existenz erfreut!

 

Robert hat in seinem Bericht zum Besuch der „Destination Star Trek“ ganz ähnliches berichtet, und mehr als einmal hab ich beim Lesen hier in völliger Zustimmung dem Bildschirm zugenickt.

Auch mich hat damit der Con-Virus endgültig gepackt, die nächste Reise ist auch schon geplant, alle Tickets geordert – es geht zur Comic Con nach Stuttgart, wo zwar zu meinem großen Bedauern Nichelle Nichols und Arthur Darvill (Doctor Who) zwar inzwischen abgesagt haben aaaber – Marina Sirtis a.k.a Deanna Troi ist da und Data freut sich schon sehr darauf, ein Bild mit ihr mit nach Hause zu nehmen.

 

Im Oktober dann steht die vierte TimeLash in Kassel auf dem Programm, fürs nächste Jahr werde ich ebenfalls wieder zur FedCon fahren, und dann sehen wir mal wohin der Wind mich dann noch alles verschlagen wird!

 

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Eine Frage der Perspektive

Bei dem schönen Wetter kann man ja nicht den ganzen Tag im Keller verbingen um zu Arbeiten, also beschloss ich zumindest  kurz vor die Türe zu gehen um bei der Gelegenheit mein neues Objektiv mal auf die Aussenwelt loszulassen. Was größeres sollte es jedoch nicht werden, nur eben kurz den Weg entlang den ich sonst mit dem Rad fahre, um dort zu sehen was mir so vor die Linse geraten würde.
Sonntags ist immer ein Tag an dem potentiell viele Leute unterwegs sind, die einen bei solchen Aktionen stören können, denn beim Bilder machen hab ich am liebsten meine Ruhe – ausgenommen sind Bilderaktionen bei denen andere Leute natürlich eingeplant sind. Denn auch wenn moderne Spiegelreflex-Kameras inzwischen nichts allzu besonderes mehr sind, so wird die Sache schon interessanter für Zaungäste, wenn das Objektiv eine gewisse Länge hat und eventuell dann sogar noch ein Stativ im Spiel ist.

Dennoch war ich ganz froh lediglich von einer Horde kleiner Jungs im Moped-fähigen Alter genervt worden zu sein, die den Sonntag nutzten um mit ihren stinkenden Krawallbüchsen auf den Feldwegen entlangzuschrammeln. Doch auch die waren in respektvollem Abstand, da ich gerade das Grünzeug am Wegesrand, zugunsten einiger vor sich hin rostender Bagger und Kräne in einem nahegelegenen Steinbruch, links liegen gelassen hatte.

 

Als der Lärm aufhörte und die Jungs daher weitergezogen sein mussten, packte ich mein Stativ wieder auf den Rücken und machte mich auf den Rückweg, auf dem ich hie und da nochmal anhielt für das eine oder andere Bild.

Ich dachte mir also nichts und begann – wieder zurück auf dem Weg – an der Kamera rumzufummeln, denn nun hatte ich die Makro-Funktion des neuen Objektives entdeckt und kämpfte zunächst noch – abwechselnd mit den Kameraeinstellungen und der Sonnenbrille, die alle paar Sekunden von meiner Stirn wieder herunter auf die Nase plumpste.
Da sah ich aus dem Augenwinkel ein älteres Damenfahrrad langsam von hinten heranrollen, besetzt war es mit einem Herrn mittleren Alters, in ausgebeulten Hosen und einem grauen T-Shirt, der sein Gefährt langsam abbremste und kurz hinter mir zum Stehen brachte.

Ich bedachte den Mann nur mit einem kurzen Blick und wünschte mir, er möge schleunigst seinen Weg fortsetzen. Als er das nicht tat blieb mir nichts anderes als in die Offensive zu gehen und ihm verständlich zu machen, daß er ruhig weiterfahren könne, denn der Weg wäre garnicht mein Objekt der fotografischen Begierde, mal davon abgesehen daß ich sowieso noch mit Einstellungen beschäftigt war.

„Nagut.“ – hörte ich noch so, doch das Rad blieb stehen.
Der Mann musterte mich und dann die Umgebung eingehend und fragte schließlich, was es hier denn interessantes zu Fotografieren gäbe?

„Naja“ meinte ich – in Sichtweite war eine Baustelle für eine große Halle, von der aktuell erst eine Art Beton-Skelett stand, welches sich blass vom strahlendblauen Frühlingshimmel abhob.
„Hier, das Gebäude! Das wollte ich schon lange mal ablichten, ich sehe es immer wenn ich selbst mit dem Rad vorbeifahre … das ist faszinierend, so wunderbar geometrisch! Und diese Linien!“

HDR-Aufnahme aus 3 RAWs

 

Ich hatte das eigentlich nicht vorgehabt, aber nun kam ich wohl in Fahrt …
Der graugewandte Radler sah mich nur etwas ungläubig an und meinte dann – er hätte das Ding da heute das erste Mal gesehen … aber so interessant fände er es nun nicht gerade.

„Naja, von hier aus vielleicht, aber wenn man es von da hinten sieht und dann frontal draufschaut, wenn die Pfeiler so perspektivisch nach hinten kürzer werden – das sieht fantastisch aus! So schön gerade und geordnet!“
Ich ertappte mich dabei wie ich unbewusst ins wilde Gestikulieren übergegangen war vor lauter Begeisterung, worauf meine Sonnenbrille diesmal – nach einem weiteren Absturz – besonders schief auf meiner Nase landete.

Ich schob sie also wieder nach oben und bemerkte dann, daß der Kerl mich ansah als hätte er gerade Donald Trump in seiner Garagenauffahrt Macarena tanzen sehen.
„Also Perspektivisch … ich weiß nicht .. ich hab da jetzt nichts gesehen!“
Nagut, der ist wohl nicht so für die großen, architektonischen Dinge zu haben – schlußfolgerte ich und deutete dann auf den dicken Holzbalken, der als Geländer den Radweg zu beiden Seiten von der Böschung abgrenzte.
„Ja das ist ja nicht das einzige was man hier finden kann – schauen sie mal da! Das Holz! Das Moos, diese tolle Textur – das werden wunderbare Nah-Aufnahmen! Also das ist doch wirklich interessant! Man muss halt nur mal wirklich genau hinsehen!“

 

Der Mann guckte, aber nicht auf das spröde Holz … Donald Trump musste nun wohl einen pinken Fell-Bikini angezogen haben, um seine Tanzdarbietung noch spektakulärer zu gestalten.

Etwas betreten widmete ich mich also wortlos wieder meiner Kamera zu und begann, sprödes Holz und trockenes Moos abzuknippsen. Einige quälende Momente blieben Rad und Radler noch stehen und versuchten sich offenbar einen Reim auf Geometrie, Moos und Mr. Trump zu machen, und dann endlich presste er nur noch ein „Naja, dann halt nen schönen Tag noch!“ raus und zog endlich auf seinem alten Damenfahrrad von Dannen.

„Boah, so ein Banause!“ meinte ich, tatsächlich etwas verärgert, zu mir selbst und checkte meine wirklich hübsche Holz-Aufnahme, steckte den Deckel aufs Objektiv und machte mich dann auch wieder auf den Weg.

An Sonntagen sind wirklich nur seltsame Gestalten unterwegs …

Maschinenfest 2k13

IMAG0082_kl On the road again – nach nervigem Umzugskisten-Schleppen und einem Haufen weiterer Unerfreulichkeiten, war es endlich mal wieder soweit, Chris und ich begaben uns gen Nordrhein-Westfalen, um dort ein dreitägiges Festival zu besuchen.

Diesmal nichts mit neoklassischen Klängen und Leuten in aufwendigen Roben, keine Foto-Menschen auf Safari, kein edler, historischer Saal.

1999 fand das Maschinenfest zum ersten Mal statt, seitdem  finden sich jedes Jahr zahlreiche Bands aus dem Industrial-Umfeld und Fans dieser Musiksparte in der Turbinenhalle in Oberhausen ein.

Ich selbst hatte schon seid einigen Jahren vor, mir das mal anzusehen, doch wie es immer ist – nie wollte es organisatorisch gesehen hinhauen. Ein Glück daß Chris sich für solche Musik ebenfalls begeistern kann, und so haben wir es in diesem Jahr dann endlich geschafft,d en knapp fünfstündigen Fahrweg bis Köln auf uns zu nehmen, wo uns ein Bekannter liebenswerterweise beherbergte. Von da aus ist Oberhausen nochmal 45 Fahrtminuten weg, nicht ganz ohne wenn man das dann drei Tage fahren muss, besonders beim Rückweg, aber noch im Rahmen.

Jetzt aber moment mal – Kalkleisten und Romantik-Grufties auf einem Industrial-Festival?

Ja, das passt sogar sehr gut zusammen, wie uns dann auch einer der Künstler am letzten Tag noch eindrucksvoll bewiesen hatte 😉 – aber dazu später mehr – nur soviel dazu – wer sich mal die Playlisten diverser Götteränze ansieht, stellt schnell fest daß da mehr echter Industrial gespielt wird, als auf puren Cyber-Parties – man denke da an Sephiroth, Test Dept oder Mental Measuretech …

Aber zurück zum Anfang.

Donnerstag morgen, der 10. Oktober, gegen 11:00 Uhr, ich fummle noch schnell meinen Schlips zurecht, und dann geht es los.

Die Fahrt ist unspektakulär. Es regnet teilweise in Strömen, mittendrin kommt sogar auch mal ein Fetzerl Sonne raus, zähflüssiger Verkehr kurz vor Köln, aber es wird aus, und so schlagen wir irgendwas vor 18:00 Uhr in Köln Vogelsang auf. Ziemlich kaputt, ebenso unser Gastgeber der sich kurz darauf mit Grippe in die Arbeit schleppen darf und somit uns sein Domizil überlässt.

Wir decken uns noch kurz beim Supermarkt mit Frühstück und Wein für den Abend ein, dann machen wir ausgiebig Gebrauch von Watchever und lassen den Abend mit „Little Britain“ und einem Schluck trockenen Weißen ausklingen. In der Turbinenhalle wäre eine Warm Up Party, doch Chris hat vom Fahren die Nase voll – was auch völlig verständlich ist. Ich bin auch platt, und gegen 23:00 Uhr fallen wir um.

Die Tage beginnen allesamt sehr gemütlich, da die Konzerte erst gegen 18:00 Uhr anfangen. Wir verbringen den Freitag-Vormittag mit Doctor Who und einem Abstecher nach Köln um zu Frühstücken. Dazu verschlägt es uns in eine kleine Bäckerei mit SItzgelegenheiten, nahe der Oper. Mir fällt auf wie ungemein offen und freundlich die Leute sind – womöglich ist am Klischee des grumpfigen, miesmutigen Franken ja doch was dran 😉

Neben uns hat sich ein Grüppchen Iren breit gemacht die sich viel  Mühe geben den ganzen Laden zu unterhalten. Wir erfahren daß sie für ein Fußballspiel angereist sind, natürlich passend gekleidet in den Nationalfarben und mit einem Aufblas-Hammer im Gepäck.

Ich schlürfe an meinem Tee und grinse, die Herrschaften sind zwar redseelig, aber auf sehr sympathische Weise.

Wir machen und am Nachmittag dann ganz gemütlich fertig, Chris passend für Tzolk’In mit Turban und Pluderhosen, und ich im Anzug, da fühl ich mich momentan am Wohlsten drin und auf herbes Auftakeln habe ich keine Lust, ich bin noch ein wenig angeschlagen.

Gegen 16:00 Uhr fahren wir dann nach Oberhausen, 45 Minuten Fahrzeit sagt das Navi, die doppelte Zeit via Landstraße. Schon bei der Auffahrt auf die Autobahn stockt der Verkehr. Und es will nicht besser werden, alle 5 Kilometer haben wir einen kurzen Stau, es nervt. Die letzte halbe Stunde geht dann über Landstraße. Zwei volle Stunden hat es gebraucht bis wir da waren, und das war schon sehr nervtötend. Aber immernoch rechtzeitig zur ersten Band – sofern man das als „Band“ bezeichnen kann, denn die meisten Elektro-Künstler sind Einzelgänger und schrauben auf der Bühne ihre Klangteppiche zusammen.

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Der erste Künstler – Person Unknown – macht seinem Namen alle Ehre und taucht mit weißer Maske auf der Bühne auf, ob er darüber eine Sonnenbrille trägt oder die Maske bemalt ist, kann ich nicht erkennen, er sieht aus wie das typische Alien mit den großen schwarzen Augen.

Aber ein super Einstieg. Die Turbinenhalle ist die perfekte Location für diese Musik. Die Bühne ist bis unter das Dach mit Elementen von Bauzäunen dekoriert, auf denen die beeindruckende Lichtanlage herumspielt.  Besonders übel sind einige grellweiße Scheinwerfer die gelegentlich im Takt als Stroboskobe geschaltet werden, zum Einen brennen sie sich schwer in die Netzhaut wenn man sich gerade ans Dunkel der Konzerthalle gewöhnt hat, zum Anderen wird einem tatsächlich schnell mal schwindlig davon, besonders wenn die Musik ihr Übriges tut.

Wir sind hier in einer äusserst dystopischen Parallelwelt gelandet,  wo die Farbe von den Wänden blättert und nackter Stahl die beeindruckende Halle stützt. Beton unter den Pikes. Vor der Bühne ist noch immer der alte Lastenkran installiert, Marke M.A.N, Baujahr 1920. Und er funktioniert noch – wie wir an dem Wochenende mehrmals zu Gesicht bekommen. Chris und ich sind sofort begeistert von dem alten, industriellen Bau und der schneidend kalten Atmosphäre – halbwegs zumindest, denn die Temperatur ist ziemlich niedrig und will auch bei ausreichend Leuten im Saal nicht wirklich nach oben gehen, und so friere ich trotz dreiteiligem Anzug vor mich hin.

Der zweite Künstler – Le Moderniste – knallt ordentlich rein, und ich fürchte schon er bläst mir die Bügelfalten aus den Hosen 😀 – jedenfalls vibriert der Stoff um mich rum ordentlich mit.

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Danach noch Fausten – sehr genial, aber die Videoprojektion ist genretypisch krankes Zeug, danach brauche ich erstmal eine Pause.

Die nächste Band wird ignoriert, bei „Sudden Infant“ sitzen wir im spartanischen Imbiß-Raum zwischen Stahlträgern und Plastik-Tischdecken und ruhen die Füße aus. Uns beide spricht der Künstler auch nicht sehr an, im Prinzip brüllt er eine gute Stunde lang in sein Mikrophon.

Nächster Versuch – config.sys – drei Stücke halte ich durch, dann merke ich daß bei mir Schicht im Schacht ist, leider, Tzol’kin und The Klinik hätte ich gerne gesehen, aber meine Aufnahmefähigkeit ist für heute ausgereizt, im Stroboskopgewitter der Lichtanlage kann ich mich kaum auf den Beinen halten, also treten wir den Rückzug an und hauen uns zum Runterkommen ruhigen Wave im Auto auf die Ohren.

Zweiter Tag, der Morgen wird mit ein paar Doctor Who Episoden begonnen, ich schlürfe meinen Tee.

Gemütlich kommen wir wieder gegen 18:00 Uhr an, diesmal ohne Stau. Wir lassen es ruhig angehen und quasseln ein wenig mit neuen Bekannten.

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Von Alarmen bekommen wir dann noch die letzten beiden Stücke mit – toller Ambient, da werde ich mich nochmal weiter reinhören – Greyhound danach ist uns nach zwei Stücken zu viel Geprügel.

In die Konzerthalle treibt es uns dann zu Ruby my Dear. Wir hatten vormittags ein paar Stücke gehört und fanden das Projekt absolut genial

Man stelle sich Ambient a la Space Nights zwischen Trip Hop und Dubstep vor. Irgendwie ganz schön cool. Die Füße wollen sofort mit, schaffen die durchbrochenen Beats aber nicht immer – eine tolle Entdeckung ist das französische Ein-Mann-Projekt aber definitiv, und Chris sackt kurz darauf gleich die Scheibe in Vinyl ein. Und mir ist endlich mal warm nachdem ich das ganze Konzert in Bewegung war.

Nach Ankunft in der Turbinenhalle versuche ich fast eine Stunde lang zu ignorieren daß ich am ganzen Kerl schlottere, obwohl ich bis zum Hals eingepackt bin ist es dreckskalt – manche Besucher kommen in kurzen Röcken, T-Shirts oder Trägertops, wie die das aushalten frage ich mich an dem Wochenende mehrmals.

Beinahe nahtlos geht es mit Klangstabil weiter. Eine Band die mehr melodisch ist und die ich schon sehr lange mal live sehen wollte. Enttäuscht haben die zwei Herren uns auch nicht, das Konzert kam uns viel zu kurz vor, obwohl es das nicht war. Stücke wie „Math and Emotion“ und „You May Start“ haben uns jedenfalls reichlich Dampf unter den Pikes gemacht.

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Zwischen den Konzerten ist natürlich Plaudern mit neuen Bekannten ein Muss, am Stück sind mir so viele Konzerte jedenfalls sowieso zu viel und manche Projekte muss man auch im Gehörgang setzen lassen. Die schlimmsten Geprügel-Bands haben wir heute aber sowieso aussen vor gelassen. Ausserdem, ein Festival ohne Leute treffen finde ich dann auch blöde.

IMAG0085_klIm Laufe der drei Tage sehen wir auch noch andere Räumlichkeiten der Turbinenhalle, die anders als der Name verlauten lässt keine Turbinen beherbergte, sondern Gasmaschinen, mit denen Strom für die ansässige Eisenhütte II erzeugt wurde. Erbaut im Jahre 1909 stand der riesige Bau dann in den 1980er Jahren, als der Hüttenbetrieb zurück ging, leer, bis 1993 in einem der Hallen eine Discothek eingerichtet wird.

Rundum ist die ganze Turbinenhalle Industrie pur, vom ehemaligen Betrieb geschwärzte Wände, nackte Stahlträger, Beton. Der Raum in dem der Imbiß untergebracht ist, könnte kärger nicht sein, im Durchgang zu den Toiletten blättert die rote Farbe von der Wand, die Disco, die von vielen dann als etwas ruhigerer Ort zum Verschnaufen genutzt wird, hat unterkühlten Beton-Charme – wie herrlich kann man sich da einen Haufen Waver vorstellen die zu guter Musik ihre Pikes über den grauen Boden schlurfen lassen … Chris und ich sind hellauf begeistert!

Dennoch verlassen wir Oberhausen um 1:00Uhr, in etwa eine Stunde nach Klangstabil. Zwei Bands würden jetzt noch kommen, aber wir sind müde und müssen ja noch nach Köln zurück.

Sonntag fahren wir ein wenig früher los und sind gegen 16:00 Uhr wieder in der Turbinenhalle, aber nicht nur wir sind immernoch müde von den beiden Tagen davor, auch das restliche Publikum ist alles andere als zahlreich anwesend, die Türen zum Konzertbereich noch nicht offen, obwohl Monolog für die Uhrzeit im Programm steht.

Die Verzögerungen fallen aber nicht weiter schlimm aus. Monolog hören wir uns an, gefiel mir auch ganz gut, nur war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht allzu sehr in Stimmung. Das ändert sich dann bei Phillip Münch, ausnahmsweise stehen hier mal drei Menschen auf der Bühne, es gibt sogar eine Sängerin, ein wenig erinnert mich das an Sanctum, ähnlich experimentell fallen die Musikstücke aus, die Pikes wippen schon mit.

Von der vorherigen Band bekommen wir auch noch zwei Stücke mit – SIlent Walls – schöner Dark Ambient, eigentlich schade daß wir die nicht auch noch gesehen haben, aber wie gesagt, gerade bei solchen Musikprojekten ist die Aufnahmefähigkeit schnell am Ende. Immerhin, pro Tag stehen 9 Bands hintereinander auf der Bühne, das kann man unmöglich komplett schaffen.

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Danach lassen wir Shorai und Control saußen und verquatschen uns wieder – wir lernen eine Dame aus Paris kennen die uns die vorherigen Tage schon auffiel, da sie die einzige in Cyber-Klamotten ist. Ohne Neon, allerdings, und ansonsten sehen wir auch weiter keinen Vertreter der Cyber-Sorte.

Cyber hin oder her, sympathisch ist die Dame in jedem Fall, auch wenn die Kommunikation oft schwer fällt …

Dominik, eine weitere sehr liebenswerte Bekannschaft des Wochenendes, schwärmt schon den ganzen Tag von Sonic Area, auch beim Testhören am Morgen gefiel uns die Musik schonmal ganz gut, und der Live-Auftritt ist mit Sicherheit der Beste des ganzen Festivals.

Da steht eine Gestalt mit bizarrer Maske auf der Bühne, mit weißen Handschuhen und in einen victorianischen Anzug gekleidet, ebenso als Deko Absinthflasche und Glas und ein Kerzenständer mit elektrischen Birnen. Geniale Kombination, hochgradig kreative Musik, dazu der historische Aufzug der insgesamt an Geschichten von Edgar A. Poe denken lässt. In ein bestimmtes Genre lässt sich Sonic Area nicht wirklich einordnen, der Künstler bedient sich bei Dubstep, mischt unschuldige Spieluhren-Melodien mit ein wie barocke Arrangements, ist mal treibend-rhytmisch, mal langsam und melancholisch. Das letzte Stück würde auch perfekt auf einen Göttertanz passen, was Chris überzeugend demonstriert indem er den Reifrocksaum mit Schwung über den Betonboden wischen lässt. Auch das Artwork der Scheibe „Music for Ghosts“ knüpft perfekt an victorianische Geister-Photographie an und lässt an Seancen und die damalig vorherrschende Euphorie für Übernatürliches denken.

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Nach dem Konzert sind wir beide zutiefst beeindruckt, und Dominik schier aus dem Häuschen 😀

Mimetic lassen wir deswegen auch saußen, Mono No Aware ist uns im Moment dann auch zu brachial. Kurz vor Ah Cama-Sotz brechen wir ab weil die Müdigkeit schon arg zugeschlagen hat, wir verabschieden uns, treten den Rückflug an und pennen in Köln nahtlos weg.

Vormittags darauf packen wir uns zusammen und verlassen Olli, unseren Gastgeber gegen 11:00 Uhr, der ist noch sichtlich angeschlagen, und in den vier Tagen haben wir uns auch nicht wirklich oft gesehen, dank Grippe und Arbeitszeiten die mit dem Festival-Plan nicht ganz konform gingen. Danke aber dennoch fürs unterkriechen lassen – die Wohnung ist sehr gemütlich und ich habe mich doch ganz wohl gefühlt.

Wir kommen gut durch, halten nur ein paarmal öfters an als auf dem Hinweg, zuhause bin ich dann komplett platt und für den Rest des Tages nicht mehr vernünftig ansprechbar …

IMAG0117_klFazit: das Maschinenfest hat sich völlig gelohnt und im nächsten Jahr ist es wieder fest eingeplant. Die Turbinenhalle ist absolut großartig und auch die Atmosphäre wie die Leute ganz toll. Ein paar Dinge werden wir anders organisieren, wie zB eine Unterkunft näher an Oberhausen suchen, dann klappt es hoffentlich auch mit Bands die ganz am Schluß spielen, denn Tzolk’In, The Klinik und Ah Cama-Sotz wären schon sehr sehenswert gewesen.

Über die Organisation kann man auch nicht weiter meckern, am ersten Tag verschoben sich die Bands zwar ein ganzes Stück nach hinten, aber Samstags blieb es fast exakt beim Plan, und Sonntag hat nur die vorletzte Band merklich geschoben. Die Leute am EIngang sowie den Ständen waren nett, lediglich einer legte die größtmöglichste Verpeiltheit an den Tag, als Chris abends vor der Rückfahrt nochmal Kaffee holte.

Größter Kritikpunkt sind die Bänder, da für drei Tage durchgehend solche Abreiß-Wegwerfdinger verwendet wurden, die bei uns kaum durchhielten, für Einzeltickets ist das OK, aber für alle drei Tage suboptimal, wenn die Veranstalter da gewebte Bänder nehmen würden, wäre das deutlich besser, aber ansonsten nichts zu meckern – in diesem Sinne, bis zum nächsten Jahr, Maschinenfest!

Tiefenentspannt in Leipzig – eine WGT-Nachlese

So langsam schlägt er auch bei mir ein, der fiese post-WGT-Blues. Jetzt wo man realisiert daß die 4-5 Tage schon wieder vorbei sind, bevor man irgendwie im WGT-Gefühl voll eingetaucht ist. Ja, es war rasend schnell vorbei, viel zu schnell für meinen Geschmack, und jetzt sitze ich hier, schreibe diese Zeilen und kann es eigentlich kaum glauben daß man wieder ein Jahr warten muss.

Anders war das WGT in verschiedenster Hinsicht, aber auf jeden Fall ein gutes „anders“. Dinge gelegentlich einfach mal anders anzugehen, kann erfrischend sein und neue Blickwinkel geben. Was jedoch nicht anders war, war, entgegen meiner vorlauten Bekundungen im Vorfeld, meine Konzert-Frequenz. Zwei Stück an der Zahl in diesem Jahr, eine Steigerung um eines zum Vorjahr – aber wie wir alle wissen ist das WGT ja auch kein schnödes Festival, sondern ein Treffen. Sagt ja schon der Name.

Donnerstag gegen mittag machte sich die fränkische Aussenstelle für Gruftologie, Abteilung Rüschengrufti in Vertretung durch das Ehepaar Kalkleiste – Frau Wiegärtner und Herr Chalybeia mit offenem Cabrio-Verdeck und geballter Ladung gute-Laune Wave auf die Autobahn gen Leipzig. Wir kamen einwandfrei durch und landeten so wohlbehalten bei Annette, die uns auch in diesem Jahr liebenswerterweise aufnahm.

Das Gepäck fiel etwas handlicher aus und war schnell nach oben geschafft, wo die Katzen erstmal ausgiebigst an den Taschen und Kisten schnuffelten. Meine Androhung, dieses Mal keinen einzigen Rock, egal ob schmal oder Reifrock, mitzunehmen, habe ich durchgezogen. Zwar hatte ich die Befürchtung daß ich das spätestens wenn meine Freunde in großen Kleidern auflaufen, das bereuen würde, aber ganz im Gegenteil, der Wohlfühlfaktor lag ganz eindeutig auf Seite von Hosen, Fräcken und Zylindern – insofern war die Entscheidung goldrichtig. Also, nicht daß ich mich im Reifrock unwohl fühle – wäre dem so hätte ich schießlich nie einen angezogen 😉

schlange

beim Anstehen

Nach einem Ründchen quatschen wurden dann noch ein paar Besorgungen in der Stadt getätigt und sich in die schon gut angewachsene Schlange zum Bändchen abholen am Hauptbahnhof eingereiht. Eine geschlagene Stunde hatten wir zu warten, die verging zum Glück ganz zügig da wir mit Bekannten die sich dazu gesellten, angenehmen Zeitvertreib hatten.

Dann noch ein kleines Abendessen und kurz auffrischen, und los ging es zum Freiluft-Tanz der Blauen Stunde auf der Wiese hinter dem Parkschloß.

Wie im letzten Jahr war das ein hervorragender Auftakt, Grablichter, Fackeln, Feuerkörbe und Räucherstäbchen und um die „Tanzfläche“ scharten sich auch diesmal die Gäste auf Decken.

Recht schnell fanden mich Robert und Orphi, die beiden an dem Abend gleich zu treffen hat mich sehr gefreut. Daneben hatte ich mich auch mit anderen Leuten verabredet die ich bis dahin nur virtuell kannte und ganz gespannt darauf war selbige dann real kennenzulernen. Auch wenn manche vom Anreisestress etwas geplättet waren – was man ja auch verstehen konnte.

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Mariell, Annette und Hester bei der Blauen Stunde

Markus Rietzsch vom Pfingstgeflüster war mit Edith auch da, und plötzlich hatte Robert dann noch ein Shooting angeleiert. Ja ein wenig paradox ist das ja schon, aber immerhin handelt es sich ja um das Pfingstgeflüster und nicht um einen dreisten Wildknippser der an der Agra im Gebüsch lauert …

Und so ging der Donnerstag dann auch vorbei.

Der Freitag erwies sich als der sonnigste und wärmste Tag. Und auch wenn es nach soviel mehr Stoff aussieht, ich kann nur sagen, als Kerl im Frack mit allem Drum und Dran wird einem schneller ganz schön warm als im Reifrockfummel.

Nach einem kurzen Abstecher an die Agra – bei dem Chris und mir beinah die Sicherungen durchbrannten weil auf der Bornaischen Strasse kurz vor der Agra *schon wieder* an der Brücke rumgebaut wurde, diese deswegen gesperrt war und uns einiges überflüssige Gegurke bescherte,  bis wir an einer Tram-Haltestelle das Auto stehen liesen um die letzten 5 Stationen dann noch mit der Bahn hinter uns zu bringen.

Entsprechend kurz blieb der erste Agra-Abstecher, der Photo-Termin war um 16:00 Uhr am Grassi Museum ausgemacht, wir waren zeitig da, und da Chris mich begleitete fragte Markus ihn postwendend auch ob er Lust hätte ebenfalls vor die Linse zu springen.

Gesagt getan, einige Bilder wurden vor den großartigen Wandmalereien des römischen Zimmers im Museum gemacht, einige draußen auf dem ehemaligen Johanna-Friedhof hinter dem Museum, und einige im Innenhof . Am Ende hätten wir uns auch beinahe verquatscht, doch der nächste Termin stand aus – wieder ein bekanntes Gesicht als  Shan Dark vom Schwarzen Planeten samt Begleitung durch das Tor kam um ebenfalls für das Magazin abgelichtet zu werden.

In meinem Fall ist das der dritte Auftritt im Pfingstgeflüster – 2007 hatte ich die Ehre mit Bild und Interview zum Thema selbstgeschneiderte Kleidung abgedruckt zu werden, 2012 mit einem Artikel zum Victorianischen Picknick, und eben dieses Jahr mit Besucherbild – in Frack, Zylinder und mit Gehstock, versteht sich.

Danach waren die ersten – und eben auch einzigen Konzerte des Treffens auf dem Plan. Der Weg führte und dafür gen Volkspalast, unbestreitbar eine der schönsten Konzert-Locations. Vor dem Gebäude trafen wir Annette und Hester – unsere Gastgeberinnen – wieder, die den Tag auf dem Victorianischen Picknick verbracht haben,wenn auch nur am Rande des Geschehens.

Im Nachhinein bin ich mehr als glücklich mich diesmal dagegen entschieden zu haben, nahzu alle Bekannten und Freunde die da waren, haben wenig Spaß gehabt angesichts der Aufmersamkeitssuchenden die (auf Nachfrage von Grabesmond !) sonst nichts mit Szene oder WGT zu tun hatten und allein als Photomotive dort rumstaksten. Naja, jedem das Seine, ich brauche das nicht, egal wie aufwendig und auffällig ich rumlaufen mag.

Auch Velvetrealm trafen wir dann vor der Halle, die etwas verspätet zum eigentlichen Einlasstermin dann geöffnet wurde. Wir waren recht weit vorne dabei und konnten so noch einen Tisch mit Sitzplätzen ergattern.

meine Wenigkeit, Annette und Hester warten auf Einlass im Volkspalast

meine Wenigkeit, Annette und Hester warten auf Einlass im Volkspalast

Camerata Mediolanense  hatte hauptsächlich ruhige Stücke im Gepäck, bis auf ein älteres Stück zum Abschluß das richtig energiegeladen nochmal die Atmosphäre elektrisierte. Kein schlechtes Konzert, nur durchgehend vielleicht etwas zu ruhig und auch zu kurz, denn nach gut einer halben Stunde war auch wieder Schluß. Danach leerte sich der Saal und wir nutzen die Gelegenheit in der einstündigen Zwischenpause noch mit Bekannten zu quatschen und unverhofft lernte ich auch noch die Künstlerin hinter Maskenzauber – Maren Söhnlein – von der Chris seinen absolut großartigen Dreispitz bekommen hat, kennen. Hat mich sehr gefreut, eine wirklich absolut sympathische Dame!

Wir wechselten zu einem Tisch mit besserer Sicht auf die Bühne, der vor uns freigeworden war,  nachdem ich das halbe erste Konzert zwei lange Kerle direkt vor der Nase stehen hatte, war das eine willkommene Gelegenheit für freien Blick auf die zweite Band.

Daemonia Nymphe aus Griechenland hatte ich bereits 2010 auf dem Festival Mediaval live gesehen, fand deren Auftritt in dem Rahmen aber wenig berauschend. Irgendwie ging die neoklassische Band mit Bezug zur griechischen Mythologie im raueren Ambiete von Mittelaterbands und Dudelsackquetschern ziemlich unter, was schade war da die Band eigentlich wirklich sehr gut ist.

Im Volkspalast mit den griechisch wirkenden Säulen und dem generellen Flair aber war das Konzert richtig bombig. Auch wenn sich einige Zuschauer schon wieder verzogen hatten, die Griechen schafften es die Stimmung regelrecht zu elektrisieren mit beeindruckenden Stimmen und hypnotischen Rythmen. Genial.

Leider gibt es keine Bilder vom Konzert da meine Kamera-Akkus schwächelten.

Danach wäre nach einer weiteren Stunde Wartezeit Actus  noch auf dem Programm gestanden, doch wir entschieden und zum Rückzug, Futtersuche in der Innenstadt und danach weiterziehen zum Städischen Kaufhaus, wo wir auf den Beginn des ersten Wedelabends zwar noch warten mussten, die Zeit wurde uns aber in netter Gesellschaft – Remo Sorge und Lisa Morgenstern hatten sich mit weiteren Bekannten dort niedergelassen –  auf der Terrasse des Restaurants über dem Kaufhaus  verkürzt – nicht zuletzt weil der Kellner sich gnadenlos verausgabte beim Tisch umstellen, servieren, Regenschirme zusammenkleben (da dann ein Regenschauer niederging) rumblödeln – mit dem Ergebnis daß er sich ein Loch in die Hose riß als er von einem wackligen Stuhl beinahe auf die Nase flog – und neben dem Beinkleid damit auch noch den Stuhl lädierte.

Im Kaufhaus legte Freitags dann Tom Manegold auf, in bewährter Göttertanz-Tradition. Musikalisch natürlich hervorragend, kann man sich nicht beschweren, es wurde wie zu Erwarten aber sehr schnell sehr voll und extrem warm.  Ich widerstand dennoch dem Drang aus dem Frack zu hüpfen (das macht mann nicht 😉 ) und bin einfach mal zwischendrin Luft schnappen gegangen. Gegen 3 Uhr hatten wir dann genug und machten uns auf den Rückweg. Hester nutzte ein blau ausgeleuchtetes Gebäude dann noch für ein paar wirklich gelungene Bilder.

urbane Lichtmalereien

urbane Lichtmalereien

Ohne Tee geht nix.

Ohne Tee geht nix.

Der Samstag morgen begann dann mit einem haarigen Katzen-Hintern in meinem Gesicht. Annettes Kater – Mii-tan – fand den Besuch dann doch ganz OK und hat sich morgens gleich mal laut schnurrend „aufgedrängt“ – da ich aber seid 5 Jahren chronisch unter-katzt bin, störte mich das nicht ganz so sehr 😀  also Kater durchflauschen zum Aufwachen, dann Frühstück, Netbook anwerfen und schauen was derweil so passiert ist in der Welt. Und danach in Schale werfen für den zweiten WGT Tag.

Ein besonderes Projekt hatte ich dazu in der Tasche, es ist noch lange nicht vollendet, aber ein Anfang ist gemacht, an geeigneter Stelle werde ich das noch einmal näher ausführen.

Auch wenn ich kurz davor war das Gewand daheim zu lassen – wie ich ehrlich gestehen muss – als ich dann das erste Mal komplett drin steckte, war ich durchaus überzeugt – Steampunk kennt man ja, Teslapunk eher nicht so, auch wenn es das als Literaturgattung schon gibt, an eine textile Umsetzung hat sich meines Wissens nach noch niemand gesetzt. Die Idee spukt tasächlich schon recht lange in meinem Kopf herum.

So ging es dann ins Grassi-Museum, zunächst wollten wir die Führung zu den historischen Klamotten da mitnehmen, haben uns das dann aber anders überlegt. Frau von Unruh schloß sich dann noch in ihrer mehr als genialen Data-Nüre an, damit terrorisierten dann schonmal zwei Nerds die Umgebung mit Gesabbel über Star Trek und Doctor Who 😀 – muss ja auch mal sein …

Beim Karten holen fürs Museum wurde ich auch gleich indirekt auf die Röhren an meinen Goggles angesprochen, war sehr witzig daß der Herr gleich einordnen konnte daß es sich um ein Modell für Verstärker handelte 😀 – entgegen der Annahme daß die Drähte an der Brille auch funktional waren, können meine Röhren leider nicht glimmen, ich hab die Kabel nur dekorativ verlegt. Auch der Ausschnitt eines Schaltplanes auf dem anderen Brillenglas wurde bemerkt, ich habe mir natürlich nicht wahllos irgend einen geschnappt – es handelt sich tatsächlich um den Schaltplan eines Theremins 😉

Tesla-Punk - nur echt mit richtigen Elektronenröhren auf der Rübe :P

Tesla-Punk – nur echt mit richtigen Elektronenröhren

In der Schuh-Ausstellung des Museums trafen wir wieder mal auf Freunde und Bekannte. Die Exponate waren aber auch sehr interessant bis skurril. Faszinierend wie andere Künstler gewisse Thematiken so umsetzen.

Danach sind wir nochmal gen Agra, ein paar Leute treffen – was auch sonst – eine Bowle schlürfen, etwas versumpfen. In der Stadt gemütlich ein Eis verputzen (den Kellner da hab ich auch lieb *g* – auch wenn Dani mir nochmal explizit sagen musste wie er mich angesprochen hat da ich es im ersten Moment garnicht realisiert hatte) – Blödsinn machen – ich sag nur Santär-Cyber – nein ich erkläre das jetzt nicht näher, aber auch in dem Fall wissen diejenigen die dabei waren worum es geht 😉 – dann weiter zur Abendgestaltung.

Auf Wedelparty am Abend hatte ich keine Lust, wir ziehen das seid 2008 die drei WGT-Abende durch, und so gern ich die Musik mag, besonders da ich weiß daß Remo und Lisa hervorragend auflegen – man muss auch mal was anderes sehen und hören.

Im Beyerhaus-Keller fand ich eine nette Wave-Party. Die Locations war göttlich, altes Kellergwölbe, nackte Backsteine, zusammengewürfelte Sofas, blanke Heizungsrohre und unverputze Kabel. Spitze. Und wenn man da ein Glas Wein bestellt bekommt man einen randvollen Plastikbecher … was dann auch den Rest des Abends ausgereicht hatte.

Musikmässig war die Auswahl schwer a la der hiesigen Grey Area. Viel Wave, viel weniger bekanntes, geiles Zeug, eine Spur Neofolk und Neoklassik und auch ein Hauch Industrial kam nicht zu kurz. Auch wenn ich nicht so viel zum Tanzen gekommen bin. Es war nicht überfüllt, genau richtig – womöglich ein Geheimtip den ich im nächsten Jahr gerne wieder besuchen möchte. Mal ganz unaufgeregt ohne perfektes Ambiente, hausgemacht, sympathisch, und der Keller ist sowieso ganz großartig.

Jetzt erst wird mir bewusst wie entspannt der Abend wirklich war, labern mit Annette und Hester, und abgesehen von Spontis Dennis keine bekannten Gesichter. Pikes über den Boden schieben im schummerigen Licht dieses Kellergewölbes – nein ich hab das sehr genossen.

Wir sind dann doch zeitig aufgebrochen, da wir uns mit dem Nightliner durschschlagen mussten war das auch ganz OK. Am Kaufhaus kamen wir vorbei und sind einigen angedüseltelten Freunden noch begegnet *g*  – Adrian und Grabesmond, ihr seid putzig wenn ihr voll seid 😀  – wir sind dann aber auch weitergezogen und glücklich ins Bett gefallen.

Sonntag früh hatte ich wieder Mii-Tans Hintern im Gesicht, aber so nem niedlichen Kater kann man da nicht böse  sein, ganz im Gegenteil  – dann übliche Prozedur – Katzen flauschen, Netbook anwerfen, gucken was los war und Facebook zuspammen,Tee,  Frühstück, auftakeln.

Neue Pluderhose ausführen und der einzige Tag in etwas Kalk.

Wir waren recht zeitig fertig und hatten vor dem Spontis-Treffen noch etwas Luft, weswegen wir uns zunächst Annette, Hester und Dani anschließen wollten die mit einer Freundin Bilder machen wollten, wegen leichter Koordinierungsprobleme lief am Ende die Zeit dann doch weg und wir zogen weiter. Im Schillerpark hatten sich bereits Markus und Edith ausgebreitet und nach und nach wurde die schwarze Runde dann auch größer. Unbestreitbarwar es ein großartiges Treffen, alte Bekannte und Freunde wiedersehen und neue Leute die man sonst nur so vom Lesen her „kannte“ dann live und in nicht-Farbe zu Gesicht zu bekommen war absolut spannend.

ein Teil des Spontis-Haufens beim depressiv aus der Wäsche schauen :D

ein Teil des Spontis-Haufens beim depressiv aus der Wäsche schauen

Wir haben es dann auch geschafft unseren Pikes-Rekord zu brechen – wo im letzten Jahr neun spitzbeschuhte Fußpaare zusammenkamen, sind wir dieses Mal bei satten 14 angelangt – ich bin mir sicher daß da im nächsten Jahr nochmal Luft nach oben ist.

Da Robert ganz sicher noch ausführlicher über das Treffen berichten wird, führe ich das jetzt ebenfalls nicht weiter aus.

Ich bin mir nicht mehr genau sicher, denke aber so gegen 18:00 Uhr löste sich die Runde dann auch endgültig auf. Eigentlich wollte ich später zu Konzerten in den Volkspalast, aber da Chris schon früher gen Agra abgewandert war, stand ich erstmal alleine da und folgte einigen anderen Freunden und Bekannten ebenfalls erstmal in diese Richtung. Und das war dann auch das Aus für die Konzerte – wen überraschts. Annette und Hester saßen ebenfalls am Bowlestand, unterwegs noch weitere Bekannte getroffen – nichts führt sicherer zum Versumpfen.

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Annette und Hester (und links ein Stück Dani) beim Füße ausruhen

Witzige Sache am Rande – der Photograph der jährlich an der Agra steht und die Besucher nicht nur knippst, sondern liebenswerterweise große Ausdrucke an die – ich sags mal so – bekannteren Gesichter verteilt, sprach mich dann auch noch an und drückte mir ein Bild in die Hand. Da ich gestern mit meinem Tesla-Punk schon an ihm vorbei kam und lang und breit daneben stand als er Dani ihr Bild überreichte und sie ablichtete, musste ich schon etwas grinsen. Aber klar daß Leute die einen so nicht kennen und Reifrock mit Vollkalk erwarten, da stutzen – auf solche Reaktionen war ich unter Anderem auch tatsächlich aus. Überhaupt, das wirklich nervtötende Knippserpack blieb uns in diesem Jahr tatsächlich erspart.

Später wollten die Damen noch ein Eis in der Stadt, also zurück, Eiscafe suchen – bei der Gelegenheit hielten uns einige Passanten ihre Smartphones ins Gesicht, aber das war noch auf erträglichem Maß. Tatsächlich habe ich die Beobachtung gemacht daß einige der – im Gegensatz zu den Vorjahren – rar gesähten Knippser sich in der Tat primär auf meine bereifrockten und benürten Begleiterinnen stürzten und mich als Kerl dann links liegen liessen – nicht daß es mich stört, ganz im Gegenteil, das so zu beobachten amüsierte mich eigentlich doch eher und war auch irgendwie Teil des Experimentes 😀

Die Abendplanung führte uns schließlich wieder ins Kaufhaus zum Wedeln, obwohl ich kurz davor war mich nochmal in den Beyerhaus-Keller zu begeben, nur komplett alleine macht das auch wenig Freude.

Zinsi und Spinne sind ebenfalls seid den ersten Wedelparties auf dem WGT dabei, erwartungsgemäß ruhig – musikalisch gesehen – begann der Abend, wie üblich dauerte es eine gute Stunde bis die Musik dann auch tanzbar wurde, dann aber konnte man sich über die Auswahl wirklich nicht beschweren. Das einzige was ich bei den Beiden wirklich so garnicht ausstehen kann, sind die scheußlichen Coverversionen bekannter Wave-Klassiker die gelegentlich ausgepackt werden. Ich würde viel lieber die Originale hören, die passen auch hervorragend zu Wedelmusik, und so leid es mir tut das sagen zu müssen – bei diesen Neuverschlimmerungen schlafen mir die Arschbacken ein …

Wir hielten uns etwa bis 2 Uhr nachts, da sich langsam die anstrengenden WGT-Tage schon bemerkbar machten.

Der Montag morgen fing grau, kalt und erneut mit Katzenhaaren im Gesicht an. Keine guten Wetteraussichten für das geplante Picknick des sogenannten „grünen Forums“ – eine kleine Community für Historien-Schneider jeglicher Art. Eine Freundin schrieb noch via Facebook die Geschichte kurzerhand in ein Cafe umzuverlegen, doch wir hätten sicher nicht mehr alle erreicht, also blieben wir beim ursprünglichen Plan und steuerten das Parkschloß an.

Da der Boden von der verregneten Nacht noch naß war, liesen wir uns auf den Steinplatten davor nieder – was eigentlich ein sehr schöner Platz war, umrahmt von Beeten. Das Wetter hielt auch durch, sogar die Sonne zeigte sich. Allerdings blieben wir vier – Annette, Hester, Dani und ich – alleine, lediglich eine weitere Dame samt Begleitung sagte mal kurz Hallo und war dann auch wieder verschwunden. Schade eigentlich – der Rest hatte entweder Schiß wegen dem Wetter oder saß bei anderen Veranstaltungen fest. So oder so war es trotzdem schön.

2013.05.20 wgt Montag 016

die harten Hunde vom Kostümkram-Forum

Weit weg vom eigentlichen WGT-Geschehen ging es dann auch weiter, Dani hatte etwas von einem Flohmarkt gelesen den wir dann auch anpeilten. Wir kamen zwar kurz vor dem Ende erst, hatten aber dennoch noch genug Zeit zum genüsslichen Stöbern. Am Ende fand auch jeder was – meine Ausbeute belief sich auf einen Nietengürtel mit reichlich Kettenbehang, Manschettenknöpfe und silberne Uniform-Schulterstücke die schon fest für eine  neue Adam Ant Jacke verplant sind. Auch wenn ich danach an der Agra noch zwei Kleinigkeiten mitgenommen hatte – irgendwie sind WGT Montagseinkäufe auf Flohmärkten viel cooler als sein letztes Geld in der Shoppingmeile zu lassen. Nächstes Jahr bitte wieder so!

Der Rest verlief wie alle Jahre – Agra, Bowle, mit Leuten quatschen, weiterziehen zur Blauen Stunde. Die ersten Wehmutsanfälle weil es ja schon wieder Montags ist und dieser sich auch schon dem Ende entgegen neigt.

Auf der Blauen Stunde trafen wir nochmals auf Robert und Orphi, und noch ein paar andere Spontis waren anwesend. Die Stimmung war wie jedes Jahr wundervoll und wie jedes Jahr verfluchte ich die Flasche Met die ich zur Blauen Stunde mitbringe *lach*

Schade nur daß ich euch beide dann als wir gegangen sind, nicht mehr gesehen habe, ich hätte mich gerne noch verabschiedet, aber es war sehr voll und ich hab euch einfach übersehen am Schluß.

Der Rest ist dann auch schon WGT-Tradition – Dienstags ziemlich erledigt aus dem Bett steigen, die restlichen Sachen in die Taschen und Kisten zurück schütten, egal was in welches Eck gerät oder wie eingekrumpelt ist, hauptsache irgendwie verstaut. Nur meinem Zylinder schenkte ich mehr Sogfalt, der ist immerhin antik und seinen hervorragenden Zustand soll der ja noch lange behalten.

Autos beladen und alles zum Pushkin schleppen. Dort saßen am reservierten Tisch schon einige Leute mit sehr dicken Augenringen und hielten sich an riesigen Kaffeetassen fest.

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Dani, das Geburtstagskind lies auf sich warten, immerhin hatte Annette extra Torte bestellt und diese noch liebevoll mit dem Umriss einer victorianischen Dame aus Marzipan verziert.

Das Cafe war randvoll mit schwarzen Gestalten, die eine Kellnerin nimmt es mit Humor, die andere ist sichtlich gereizt und ab und an regelrecht ungeniessbar.

Die Meute Frühstückt ausgiebig, einige haben noch recht lange Fahrtzeiten vor sich, da sind unsere zwei Stunden dann harmlos dagegen.  Wie jedes Jahr ist der Abschied fürchterlich 😉 – ich bin ja nicht so der emotionalduselige Mensch, aber als ich Annette dann doch loslassen muss, steckt mir ein Kloß im Hals.

Zum Abschluß dann noch ein paar Komplikationen mit Leipzigs Baustellen, insbesondere der kurz vor der Agra. Wir wollten Schatten da abholen, fanden aber die richtige Umleitung nicht und das Navi ist noch weniger hilfreich, also treffen wir uns am Hauptbahnhof, treffen Annette da nochmal und nach einem Tank-Zwischenstop gehts auf die Autobahn.

Die Fahrt verlief relativ ruhig, auch wenn Chris ziemlich im Eimer war. Mit zwei Zwischenstops ging es dann und ich bin gegen 17:00 Uhr wieder zuhause und fassungslos daß die letzten Tage so unglaublich schnell vergangen sind.

Fazit zum diesjährigen WGT: extrem entspannend. Da gilt mein großer Dank aber auch Annette und Hester für das Dach über dem Kopf. Bei guten Freunden das WGT zu verbringen ist nochmal um Längen schöner als im Hotel. Danke auch an alle neuen und alten Bekannten, solche Begegnungen machen das WGT ja eigentlich aus.

Auch daß wir so ziemlich alle Stressfaktoren umschifft haben war herrlich – kein victorianisches Picknick a.k.a Knipssnick, kein Knippserterror in welcher Form auch immer. Und Konzertmarathons sind einfach auch nicht mein Ding. Ich jedenfalls hab mich rundum wohl gefühlt – jetzt mal unabhängig ob es um Treffen, Freunde, Bekannte, Veranstaltungen oder die heurige Klamottenwahl geht. Es war wie gesagt anders, aber eben gut anders 🙂 – faszinierend war auch der andere Blickwinkel, bedingt durch den Rockverzicht – aber darüber könnte man einen eigenen Artikel schreiben.

In diesem Sinne – wir sehen uns im nächsten Jahr wieder, hoffentlich dann genauso entspannt wie in diesem 😉

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Rosas waviges Kaleidoskop #1: Ethereal Wave

Nicht nur heutzutage können die Subströmungen schwarzer Musikrichtungen bisweilen sehr verwirrend sein, auch in den Anfangstagen des Wave und Postpunk war die musikalische Landschaft durchaus schon breit gefächert.
So ist und bleibt der Oberbegriff „Wave“ im Prinzip auch ein Begriff für weitläufige Nuancen der Sache – mit einem Bein im experimentellen Underground, mit dem anderen schon im Pop.

Mit solchen Unterkategorisierungen gibt es natürlich auch das Problem daß sich damals natürlich keiner hingesetzt hat, sich aus einer Auflistung dieser Begriffe einen ausgesucht hat und beschlossen hat eben diesen Stil in seiner Musik aufzunehmen, es gab Entwicklungen und Überschneidungen in viele Richtungen, ein Großteil der Bands kann nicht exakt in eine Unterschublade einsortiert werden – auch eben weil diese Kategorien wieder einmal nachträglich gebastelt wurden um dem Ding einen Namen zu geben.

Wie weit das Feld „Wave“ tatsächlich ist möchte ich versuchen in dieser neuen musikalischen Kategorie auszuloten, Informationen weitergeben und Lücken in meinem Musikwissen finden und möglichst stopfen – und stellenweise wird es mich deprimieren weil der CD-Wunschliste garantiert der eine oder andere Silberling hinzu kommen wird – und die Liste ist so schon nahezu endlos 😉

Das erste Kapitel führt uns zur romantischen Seite des Wave 😉

Kapitel 1: Ethereal Wave / Heavenly Voices

Ethereal Wave – auch als „“Ethereal“, „Ethereal Goth“ und „Ethereal Darkwave“ bezeichnet, ist eine Subströmung des Wave die Ende der 80er bis Anfang der 1990er populär wurde.

Doch die Wurzeln haben viele spätere Ethereal-Bands bereits in den frühen 80ern, einige davon experimentierten auch zu der Zeit bereits mit solchen Klanglandschaften, die Hochzeit dieser Spielart war aber erst in den 90ern.

Charakteristisch für Ethereal sind meist atmosphärisch eingesetzte Gitarrenklänge (die aber dennoch meist unverkennbar Wave sind), dazu experimentelle Synthie-Klangteppiche die den Sound fast Filmmusik-artig unterstreichen, sowie überwiegend weibliche Sängerinnen. Ausgebildete Singstimmen sind nicht selten, es dominiert glasklarer, mystisch-verklärt anmutender Gesang oder sehr aussergewöhnliche, markante Stimmen.

Eng verwandte Genres sind Dreampop und Shoegaze, letzteres erhielt seine Bezeichnung durch einen ironischen Kommentar der – wieder mal – britischen Musikpresse, die den Künstlern vorwarf, auf der Bühne lediglich verschüchtert auf die eigenen Schuhspitzen zu starren – wer denkt da nicht unwillkürlich an den Grufti der weggetreten den Nord-Süd-Kurs auf der Tanzfläche antritt, um „die Musik so richtig schön in sich reinkriechen zu lassen“ 😉

Weitere Querverweise die vom Ethereal Wave ausgehen sind Neofolk, Neoklassik,  Industrial – im Sinne von ambient-lastigen Sounduntermalungen die wieder ihre Urpsrünge in der Industrial Culture haben. Auch „New Age – Musik“ wird als verwandt genannt – und neben dem athmosphärischen Synthie-Einsatz experimentiert man auch mit Musikformen aus Mittelalter und Renaissance sowie den Klängen aus anderen Kulturen wie Afrika, Arabien, Indien und Asien und vereint diese mit dem Wave-Sound.

Während der Industrial großen Einfluß auf Filmmusik gemacht hat (einige Künstler komponierten später für Film und Fernsehen, zB Chris Carter von Throbbing Gristle) waren auch Künstler aus den Ethereal-Reihen später gelegentlich für Filme tätig – hier mehr im Stile epischer, bombastischer Sounds a la „Herr der Ringe“ – zB In The Nursery.

im deutschen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung „Heavenly Voices“ – in Anspielung auf die grandiosen Singstimmen der Sängerinnen (und ab und an auch mal Sänger 😉 ) die eben typisch für diese Spielart des Wave sind. Hierzulande hält sich dieser Begriff durch die 90er ziemlich hartnäckig – und genauso habe ich diese Sparte der Dunkelmusik auch kennengelernt – auch wenn sie strenggenommen falsch ist.

Diese Bezeichnung geht auf eine 5-teilige Compilation zurück die ebenso hieß und zwischen 1993 und 1998 erschien. Herausgeber dieser Compilation war ein deutsches Independent-Label namens „Hyperium Records“, welches Alben Wegweisender Künstler dieses Subgenres herausbrachte – die Liste der Bands ist dabei beachtlich.
Gründer des Labels sind Oli Roesch und Oliver van Essenberg, Geschätssitz in Nürnberg (netter Zufall 😉 ).

Auf den Samplern waren Bands aus den Genres Ethereal, Neoklassik, Neofolk, Folk, Pop, Alternative Rock, Trip Hop, Weltmusik, New Age und zuletzt auch Metal vertreten. Alle mit klanglich ähnlichem Konzept, aber nicht einheitlich nur Ethereal Wave – was freilich auch den besagten fließenden Überschneidungen und Weiterentwicklungen in den 90er Jahren geschuldet ist. Diese Bezeichnung wurde deswegen auch kritisiert – besonders auch weil Metal von anderer musikalischer Richtung her kommt und mit dem „Wave“ in „Ethereal“ freilich nichts zu tun hat.

Bands wie Faith and the Muse, Miranda Sex Garden, Attrition, Ataraxia, sToa, Die Form, Kirlian Camera, Collection D’Arnell Andrea und später auch QNTAL waren auf der „Heavenly Voices“-Compilation vertreten und boten die musikalische Heimat für die Endzeitomantiker der 90er Jahre. Und die Schwarzromantiker heute stehen in deren Tradition, auch wenn die Zeiten sich seitdem wieder einmal verändert haben.

1999 geht Hyperium Records bankrott, viele der „alten“ Künstler sind aber auch heute noch aktiv, manche sogar szeneintern recht bekannt wie zB Faith and the Muse und Dead Can Dance.
Aber auch auf einem anderen Kult-Label – 4AD – gab es recht viele Ethereal Künstler zu finden, bzw nach dem Aus von Hyperium Records erschienend ie Alben vieler Künstler auf 4AD. Das Label, welches im Jahre 1979 gegründet wurde, ist auch heute noch „im Geschäft“.

Die Liste der Bands die man zum Ethereal Wave zählen kann ist groß, stellvertretend stelle ich ein paar hier kurz und exemplarisch vor. Persönliche Vorlieben spielen dabei offengestanden aber die größere Rolle 😉

Dead Can Dance

Vielleicht *die* Szenegröße im Ethereal-Bereich. Die Ausnahme-Kapelle um Brendan Perry und Lisa Gerrard wird 1980 in Australien gegründet, musikalisch orientiert man sich zunächst an Wave- und Postpunk-Klängen, im Laufe der Zeit nehmen aber die Einflüsse aus unterschiedlichsten Kulturkreisen zu – vornehmlich aus dem arabischen Raum – die Band wird um Musiker aus entsprechenden Ländern ergänzt. Dead Can Dance können ebenso dem genre „Weltmusik“ zugeordnet werden, eben wegen dieser Einflüsse – letztenendes ist und bleibt das Projekt irgendwo eine Sparte für sich welche einzigartig ist. Zu dem genialen Musik-Crossover gesellt sich Lisa Gerrards charakteristische Stimme und ihre Fähigkeit des lautmalerischen Gesangs.

Auf der offiziellen Webpräsenz kann man kostenfrei die neuesten Werke in Form einer EP herunterladen: http://www.deadcandance.com/

sToa

sToa wurde 1991 von Oliver Parusel und Conny Levrow gegründet. Das erste Stück – ebenfalls mit dem Titel „sToa“ wurde bei Hyperium Records veröffentlicht, später auch das Album „Urthona, welches als wegweisend für den Ethereal-Sound gilt.Beide Gründungsmitglieder haben Ausbildungen in klassischer Musik, was maßgeblich bei „sToa“ eingeflossen ist.
Inhaltlich dreht sich sToas Werk um philosophische und esoterische Themen, musikalisch sind auch hier Einflüsse orientalischer Kulturen vorhanden.
Live ist die Band auch mehr als empfehlenswert – wer sich darauf einlässt wird mit einem nachdenklichen, ruhigen und beeindruckendem Erlebnis belohnt.

Collection d’Arnell Andréa

1986 gründeten Pascal Andréa und Chloé St Liphard die Band in Orléans, Frankreich. Andréa verlässt kurz nach der Gründung die Band, sein Name bleibt aber bis heute im Namen der Band.
Musiker mit traditioneller klassischer Ausbildung vervollständigen das Projekt, bei Live-Auftritten ist das Ensemble nicht selten groß. Wavige Klänge mischen sich zwischen Violinen und Chloés helle, klare Stimme. Eine Band die es mir seid dem Konzertbesuch zum WGT 2008 auch sehr angetan hat.

Hier die offizielle Homepage: http://cdaa.free.fr/

Myrna Loy

Über die Bonner Wave-Formation findet man im Netz nicht viel. Allzu bekannt scheinen sie heutzutage auch nicht mehr zu sein, was aber eine echte Schande ist, da diese Kapelle wirklich Spitzenklasse war und immernoch ist.
Ich bin ganz stolz, alle drei je erschienenen Scheiben im Regal stehen zu haben.
Aktiv war diese Band Anfang der 90er, stilmässig sind die Arrangements teilweise sehr experimentell, oft unverkennbar mit wavigen Wurzeln, und die Stimme der Sängerin, des Sängers, Victor, ist enorm einprägsam. Ebenfalls eine Kapelle die eigentlich eine ganz eigene Kategorie für sich darstellt.
Aktiv war die Band von 1887 – 1994. Kritiker bezeichneten die Band als eine der Innovativsten in Deutschland damals. Der Meinung bin ich durchaus auch 🙂

Nachtrag: Danke an Serapion für das Richtigstellen, daß hier keine Sängerin am Werk war, sondern tatsächlich ein Sänger – ich wusste es nicht und war mir sicher, eine Dame herauszuhören 🙂 – der Umstand aber macht diese Band meiner Meinung sogar noch beeindruckender!

Cocteau Twins:

Zitat Wikipedia:

Die Cocteau Twins wurden 1980 in Grangemouth, Schottland, gegründet. Die Namensgebung geht auf einen frühen Song der schottischen New Wave-Band Simple Minds zurück, der in leicht veränderter Form als No Cure auf deren Debütalbum Life in a Day (1979) zu hören ist.

Die Cocteau Twins gelten als die „Erfinder“ des Ethereal, in ihrer frühen Laufbahn waren sie mit Bands wie OMD ( ❤ ) und This Mortal Coil auf der Bühne. Auch deren Alben erschienen danach auf dem Kultlabel 4AD.
Robin Guthrie und Liz Fraser arbeiteten für letztgenannte Band an dem Tim Buckley Cover "Song for the Siren", das im Soundtrack des Filmes "Lost Highway" von David Lynch zu hören war. Es wurde auch unter dem Bandnamen „This Mortal Coil“ (Album „It’ll End in Tears“, 1984) herausgegeben – nicht unter „Cocteau Twins“ – wie ich fälschlicherweise vorher an dieser Stelle behauptet hatte 😉 – das Projekt des 4AD Labelchefs hatte zeitlebens wechselnde Bandmitglieder und Gastmusiker die sich auch im Ethereal-Bereich mit ihren eigenen Projekten aufhielten.

Ein Wendepunkt stellt das Stück „Blue Bell Knoll“ dar, bei dem vermehrt auf elektronische Verfremdung, insbesondere der Gitarre, wert gelegt wird. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach wunderschön, avantgardistisch und zeigt den Brückenschlag zwischen Schwarzromantik und Punk-Wurzeln durchaus.

Wie bereits gesagt – es gibt viele bemerkenswerte Bands aus dieser Subsparte, für alle ist hier natürlich kein Platz. Ich hoffe aber die Auswahl war abwechslungsreich und dennoch bezeichnend für ein Wave-Subgenre das durchaus großen Einfluß hatte.

Quellen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Hyperium_Records
http://de.wikipedia.org/wiki/Shoegazing
http://en.wikipedia.org/wiki/Ethereal_Wave
http://www.lastfm.de/music/Myrna+Loy
http://de.wikipedia.org/wiki/Cocteau_Twins

Bildnachweis: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Hyperium_Records.png

Musikalische Ausgrabungen: Gazelle Twin

Da sag doch mal einer, gute, finstere Musik gäbe es heutzutage nicht mehr – tatsächlich wird diese aber mehr vom massentauglichen Schrott überrollt der sich auch schon längst in die schwarzen Refugien eingeschlichen hat.
Umso schöner ist es natürlich wenn man hie und da auf qualitativ hochwertige Projekte stößt.

Diese „Fundsache“ drang dank Alwa via Facebook an meine Ohren und hat sich da sofort hineingebohrt.

Hinter „Gazelle Twin“ verbirgt sich Elizabeth Walling – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Solokünstlerin verbirgt sich gerne hinter surrealistisch anmutenden Gewändern.
Dabei gibt sie auf ihrer offiziellen Homepage einerseits an, ihre natürliche Schüchternheit wäre ein Grund – aber nicht der einzige. Ebenso sieht sie dies als künstlerisches Mittel bei Auftritten und Videos, sie wolle kein „Alter Ego“ präsentieren, sondern Auseinandersetzung mit sich selbst und der Menschheit im Allgemeinen.
Dazu gesellt sich eine Abneigung, als Frau – gemäß medienbeeinflußter Klischees – ständig willig, leichtbekleidet und verfügbar auftreten zu „müssen“ – auch in der Szene ist der Trend zu wenig Textil oft schon auf einem unterirdischen Niveau.

Walling explains, “that most female artists face a minimum requirement to appear sexually available… not that sex is wrong, but there’s so much more to a person’s character isn’t there?”

Dabei wird man das Gefühl nicht los als Stelle sie ihre Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse in Frage – auch der Bandname „Gazelle Twin“ ist ein Hinweis darauf. Daneben sind Spiritualität und Schamanismus eine Inspirationsquelle – zusammen mit den scheinbaren gegensätzen der modernen Großstadt.

Einen großen Teil dieser Denkansätze kommen mir bekannt vor, und deswegen finde ich das Projekt nicht nur musikalisch interessant, sondern auch die Künstlerin dahinter – sofern man das aus einem eher kurzen biographischen Text objektiv genug schließen kann.

Schwenken wir zum musiklaischen Teil über: Gazelle Twin ist relativ ruhig, minimalistisch-elektronisch, Elizabeth’s Stimme ebenso eher minimalistisch denn pompös, aber es passt zum Gesamtkonzept. Synthieklänge bohren sich schwer in den Gehörgang, laden aber auch zum Davonschweben ein. „The Entire City“ kam im Juli 2011 heraus, und der Silberling ist aktuell auf dem Weg zu mir 🙂
Kopfkinomusik.

Tatsächlich zeigt sich die Künstlerin stark beeinflußt von Film-Musik – dabei nimmt Science Fiction und Cyberpunk einen großen Teil als Inspirationsquelle ein.

Ich bin selbstredend hin und weg von *diesem* Gesamtkonzept* 🙂

Mehr will ich dazu nicht sagen – das Album könnt ihr euch als Stream auf der Homepage von Gazelle Twin anhören:

Gazelle Twin – The Entire City

Ich finde es rundweg sehr schön, Höhepunkte sind auf jeden Fall „I am shell, I am bone“:

Und „Men Like gods“ :

Weiterführende Links: offizielle Page: http://gazelletwin.com

Blog: http://iamshelliambone.wordpress.com/ <- der ist im Übrigen sehr lesenswert 🙂

Der jährliche Antwerpen-Trip – Gala Nocturna 2011

Schon irgendwie erschreckend wie schnell ein Jahr vergeht, wenn man genauer darüber nachdenkt war die letzte Gala noch garnicht so lange her, und auf einmal steht der nächste Termin, die Hotelzimmer werden eilig gebucht um noch die letzten beiden verfügbaren im Stammhotel zu ergattern, die Karten grade noch so auf den letzten Drücker geordert und bis kurz vor der Abreise Perlen und Nestelschnüre am Gewand festgenäht um es zumindest in einen soweit tragbaren Zustand zu versetzen daß es keinem auffällt daß eigentlich noch gut 2-3000 Perlen fehlen, das Forepart sowie die Ärmel von älteren Kleidern und Projekten stammt und sogar der Kopfputz so alt ist daß er vor 2 Jahren schon einmal in Antwerpen dabei war – wie skandalös!

Die heurige Gala Nocturna ist insgesamt jetzt die fünfte seit 2006. Erstmalig in einer neuen Lokalität – der Augustinuskirche mitten in Antwerpen, und nicht mehr ausserhalb in Kontich wie zuvor.
Die Ankündigung einer neuen Örtlichkeit hatte etwas Bedenken bei mir hervorgerufen, da ich die Kapelle in Kontich sehr schön fand, und ich befürchtete daß der Lokalitätswechsel hauptsächlich deswegen gemacht wurde um die jährlich immer größer werdende Besucheranzahl unterzubekommen. Ich mag keine Massenveranstaltungen, abgesehen vom WGT, doch da findet man ja immer seine Nischen wo man nicht von Menschenmassen erdrückt wird, und gerade wenn man sich ansieht wie unangenehm riesig das letzte „victorianische“ Picknick auf dem WGT wurde, und wie viele Leute sich da rumtrieben die offenbar lediglich zum Posieren gekommen waren, statt um Leute zu treffen und sich einfach nur unter Gleichgesinnten wohl zu fühlen, waren meine Gefühle zur heurigen Gala auch offengestanden sehr gemischt.
Dazu kam noch die Ankündigung eines „Kostüm“-Wettbewerbes, was mir auch eher unangenehm auffiel, wie ich zugeben muss.

Los ging die Reise am Freitag gegen 10.00 Uhr. Nach dem üblichen Taschen-Tetris stellte sich heraus daß unser Gefährt mit drei Insassen und entsprechendem Gepäck gut beladen war und kaum mehr Kapazitäten frei hatte. Der letzte Zwischenstop war dann Supermarkt und Bäcker um sich mit ein wenig Proviant für die gut 6-stündige Autofahrt einzudecken.
Der erste Teil der Strecke verlief problemlos – etwas regnerisch aber sonst ganz gut. Der erste Zwischenstop führte uns zu einem MacDonalds bei dem wir zunächst die sanitären Einrichtungen in Anspruch nahmen um uns danach im Auto, in guter Sichtweite der Drive-In Schalter über den Inhalt unserer beim heimischen Bäcker erworbenen Tüten herzumachen – wenn das nicht Punk ist dann weiß ich auch nicht *frechgrins*
Die restliche Strecke verlief auch im Großen und Ganzen problemlos, auch wenn stellenweise starker Regen die Fahrt behinderte und mehrere Baustellen manche Streckenabschnitte etwas zäh machten, davon abgesehen kamen wir gut durch und auch ganz entspannt an.
Zu meinem Erstaunen lies sich Tanjas Navigationsgerät nicht von Antwerpen abschrecken, sodaß wir auf den Punkt beim Hotel Industrie ankamen, so gegen 18:00 Uhr.
Nach dem Einchecken und Ausladen wurde das Auto auf den Hotelparkplatz verfrachtet, der eigentlich nur ums Eck war, doch die Antwerpener Einbahnstraßen machten die Aktion zu einer kleinen Karusellfahrt ein paar Male um den Block bis wir dann in der richtigen Richtung auf den Parkplatz zusteuerten.

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Die letzten Kilometer vor Antwerpen

Der Abendausklang fand wie jedes Jahr im Elften Gebot statt, das wir nach kurzem Ausruhen und sich-instandsetzen dann gegen 20:00 Uhr zu Fuß erreichten. Das Lokal war bereits gut besucht, und wir fanden ein paar von „uns“ schließlich im Obergeschoß, am gleichen Tisch wie letztes Jahr. Die Runde blieb überschaubar, dafür konnte mans sich auch ganz gut mit Leuten unterhalten die ich zumindest schon sehr lange nicht mehr gesehen habe, bei Pierre und Julia war die letztjährige Gala Nocturna das letzte Zusammentreffen …
Wir blieben jedoch nicht lange, unsere Fahrerin war nicht nur von der Fahrt angeschlagen, auch die „Rüsselseuche“ machte ihr zu schaffen, also wollten wir gegen 23:00 Uhr den Rückweg ins Hotel antreten, besonders nachdem mein zweites uns Chris‘ erstes Glas Wein das wir bestellt hatten einfach nicht bei uns ankommen wollte. Da auch heuer beim Abrechnen wieder ein großes Chaos ausgebrochen war, wunderte es uns kaum daß die zwar bestellten Gläser Wein auf der Rechnung standen obwohl sie nie bei uns ankamen, zum Glück sah die Bedienung das ein.

Der nächste Tag begann mit einem ausgiebigen Frühstück im Hotel. Ein bisschen renoviert wurde das Industrie im Gegensatz zum letzten Jahr, nicht nur die Bäder in den Zimmern wurden modernisiert, auch der Frühstücksraum ist inzwischen ins frühere Foyer umgezogen, die Rezeption zusammengeschrumpft in den Gang gewandert durch den man sonst in den früheren Frühstücksraum gelangte. Und von Bartok, der Hotelkatze leider kein Bild heuer, ich habe ihn zweimal maunzen gehört und bei der Abreise haben wir ihn schlafend auf einem Sofa durch einen Türspalt hinter der Rezeption gesehen – schade irgendwie.

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Das Federvieh beäugt die kleine Gruftitruppe argwöhnisch

Gegen 11 Uhr früh haben wir uns dann wieder gen Innenstadt begeben und sind ein wenig herumgewandert, zuerst entlang des Hafens, dann rein in die Altstadt um ein wenig zu schauen, stöbern und Bilder zu machen. Die Temepratur in Antwerpen war deutlich höher als in heimischen Gefilden, sodaß mir mit meinem Mantelmonster, welches eigentlich für zweistellige Minusgrade genäht wurde, doch etwas warm wurde, doch etwas später war ich wegen einiger scharfer Brisen eisekalten Windes dann doch glücklich darum, und meine Spiegelreflex war bei gelegentlichen Regenschauern darunter auch sicher und ziemlich wasserdicht aufgehoben.

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Oben: Die Burg Steen am Scheldeufer, das älteste Gebäude in Antwerpen.
Unten: Hafen-Ansichten

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Mit jedem Jahr mag ich die Stadt Antwerpen ein Stückchen mehr. Auch wenn ich heuer nicht viel Neues gesehen habe. Ich mag die Atmosphäre dort, die Altstadt und den Flair den große Städte allgemein so haben – bin eben eine Stadtpflanze im Herzen 😉

Antwerpen ist nicht nur eine Stadt mit Geschichte, sondern auch eine Modemetropole. So läuft man in der Innenstadt zwangsweise an den Schaufenstern bekannter Designer entlang.
Zudem sind viele Schaufenster sehr kreativ dekoriert, besonders auffällig war hier eine größere Fensterfront die in grelles pinkes und blaues Licht getaucht war,den Blick auf Schaufensterpuppen frei gab welche in Anlehnung an die Rokoko-Mode gekleidet waren – jedoch mit Jeans umgesetzt. Sehenswert fand ich das allemal …

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Und auch gegenüber lies ein Schaufenster mein Herz höher schlagen – nicht wegen den Klamotten, sondern wegen den unzähligen antiken Nähmaschinen die die große Glasfront zierten.
Schad daß mein Bild nicht so gut ausgefallen ist, die Reflexionen auf der Scheibe waren leider zu stark.

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Ein Laden erregte unsere ganz besondere Aufmerksamkeit, denn zum „Maison Orange“ gelangte man treppab in verwinkelte Katakomben unter der Fußgängerzone. Dort lauschte man indischer Musik und staunend betrachteten wir das Warenangebot von antiken orientalischen Möbeln. Am liebsten hätten wir dort einziehen wollen … genau die richtige Umgebung für dunkelromantisches Gruftpack 😀

Gegen 15:00 Uhr suchten wir ein Café um eine Kleinigkeit zu Essen und nach dem stundenlangen Laufen mal die Füße ruhen zu lassen – wo wir am Vortag über das lange Sitzen im Auto geschimpft hatten, ging es uns jetzt andersrum – andererseits war Tanja sichtlich angeschlagen.
Blöderweise wussten wir nicht mehr wirklich wo wir uns befanden, und meine Nachfrage bei der Bedienung um eine Wegbeschreibung verursachte erstmal etwas Verwirrung, doch wir stellten dann schnell heraus das wir uns zwar ziellos durch die Gegend bewegt hatten, aber zum Glück dauernd irgendwie im Kreise, sodaß wir auch zügig wieder am Hotel waren. Hilfreich waren auch die Smartphones meiner Mitreisenden, so wenig ich von den Dingern sonst halte, da waren die wirklich nützlich.

Im Hotel angekommen war zwischenzeitlich auch die Dame mit der ich mein Doppelzimmer für die zweite Nacht teilte.
Nachdem wir zwei uns auch ein wenig unterhalten hatten und die Klamotten derweil aufbügelten, war es dann an der Zeit sich für den Abend fertig zu machen.

Das Thema der heurigen Gala Nocturna war „The Virgin Queen“ – in Anlehnung an Königin Elizabeth I, für mich also das perfekte Thema 😉 – neues Gewand gab es aber nur bedingt, ich hatte die Zeit nicht mehr für ein ganz neues Kleid, aber letztenendes war das auch nicht nötig da ich ein noch halbfertiges Gewand im Schrank hatte das ich für den Anlass nach 3-4 Jahren endlich mal fertigmachen konnte. Sowas braucht irgendwie immer ein wenig Termindruck …

Einige Einzelteile musste ich mir von anderen, älteren Gewändern „ausborgen“,doch zum Glück ist elizabethanisches Klamott so modular daß das kein Thema ist.

Wir teilten uns ein Taxi zu sechst zur Augustinuskirche, und waren nicht grade wenig verwirrt als der Fahrer uns mitten in der Stadt zwischen Geschäften und Läden absetzte, denn von einer Kirche war da keine Spur, die Anwesenheit anderer Herrschaften in schönen Kleidern sprach aber dafür daß wir an der richtigen Stelle abgesetzt wurden.
Da wir ein paar Minuten vor 20:00 Uhr ankamen, mussten wir noch ein wenig warten bis sich die gläserne Schiebetür öfnnete und uns Einlaß in eine sehr moderne und karge Vorhalle gewährte, wo Vionas Mann die Kartenkontrolle übernahm.
Durch eine weitere, schon älter aussehende Tür gelangten wir dann schließlich in die eigentliche Kirche, und ich muss gestehen, die neue Örtlichkeit ist wirklich wunderschön und übertrifft die Kapelle in Altena sogar.

Die Kirche füllte sich bald mit Leuten, darunter wie zu erwarten bekannte Gesichter, man sieht sich um, begrüßt alte Bekannte und Freunde, und lässt die ganze Szenerie aus großen Gewändern, farbiger Beleuchtung und der opulenten barocken Kirche die von neoklassischer Musik anfangs noch recht leise beschallt wurde, auf sich wirken. Man taucht ein in eine andere Welt und eine andere Zeit die es in der Geschichte so zwar nicht gegeben hat, aber einen trotzdem mitreißt.

Der Saal wurde weniger voll als ich befürchtet hatte, man hatte immer ausreichend Reifrockfreiheit und es artete zum Glück nicht in die Massenveranstaltung aus die ich befürchtet hatte, auch wenn die Besucher zahlreich vorhanden waren, so drängte man sich nicht dicht an dicht wie das im Vorjahr leider der Fall war. Zwar gab es den gewissen Prozentsatz an „komischen Gestalten“, unter dem Strich hatte ich aber nicht das Gefühl daß es Überhand genommen hatte.

Später begann das Programm des Abends von dem im Vorfeld nichts bekannt gegeben wurde. Heuer bestand es durchweg aus Werken des belgischen Neoklassik-Komponisten Nicholas Lens, eröffnet von einer Live-Darbietung zweier Musikstücke die einem das Blut in den Adern gefrieren lies, so genial war es.
Danach kamen zwei Tanzdarbietungen, einmal Ballett, einmal Tribal, und schon war es Zeit für den „Kostümwettbewerb“.
Letztenendes war diese Geschichte weit weniger spektakulär als erwartet, circa zwei handvoll Damen wurden der Reihe nach auf die Bühne geleitet um einen Knicks vor dem werten Publikum sowie dem „König“ zu machen, welcher am Ende die Gewinnerin auswählte. Fertig.
Einer der Helfer der Veranstaltung kam währenddessen zu mir und meinte „You should be up there!“ – was freilich nett gemeint war doch ich war ganz zufrieden damit mir die Sache aus der Ferne anzusehen.

Der Abend an sich war wieder ganz großartig, die Musikauswahl zwar nicht ganz so brilliant wie im letzten Jahr, aber dennoch absolut gut. Da blieb dann neben dem Tanzbein schwingen auch noch etwas Zeit zum Unterhalten, auch die Lautstärke der Musik war sehr zurückhaltend. Einerseits positiv, andererseits verlangen Stücke wie Wolftribes eine gewisse Mindestlautstärke um anständig zu wirken. Aber ich will nicht motzen, ganz im Gegenteil, denn die Veranstaltung war meiner Meinung nach wieder rundum gelungen, und die leiser gehaltene Musik hatte mit der Stadtinternen Lage auch sicher seine Berechtigung.
Lichttechnisch war es eine Spur zu hell, was aber auch andere Besucher bemerkt hatten.

Das komische Chip-System fürs getränke holen war das Gleiche wie die Vorjahre, was offengestanden auch nervig ist, aber es wird wohl auch da Gründe für geben, etwas ärgerlich war nur daß man nach einer gewissen Uhrzeit für übrig gebliebene Chips weder noch Getränke bekam und diese auch nicht wieder gegen Bares eintauschen konnte. Schätze ich muss die beiden Plastikdinger dann bis zum nächsten Jahr aufheben.

Ein Teil von uns machte sich recht zeitig auf den Heimweg ins Hotel, doch Chris und ich wollten noch nicht gehen. Wir waren zwar hundeelend kaputt, doch aufgeben und gehen war nicht *g*
Wir blieben bis zum Schluss und waren bereit, nach Ausbleiben der Musik in Sitzstreik überzugehen 😀 doch letztenendes half es nichts. Glücklicherweise konnte ich so aber wenigstens Viona nochmal erwischen um Hallo zu sagen und ein paar Worte mit ihr zu wechseln, wie die letzten Jahre über war sie den Abend lang so in Beschlag genommen daß man an sie nicht ran kam.

Bei unserem kleinen Gespräch äusserte sie sich auch eher wenig erfreut über gewisse Umstände des victorianischen Picknickes und die Tatsache daß zu viele Schaulustige und Photographen sowie Poseuren eigentlich nie das waren was sie vorhatte mit der ganzen Sache. Das Picknick sei von Anfang an aus der Idee entstanden daß sich Gleichgesinnte zusammenfinden um tatsächlich gemütlich zusammen zu picknicken und die ganze Atmosphäre zu geniessen, nicht um von einer Kameralinse in die nächste zu rennen.
Schön zu erfahren daß die Initiatorin dieser Sache die Dinge dann genauso sieht wie andere die ihre Kritikpunkte am letzten Picknick ebenso hatten. Ich schätze zwar nicht daß sich viel ändern wird, nicht be etwas so öffentlichem im Rahmen des WGTs.

Derweil hatte sich unser bestelltes Taxi wohl jemand anders gekrallt, denn vor der Tür standen die übriggebliebenen Harten die bis zum Ende durchgehalten haben und warteten schlotternd auf Heimfahrgelegenheit. Ein zweites bestelltes Taxi wurde uns vor der Nase weggeschnappt, doch beim dritten Fahrzeug kamen Chris und ich zum Zuge und endlich ging es ins Hotel Richtung Matratze – beinahe zumindest, denn zuerst mussten Strassteinchen, Wimpern und hartnäckiger Kalk aus dem Gesicht entfernt werden, sowie das ganze Gewand samt Schmuck und Tüddelkram.
Geschlafen habe ich danach jedenfalls gut, meine Mitbewohnerin offenbar auch, denn die bekam von meinem Gewusel nicht wirklich was mit.

Der nächste Morgen wurde zuerst mit erstem Einpacken, dann mit Frühstück begonnen. In unserem Hotel hatte sich noch eine weitere schwarzgewandete Gruppe eingemietet, die wir jedoch nicht kannten.
Wie jedes Jahr wurde das Frühstück und das Auschecken über die offizielle Zeit bis zu der man aus den Zimmern raus hätte sein müssen etwas gezogen – bisher hatte da aber auch niemand vom Hotel was dagegen, und inzwischen kennt man sich ja auch schon …

Gegen 12:00 Uhr waren wir dann wieder unterwegs gen Heimat. Diesmal waren ein paar Zwischenstops mehr nötig. Die Fahrt zog sich dann etwas und so kamen wir in der Dunkelheit zuhause an. Zum Auspacken zu kaputt, nur das Seidengewand wurde schnell verstaut, brauchte es nur ein Glas Wein und das heimische Sofa um auf der Stelle wegzupennen.

Fazit: Positive Überraschungen sind eine schöne Sache – hätten sich meine Befürchtungen bewahrheitet wäre es vielleicht meine letzte Gala Nocturna geworden.
Der Abend war gelungen in jeder Hinsicht und die Besucherzahl genau richtig.
Der kleine Trip war ein schöner Mini-Urlaub in einer schönen Stadt, mal kurz durchschnaufen zwischen dem Alltag.
Jetzt freue ich mich aufs WGT 🙂

Bilder von der Gala direkt habe ich selbst nicht gemacht – zumindest nicht mit meiner Kamera.
Dafür hat Martin Small von SoulStealer.co.uk eine Menger großartiger Impressionen mitgebracht, alle Bilder davon sind auf seinem Flickr-Set anzusehen.

Zuletzt nochmal meinen Dank an Viona für das schöne Bild:

Gala Nocturna