19.03.2011 – Waid Noises

Spontane Ideen sind oftmals gute Ideen und eine solche bescherte uns einen wirklich großartigen Samstag abend.

Da stand man nun vor der Frage, was man mit eben diesem Samstag abend anstellen wollte – im Stammclub die Stammveranstaltung mit allem quer durch die schwarzen Musikrichtungen stand zur Auswahl – wie sie jeden Monat stattfindet.
Chris fiel die Decke auf den Kopf und auch wenn ich mich an Wochenenden momentan arg aufraffen muss, mal rauskommen und Gesellschaft von Seinesgleichen suchen tut dann doch immer wieder gut.
Recht kurzfristig fiel unser Augenmerk auf eine feine, kleine Veranstaltung im Nürnberger Raum, die wie die Grey Area und Subkultan vom gleichen Verein organisiert wurde – Waid Noises. Nichts wozu man das Tanzbein schwingt, das Konzept erinnerte mich insbesondere im Laufe des Abends mehr an die Blaue Stunde – was die Sache freilich sympathisch machte.
Geboten wurde dafür ein Konzert – die österreichische Neofolk-Kapelle namens Jännerwein spielte auf.
Da das Konzert im Freien unter dem Licht des Vollmondes stattfinden sollte, war warme Kleidung freilich ein Muss. Mir war eh mehr nach Gemütlichkeit zumute, also blieb die Kalkdose geschlossen und der Reifrock verstaut im Schrank. Stattdessen Pikes und Pluderhosen und ein gescheiterter Versuch mit dem Toupierkamm – wo sich andere über mangelnde Haarpracht beschweren ist meine jahrelang gezüchtete Wolle dann wohl etwas zu viel des Guten *gg*

Kurz nach 22:00 Uhr kamen wir im beschaulichen Kalchreuth an, seitwärts in die Büsche ging es dann gen Waldrand, die Lokalität erwies sich als überaus uriger Biergarten – die Innenräume rustikal dekoriert mit Heuballen, Dreschflegel und Sense, der Vorhänge – solides weiß-rotes Karo, sorgfältig zurückgebunden. Und dazwischen tummelten sich schwarzgewandete Gestalten. Will auf den ersten Blick freilich so garnicht zusammenpassen, und etwas skurril wirkte die Szene zunächst auch.
Passend dazu war die „Eintrittskarte“ ein Ast-Scheibchen, aufgefädelt an einem Stück grober Paketschnur, mit dem man sich dieses Holzstückchen an den Klamotten festtüddeln konnte. Witzige Idee, mal was anderes als der obligatorische Stempel.

Die Räume waren, bis auf die Theke fast ausschließlich von Kerzenlicht beleuchtet, wir waren zeitig genug da um uns noch einen Sitzplatz zu reservieren, dann noch ein Glas Wein geordert und bei Neofolk-Klängen aus der Konserve etwas ins Plaudern gekommen.
Allerdings wuchs die Lautstärke im Laufe des Abends auf Disco-Pegel an, was für Unterhaltungen dann wenig optimal war – wäre es eine Tanzveranstaltung gewesen, wäre der Umstand freilich OK gewesen, aber in diesem Rahmen wäre etwas weniger Lautstärke angenehmer gewesen – auch wenn die Musik durchweg gut war.

Gegen Mitternacht spielten dann Jännerwein – nicht im Freien wie eigentlich gedacht sondern in der Gaststätte. Wir rückten die Tische ein wenig beiseite und ich wunderte mich wie auf dem doch recht eng bemessenen Raum die ganzen Musiker samt Gerätschaften Platz finden wollten.
Es ging – Neofolker haben den Vorteil daß elektronisches Gerät nicht unbedingt zum Einsatz kommt, und auch Bühnentechnik wie Mikrophone samt Verstärker waren in dem sehr kleinen Saal auch unnötig. Sprich, das Ganze war ein astreines unplugged-Konzert, passend für das Musikgenre freilich.
So war die Runde auch relativ „kuschlig“, die Besucherzahl war ausgesprochen überschaubar, der Raum wie gesagt auch eher klein. Wir saßen quasi direkt vor der Band – so mag ich Konzerte einfach am liebsten.

Jännerwein – das ist eine noch recht junge Neofolk-Band aus Salzburg die neben den neofolk-typischen Instrumenten wie Akustik-Gitarren und Streicher auch für das Genre exotischere Instrumente einsetzt, wie mittelalterliche Drehleiern und Dudelsäcke, was manchen Stücken einen leichten Hang ins Mittelalterliche verleiht, was aber nie zu sehr in den Vordergrund gerät.
Inhaltlich drehen sich die Werke um Mythen und Bräuche einer kargen, unwirtlichen Bergwelt, aber auch Gedichte werden vertont, beispielsweise aus der Romantik – und wie finster die „Romantik“ eigentlich war zeigt sich auch hier wieder. Die Musik ist passend dazu durchgehend melancholisch und düster, Stoff für einsame Winternächte bei Kerzenschein.

Der Name „Jännerwein“ ist hierbei vom oberbayrischen Volkslied „Der Wildschütz Jennerwein“ entlehnt, welches das Ende des Georg Jennerwein besingt – der 1877 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Jennerwein war von Beruf Holzknecht, was nicht ausreichte um seinen Unterhalt zu bestreiten, sodaß er anfing in den königlichen Wäldern um den Schliersee herum zu wildern, eine Art bayrischer Robin Hood.
Nach seinem Tod wurde er zur Legende und Symbolfigur der Auflehnung gegen die Obrigkeit, verehrt von den einfachen Menschen.
Sein Leben wurde auch mehrfach verfilmt.

Mit deutschsprachigem Neofolk werde ich offengestanden nur sehr selten warm, was meist an den wackligen Gesangskünsten der meisten „Sänger“ liegt, manchmal aber auch an arg aufgepresst wirkenden Texten. Englischsprachig wirkt das einfach anders, sogar wenn der Sänger mal etwas wacklig auf den Tönen ist.

Jännerwein war mir bereits ein Begriff, nur bewusst konnte ich mich an kein Musikstück erinnern, also habe ich mich nachmittags etwas eingehört. Komplett vom Hocker hat mich die Band da nicht gerissen, aber ich fand sie doch recht gut.

Live jedoch begeisterte die Band vom Fleck weg, alle vier Musiker haben wunderbare Singstimmen die auf den Aufnahmen meiner Meinung nach bei Weitem nicht so gut rauskommen wie im Konzert. Nach den ersten drei-vier Stücken standen die Jungs auf um feierlich das Kirchenlied „Tantum Ergo“ vorzutragen, vierstimmig und a capella. An sich ist Religion nichts was mich sonderlich betrifft, doch die Darbietung führte eindeutig zu Gänsehaut – das oben verlinkte Video kommt dem Live-Erlebnis ebenfalls nicht richtig nahe.
Einzelne Lieder hatten mit Trommeleinsatz auch einen sehr mitreißenden Military Pop-Anklang.

Zum Abschluss gab Jännerwein – wieder a capella – ein englischsprachiges Seemannslied zum Besten (habe noch nicht herausgefunden wie es hies, aber der Text war göttlich).

Kurz nach dem Konzert entschieden wir uns dann den Rückzug anzutreten da sich dann doch etwas Müdigkeit zeigte. Draußen zeigte sich der aktuell besonders erdnah stehende Vollmond in prächtiger Größe und beschien heller als sonst das Gelände um den Felsenkeller. Draußen war inzwischen das Lagerfeuer angezündet worden und einige Gäste scharten sich zum Luftschnappen darum, denn drinnen wurde es während des Konzertes schnell recht warm – wir waren ja auf nächtliches Freiluftkonzert eingestellt gewesen.
Eine wahrhaft magische Nacht die bei besserer Verfassung zum Verweilen und Weiterträumen nach dem großartigen Konzert geradezu eingeladen hätte. Jännerwein hatte einen ganz gut in die passende Stimmung versetzt – passend dazu war das Motto dieser Waid Noises Veranstaltung – Moon Music. Bestimmt hätte das Konzert im Freien am Lagerfeuer und unter dem hellen Mond sogar noch mehr Eindruck hinterlassen.

Fazit: Jännerwein is eine sehr schöne Neuentdeckung aus dem Neofolk, welche sich sicher jetzt öfters in meine Playlist verirren wird 😉
Die „Waid Noises“ ist eine ausgesprochen gelungene Veranstaltungsreihe die sich mehr als angenehm vom schwarzen Clubbesuch abhebt und durch den kleinen Rahmen etwas sehr familiäres an sich hat. Da werde ich mich ohne Zweifel gerne wieder „hinverirren“ 😉 – besonders wenn die Veranstalter noch öfters solche musikalische Perlen ausgraben.

Zum Schluss als musikalische Kostprobe noch ein Stück von Jännerwein: – „Klage“ – nach Joseph von Eichendorff, 1809, vom ersten Album „Abendgeläut“, 2008