Festival Mediaval 2010

Verdammt – mein großer Rechner hat gestern früh die Segel gestrichen, beziehungsweise die uralte Festplatte die seit Ewigkeiten schon komische Geräusche macht (und fatalerweise das Betriebssystem beherbergt), ich aber bislang zu faul war selbige durch die Neue zu ersetzen die derweil als Datenauslagerung als extrerne Platte unter dem Schreibtisch vor sich hin rödelt.
Doch was wären wir für ein Nerd-Haushalt wenn es nicht Alternativen gäbe und hier niemand länger als notwendig vom Netz getrennt verbringen muss – schließlich habe ich vom Wochenende einiges zu berichten 😉
Nachteil: ich muss dieses vom Sofa aus mit einem winzigen Netbook tun, Vorteil: mein Sofa ist riesig und urbequem *g*

Doch um meine altersschwache Platte soll es hier natürlich nicht gehen, vielmehr um das im Titel genannte Festival.

Das Ende der diesjährigen Festivalsaison rückt näher, und wird seit drei Jahren inzwischen vom Festival Mediaval eingeläutet.
Für gewöhnlich bin ich nicht so der Festival-Gänger, lediglich dem WGT – das ja nicht unbedingt als reines Festival durchgeht – bin ich seit Jahren treu.
Das Mediaval hatte jedoch einige nicht zu schlagende Vorteile, und zwar relativ bequeme Erreichbarkeit vom heimischen Bett und Bad aus sowie einige sehenswerte Bands die auch den Schwarzromantiker erfreuen der eigentlich mit Mittelalter weniger anfangen kann.
Nicht zu vergessen, einen sonst eher festivalscheuen Freund der überraschenderweise ausnahmsweise von selbst da hin wollte *g*

Das selbsternannte „größte Mittelalterfestival in Europa“, fand mitten im beschaulichen Selb dieses Jahr vom 10-12. September statt.
Musikalisch gibt es hier neben markt-mittelalterlichen Dudelsack-Klängen – die bekanntlich nicht jedermanns Fall sind – auch interessante Bands aus dem Bereich Paganfolk, Neoceltic, Weltmusik und mehr, aber auch Mittelalter-Rock und ein Nebenprogramm mit zahlreichen Kleinkünstlern von Bauchtanz bis zu den obligatorischen Feuershows. Es fand zudem ein Schaukampfturnier statt bei dem jeder teilnehmen konnte der über entsprechende Ausrüstung verfügte, sowie diverse Workshops, von Drehleier-Bau über historischen Tanz bis hin zu Gesang. Diese waren aber leider nicht im Ticketpreis von 75 Euro inbegriffen, sondern hatten sehr unterschiedliche Gebühren die bei Teilnahme extra veranschlagt wurden.
Dazu kann man neben den Konzerten auch durch einen Marktbereich nach so ziemlich allem stöbern was das begeisterte GroMi-Herz begehrt.
Nein, es liegt mir freilich fern mangelnde Authentizität zu kritisieren, wir reden hier ja von einem Festival, und nicht von einer Reenactment-Veranstaltung 😉
Entsprechend habe ich mir auch die historisch mehr korrekter gedachte Garderobe im Schrank gelassen und tief in den Kalk-Topf gelangt 😉

Los ging es offiziell am Freitag um 16:30 Uhr. Wir konnten erst später los und hatten eigentlich 18:00 Uhr angepeilt, doch dann erwies sich die erste Anreise als beschwerlicher als gedacht.

Mit dem neu angeschafften Navi fühlten wir uns sicher, Selb stressfrei zu erreichen, ausserdem kenne ich mich als gebürtiger Wunsiedler in der Gegend auch noch etwas aus.
Tja, zu früh gefreut. Nachdem wir feststellen mussten daß aber auch wirklich alle Strassen nach Selb gesperrt sind kam sogar das Navi derart durcheinander daß wir an Stellen feststeckten wo auch ich keinen Schimmer mehr hatte wo wir jetzt waren.
Letztenendes kamen wir nach einer Fahrzeit von 1 1/2 Stunden (statt knapp einer Stunde) am Festivalgelände an, schafften es aber zum Glück zügig durch Einlass und Bändchenvergabe und standen so 5 Minuten vor Beginn der ersten Band die uns interessierte an der Hauptbühne.

Gegen 19:00 Uhr spielte Omnia – die holländische Pagan-Folk Band gehört schon seit langem zu den Favoriten von meinem Freund und mir. Peinlich genug zu erwähnen, daß wir es noch nie geschafft haben Omnia live zu sehen.
Das Konzert war sehr kurzweilig, nicht nur dank der guten Musik die ordentlich Stimmung machte, auf der Bühne wurde die Band von Gästen von Faun und Valravn unterstützt, sowie Einlagen von Bauchtänzern, Feuer-Artisten und Kelvin Kalvus.
Omnia stellte neben altbekannten Stücken auch ihre neue CD vor – auf der ein Song der sich für „Liebe machen im Wald“ aussprach, und ein absoluter Kulturschock in Form eines auf der Bühne rappenden (ja, tatsächlich!) Steve. Doch nach dem ersten Schock gefiel mir der Stilbruch trotzdem ganz gut, irgendwie anders aber dennoch unverkennbar Omnia mit einem wütenden Text gegen die seelenlose moderne Welt, für Natur und Freiheit.

Nach Omnia wanderten wir zur nächsten großen Bühne, auf der Valravn auftrat. Die Band war mir von einigen Stücken bereits bekannt, doch nicht im Detail.
Allerdings habe ich die Show nur am Rande wahrgenommen, da ich ein paar liebe Bekannte entdeckte die natürlich begrüßt werden wollten. Was meinen Freund nicht davon abhielt in der Zwischenzeit etwas näher ans Geschehen zu verschwinden.
Valravn verbindet nordische Klänge mit elektronischer Unterstützung – eine sehr schöne Mischung mit wundervoller weiblicher Gesangsstimme.
Als Gegenbesucht statteten Omnia auch Valravn auf der Bühne den einen oder anderen Besuch ab.

Nahtlos weiter ging es mit dem Auftritt von Faun, wieder an der Hauptbühne. Fast nahtlos zumindest, da der Soundcheck etwas länger in Anspruch nahm als geplant, dafür bot die zusätzliche Pause Gelegenheit sich einen Becher herben Mets zu organisieren.
Faun ist wieder so ein Fall an Band dessen Musikstücke zu Göttertanz und co dazu gehören und auch sonst immer dazu führen daß die Tanzfläche im Club mit dem Reifrocksaum gut durchgewischt werden *g* – nur live hatten wir sie auch noch nie gesehen.
Auch dieses Konzert war großartig, nur getrübt durch die Tatsache daß ich einfach nicht lang genug bin und oft mehr Hinterköpfe im Gesichtsfeld hatte als Band *hmpf*

Gegen Mitternacht machten wir und dann auf die Heimreise, reichlich müde und mit platten Füßen – ein Nachteil von Wald- und Wiesenfestivals: man steht weit mehr herum als zB beim WGT.

Ataraxia

Aber zurück zum Festival Mediaval.
Samstags trafen wir gegen 14:00 Uhr am Festivalgelände ein. Diesmal kamen wir glatt durch bis Selb da wir inzwischen wussten wie wir fahren mussten ohne ins Chaos gesperrter Strassen zu geraten.
Um 15:00 Uhr sollten Ataraxia spielen. Eine Band auf die ich mich ganz besonders gefreut habe. Die italienische Band mag die wohl Dienstälteste des ganzen Festivals gewesen sein, und ich befürchtete einen großen Andrang – wie man es eben beim WGT gewohnt ist.
Doch zu meinem großen Erstaunen blieb die Fläche vor der Bühne erstaunlich leer. Und füllte sich auch bis zum Konzert nicht weiter. Einerseits Glück für mich da ich so ganz gute Sicht auf die Bühne hatte, andererseits fand ich es auch sehr schade für die Band, die eindeutig zu den Urgesteinen der Neoklassik und Heavenly Voices zählt.
Francescas Stimme, die von vibrierend-tief bis in unglaubliche Höhen kommt hinterlässt anhaltende Gänsehaut und Faszination. Hört man es live, mag man zuerst kaum glauben daß ein menschliches Wesen zu solch einer Stimme fähig ist.
Für mich eindeutig das Highlight des Festivals, trotz der ausbleibenden Zuschauer.
Nachdem Ataraxia ja weniger zur Mittelalterszene gezählt werden können, sondern ursprünglich aus dem Wave stammen um sich – wie viele andere Bands – in den 90ern dem Heavenly Voices Genre zuzuwenden, war das Zielpublikum bei diesem Festival für diese Band wohl nur eingeschränkt vorhanden.

Meine Einschätzung bestätigte sich schließlich als wir wieder zur Hauptbühne wanderten auf der Corvus Corax bereits voll bei der Sache waren. Das Publikum war hier doch weitaus größer und füllte die Fläche vor der Bühne recht gut aus.
Die berliner Mittelalterband ist mit die einzige Dudelsack-Gruppe die ich wirklich mag. Musikalisch als auch live. Erstmals gesehen habe ich sie 2004 auf dem Woodstage Festival bei Zwickau, und mich schon ganz gut amüsiert. Vor 3-4 Jahren hatten sie dann einen kleinen Auftritt hier in der Gegend der nicht minder amüsant war.
Allerdings war mir nach Ataraxia schonmal nicht wirklich nach Dudelsack zumute, nach dem sehr ätherischen Auftritt der Italiener empfand ich das Geschehen auf der Bühne irgendwie als laut und lärmig, plump und – ja fast schon – prollig daß ich das Konzert nicht so ganz geniessen konnte.

Nachher hatten wir konzertmässig eine größere Pause die wir dazu nutzten uns mal die Marktstände näher anzusehen. Einer unserer Lieblingshändler war auch anwesend – ich traue mich schamlos etwas Werbung zu machen – Vehi Mercatus.
Mein Freund wollte sich bei ihm einen Helm holen, und ich finde auch immer wieder nützliches was auch für die Austattung fürs 16. Jahrhundert brauchbar und passend ist.
In seinem Stand begegneten wir einem Händler der direkt an der Hauptbühne mit einem Getränkestand anwesend war. Bei seiner Bemerkung, Corvus Corax wäre das schlimmste gewesen was er mitgemacht hatte, musste ich doch etwas grinsen – was uns dann gleich eine Einladung auf eine „Überraschung“ einhandelte.

So langsam wollten die Füße auch nicht mehr, also suchten wir uns eine Kleinigkeit zu Essen und eine Bank die etwas ruhiger lag. Etwas zumindest – nicht weit davon entfernt war eine weitere, doch eher kleine Bühne, sodaß wir ein wenig vom Minnesänger Knud Seckel und der Gauklertruppe Basseltan mitbekamen.

Wir zogen dann weiter um die Einladung auf die „Überraschung“ wahrzunehmen. Am Getränkestand servierte uns Balou – der Herr den wir wie gesagt vorher trafen – einen giftig-blauen Likör den er als „Schlumpfpisse“ bezeichnete und nach ausgekochtem Hustenbonbon schmeckte. Die – nicht wirklich ernst gemeinte – Beschreibung des Herstellungsprozesses rundete das Geschmackserlebnis trefflich ab *lach*
Trotzdem blieben wir noch länger, noch dazu da der Stand eine kleine gemütliche Sitzecke bot die wir gleich in Beschlag nahmen, wir unterhielten uns auch ganz toll mit den Betreibern der „Wandelbar“ die sichtlich gut drauf waren – das Getränkeangebot beinhaltete zum Glück auch noch Erdbeerbowle – was zum WGT Tradition hat, kann zu anderen Festivals ja nicht schlecht sein *g* – und gut war sie wirklich, die Bowle.

Wir blieben noch bis Qntal spielte, bessergesagt blieben wir die ersten 2-3 Lieder noch sitzen, man konnte die Bühne einigermassen sehen und auch alles gut hören.
Trotzdem verließen wir dann unseren Platz um näher an die Bühne zu kommen.

Das Konzert war ebenfalls sehr schön, und wurde einerseits bei „Flamma“ passend von einer Feuershow untermalt, sowie einem weiteren Kurzauftritt von Kelvin Kalvus. Daneben unterstützte auch ein Sänger von „Transmongolia“ mit seinem eindrucksvollen Kehlkopfgesang die Band.
Syrah hatte stimmliche Unterstützung von Sarah Newman, die selbst Bandmitglied bei Unto Ashes, Estampie und VocaMe ist – und über eine Freundin sogar eine Bekannte von mir 😉
Das sie da sein würde wusste ich allerdings nicht und war entsprechend überrascht als wir uns vorher auf dem Festivalgelände zufällig trafen.

Nach Qntal wäre noch Haggard auf unserer Sehen-wollen Liste gewesen, jedoch spielte die Band nicht im direkten Anschluss an Qntal (und ich muss sagen daß ich mit Haggard dann doch weniger anfangen kann als mein Freund) und da es langsam etwas kühl wurde und mein Freund mit Erkältung etwas angeschlagen war, entschieden wir den Rückzug anzutreten für diesen Tag. Also nochmal kurz bei Vehi Mercatus vorbeigeschaut um die Hirnhaube einzupacken, noch ein paar Sätze zu schwafeln – die Jungs vom Stand waren auch nicht ganz fit, verfügten aber über einen Ofen im Wagen der den Stand innen einigermassen warm hielt.
Daheim wollte ich selbst dann nur noch aus Reifrock, Kleid und Kalk hüpfen um möglichst schnell ins Bett zu kommen.

Den heutigen Sonntag liessen wir dann bleiben, auch wenn ich gerne noch ein-zwei Bands gesehen hätte und mich ärgere daß ich jetzt um die recht günstigen Lederhäute drumherum komme die ich mir gestern schon für ein Wams eingebildet hatte. Also packe ich meine Klamotten wieder in den Schrank , bis zum nächsten Göttertanz 😉

Fazit: ein sehr schönes Wochenende mit guter Musik auf einem sehr schönen Festivalgelände das weitläufig ist und auf dem man sich nicht so eingekästelt und abgezäunt vorkommt wie auf dem normalen Wald- und Wiesenfestival.
Wir sind im nächsten Jahr, sofern es zeitlich unterzubringen ist, wieder gerne dabei. Natürlich hoffe ich auch daß auch musikalische Genres wie das zu dem man Ataraxia zählen kann auch weiter im Programm zu finden ist.

Bilder habe ich mal wieder keine geschafft zu machen, bis auf zwei Stück eben von Ataraxia, von dem eines weiter oben zu sehen ist.
Galerien wird es sicher bald genug auch von diesem Festival geben, natürlich auf der oben verlinkten Homepage des Festivals.

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