Gothic Friday: Januar – Wie bist Du in die Szene gekommen?

„Wie bist Du in die Szene gekommen?“ lautet das Thema der ersten Runde des Gothic-Fridays bei spontis.de. Eine einfache Frage, nur die Antwort darauf brachte mich halb zur Verzweiflung, denn wo sollte ich anfangen, was ist relevant, was nicht? Ziemlich viel Text ist dabei entstanden, und vieles davon auch wieder gelöscht worden.

Einen Einstieg kann man freilich ganz gerade heraus am ersten Club-Besuch festmachen, oder an der bewussten Farbreduzierung des Kleiderschrankinhaltes, doch das ist eben nur die Spitze des Eisberges. Jede Geschichte ist etwas sehr persönliches, und oft recht untrennbar mit der persönlichen Entwicklung verbunden.

Ich bin 1980 auf die Welt gekommen, erlebte die 80er also schon, aber eben mit den Augen eines Kindes, Schlagworte wie Kalter Krieg und Waldsterben kenne ich noch von den damaligen Diskussionen der Erwachsenen, doch auch eine Katastrophe wie der Tschernobyl-Zwischenfall ärgert eine 6-Jährige nur damit, daß Schwammerln-Sammeln im Wald und deren Auftauchen auf dem Mittagstisch dann erstmal nicht mehr drin sind.

Die stärkste Erinnerung aus der Zeit die ich wohl getrost zur Gruft-Werdung zählen kann, ist die Musik. Als kleines Kind schon saß ich bei den Spritztouren von Opa und Papa mit im Auto und lauschte dem was da aus den Lautsprechern kam.
Ich erinnere mich auch noch an die alte, klobige Stereoanlage mit den riesigen analogen Anzeigenadeln die im Takt der Musik ausschlugen, und die einzige Lichtquelle im Wohnzimmer meiner Eltern war, nachdem mein Vater eine Platte auflegte und aus den Lautsprechern daraufhin „Maid of Orleans“ drang.

Ich mochte Hexen, verschlang alles an Filmen und Büchern was mit Hexen zu tun hatte und verlies ab und an das aus auch nicht ohne den selbstgebastelten Hexenbesen. Meine Mutter erfüllte mir als ich 10 war einen großen Wunsch zu Fasching und machte mir ein Hexenkostüm, leider nicht ganz nach meinen Vorstellungen, denn sie fand, ein bodenlanges, komplett schwarzes Gewand ist für eine Zehnjährige nichts *gg*

Die 80er gingen, und mit 12-13 kam ich wie die meisten Kinder in das Alter in dem man sich beginnt auszuprobieren und sich selbst bewusster wahrnimmt. Die heranwachsende Rosa war eine Traumtänzerin, schüchtern und ziemlich klein, daher ein willkommenes Mobbingopfer für die anderen Kinder als ich von der Grundschule ins Gymnasium wechselte.
Zunächst versuchte ich mich anzupassen, steckte mich in angesagte Klamotten in denen ich mich kein Stück wohl fühlte, doch wenn man mal die Rolle des Fußabtreters hat, ändert sich da so schnell nichts dran. Ich erkannte daß Anpassen nichts brachte, ausser daß ich mich nicht mal mehr in meiner Haut wohl fühlte, also lies ich das mit der albernen Verkleidung und fing an, auf optischem Wege zu rebellieren.
Verbal zurückschlagen konnte ich nicht, Reden war nie so mein Ding, und verbal schlagfertig bin ich auch heute noch nicht wirklich.

Jedenfalls wählte ich den Weg mich bewusst abzugrenzen durch mein Aussehen. Gothic war das damals aber noch nicht, ich wuchs in einer Kleinstadt auf in der es eh keine Grufties gab, geschweige denn andernweitig Aussergewöhnliches. Internet gab es ebenfalls noch nicht, dafür setzten sich massig fiese Klischees in meinem Kopf fest über das was ich vor dem Hintergrund damals für „Gothic“ hielt.

Ich war nicht nur optisch anders, auch meine Interessen wichen bald von dem ab was meine Mitschüler so mochten. Ich blieb am Wochenende lieber daheim, deckte mich mit Büchern aus der naheliegenden Bibliothek ein und las. Alles was ich in die Finger bekam. Science Fiction, später auch ein wenig Horror, Sachbücher über Physik, Astronomie, Elektronik, Computer.
Streber war ich aber keineswegs, die fand ich auch scheiße, und durch die Schule kam ich mit Minimalaufwand, das ging einmal schief und ich musste eine Klasse wiederholen, doch ich machte mir da wenig draus. Was ich wissen wollte brachte ich mir selbst bei.
Ausgehen interessierte mich nicht, wir hatten eh nur Dorfdissen und Bierzeltfeste, Jungs interessierten mich nicht, Mädels – wider der kursierenden Gerüchte über mich – aber auch nicht die Bohne. Ich hatte gern meine Ruhe mit meinen Büchern und zog mich ab und zu auf „meinen“ Baum weiter oben am Berg zurück, wo man die ganze doofe Kleinstadt überblicken konnte, und man von Menschen mal so richtig seine Ruhe hatte.
Einen kleinen Freundeskreis hatte ich zu der Zeit dann auch, wir blieben die ganze Schulzeit über zusammen und waren alle irgendwie Aussenseiter.

Mit der christlichen Religion konnte ich nach persönlicher Auseinandersetzung damit nicht wirklich etwas anfangen, ich begann mich für Esoterik und Okkultes zu interessieren, eine zeitlang dachte ich, im Wicca die passende Weltanschauung gefunden zu haben, doch auch der Weg war mir bald zu eingeengt.

Die Farbe schwarz faszinierte mich mit 13 schon, weswegen konnte ich nicht genau sagen. Es fühlte sich einfach gut an, vertraut. Ich griff allmählich immer öfter morgens zu komplett schwarzen Klamotten, doch völlig eingeschwärzt war meine Garderobe freilich noch nicht, ich probierte mich weiter fröhlich aus, bediente mich bei dem was meine Eltern – Mama wie Papa – aus dem Schrank rausräumten, seidene Hemden, ein Nadelstreifenanzug,Schmuck, Blusen und Stiefel aus den 70ern und 80ern … nervte meine Mutter, gelernte Näherin, mit Klamottenentwürfen und verwüstete regelmässig das Bad mit Batikfarbe.
Was neu eingekauft wurde kam aus der Herrenabteilung genauso wie aus der Damenabteilung, verwirrte die Leute durch das Tragen von Schlips, Hemd, Anzug, Trenchcoat und Hut und scherte mich einen Dreck um das was gerade „in“ war. Ich lief mal rum wie Luke Skywalker mit engen Hosen und langen Stiefeln zu weißem Herrenhemd und breitem Gürtel darüber, entdeckte dann den Edelhippie mit schneeweißen Schlaghosen und weißer Rüschenbluse, gefolgt von irgendwas punkigem mit löchrigen Jeans und bewusst schlampigem Lagenlook von mehreren ultraweiten Shirts, bemalte eine Jeans mit Sternkarten und Galaxien, zeichnete altägyptische Malereien auf Seide, mit der eine alte 80er Jeansjacke meiner Mutter verschönert wurde. Strickte ausgefallene Pullovermodelle und bastelte Schmuck aus elektronischen Bauteilen.
Mehr und mehr wurde mir egal was andere von mir oder meinem Stil dachten, ich fühlte mich wie ein Alien, ein Exot, und begann Spaß daran zu haben. Ich war anders und wollte das allen zeigen! Meine jugendliche Rebellion richtete sich weniger gegen die Eltern, mehr gegen die „Normalos“ um mich herum, die die alle irgendwie gleich aussahen und das gleiche mochten.

Von Gothic hatte ich freilich noch immer keine Ahnung, ausser daß ich mir sicher war daß das was mit Satanisten zu tun haben musste, oder irgendwas krass-asoziales, und ich die Musik sicher ganz arg scheußlich finden müsste, dabei wusste ich garnicht mal was Grufties so hören, ich war mir nur sicher daß ich keiner war.
In den 90ern mochte ich Techno. Nicht den Krempel wie Scooter oder dergleichen, es durfte gerne etwas kruder und experimenteller sein, und das Zeug was eigentlich sonst keiner kannte war eh das beste. Damals schon hätte ich einiges gegeben um mich selbst mal am Synthie zu versuchen, und meine Klamotten waren zu dem Zeitpunkt auch eindeutig am knalligsten.

Die elektronischen Klänge liessen mich nie wirklich los, und mit 16-18 entdeckte ich das Zeug aus den 80ern wieder, zuerst in Form einer alten Kassette die mein Vater ausgrub, da war viel von OMD drauf, auch Maid of Orleans, das ich vom Hören freilich sofort wiederkannte, aber bis dahin keinen Namen zu den Klängen hatte. Die CD-Sammlung wurde erweitert, bis ich jedes OMD Album hatte, ich wühlte in den Platten meiner Eltern, schnitt alles auf Kassetten zusammen was ich mochte und begann, ein 80er Fan zu werden. Depeche Mode fand ich freilich auch super, dann kam Alphaville. Über Joy Division stolperte ich dann auch, holte mir ein Best-Of und rümpfte beim ersten Hören dann gleich mal die Nase. Ja ihgitt, Gitarren – mir kamen schließlich nur Synthieklänge in den CD Player!

Die Gitarrenabneigung legte sich dann als ich auf Sisters of Mercy stieß, ich wunderte mich über mich selbst daß mir das gefiel – Gitarren! – ich, der eingefleischte Synthieklang-Fan! Aber ich musste mir dann doch eingestehen daß das Zeug ziemlich geil war 😀 – und Joy Division mag ich inzwischen auch wirklich sehr gerne, diese Musik brauchte nur eine zweite Chance in meinem Gehörgang.

Trotzdem, mit Gothic brachte ich nichts von dem in Verbindung, was „die“ hörten war mir noch immer unklar, ausser daß ich es selbstverständlich nicht mögen würde …

Die ersten „echten“ Grufties hab ich dann auch gesehen, in Nürnberg liefen etliche davon rum. Ich fand den Stil großartig – und wäre gerne auch so rumgelaufen, doch Grufties waren für mich noch immer Typen die irgendwie krass drauf waren, keine Ahnung wie, aber ganz sicher nicht so wie ich! Deswegen lies ich es bleiben mich genauso anzuziehen, denn ich war ja kein Grufti und fand es blöd einen Stil zu kopieren hinter dem ich nach meinen damaligen Ansichten nicht voll und ganz stand.
Trotzdem führte der Ausflug ins Wicca und das Interesse an okkulten Dingen immer mehr zu einem Stil a la schwarzer Hippie, mit klobigem indischen Silberschmuck, bestickten Tuniken mit Spiegelchen, Rüschenblusen und bodenlangen Röcken. Was da freilich schon gut aufs schwarze Auge passte, empfand ich aber keineswegs als Gothic, das war einfach schlicht und ergreifend ich.

Die Jahrtausendwende kam, ich verlies die miefige Kleinstadt und zog nach Bayreuth um Physik zu studieren. Bayreuth war in den 90ern schon sowas wie ne kleine Grufti-Metropole, da gab es den Club namens Etage in dem sich Das Ich und Goethes Erben formierten. Wusste ich natürlich erstmal nicht.
Die übelsten Klischeevorstellungen über Grufties wichen so langsam aus meinem Hirn, aber ich zählte mich freilich trotzdem noch lange nicht dazu. Witzig war zu der Zeit daß mich viele Bekannte und Kumpels aber schon in die Schublade einordneten, und ganz offenbar nur schwarze Klamotten an mir wahrnahmen. Dabei trug ich nur gelegentlich schwarz, nur einmal wurde ich etwas stutzig als ein Kumpel mich direkt fragte ob ich „halt so ein Gothic“ sei, ich vehement abstritt, dann aber erst wahrnahm daß ich mit meinem spitzigen Schuhwerk, dem Ledermantel und dem Nieten-Ketten-Gürtel ja schon arg nach Goth aussah.
Mit dem gleichen Bekannten fuhr ich 2001 auf die Loveparade, daß die längst nicht mehr das war was sie mal gewesen ist war mir zwar klar, ich wollte es aber mal miterlebt haben.
Auf der Autofahrt hatten wir freilich eine gute Ausstattung an elektronischer Musik bei uns, und ein Musikstück das irgendwie nicht so richtig Techno war, faszinierte mich – so brachte mich ein Bekannter der eigentlich das völlige Gegenteil von Gothic war auf Project Pitchfork, und wir bretterten mit „Equilibrium“ in der Anlage, auf voller Lautstärke durch die Chemnitzer Innenstadt.

Zwei Jahre darauf lernte ich meinen Freund kennen. Durch ihn kam ich das erste mal in einen schwarzen Club. Ich war sehr neugierig darauf, über Pichfork kam ich weiter auf dunkelelektronische Musik, Covenant, Suicide Commando und solche Geschichten. Ich hatte mir aus einer schlecht sitzenden Army-Hose einen Bondage-Rock genäht, auf Ebay bin ich mal über sowas gestolpert und fand es schön, aber von der Stange war freilich langweilig.
Ich möbelte mich für den ersten Abend freilich anständig auf, hatte aber auch irgendwie Angst daß man mich als Nicht-Goth „entlarven“ konnte, irgendwie waren dann doch noch ein paar Restklischees übrig geblieben. Wir betraten den Club – das Top Act in Zapfendorf – und das erste mal in meinem Leben fiel ich nicht auf! Und das war in dem besonderen Fall ein tolles Gefühl, ich stand blöde grinsend auf der Tanzfläche und fühlte mich einfach nur wohl, bei den Leuten, in meiner Haut, bei der Musik, denn ich kannte ja schon fast alles was da lief. Und ich musste feststellen daß Grufties eigentlich ganz genauso drauf waren wie ich, es waren verwandte Seelen in gewissem Sinne. Sondern genauso Querdenker und Leute die eben „anders“ waren – wie ich auch!
Und damit kam die Erkenntnis – verdammt, du bist also doch ein Grufti, jahrelang sagten dir das Bekannte und Freunde schon immer nach, und jetzt endlich hab ichs dann auch gar kapiert gg

Meine Szeneanfänge waren optisch mehr die Richtung Lackbienchen und Elektromieze. Cyber gabs noch nicht, und den ganz fiesen Dunkeltechno ebenfalls noch nicht, ich mutierte zum Feindflug-Fan und ärgerte mich beim Anfertigen neuer Abendgarderobe über Lack und Kunstleder unter der Nadel. Der schwarze Versandhandel war für mein Studentenbudget eh zu teuer, und Selbermachen war für mich einfach eh Ehrensache. 2000 habe ich mir das Nähen beigebracht, und wusste damals noch nicht wohin das mal führen sollte …

Die Reifrockfraktion fand ich optisch toll, und über die Lakaien und etwas elektronischere Vertreter der Schwarzromantischen Musik bin ich allmählich mehr in diese Richtung gegangen. Wolftribes von Sephiroth bohrte sich sofort tief in meinen Gehörgang, und bei Dead Can Dance stand ich irgendwann auch bei den Reifrockmädels und entschied, Lackmini ist viel zu wenig Textilie um auf sowas angemessen tanzen zu können.

Mein erster Reifrock war ein gebrauchtes Braut-Dingens vom Internet-Autionshandel, die Überklamotten freilich selbstgenäht. Doch Reifröcke trugen sie ja eigentlich alle, und die Suche nach was was zu dem Zeitpunkt noch keine hatte, führte mich zur victorianischen Mode der späten Tournürenzeit. Das Make-Up wurde von Wochenende zu Wochenende heller, die Gesichtsmalereien präziser, die Reifrockfraktion machte sich Jahr um Jahr rarer in den Clubs, und am Ende blieb ich übrig, die letzte Kalkleiste und Reifrocktante für 2-3 Jahre, bis der Stil wieder einen Aufschwung erfuhr.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich interessierte mich mehr für die Szene an sich, wo das herkam, und da wurde mir bewusst daß meine geliebten 80er garnicht so irrelevant sind. Ich entfernte mich vom Elektro a la Feindflug und entdeckte gerade durch die Schwarzromantische Seite den Dark Ambient, Ritual, echten Industrial, Powerelectronics und damit den ruppigen, kratzigen, aggressiven Gegenpol zur meiner dunkelromantischen Seite. Kam durch Neofolk, Neoklassik und Co über Umwege wieder in die 80er zurück, in denen diese Stilrichtungen im Postpunk-Umfeld ebenfalls entstanden sind, und bin nun hier angekommen, gut gekalkt, mit Pikes unterm Reifrock und durchaus auch mit Freude an echtem industriellen Lärm *gg*

Und hier endet mein Beitrag zu ersten Gothic-Friday 🙂

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