Die eingeschworenen Jungfrauen von Albanien

Es ist nun schon eine ganze Zeit her da ich mit dem Artikel über die „Two Spirits“ meine Kategorie „Graustufenbetrachtungen“ eröffnet hatte. Seitdem setzten einige angefangene Artikel zu diesem Thema virtuellen Staub an, aber wie es eben so ist, die Muse zum Schreiben habe ich nicht so häufig, besonders wenn es sich um derart komplexe Themen dreht. Dennoch ist es jetzt sehr an der Zeit, mal einen herauszuangeln und zu vervollständigen, damit diese neue Kategorie nicht ganz einschläft.

Doch erstmal eine kleine Einführung in die „Graustufenbetrachtungen“:

Daß es zwischen den biologischen Geschlechtern von Männlein und Weiblein noch mehr gibt, hält man ja oftmals gerne für eine moderne Spinnerei von Leuten die sonst nicht viel zu tun haben, allerdings, da mich das Thema schon sehr lange beschäftigt, möchte ich dieser Meinung entgegensetzen, daß es sogar sehr viele Kulturen gibt welche ein drittes Geschlecht kennen, das sich nicht an biologische Tatsachen festmacht, sondern am Selbstempfinden mancher Personen, besser noch, gerade bei vielen sehr alten Kulturen waren solche Phänomene nicht nur gewissermaßen normal, sondern oft auch gesellschaftlich hoch angesehen – erst der Einzug der westlichen „Kultur“ minderte das Ansehen solcher Personen,  schlimmer noch, deren komplette Auslöschung war ebenfalls in manchen Fällen eine traurige Konsequenz.

Daher möchte ich mit meinen Graustufenbetrachtungen dem Ansehen solcher Selbstdefinitionen als aufmerksamsheischendes Wohlstandsphänomen die Vorstellung von dritten Geschlechtern in besagten anderen und alten Kulturen entgegensetzen. Ich bemühe mich, selbiges möglichst neutral zu tun damit sich jeder seine Meinung bilden kann – über die darf auch sehr gerne diskutiert werden, solang dies ebenfalls sachlich und in angemessenem Tonfall geschieht. Den Zusatz halte ich für wichtig da mir bei meiner Beschäftigung mit solchen Themen immer wieder bösartige Bemerkungen und Beleidigungen untergekommen sind, die oft von Menschen kommen die sich nicht näher damit befasst haben und sich meistens sofort nicht nachvollziehbar persönlich beleidigt fühlen – doch wie bei der Diskussion um die Hochzeit gleichgeschlechtlicher Paare trifft eigentlich auch hier zu daß, nur weil einige Menschen nicht in die Schubladen Mann oder Frau passen – können oder wollen – das nicht heißt daß diese die Identität der vielen Cis-Menschen da draußen in Frage stellen. Oft wird befürchtet, es ginge um eine generelle Gleichmachung von Mann und Frau. Soweit es solche Ansätze gibt muss ich sagen, daß ich selbst ebenfalls absolut dagegen bin, und ich hege keine feministischen Gedanken, da vieles aus der Ecke bei Weitem schon über das Ziel hinaus schießt.

Ich möchte lediglich ein wenig den Horizont erweitern und hoffen, ein wenig beizutragen, das Menschen die sich irgendwie unter dem großen genderqueer-Schirm zuhause fühlen, akzeptiert werden und vielleicht auch verstanden werden. Es geht, wie der Vulkanier sagt, eher um unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination 😉  –  sprich um mehr Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung, nicht aber darum, den waschechten Kerlen und Damen da draussen ihre eigene Identität zu nehmen. Auf friedliche Koexistenz aller Selbstdefinitionen und persönlichen Darstellungsformen!

Soweit zu meiner kleinen Einführung zu den Grauzonen – und damit geht die Reise auch bereits los, und zwar nach Albanien.

Das etwa 28.748 Quadratkilometer große Land im Südosten Europa war nach dem zweiten Weltkrieg unter Enver Hondxa kommunistisch regiert. Zuvor schon lebte der Großteil der Bevölkerung auf dem Land, wonach sich auch bis 1990 nicht sehr viel getan hat. Heute noch prägt dies dieses von vielen Kriegen und Krisen geschüttelte Land.

Der Kanun, eine zunächst mündlich überlieferte Zusammenfassung von Gesetzen, welche es seid dem 15. Jahrhundert gibt, regelt heute auch noch im Norden Albaniens, weit ab von den großen Städten, das Leben. Hier gibt es Regeln zum Zusammenleben, Familienhierarchie, soziale Ordnung, Rituale und Feste, aber auch die Blutrache, die ebenso noch ausgeübt wird.

Für diese archaische Praxis der Vergeltung war Albanien oft genug in der Presse vertreten, oft gingen die Fehden so weit, daß sämtliche volljährige männliche Mitglieder der einzelnen Familien ausgelöscht wurden.

Frauen jedoch kommen nach dem Kanun nicht gerade gut weg, sie haben kaum Rechte, dürfen keine Uhr tragen, nicht rauchen, nicht trinken und auch nicht erben. Entsprechend darf eine Familie ohne volljährige Männer nicht sein, da die verbliebenen Frauen kein Recht am Besitz der vormaligen Familienoberhäupter haben, deren sie sich generell unterordnen müssen.

So heißt es  im Kanun:

„Eine Frau ist wie ein Sack der zu Ertragen hat“

Doch im Kanun gibt es eine ungewöhnliche Regelung – so muss die älteste Tochter vor dem Ältestenrat der Gemeinde den Schwur ablegen, niemals zu heiraten und keinen Sex zu haben, fortan Männerkleidung tragen und sich als Familienoberhaupt benehmen. Sie wird zur „eingeschworenen Jungfrau“ – oder „Burrnesha“ oder „Virgjinesha“ in der Landessprache.

Aber nicht nur die Folgen der Blutrache war Grund für das Ablegen des Schwures. So sind in Albanien Ehen oftmals arrangiert worden, und für Frauen gab es keine Möglichkeit dieser zu entgehen, da sie sonst die gesamte Familie entehrt hätte – ausser sie wurde zur eingeschworenen Jungfrau.

Viele Frauen gingen diesen Schritt aber auch um frei leben zu können, da den Burrneshas die gleichen Rechte wie Männern zugesprochen wurden. Sie durften Waffen tragen, sich unter Männern aufhalten, das Erbe antreten und hatten einen Sitz im Rat der Gemeinde, in Vertretung der Familie. Sozial galten die eingeschworenen Jungfrauen auch als Männer. Mit der Übernahme der männlichen Rechte kamen aber auch die Pflichten hinzu, was auch die Weiterführung von Blutrache-Fehden beinhaltete.

Diese Art von institutionalisiertem Rollentausch ist in Europa einzigartig und wurde lange Zeit übersehen. Erst zur Jahrhundertwende gab es die ersten Berichte von Forschern und Reisenden, jedoch wurde das Phänomen auch im Folgenden nicht näher untersucht, zum Teil auch weil unter der kommunistischen Diktatur die Presse stark eingeschränkt wurde und Reisen in den Norden des Landes sehr streng reglementiert wurden.

Heutzutage stirbt die Tradition aus, und mit ihr die eingeschworenen Jungfrauen von denen es angeblich noch um 30 bis 40 in Albanien geben soll, allesamt in sehr fortgeschrittenem Alter. Auch weil mit dem Fortschritt die Frauen mehr Rechte bekommen und auch ohne den Rollentausch freier leben können als in früheren Zeiten.

Natürlich kann man sich fragen, inwiefern diese Praxis wirklich etwas mit Transgender im Weitesten Sinne zu tun haben soll, denn nicht jede Frau hat diesen Schritt freiwillig gemacht. In den Dokus und Berichten die es gibt, sagen einige auch aus, daß sie lieber als Frauen weitergelebt hätten, , aber im Gegenzug nutzen auch Frauen, die sich sowieso mehr als Mann fühlten, das Ablegen des Schwurs als Mittel, so zu leben wie sie es wollten. Ein Großteil wird sich sicher aber eher mit der Rolle arrangiert haben, um dem repressiven Leben in der Frauenrolle zu entgehen. Den Bildern kann man jedenfalls entnehmen, daß vom Frau-sein bei keiner der abgelichteten Personen mehr viel zu erkennen ist. Und dabei hat der Rollenwechsel rein garnichts mit operativen Maßnahmen oder Hormonbehandlungen zu tun, da er jahrhundertelang so praktiziert wurde und in den Abgelegenen Regionen Albaniens die Möglichkeit solcher Methoden gänzlich unbekannt ist.

Doch auch wenn die archaischen Praktiken in Albanien langsam in Vergessenheit geraten, von den restlichen eingeschworenen Jungfrauen würde keine ihren Schwur zurücknehmen, was heutzutage immerhin noch als Ehrverlust angesehen wird, stand in früheren Zeiten unter Todesstrafe.

Hier gibt es noch mehr Bilder und Berichte zum Thema:

http://www.zeit.de/gesellschaft/2013-06/fs-sworn-virgins-hristova-2

http://www.stern.de/panorama/frauen-in-albanien-das-leben-hat-sie-zu-maennern-gemacht-660047.html

http://www.demotix.com/news/555889/burrnesha-sworn-virgins-albania#media-555879

http://www.photoscala.de/Artikel/Burrnesha-die-Mann-Frauen-Albanien

Einige Studien gab es schon zum Thema ob Geschlechterrollen anerzogen und kulturell vorgegeben sind, oder biologisch verankert. Je mehr ich mich mit derartigen Themen befasse, umso mehr bin ich mir sicher daß de Wahrheit irgendwo überall dazwischen ist und eben auch sehr individuell bestimmt. Der tragische Fall von David Reimer scheint ein deutlicher Beweis gegen das Argument des anerzogenen Geschlechterverhaltens zu sein, aber ich denke es ist gerechtfertigt, das Experiment – so schrecklich das in dem Falle klingt – zu kritisieren. Niemand von uns lebt in den widrigen Umständen wie im albanischen Norden, wo man als Frau keinen anderen Ausweg hat. Sicher litten viele unter ihrer neuen sozialen Rolle, aber auch viele haben sie willkommen geheißen. Wenn ich so hätte leben müssen, ich hätte garantiert den Eid abgelegt, die „Auflagen“ jedenfalls würden mir nicht schwer fallen … aber ich bin natürlich froh, da zu leben wo ich es tue.

Womöglich sind manche, wenn nicht die meisten Menschen, gerade in unserer Kultur, fest überzeugt von ihrer Identität, und das ist auch gut so, aber eben nicht alle. Es ist toll wenn man weiß wer man ist, ganz egal ob das konform geht mit der Biologie oder nicht, ich wünsche mir nur daß Leute die aus freien Stücken über die Grenzen ihrer biologischen Gegebenheiten hinaus gehen, nicht so anfeindend kritisiert werden. Kritik an sich ist OK und Hinterfragen auch, aber ich denke, man kann Anstand bewahren wenn man das tut.

Der Umstand der eingeschworenen Jungfrauen ist vor dem Hintergrund der sozialen Begebenheiten in Albanien und der Mentalität dort natürlich auch hinterfragenswert und diskussionswürdig. Ich verstehe auch daß viele Stimmen entsetzt sind daß Frauen in den Rollentausch getrieben wurden, aber bevor man urteilt sollte man sich anhören was die Betroffenen sagen, und auch in unserem Kuturkreis erst nachfragen, bevor man sich ein Urteil darüber erlaubt daß ein Bio-Kerl feminine Züge an den Tag legt, oder eine Bio-Frau sehr maskulin aussehen mag. Oder man sich frei dazwischen ausleben möchte. Schadet doch keinem …

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