Weils halt cool ausschaut … oder so.

Zugegeben, ziemlich fassungslos hatte ich für ein paar Sekunden wohl aus der Wäsche geschaut, als mich vor mehreren Wochen jemand fragte, ob ich das Shirt das ich an dem Tag anhatte, nur deshalb trug weil ich „den Style cool finde“ oder tatsächlich die zugehörige Band mochte.
Für mich war die Frage absurd – wie konnte man „sowas“ einen Menschen fragen, der zum angesprochenen Shirt Pikes, Pluderhosen und einen Samtblazer mit einer Sammlung von Buttons, die fast alle Motive von Musikgruppen aus der gleichen Ära zeigen, trug – in monochromem schwarz versteht sich.
Nachdem ich den Schock darüber überwunden hatte, war ich mehr angenehm erstaunt daß der gute Mann das Motiv identifizieren konnte – denn ausser der charakteristischen Graphik des „Unkown Pleasures“ Album von Joy Division befindet sich auf dem Teil kein Bandname oder sonstiger Text.

Das Eine oder Andere Mal noch schüttelte ich innerlich den Kopf über die Annahme, es gäbe tatsächlich Leute die sich sowas nur aus Modegründen an den Hintern hängen – und dann vergaß ich den Vorfall auch schon wieder.

Bis gestern.

Da blätterte eine meiner 20-jährigen Studienkolleginnen an der Modeschule in einem Mode-Magazin. Eher zufällig fiel mein Blick auf das Blatt – für Mode-Zeitschriften interessiere ich mich eher weniger. Klingt paradox in meinem Fall – zugegeben – aber mich hat die Frage nach dem was aktuell „trend“ ist in meinem ganzen Leben noch nie interessiert, und die Momente in denen man an der Schule dazu gezwungen ist, sich mal damit zu befassen waren mit der Prämisse „Ich muss den Scheiß den ich da entwerfe ja nicht anziehen“ dann meistens halbwegs erträglich. Manchmal sogar amüsant, zugegeben – meistens dann wenn man explizit vom Standard-Stil großer 08/15 Modeketten abweichen durfte um fröhlich vor sich hin zu spinnen – hauptsache die Trend-Farben stimmten …

Aber zurück zum Mode-Heftchen – beinahe hätte ich mich an meinem Tee verschluckt (schwarzer natürlich, ohne Zusätze *g*) als mein Blick auf ein Shirt mit besagtem Motiv fiel – die Graphen des Unknown Pleasures – Albumcovers, zusätzlich dazu darüber groß „JOY DIVISION“ gedruckt, und darunter der Albumtitel. Chic kombiniert dargestellt mit giftgrünem Beinkleid und einer dieser unsäglichen Weibchen-Handtaschen die eng in der Achselhöhle anliegen.
Gut, wer die Band geil findet und stilmässig einfach nicht die Reinkarnation des Ur-Gruftis ist – ist auch nichts dagegen einzuwenden, aber die Präsentation schien nicht groß darauf hinaus zu laufen, sich an tatsächliche Musikliebhaber zu richten, sondern mehr an das hippe Girl von Nebenan.

Ich bat um einen Blick auf das Magazin – aus Interesse an der Beschreibung, Preis und Hersteller. Ersteres verlor auch weiter kein Wort zu der Band, der Preis – stolze 42 Geld. Ich äusserte mich dahingehend, daß ich es recht daneben finde, sich im speziellen ein Bandshirt an den Hintern zu hängen, nur weil man das Motiv grad irgendwie „trendy“ findet – noch dazu da es sich hier um keine leicht verdauliche Partymucke handelt, sondern etwas was zumindest ein Mindestmaß an Beschäftigung damit erfordert.

Ein weiterer Blick auf den Artikel vonseiten meiner Kollegin – naja, das Motiv sei graphisch ja schon interessant – so gesehen mag das auch zutreffend sein, würde es sich hier um „nur“ Design handeln, aber das Motiv wurde durchaus mit Bedacht gewählt. Ich werfe aber mal ganz verallgemeinernd in den Raum, daß das trendy Girl von Nebenan nur sehr selten nachforschen wird, was es mit dem chicen Motiv auf ihrem Shirt so auf sich hat.

Der Trend mit Bandshirts von der Mode-Kette von Nebenan ist natürlich nichts Neues, vor 10 Jahren schon hingen in Pimkie und Orsay Oberteile mit Motiven durchaus bekannter Metal-Scheiben im Laden. Und auf den Strassen fand man Jungvolk, das oftmals sogar sehr erstaunt darüber war daß das „lustige Motiv“ da auf dem Oberteil ein Plattencover war – oh Schreck, sogar aus einer Musiksparte die man eigentlich garnicht mochte!
Damals fand ich das schon reichlich blöde, aber das Unknown Pleasures-Shirt im Sortiment einer Modekette zu finden, war ein leichter Schock – vielleicht gerade aus dem Grund weil man mit Motiv und zugehöriger Musik persönlich mehr verbindet als mit den Metal-Motiven die vor einer guten Dekade „in Mode“ kamen.

Der Hersteller des Shirts ist Urban Outfitters – hier neben einigen anderen Band-Motiven zu finden.
Die Firma richtet sich nach eigenen Angaben an Leute zwischen 18 und 30 , hauptsächlich den Typus des sogenannten „Hipsters“ ansprechend – zu dem Thema hat Robert auf seinem Blog – Spontis – schon ein paar treffende Zeilen verfasst.

Treibt die trendgerechte Vermarktung eines solchen Motives die Szene weiter in den wohlheraufbeschwörten Untergang? Ein Streit-Thema das keineswegs neu ist. Und ich denke das kann man aus verschiedener Sicht sehen – zum Einen gibts da den Schockmoment, eben sowas im Trend-Laden wiederzufinden, zum Anderen – es gibt auch genügend (Jung-)Schwarze die mit dem Motiv wohl wenig anzufangen wüssten und sich sehr subkulturell fühlen weil die Klamotten von einschlägigen „Szene“-Läden stammen – was ich weitaus kritischer sehe. Innerhalb der Szene werden genauso „Trends“ aufschnappen und vermarkten wie es die ganz normale Modeindustrie eben auch macht. Unter dem Strich kein großer Unterschied also – ob bunt oder schwarz, wenn nur „Mode“ zählt kann man beides getrost in einen Topf werfen. Da ist die „Szene“ auch ganz eindeutig im Mainstream angekommen – wie kürzlich Sat.1 in einer Reportage über das M’Era Luna fachkundig proklamierte – über die Qualität dieses Berichtes möchte ich mich an dieser Stelle aber nicht groß auslassen, das M’Era habe ich noch nie besucht da es mich auch noch nie groß interessiert hatte, daher fehlt mir die Grundlage zu bewerten ob das Dargestellte der Wahrheit entspricht oder wieder einmal überzogener Sensationsjournalismus ist – die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen, denke ich, so oder so weckt es auch weniger das Interesse, der Geschichte tatsächlich einmal einen Besuch abzustatten – wobei ich auf der anderen Seite gestehen muss, daß ich die Möglichkeit hatte bei der angesprochenen Modenschau als Designer dabei zu sein. Widersprüchlich, zugegeben, aber ich sehe es mehr als das Gegenteil von Mainstream an, wenn Designer aus der Szene für eben diese arbeiten und liebevoll gestaltete Einzelstücke und Kleinserien anbieten, anstelle von Massenware die genauso industriell produziert wird wie die der großen und langweiligen Mode-Ketten – finde ich zumindest … aber das Thema wäre einen eigenen Artikel wert und deswegen lasse ich es an dieser Stelle auch dabei bleiben.

So oder so – ich interesiere mich für Trends und das was modemässig angesagt ist, immer noch nicht. Nur manche „Trends“ bekommt man eben mehr zu Gesicht als andere.

Wenn ich dann doch mal im Zuge einer Arbeit für die Aubildung in den „Trend-Büchern“ blättere, fällt stark auf wie 80er-lastig auch die „normale“ Mode ist. Mit beinahe allen Merkmalen die man in den beiden Dekaden danach so völlig scheußlich fand – Leggins, Neonfarben, wüste Drucke, Oversize-Hemden, verspielte Pastells die einen an romantische Teenie-Komödien aus den USA dieser Periode erinnern und einen innerlich erschauern lassen. Lediglich bei den Schulterpolstern scheint man dann doch die stilistische Schmerzgrenze nicht überschreiten zu wollen – aber wer weiß was noch kommt.

Immerhin kann man der Mode der „bunten“ Welt eine gute Seite abgewinnen – man könnte beispielsweise auch wieder mal ganz retromässig stilistischen Widerstand gegen diese knüllebunte Spaßgesellschaft leisten – am Besten mit einer guten Joy Division Scheibe im Ohr und der Gewissheit daß im eigenen Bandshirt, das mit Schereneinsatz und einigen – womöglich – krummen Nähten in Eigeninitiative in Wunschform gebracht wurde, mehr Aussage steckt als im fertig produzierten Shirt vom Trend-Hersteller welches tatsächlich nur wegen des „coolen Styles“ des Aufdruckes, gekauft wurde.

In diesem Sinne wandere ich jetzt auch wieder an meine eigene Nähmaschine …

Butoh – der Tanz der Finsternis

Tanz ist nicht nur ein netter Sport sondern ein ganz besonderes Ausdrucksmedium. Hier wird der Mensch nicht nur Künstler sondern Kunstwerk selbst, er setzt seinen Körper ein um sich mitzuteilen. Nonverbale Kommunikation die mit Gewändern und Make-Up betont werden kann – einerseits durch besonders viel aber auch durch besonders wenig.

Tanz begleitet mich seid ich 11 bin, da habe ich mit Ballett angefangen. Klar, ein typischer Kleinmädchentraum, das muss ich zugeben 😉 doch Tanz ist eben mehr als das. Heute finde ich schnurzklassiche Bühnenstücke zwar vom technischen Standpunkt interessant, wirklich faszinierend finde ich mehr moderne Ausdruckstanz-Formen.

Der moderne Tanz – als Kunstform auf der Bühne – hat seinen Ursprung bei Pionieren wie Mary Wigman – im deutschen Expressionismus.

Dieser neue Ausdruckstanz bahnte sich nach dem zweiten Weltkrieg seinen Weg in die japanische Kunst. Tatsumi Hijikata und Ōno Kazuo griffen diese Wurzeln auf und erfanden „Ankoku Buto“ – den „Tanz der Finsternis“ – wie die Langform von „Butoh“ übersetzt lautet.

Der Ausdruck lässt schon erahnen worum es inhaltlich beim Butoh hauptsächlich geht: menschliche Abgründe, Angst, Verzweiflung, Trauer, Tod, sexuelle Absonderlichkeiten. Themen die gesellschaftlich wenig Akzeptanz finden.

Besonders in den 60er Jahren erlebte Butoh seine Blütezeit, im Fahrwasser des anti-amerikanischen Protestes in Japan.
Wo Butoh zunächst als Protest gegen die steife, traditionelle Geisteshaltung der japanischen Gesellschaft stand und gegen die ebenso starren Normen japanischer Tanzformen rebellierte die all das ausdrückten, wurde Butoh später auch Ausdruck des Widerstandes gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur.
Butoh hat keine Regeln und folgt keinen starren Choreographien, Mittelpunkt ist der Ausdruck – oft von Tabuthemen wie Tod, Trauer, Irrsinn, menschlichen Abgründen. Butoh ist aber auch ritueller Tanz in Anlehnung an schamanistische Praktiken, archaisch, primitiv – denn der Tod bringt auch neues leben und einen neuen Anfang hervor – ein Ansatz den viele spirituelle Richtungen zeigen, egal ob sie alt oder neu sind.

Im Jahre 1959 sollte das erste Butoh-Bühnenstück vor Publikum uraufgeführt werden – „Hijikatas Kinjiki“ – thematisch drehte sich die Handlung um Homosexualität, zudem sollte auf der Bühne ein Huhn umgebracht werden. Die Vorstellung fand nie statt – ob die Japaner am Tod des Huhnes oder der homosexuellen Thematik Anstoß nahmen liegt im Dunklen.

Der Tänzer will den Zuschauer nicht unterhalten, er kommuniziert mit ihm durch Körpersprache. Ganz in sich versunken bewegt er sich tranceartig, verkrampft, grotesk. Langsam. Unwirklich. Die Ästhetik ist hier mehr suf der Seite dessen was allgemein als „hässlich“ empfunden wird. Kahle Körper, androgyne Erscheinung bis zum Crossdressing, schmerzhaft aussehnde Grimassen und Verkrampfungen, weißes Make-Up.

Auch die Grenzen zwischen biologischen Geschlechtern werden hier verwischt da die Tänzer oft geschlechtslos auftreten.


Vielleicht klingelt es bei einigen die es nicht eh schon wussten – schaut doch schwer nach Sopor Aeternus bzw Anna-Verney Cantodea aus?

Richtig.

Er/Sie ist selbst Butoh-Tänzer und hat in ihrem/seinen Werk sehr viel Butoh-Ästhetik übernommen. Angefangen vom Erscheinungsbild über die grotesken Artworks, die Bewegungen (auch wenn er/sie bekanntlich nicht auftritt) – gemsicht mit mittelalterlichen Einflüssen, victorianischer Schauerästhetik in feiner Tradition der schwarzen Romantik – und Wave. Ja, wirklich! Gerade die ersten Werke sind noch sehr deutlich wave-lastig und auch wenn sich Legenden um ihr/sein Alter ranken, so bekommt man stellenweise immer wieder Hinweise darauf daß er/sie in der schwarzen Wave-Szene aufgewachsen sein muss und von da aus einen ganz eigenen Schritt unternommen hat. Stellenweise hört man die Wurzeln aus der Musik auch noch deutlich heraus

Natürlich fasziniert mich Anna-Varney genauso wie viele andere Schwarz- und Endzeitromantiker.
Aber auch der Hintergrund mit dem Butoh-Tanz allein ist eine spannende Sache die vom Aspekt der Kunst her schon für sich genommen sehr „gruftig“ ist.
Ich bin jetzt niemand der für den Japan-Hype allzu viel übrig hat. Wenn man den ganzen bonbonbunten Kram a la Lolita und Visual K mal wegschiebt bietet aber auch diese Kultur sehr faszinierende Aspekte die weiter gehen als Mode und Trends und sogar tatsächlich ins schwarze Bild passen.

Ich habe zwar viel Tanz betrieben und bin – nicht nur deswegen – auf Veranstaltungen auch ziemlicher Ausdruckstänzer, mit Butoh habe ich aber keine persönlichen Erfahrungen.
Ich kann aber bestätigen daß die grotesken, langsamen Bewegungen der Butoh-Tänzer, auch wen sie erstmal komisch aussehen mögen, enorme Körperbeherrschung und Kraft erfordern. Man sieht das am drahtigen Körperbau ja auch ganz gut. Zudem kommt die Fähigkeit sich emotional auch noch so reinzusteigern – ich werde auch das Gefühl nicht los daß der „Danse de la terre“ von Rosa Crux auch maßgeblich vom Butoh beeinflußt ist 😉

Two Spirits

Vor längerem schon stieß ich beim Rumrecherchieren und Que(e)r 😉 – Lesen im Netz auf etwas das mich – wieder mal – faszinierte. Grund genug dem natürlich einen Artikel zu spendieren – was ich auch schon längst vor hatte, doch einerseits hielten mich gewisse Umstände der Internet-losgkeit davon ab, andererseits ist das Thema nicht unbedingt einfach in Worte zu verpacken.
Ich hoffe freilich, es ist mir dennoch halbwegs gelungen.

„Two Spirits“ – dieser Begriff bezeichnet bei den amerikanischen Ureinwohnern besondere Menschen. Wie der Name schon andeutet, leben quasi zwei Seelen im Körper dieser Leute – eine männliche wie eine weibliche.
Je nach Stamm kannte man – neben dem Männlich und Weiblich – daher entweder ein drittes Geschlecht, oder auch insgesamt vier Geschlechter, die eben weibliche Männer und männliche Frauen mit einschlossen.

Wissenschaftlich nachgewiesen sind heutzutage an die 150 nordamerikanische Indianerstämme, die das Konzept der Two Spirits in ihrer Kultur aufwiesen.

Bereits vor der Pubertät betrachtete man Kinder die sich beispielsweise für als typisch männliche Dinge interessierten, aber als biologisch weiblich geboren wurde (oder auch andersherum) als mögliche Two Spirits. Was bedeuted daß diese Kategorisierung unabhängig von sexuellen Präferenzen getroffen wurde, denn diese entwickleten sich logischerweise erst später mit dem Eintritt in die Pubertät.
Den Heranwachsenden wurde dabei jegliche Freiheit gewährt sich so zu entwickeln wie es ihnen am besten entsprach – männlich, weiblich, oder eben als Two Spirit.

Two Spirits genossen im Stamm einen besonderen Ruf, da sie beide geschlechtliche Polaritäten in sich vereinigten wurden ihnen besondere Eigenschaften zugesprochen, da sie einmal mit männlichen und weiblichen Charaktereigenschaften auf Situationen reagieren konnten, es wurden ihnen aber auch übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt, denn in der indianischen Vorstellung wurde das Phänomen, daß zwei solcher Seelen in einem Körper stecken das Resultat göttlicher Einwirkung, so galten die Two Spirits auch dem Göttlichen als besonders nahestehend.

Typisch war auch daß diese Menschen die Kleider des jeweils anderen biologischen Geschlechts trugen und ebenso geschlechtstypischen Arbeiten nachgingen.
Männliche Two Spirits waren so oft Heiler und Wahrsager, biologisch weibliche Krieger oder auch Stammeshäuptling.

Die Geschlechtsidentität wurde von den amerikanischen Ureinwohnern als unabhängig von der sexuellen Präferenz betrachtet und es war ebenfalls akzeptiert wenn Two Spirits das eigene biologische Geschlecht bevorzugten.

Die Geschlechteridentität konnte dabei komplett gewechselt werden, oder nur teilweise – den Berichten dazu die ich gefunden habe scheinen Two Spirits recht individuell ihre Identität ausgelebt zu haben ohne gesellschaftliche Einschränkungen.

Die Entdeckung Amerikas läutete das Ende der Two Spirits ein.

Die Conquestadores des 16. Jahrhunderts entdeckten bei ihren Erkundungen freilich auch Two Spirits in den Indianerstämmen – was für die christlich-westliche Welt eine absolute Perversität darstellte! Man nahm diese sowie andere kulturelle Abweichungen vom europäischen Ideal als Beweis für die Minderwertigkeit der Indianer – und als willkommenen Vorwand den Ureinwohnern allerlei Grausamkeiten anzutun.
Two Spirits wurden festgenommen, vom Stamm isoliert, man lies sie von Hunden zerfetzen.

Auch in den folgenden Jahrhunderten wurde es nicht besser. Die meisten Quellen die von Two Spirits berichten, äussern sich abfällig und angewidert. Sie erhielten die Bezeichnung „Berdache“ – was übersetzt so viel wie „Lustknabe“ oder „Prostituierter“ bedeuted – man sagte den Berdaches ebenfalls ein besonders aktives Liebesleben nach, was durch wie bereits gesagt – auch gleichgeschlechtliche Beziehungen für den zivilisierten Europäer, zusammen mit der Tatsache daß Männer in Frauenkleidung bei den Indianer ein völlig akzeptiertes Bild waren – als besonders widerwärtige Abartigkeit galt.

Doch die gesamte Kultur der amerikanischen Ureinwohner wurde durch die Einwanderer zerstört, die sich wähnten vollends im Recht zu sein als sie den Indianern ihr Land wegnahmen, viele davon töteten, in Reservate einsperrten und zwangsweise umerzogen.
Diese Maßnahmen führten auch dazu daß sogar im eigenen Volke die „Berdaches“ ausgestoßen und verfolgt wurden.

We’wha – eine als Mann geborene Two-Spirit der Zuni-Indianer gelangte 1886 auch in der westlich-christlichen Welt eine ziemliche Berühmtheit. Sie trat als Botschafter auf um zwischen der amerikanischen Regierung und ihrem Stamm zu vermitteln, arbeitete mit Anthropologen zusammen. Sie wurde anfänglich auch wegen ihres Auftretens für eine biologische Frau gehalten und als „Indianer-Prinzessin“ durch die ach so hochzivilisierte High-Society als exotisches Anschauungsobjekt geschleift.

Interessanterweise wurde der sehr abwertende Begriff „Berdache“ erst 1990 aus der anthropologischen Literatur verbannt.

Heute gilt das Phänomen der Two Spirits als aus der Kultur indianischer Völker ausgemerzt, dennoch griffen und greifen viele lesbische, schwule, transgende, intersexuelle oder transsexuelle Indianer den Begriff für sich heute wieder auf. Auch manche Menschen mit nicht-indianischen Ursprüngen identifizieren sich mit diesem Ausdruck.

Leider ist aber auch heute die Akzeptanz von Menschen die nicht in die abgegrenzten Geschlechterrollen passen wollen oder können, oftmals gering. Im Zusammenhang mit Two Spirits ist die Geschichte von Fred Martinez eine sehr Tragische und Erschütternde.

Der junge, als Mann geborene Navajo-Two-Spirit wurde 2001 im Alter von 16 Jahren von homophoben Mördern auf brutale Weise umgebracht.
Seine Geschichte wurde im Jahre 2009 dokumentarisch verfilmt – hier der Trailer:

Den ganzen Film habe ich leider noch nicht gesehen, doch er würde mich sehr reizen.

Auch in anderen Kulturkreisen kennt – oder kannte – man ähnliche Geschlechterkonzepte. Ich werde da gelegentlich auch weiter nachstöbern 😉
Da Robert mit diesem Artikel ja auch ein ähnliches Thema angesprochen hat, habe ich diesen Artikel aus den Entwürfen gezerrt und den Staub abgeklopft 😉

Meiner Auffassung nach kann eine Natur, die Menschen wie Two Spirits hervorbringt, doch nicht falsch liegen? Die Natur wird schon wissen was sie da tut.
Wie sagten die Vulkanier schon: Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination.
Auf das verabscheuungswürdige Subjekte wie die, die Fred Martinez das Leben genommen haben, irgendwann doch mal zu vom Aussterben bedrohten Steinzeitlebewesen gehören.

http://de.wikipedia.org/wiki/Two-Spirit
http://twospirits.org/
http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefault.aspx?tabID=3946&alias=wzo&lexikon=Geschlecht&letter=G&cob=4523

Selbstzerstörung als Kunstform – die Geschichte von John Faré

Industrial ist eine üble Sache – wenn man darunter Agonoize und Ähnliches versteht, dann sowieso 😉 aber wer mit dem Begriff wirklich was anfangen kann, der weiß auch daß Neonklamottenträger bei waschechten Industrialperformances schreiend zu Mammi gerannt wären – man verzeihe mir die Bissigkeit der obigen Worte 😉

„Industrial music for industrial people“ – ein Satz der heute auch noch gelegentlich zitiert wird und dabei eher als Werberuf für Finstertechno-Parties eingesetzt wird. Doch wers erfunden hat – weiß das noch jemand?
Das Enfant Terrible der jungen Industrial Culture Ende der 70er wars – Monte Cazazza – der mit schockierenden Aktionen seine Umwelt verschreckt hat und auch einige Zeit in Gefängnissen und Psychatrien zugebracht haben soll.

Über die Industrial Culture möchte ich weiter keine Wort verlieren und verweise stattdessen auf diesen sehr lesenswerten Artikel, der eigentlich genau das auf den Punkt bringt was mit Industrial ursprünglich gemeint war : Die Industrial Culture Szene“ – kein Neon, keine Party, keine Fellpuscheln …

Ein Name taucht im Zusammenhang mit der Industrial Culture immer wieder auf – John Fare.
Der kanadische Performancekünstler hat 1936 in Toronto das Licht der Welt erblickt, wenig erfolgreich als Student der Architektur verließ er London, wo er studiert hatte und ging nach Kopenhagen. Seine frühen „Aktionen“ bestanden darin sich in der Öffentlichkeit auszuziehen oder seinen nackten Hintern gegen die Fensterscheiben von Nobelrestaurants zu drücken.
Was heutzutage dann gelegentlich im Nachmittagsprogramm der geliebten Privatsender als Proll-Belustigung ausgestrahlt wird, waren damals ausgewachsene Skandale, die John Fare immer wieder zu Gefängnis- und Psychatrieaufhalten verhalfen.

Prothese

Den absoluten Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere erreichte John Fare ab Mitt der 60er jahre mit einer Serie von Performances in denen er sich schrittweise selbst verstümmelte und schließlich sogar umbrachte.
Dazu baute er einen automatischen Roboter der aus einem Operationstisch und vier mechanischen Armen bestand, auf dem er sich für jede einzelne Performance schnallen lies. Bei der ersten Veranstaltung wurde er dabei lobotomisiert – was 1964 in Kopenhagen stattgefunden haben soll.
1968 lies er sich in der nächsten Show die komplette rechte Hand amputieren und im Weiteren verlor er in seinen Shows ein Auge, beide Hoden, Finger, Zehen und auch innere Organe sowie mehrere Stücke seiner Haut, die verlorenen Gliedmaßen wurden durch Prothesen aus Metall und Plastik ersetzt die aber wenig Funktional waren und mehr als Symbol der Entmenschlichung dienten.
Bei den Amputationen wurden Mikrofone an Fares Körper sowie der Maschine angebracht, die die Geräusche während der „Vorführungen“ über Lautsprecher in den Zuschauerraum übertrugen. Die Klangcollagen sollen Ähnlichkeiten mit Walgesängen gehabt haben – was sich freilich sehr euphemistisch anhören mag wenn man sich vor Augen führen mag daß auch Knochensägen bei der Amputation der Hand im Spiel gewesen sein mussten.

Die abgetrennten Körperteile wurden danach thetaralisch in Ethanol eingelegt und aufbewahrt.

The operation over, one metal claw abruptly raised the hand and wagged it about horribly for a few seconds, as one would a found purse everyone had been searching for in a large field. It then placed the hand in a jar of alchohol, which Andoff, reappearing with the houselights, carefully labelled and placed on a table next to the birth certificate.*

„Dying is an art like everyone else!“ wurde John Fare als Zitat in den Mund gelegt, und um dem nachzukommen lies er sich von seinem Roboter enthaupten – als finale Performance, von einer Art angeschliffenem Ventilator.

Die Kunstform der Performance, die in den 60ern aufkam spielte oft mir menschlichen Perversionen und Abgründen, der Künstler erniedrigte sich oft vor dem Publikum, Selbstverstümmelung war auch ein Thema das immer wieder auftauchte. So war der Künstler von seinem Werk nicht getrennt sondern quasi selbst das erschaffene Werk das vor den Augen des Publikums ausgestellt wurde.
Auch die Verbindung Mensch-Maschine war ein oft aufgegriffenes Thema, was hier selten glanzvoll und glattpoliert präsentiert wurde, sondern mit allen negativen Folgen die menschliche Urängste berührten.
Vorläufer der Performance finden sich in den Kunstformen des Dadaismus und Futurismus, auch aufgenommen werden kultische Ritualhandlungen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Industrial als Musikform und seiner Nachfolger die oben genanntes ebenso als Inhalte haben.

Die geschichte von John Fare hielt sich in den Kreisen der Industrial Culture und des Postpunks lange, schließlich waren seine Performances die ultimative Industrial-Show – der Selbstmord auf Raten bis zum furiosen Finale! Auch die aufkeimende Body-Art Szene deren verwässerte Modeauswüchse heute in ungeliebten „Arschgenweihen“ und den aus der Mode gekommenen Augenbrauenpiercings im Mainstream angekommen sind, stürzten sich auf die erschreckende Geschichte von John Fare.

Doch das alles ist nur eine Legende.

1985 schrieb der Performancekünstler Danny Devos einen Brief an den Direktor der Isaacs Gallery in Toronto, wo sich Fare in der oben geschilderten Performance die Hand amputieren lies – angeblich. Und erhielt als Antwort die Versicherung daß es einen John Fare nie gegeben habe, und auch die Shows reine Legenden seien.
Logisch betrachtet liegt ja auch schon nahe daß an der Geschichte von Fare einiges nicht stimmen kann – 1964 einen Roboter zu bauen der präzise nicht nur eine Hand abtrennen konnte, sondern auch Stücke der Haut millimetergenau entfernen konnte … ganz zu schweigen von dem Umstand daß Fare nach dem ersten Eingriff – der Lobotomie – noch imstande war den Roboter für die weiteren Einrgiffe zu programmieren wurde schon andernweitig kritisiert.
Noch dazu gibt es keinerlei Bilddokumente von den Performances.

Die fiktive Biographie von John Fare wurde 1972 von Tim Craig verfasst, der Artikel erschien 1987 im „a Coil Magazine“ das von der gleichnamigen Industrial Band „Coil“ herausgegeben wurde, und so verbreitete sich der Mythos in der Post-Industrial Kultur weiter.
Unter den prominenten Anhängern dieser Legende befand sich im Übrigen auch kein geringerer als David Bowie himself 😉

Faszinierend wie sich so ein Mythos hält, Fares Biographie enthielt darüber hinaus alle Details seiner Performances, schön theatralisch ausgearbeitet. Man gruselt sich und stellt sich vor daß so etwas wirklich real geschehen ist und will dabei garnicht wahr haben daß in Wahrheit alles nur fiktiv ist – vielleicht weil das Gruseln über menschliche Abgründe abstoßend aber gleichzeitig irgendwie angenehm ist – ein Thema über das man freilich auch Bände an Text und Gedanken füllen kann. So ist man freilich auch selbst immer betroffen wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, und auch beim Industrial bleibt man nie reiner Konsument, kein Partygänger der Spaß hat, man wird in den Abgrund hinein gezogen und wird Teil des Grauens. Und das ganz ohne Neonschläuche auf dem Kopp, sondern nackt, hilflos, verängstigt und allein.

* http://www.myspace.com/23missingparts

Weitere Quellen:
http://www.john-fare.com/threadsindex.html
http://www.evolver.at/stories/John_Fare_Portrait_Rokkos_Adventures_2_10_2008/
http://www.couni.com/texte/indust.htm

Leuchttürme im Weltall

Joy Division ist waschechten Grufties natürlich 😉 ein Begriff, ebenso bekannt sein dürfte dem geneigten Grufti das Cover des Albums „Unknown Pleasures“ von eben genannter Band, das den Graphen des Signals von CP 1919 zeigt – eines sogenanten Pulsars.
Doch daß das Motiv diese Bedeutung hat war mir zugegebenermaßen bislang nicht bewusst – umso mehr bin ich jetzt von der Wahl angetan 😉
Wer jetzt besagte Graphik sehen will, den verweise ich einfach auf entsprechenden Artikel im – übrigens stets lesenswerten – Blog vom Herrn Spontis: dazu bitte hier lang

In den Kommentaren hängt ja schon die Frage im Raum, was ein Pulsar den nun sei – und auch mein Angebot das Ganze in einem kleinen *räusper* Artikel mal ein wenig zu erläutern. Und das versuche ich nun in den folgenden Zeilen …

Na dann fangen wir mal an *brille zurecht rück*

Wie unsere Sonne auch sind die Sterne die wir nachts am Himmel sehen können ebenfalls Sonnen. Doch nicht alle haben die gleichen Eigenschaften wie unsere Sonne, besonders bei sehr hellen Sternen kann man mit etwas Übung erkennen, daß nicht alle weiß leuchten, manche strahlen mehr rötliches Licht ab, manche sind eher bläulich.

Diese unterschiedlichen Farben kommen von unterschiedlichen Oberflächentemperaturen, ebenso wie bei Feuer ist eine mehr rötliche Flamme kühler als eine blau leuchtende, und mit den Sternen ist es ganz ähnlich. Astronomen charakterisieren Sterne in sogenannten Spektralklassen, anhand des Aussehens ihres Lichtspektrums – aus dem man noch mehr Informationen nehmen kann als nur die Oberflächentemperatur.
Diese Spektralklassen werden mit Buchstaben abgekürzt, sodaß man gleich weiß daß ein Stern der Klasse O bläulich leuchtet, eine ungefähre Masse von 60 Sonnenmassen hat, und an der Oberfläche zwischen 30000 und 50000 Kelvin heiß ist.
Zugegeben, das wusste ich nicht mehr wirklich auswendig, aber gleich mehr dazu.

Ein weiteres Merkmal von Sternen ist die Leuchtkraft. 1905-1913 stellten Hertzsprung und Russel ein Diagramm auf in dem die Spektralklassen (auf der x-Achse) gegen die Leuchtkraft (y-Achse, logischerweise) aufgetragen wurde.
Und so schaut das Ganze dann aus: Hertzsprung-Russel Diagramm auf astronomie.de

Was auffällt ist die recht durchgängige Kurve die sich von links oben, bei den sogenannten „Blauen Riesen“ bis rechts unten zu den „Roten Zwergen“ durchschlängelt. Das ist die sogenannte Hauptreihe – auch unsere Sonne ist eingezeichnet, die als Spektralklasse G-Stern offengesagt gewöhnlicher nicht sein könnte 😀
Im Laufe ihres Lebens halten sich Sterne die meiste Zeit auf eben dieser Hauptreihe auf.
Mit „Leben“ ist hier der Zeitraum gemeint in dem Sterne ihre Energie aus dem Brennen von Wasserstoff beziehen.

Für Pulsare ist diese Hauptreihe irrelevant – und damit kommen wir der Frage, was ein Pulsar ist tatsächlich auch schon näher – nämlich ein Überrest eines Sternes, oder auch eine Stern-Leiche – irgendwie schon wieder gruftig, oder? *g*

Ein Stern stirbt, wenn er einen gewissen Anteil seines Wasserstoffes verbraucht hat, danach wird im Sterneninneren dazu übergegangen, schwerere Atome aus den vorhandenen zu fusionieren.
Im Allgemeinen sind massereiche und heiße Sterne kurzlebiger, und ihr Ableben bei weitem spektakulärer als bei leichteren, kälteren Sternen.
Das liegt daran daß kältere Sterne ihren Brennstoff quasi langsamer verbrauchen als ungleich heißere Sterne, aber das nur am Rande erwähnt.

Also kehren wir zurück zum Ableben von Sternen um zu beleuchten, wie so ein Pulsar entsteht.
Sterne sterben auf unterschiedliche Weise, welche im wesentlichen von ihrer Masse abhängt.
Unsere Sonne wird beispielsweise recht langweilig als weißer Zwerg enden.

Spektakulärer wird es bei massereicheren Sternen. Wie schon erwähnt, fusioniert ein sterbender Stern immer schwerere Elemente in seinem Inneren, bis er bei Nickel und Eisen angekommen ist. Dann würde eine weitere Fusionierung zu noch schwereren Elementen Energiezufuhr benötigen, und nicht mehr Energie freisetzen wie beim Wasserstoff-Brennen. Der Strahlungsdruck der in „lebenden“ Sternen das Gleichgewicht zur Gravitation hält, welche bestrebt ist den Stern zusammenzupressen, setzt aus, und die Hülle des Sterns knallt quasi auf den Kern – und das mit ca Lichtgeschwindigkeit – eine Supernova entsteht.

Dadurch werden in den Atomkernen der Sternenmaterie die Elektronen und Protonen ineinandergepresst, wodurch Neutronen entstehen. Der Sternen-Überrest schrumpft auf ca 20-30 Kilometer Durchmesser – einem Bruchteil seines vorherigen. Dabei steigt die Rotationsgeschwindigkeit ebenfalls enorm an – ähnlich wie ein sich drehender Tänzer schneller wird wenn er die Arme von einer ausgestreckten Position an den Körper heranzieht.
Ein Kubikzentimeter Neutronenstern-Materie würde auf der Erde mehrere Millionen Tonnen wiegen – so enorm ist die Dichte dieses Materials!

Was haben Neutronensterne denn nun mit Pulsaren gemeinsam?

Durch die immens hohe Rotationsgeschwindigkeit von 0,01s bis 8s pro ganzer Umdrehung erzeugen Neutronensterne auch extrem starke Magnetfelder – das Prinzip gleicht dem eines Dynamos.
In diesem Feld werden Elektronen beschleunigt und entlang der magnetischen Polachse abgestrahlt, auch Radiostrahlung entsteht dabei.

Jetzt kann es vorkommen daß diese Abstrahlungsache nicht mit der Rotationsachse zusammenfällt, es entsteht der sogenannte Leuchtturm-Effekt bei dem alles was in „Sichtlinie“ der Strahlungsachse liegt, einen Neutronenstern als pulsierende Signalquelle wahrnehmen kann – wobei „sehen“ kann man Neutronensterne nicht da sie kaum mehr sichtbare elektromagnetische Strahlung a.k.a „Licht“ aussenden.
Die Entdeckung von Pulsaren hängt daher mit der in den 60ern noch jungen Radioastronomie zusammen.
So wurde der erste Pulsar von Jocelyn Bell und Anthony Hewish im Jahre 1967 durch Zufall gefunden. Da die Signale in absolut präzisen Zeitabständen auftraten, nahmen die Wissenschaftler zunächst an, es handele sich um Signale ausserirdischer Wesen – und nannten das Ganze LGM-1 : für Little Green Men.
Später benannte man den Pulsar mit der Bezeichnung CP 1919 – was uns wieder zum Anfang führt.
CP 1919 – das steht einmal für Cambridge Pulsar mit Rektaszension 19h19min – eine Positionsangabe am Himmel.
Heute wird er mit dem nicht weniger kryptischen Kürzel: PSR B1919+21 bezeichnet. Dabei steht die letzte Zahl für die Deklination – ebenfalls eine Positionsangabe. Auf der Erde wären Länge und Breite analog zu Rektaszension und Deklination, das noch am Rande dazu gesagt.

Vielleicht erscheint es zunächst etwas seltsam daß ich gerade vor diesem Hintergrund die Wahl der Graphik von CP 1919 als Albumcover sehr interessant finde, gerade auch im Bezug auf Joy Division.
So ist ein Pulsar zwar ein toter Stern, in dem jedoch extreme Zustände herrschen die teilweise auch heute nicht vollständig erklärt werden können. Und trotzdem sendet diese Sternenleiche noch Signale aus, die zwar nicht so auffällig sind wie sichtbares Licht, aber vorhanden und eben Resultat dieser extremen physikalischen Bedingungen.
Und genauso wie die Entdeckung von CP 1919 ein Meilenstein der Radioastronomie war, so war Joy Division ein musikalischer Meilenstein der den Nerv einer sich neu formenden Jugendszene traf.

Soviel von meiner Seite – ich hoffe ich habe keinen Leser durch wissenschaftlichen Kram allzu sehr verschreckt 😉

Warum eigentlich Schwarz?

So weitläufig und facettenreich die schwarze Szene heute ist – ein Detail zieht sich dennoch recht kontinuierlich durch alle Spielarten hindurch, und das ist die ausgeprägte Vorliebe für die (Nicht)-Farbe schwarz.
Grund für diesen Artikel war für mich letztenendes die Aussage eines jungen Mannes der im Rahmen einer WGT Doku, welche einer unserer geliebten Privatsender einst verbrochen hatte, in der besagter Herr sich unwissend zeigte, warum gerade schwarz, und die zweifelhafte Theorie aufstellte daß es genauso hätte gelb sein können.

Also, warum denn nun eigentlich schwarz?

Wer sich in dunkle Gewänder hüllt und sich in irgend einer Form zur schwarzen Szene zählt, sollte eigentlich wissen warum gerade schwarz und nicht gelb. Und nein, auch pink ist verdammt nochmal nicht das neue schwarz …

Als jemand der nach 4 Semestern von den Physikern geflüchtet ist, fange ich mal wissenschaftlich an, wenn auch nur als arg eingedampfter Abriss, Farbenlehre ist ein sehr weites Feld:
Farbe ist ein Phänomen das sich physikalisch gesehen durch die Wellenlänge auszeichnet. Schickt man einen weißen Lichstrahl durch ein Prisma, wird man am anderen Ende beobachten können wie der Strahl von rot zu violett über die bekannten Regenbogenfarben auffächert. Dieser Regenbogen wird als Spektrum bezeichnet, das weiße Licht besteht also aus allen Farben. Das Material des Prismas ist in der Lage den eintretenden Lichtstrahl zu brechen, der Brechindex des jeweiligen Materiels ins in der Regel abhängig von der Wellenlänge, was bedeuted daß die unterschiedlichen Wellenlängen die eben im weißen Licht enthalten sind, unterschiedlich stark gebrochen werden.
Licht ist eine elektromagnetische Welle, im physikalischen Sinne gibt es daher theoretisch unendlich viele Farben. Jedoch kann das menschliche Auge nur einen gewissen Ausschnitt aus dem kompletten elektromagnetischen Spektrum wahrnehmen, ca von 380 nm bis 780 nm, dabei wird das langwellige Licht als rot wahrgenommen, das kurzwellige Ende des sichtbaren Spektrums als violett.

Währen es Objekte gibt die Licht abstrahlen – wie die Sonne oder eine Glühbirne – reflektieren die Dinge um uns herum die wir mit den Augen wahrnehmen können Licht.
Dabei erscheinen die Objekte in verschiedenen Farben, auch wenn sie eigentlich mit weißen Licht beleuchtet wurden. Das liegt daran weil bestimmte Farbpigmente bestimmte Wellenlängen des Lichtes absorbieren, und quasi der Rest der dann noch übrig bleibt reflektiert wird. Die absorbierten Wellenlängen verschwinden dabei aber nicht (Energieerhaltungssatz!), sondern werden in Wellenlängen mit niedrigerer Energie umgewandelt – Infrarotstrahlung, das Ding wird mehr oder weniger warm, je nachdem wie viel absorbiert wird.

Schwarz erscheint ein Gegenstand der nahezu alle Wellenlängen absorbiert. Deswegen werden schwarze Gegenstände in der Sonne auch besonders warm. Ich sage „nahezu“ weil ein kleiner Teil trotzdem noch reflektiert wird, der perfekte schwarze Körper wäre überhaupt nicht sichtbar. Wie war das noch mit dem Spruch: „Ich trage solange schwarz bis etwas noch dunkleres erfunden wird“?

Weißes Licht ist ein Beispiel für die Additive Farbmischung, rühre ich allerdings aus dem Farbkasten alles zusammen was ich da drin finde, bekomme ich schwarz – ok, in der Praxis mehr oder weniger – das wäre dann die subtraktive Farbmischung. Sowohl schwarz als auch weiß zeichnen sich nicht durch eine Wellenlänge, und damit einen Platz im elektromagnetischen Spektrum aus, da liegt auch die Erklärung warum beide nicht zu den Farben gezählt werden – physikalisch gesehen natürlich, aus der Tube bekommt man sehr wohl schwarze Farbe zu kaufen.

Nachdem die wissenschaftliche Seite soweit abgeklärt ist, gehen wir weiter zur Symbolik. Natürlich sind nicht alle Assoziationen die dieser Farbe zugeschrieben haben relevant für das was innerhalb der Szene damit verbunden wird, wirft aber vielleicht auch ein Licht weswegen manche Aussenstehende das tragen ausschließlich schwarzer Kleidung als negativ betrachten.

Das erste was mit mit „schwarz“ wohl verbunden wird ist das übliche: Trauer, Tod, „das Böse“ *hust* – zumindest in der westlichen Kultur. Andere Kulturkreise verbinden mit diesen Themenbereichen eher die andere Nicht-Farbe – weiß. Einer Theorie zufolge soll die Wahl der Trauerfarbe darauf zurückgehen, welche Farbe den stärksten Kontrast zur Hautfarbe darstellt – in Kulturkreisen mit vorwiegend hellhäutigen Menschen also schwarz.1

Ausserdem glaubte man daß Geister kein schwarz sehen könnten, und kleidete sich angeblich deswegen bei einem Trauerfall eben schwarz, damit der Geist des Verstorbenen die Lebenden nicht sehen konnte.

Tote Biomasse wird schwarz – was einst eindrucksvoll von einer alten Freundin bewiesen wurde, durch die konsequente Ignoranz eines Salatkopfes im Kühlschrank *hüstel*

Weiter werden oft Leere, Depression, Passivität, Einsamkeit, damit in Verbindung gebracht – und letztenendes nicht zu vergessen: die Nacht. Der handelsübliche Grufti hat schließlich eine gewisse Affinität zur Nacht.

An diesem Punkt ist die Symbolik der schwarzen Farbe aber noch keineswegs ausgeschöpft.
So wird schwarz auch als erhaben, edel, elegant und als Symbol von Macht bezeichnet. In der Renaissance war schwarz eine beliebte Modefarbe, die mit zu den teuersten zählte, wer schwarz trug, hatte Geld. Stoffe richtig schön tiefschwarz zu färben war mit den damaligen Mitteln nicht unbedingt einfach, da es mehrere Färbegänge brauchte. Die Tiefe der schwarzen Kleiderfarbe war also ein Hinweis auf den Reichtum des Trägers.
Zudem bildeten die schwarzen Kleidungsstücke den perfekten Hintergund für Gold- und Silberstickereien, sowie Perlen und Juwelen – ebenfalls Zurschaustellung von Wohlstand und damit verbundener Macht2
Königin Elizabeth I wurde nachgesagt, neben weiß sei schwarz ihre Lieblingsfarbe gewesen, was an einer Aussage festgemacht wurde die sie 1564 gegenüber einem spanischen Botschafter gemacht hatte, schwarz und weiß galten ebenfalls als Symbol ewiger Jungfräulichkeit – etwas was Elizabeth I ebenfalls darstellte, unverheiratet und kinderlos bis zum Lebensende. 3

Schwarz repräsentiert aber auch Zurückhaltung, Verzicht, Seriosität, Ernsthaftigkeit, Strenge, wurde daher von den Protestanten als Farbe für schlichte, schmucklose Kleidung gewählt, was auch den englischen Puritanern nachgesagt wird. Wieder in der Renaissance zeichnet sich die strenge, hochgeschlossene spanische Mode durch die Verwendung unserer aller liebster Nicht-Farbe aus, hier sind wir im Land des strengen katholischen Glaubens und der Inquisition. Auch als Ordenskleidung ist und war schwarz die Farbe der Wahl.

Konträr dazu wird schwarz aber auch ebenfalls als negativ, schmutzig, unrein, sündig angesehen und ist in Sprichwörtern oft Ausdruck für Unheil und schlechte Ereignisse. Man sieht schwarz wenn man nichts gutes zu erwarten hat, schwarze Katzen bringen im Aberglauben Unglück. Auch Heimlichkeit und verbotene Dinge werden mit dieser Farbe in Verbindung gebracht, man denke an Schwarzhandel, schwarze Listen, wenn man gemein ist steckt man anderen einen schwarzen Peter zu, und schwarze Schafe stehen nicht gerade dafür, beliebt zu sein.

Schwarz wirkt auf den Betrachter abweisend, signalisiert Abgrenzung und den Wunsch, in Ruhe gelassen werden, in der Magie ist schwarz eine Schutzfarbe mit der man negative Energien und unliebsame Wesenheiten von sich fern hält, soll aber auch Oberflächlichkeit lösen, bei Meditation und Trancearbeit unterstützend wirken da diese Farbe die Konzentration fördert und den Blick auf die Inneren Welten fokussiert sowie für das seelische Gleichgewicht förderlich sein soll.
Schwarz wird dem Saturn zugeordnet, dem als Grundprinzipien Beschränkung, Konzentration, Härte, Einweihung, Konkretisierung, Erdung, Durchhaltevermögen, Weisheit, Detailtreue, Krankheit, Tod, Zeit (in dieser Funktion als Chronos bezeichnet), Strukturerzwingung zugeordnet werden 4 und der Zahl 8, die auf die Seite gelegt das Symbol für Unendlichkeit ergibt.
Schwarze Magie ist das zwar nicht, aber hätten wir der Vollständigkeit halber auch noch im Angebot.

Schwarz ist ausserdem Symbol von Individualismus und ist oft bevorzugte Kleidungsfarbe von Intellektuellen und Künstlern, Freidenkern, Anarchisten und vielen anderen verwandten Geistern. Schwarz fasziniert, wirkt geheimnisvoll, mystisch und unnahbar.

So, da haben wir doch schon einen ganzen Haufen der super mit dem Gruftisein vereinbar ist, oder nicht?

Die individuelle Bedeutung innerhalb der Szene ist so unterschiedlich wie es verschiedene Menschen in ihr gibt. Wichtig ist zusammenfassend gesagt aber auf jeden Fall die Abgrenzung, eine gewisse psychologische Schutzfunktion und Individualität – auch wenn oft kritisiert wird was Individuell daran sein soll wenn doch alle einheitlich in schwarz rumrennen. Doch wer sich selbst zur Szene zählt weiß, wie unterschiedlich und facettenreich schwarz sein kann.

Meine Begeisterung für diese Nicht-Farbe zeigte sich mit 12-13, damals ohne die gernigste Ahnung von einer schwarzen Szene, aber es hat mich als Kleidungsfarbe in den folgenden Jahren immer wieder begleitet, bis zu meinem bewussten Szeneeinstieg. Dann flogen die übrig gebliebenen farbigen Klamotten aus dem schrank – mit dem Ergebnis das die Anzahl der Schrankleichen drastisch abnahm. Ich denke das ist für sich gesehen bezeichnend.

Ich habe ganz sicher einige Details übersehen, letztenendes ist der Artikel schon so halbwegs umfangreich geworden, deswegen sind Ergänzungen in Kommentarform gerne gesehen. Und Gedanken dazu natürlich auch 😉

Wer mehr will kann aber auch mal hier reinschauen: Schwarz

So, wer jetzt noch behauptet daß gelb genauso möglich wäre, den hau ich …


1: Arte.tv – Die Welt der Papuas: Riten und Initiation: Symbolik der Farben
2: Costume – The journal of the Costume Society, Ausgabe 41, Jahrgang 2007, S. 28
3: Costume – The journal of the Costume Society, Ausgabe 41, Jahrgang 2007, S27
Anmerkung dazu: Es war üblich daß Könige und teilweise auch Adelshäuser Farben auswählten die ihre Repräsentanten kennzeichnen sollten, indem die entsprechende Kleidung trugen, dabei war die Symbolik der gewählten Farben natürlich ausschlaggebend, Elizabeth I trug natürlich auch selbst schwarz und weiß, aber das Zitat bezog sich nicht auf ihre eigene Garderobe, die eigentlich ein sehr großes Spektrum an Farben aufwies, die Aussage wurde aber oft so mißinterpretiert. Als erklärter Fan von Elizabeth I musste ich sie aber natürlich nennen, noch dazu da ich sie überheblicherweise auch als Stilvorbild betrachte *hüstel*

4: hagdise.de: Die Planetenkräfte in der Magie

World Goth Day

Da das WGT ja wieder einmal näher rückt, stöbere ich regelmässig im WGT-Forum um keine Neuigkeiten zu verpassen.
Dabei sprang mir im englisch-sprachigen Bereich ein Thread mit dem Titel „World Goth Day“ ins Auge. Neugierig geworden sah ich mir das natürlich an und fand in den wenigen Beiträgen auch noch einen Link zu einer offiziellen Homepage:

http://www.worldgothday.com/

Der Seite zufolge solle der „World Goth Day“ ein Tag sein an dem man sein Goth-sein feiern solle, es gäbe ja schließlich auch einen Muttertag, einen Vatertag, einen Valentinstag und sonst noch einige solcher „Feiertage“ mehr, dadurch soll die Öffentlichkeit auf das Gruftitum aufmerksam gemacht werden.
Als mögliche Maßnahmen für diesen Zweck wird vorgeschlagen sich im normalen Radio einen Gruft-Klassiker zu wünschen (The Cure, Siouxsie, Bauhaus und dergleichen) oder sich beispielsweise ein bisschen gruftiger zu kleiden an diesem Tag.

Der Tag wurde scheinbar willkürlich auf den 22. Mai festgelegt, ein Blick ins zugehörige Forum beantwortet dann aber die Frage warum man ausgerechnet diesen Tag ausgesucht hat (der heuer witzigerweise eh aufs WGT fällt). So hatte in England das BBC Radio 2009 ein Themen-Wochenende an dem verschiedene musikalische Subkulturen vorgestellt werden sollten, und der 22. Mai sollte der „Goth Day“ sein, da wollten einige Leute mehr draus machen, und so entstand die Idee eines möglichst weltweiten Grufti-Tages.

Natürlich ist es etwas vermessen tatsächlich zu versuchen einen offiziell anerkannten Gruftifeiertag durchzusetzen, aber selbst wenn: es stellt sich die Frage wie sinnvoll sowas überhaupt ist. Die Grundidee ist zwar irgendwie witzig und sicher aus gutgemeintem Ansinnen heraus entstanden, aber hinterlässt doch sehr gemischte Gefühle.
Auch wenn es – was natürlich wahrscheinlich ist – ein inoffizieller „Feiertag“ bleiben wird: brauchen „wir“ wirklich einen extra Tag um uns und unsere Szene zu feiern? Tut das das WGT denn nicht sowieso? Müssen wir uns noch mehr der Öffentlichkeit öffnen, wo doch oft beklagt wird das die Szene immer weiter aufweicht? Nein, mir liegt es wirklich fern irgend ein vermeintliches Elite-Denken an den Tag zu legen, nur will sich das Konzept eines „World Goth Day“ nicht mit dem was ich unter „Goth“ verstehe, vereinen lassen. Die Leute in meinem Umfeld die nicht selbst in Szenekreisen verkehren wissen eh warum ich schwarz bevorzuge, und Leute auf der Strasse die sich dafür interessieren und mich angesprochen haben bisher – denen erkläre ich sowieso immer gerne was es damit auf sich hat und warum ich persönlich so rumlaufe wie ich es tue.

Letztenendes fällt mir noch ein Satz auf der Goth-Day Homepage negativ ins Auge:

Da ird unter der Rubrik „Events“ für eine Rabattaktion eines Gruftklamottenladens geworben der zudem zum 22. Mai Gutscheine unter den Käufern verlost, eingeleitet wird das ganze mit dem Satz:

„Shopping is as essential to the Goth scene as oxygen.“

Wirklich?

Heutzutage vielleicht leider zutreffend, aber ich kann dem – aus bekannten Gründen 😉 – natürlich nicht zustimmen, und soweit ich weiß war in den Anfängen auch mehr Kreativität und Selbstbasteln weit verbreiteter.

Meinungen, Kommentare und Gedanken dazu?