Gothic Friday Juni – dein bestes Konzert – Rosa Crux

Eigentlich bin ich kein allzu intensiver Konzert- und Festivalgänger. Erstere habe ich am liebsten in einem kleinen, überschaubaren Rahmen und gut ausgewählt. Riesenkonzerthallen sind mir zuwider, das Gefühl zur menschlichen Sardine in der Masse zu verkommen treibt mir regelrecht den Angstschweiß auf die Stirn, das familiäre Gefühl eines kleinen, dafür sehr feinen Konzertes ist mir um Längen lieber, wie beispielsweise Jännerwein im März diesen Jahres oder im letzten Jahr das „Schön Dunkel“.

08/15 Festivals interssieren mich nur selten, meist bekommt man ja nur den schwarzen Mainstream-Einheitsbrei vorgesetzt und steckt den ganzen Tag über auf einem abgezäunten Gelände fest. Wenn dann das Wetter nicht mitmacht hat man kaum Rückzugschancen oder Alternativangebote. Anders beim WGT. Wer es mag findet da auch seinen schwarz angemalten Einheitsbrei, aber noch schöner sind Neuentdeckungen und Auftritte die in einem anderen Rahmen nur schwer zu sehen sind.

Eigentlich gab es auf jedem WGT mindestens ein Highlight-Konzert für mich – 2009 waren es Otto Dix, 2008 Sieben in der Krypta,letztes Jahr Attrition. 2007 gab es zwei super-Highlights, eines davon Coph Nia. Doch das zweite Konzert dieses WGTs sticht unter allen noch ein wenig mehr hervor:

Es ist Pfingstsamstag. Meine Begleiterin und ich sitzen im Cafe des Schauspielhauses da wir zeitig da waren um noch ein Plätzchen zu erwischen. Den Nachmittag verbrachte ich hauptsächlich beim Natron und Soda Treffen im Schillerpark – da habe ich meine Begleitung auch ganz spontan aufgesammelt. Über das Forum hatten wir schon Kontakt, die Dame wollte nach einem ausführlichen Schwätzchen eigentlich weiter zur Parkbühne, doch dann zog der Himmel zu und der scharf auffrischende Wind versprach Gewitterschauer – also entschied sie sich um und folgte mir. Über die Begleitung habe ich mich freilich gefreut, nicht nur weil ich sonst allein ins Schauspielhaus hätte gehen müssen, neben Nähfachsimpelei verkürzten wir uns die Wartezeit bis zum Konzert auch mit allerhand Philosogeschwafel um Goth, die Welt und Schwarz an sich.

Gegen 20:00 Uhr begann das Konzert das mich zutiefst beeindruckte – von der Band hatte ich im Vorjahr schon gehört – 2006 spielte sie schon einmal zum WGT – eigentlich vermeidet die WGT-Orga daß Bands zwei Jahre in Folge spielen, daß hier eine Ausnahme gemacht wurde war mein großes Glück.

Ein paar Lieder kannte ich im Vorfeld dann schon – dank alljährlichem Durchhören durch die Bandliste, und die die einen sowieso interessieren nimmt man ein wenig näher unter die Lupe. Doch was mich bei dem Konzert erwarten sollte wusste ich dann doch nicht so recht.

Auf der Bühne wuselten die Bandmitglieder zwischen reichlich skurrilen Musikgeräten herum – allen voran das gigantische Glockenspiel – und entzündeten ein Kerzenmeer das die Bühne fast wie eine Kirche wirken lies in der irgend ein völlig schräges Ritual abgehalten werden sollte – ich war entzückt!

Daß Rosa Crux mehr als „nur“ eine Band sind wurde beim Auftakt schon klar – da kauerten sich zwei Tänzer an den vorderen Bühnenrand, mit bizarren Helmen bekleidet und Metallplatten an der Kleidung. Es stellte sich heraus daß die Tänzer mit ihrer Performance durch diese Platten ein Teil der Percussion wurden – jetzt war ich zutiefst fasziniert und höllisch gespannt auf mehr!

Danach begrüßte Olivier Tarabo die Menge auf englisch mit ausgeprägt französischem Akzent – und dann ging es so richtig los. BAM – die Percussion-Maschine welche aus mehreren Trommeln besteht, bewegte sich völlig ohne menschliche Bedienung und produzierte martialische Rhytmen, Oliviers schneidende Stimme ist extrem charakteristisch und passt ins archaisch wirkende Gesamtkonzept einfach perfekt – live bohrt sie sich derart in den Gehörgang – so richtig beschreiben kann man das alles nicht. Einen weiteren innerlichen Luftsprung machte ich als Claude energisch in die Tasten schlug mit denen das gewaltige Glockenspiel bedient wurde. Dazu liefen Videoprojektionen die das Arsenal der restlichen Performance-Installationen der Band zeigte – besonders eindrucksvoll: der runde Stahlkäfig in dem ein nackter Mann mehrere Male wie ein gigantisches Pendel gegen ein Stahlblech gedonnert wurde.
Die alte Homepage wartete mit weit mehr Hintergrundinformationen auf, aber ich erinnere mich noch an den Satz, man fand das Geräusch so toll daß das menschliche Pendel erzeugte (das Zitat von Olivier Tarabo taucht auf französisch aber bei untenstehendem Video nochmals auf) *g*

In der Videoprojektion zu „Omnes Qui Descendunt“ war bereits der „Danse de la Terre“ zu bestaunen, später warf ein gelblicher Scheinwerfer unversehens Licht auf das Tänzerpaar das sich, während das Publikum vom Geschehen noch gänzlich gefangen genommen war – hinter der Band auf ein Podest geschlichen hatte. Das live zu sehen setzte dem sowieso schon umwerfenden Konzerterlebnis das Sahnehäubchen auf.

Wirklich passend beschreiben kann man die Stimmung eines Rosa Crux Konzertes nicht. Es ist auf jeden Fall sehr intensiv, finster, morbide und einfach irgendwie ganz anders. Tatsächlich hat die Darbietung etwas von einem Ritual, es ist sehr archaisch – man findet sich in Zeiten weit weit vor dem Mittelalter wieder, aber in einer Parallelwelt. Oder vielleicht auch schon halb in der Anderswelt.
Musikalisch kann man die Band eher schwer einordnen. Gegründet wurde sie bereits anno 1984, mitten im Umfeld von Postpunk, Wave und experimenteller Musik. Am passendsten wären wohl die Einordnungen in den Industrial, respektive Ritual. Musik die eine große Schar an recht unterschiedlichen Hörern kollektiv aus den Latschen (und Pikes) haut.
Die Texte die vertont werden stammen aus alten Büchern, sie sind bewusst in lateinischer Sprache gewählt damit der Hörer sich in erster Linie in die Musik fallen lassen kann, ein verständlicher Text würde die Aufmerksamkeit davon ablenken (es sei denn man „durfte“ sich in der Schule durch Latein quälen und hat davon noch nicht alles verdrängt *g*). Dazu kommt ein ganzen Universum an Symbolik und Hintergründen – Rosa Crux ist also keine einfach zu konsumierende Band – alles andere wäre aber freilich auch langweilig, oder?

Wir fanden uns nach dem Konzert etwas perplex vor dem Schauspielhaus wieder. Meine Begleitung wusste noch nicht so recht was sie von dem allen halten sollte, die Band war ihr komplett unbekannt gewesen, ziemlichen Eindruck hat sie bei ihr aber sichtlich auch gemacht.
Für mich war der Abend dann auch gelaufen, ich schob meinen Reifrock und mich zurück in die Wohnung der Bekannten die mich damals aufgenommen hatte und verbrachte die restlichen Stunden mit einem Glas Wein bei warmem Gewitterregen allein auf dem Balkon. Nichts hätte besser gepasst diese Eindrücke nochmal gebührend Revue passieren zu lassen.

Seitdem ist Rosa Crux eine meiner absoluten Lieblingsbands, mein Wunsch wäre es, einmal die ganz große Show in Rouen zu sehen wo die ganzen schrägen Installationen live zu sehen sind. Aber auch bei den kleinen Bühnenshows sind Rosa Crux ein absolutes Erlebnis das ich nur empfehlen kann.

Wer mehr sehen möchte, dem sei der Youtube-Kanal der Band ans Herz gelegt: http://www.youtube.com/user/RosaCruxTV
Die offizielle Homepage: http://www.rosacrux.org/
Myspace-Profil für Hörproben: http://myspace.com/rosacrux

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11 Antworten zu “Gothic Friday Juni – dein bestes Konzert – Rosa Crux

  1. Gewaltige Bilder, die Rosa Crux da produzieren! Ein solches „außergewöhnliches“ Konzert haben wir leider dieses WGT nicht geschafft zu sehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Auftritt verstörend gut ist.
    Mich fasziniert auch, dass so avangardistische schwarze Kunst aus Frankreich kommt. Vor ein paar Wochen haben wir in Paris vergeblich eine lebendige Schwarze Szene gesucht. Ein Besuch in Rouen muß also bei der nächsten Reise in die entsprechende Himmelsrichtung undbedingt sein! Irgendow müssen die französichen Grufties sich doch versteckt haben.

    • Nun, heuer gabs „das“ Hammer-Konzert auch für mich nicht, obwohl die Bandauswahl unbestreitbar einiges zu bieten hatte, im Nachhinein ärgere ich mich auch daß ich nicht noch mehr gesehen habe.

      Wie gesagt kann ich ein Rosa Crux Konzert nur empfehlen, als reiner Hörgenuss finde ich es schon gewaltig, aber die Show ist gigantisch!

      Einen französischen grufti kenne ich übrigens sogar, hab mich am WGT Samstag den ganzen abend mit ihm unterhalten – ein Glück daß es auf englisch ging, meine fränggisch-französische Aussprach möchte ich keinem zumuten *lach*

  2. Puuuh, mit geht’s da gerade recht ähnlich wie deiner Begleitung damals…
    Ich bin fasziniert – das auf jeden Fall. Die „Instrumente“ (oder eher „Installationen“) sind in jeder Hinsicht bemerkenswert, die Atmosphäre ist fesselnd, die Performance etwa mit den beiden Nackten in „Omnes“ auf absolut bizarre Art und Weise eindrucksvoll.
    Aber genau das alles ist für mich vielleicht letztlich die Crux (haha)… Es ist ganz offensichtlich nicht einfach nur eine Band, sondern komplett durchdachte Performance-Kunst (und allein deshalb würde ich dir schon zustimmen was das sehr sehr grobe Einsortieren als Industrial angeht) – aber ich weiß entsprechend auch nicht, ob mich die Musik so gefesselt hätte, wenn ich sie unabhängig von all dem gehört hätte.
    Irgendwo her kenne ich „Omnes“, und es gefällt mir auch, aber ich weiß nicht, ob sie auf mich ohne den visuellen Aspekt noch so viel Reiz ausüben würde.
    Allerdings ist bei mir mit den Neubauten oft nicht anders…

    Auch weiß ich noch nicht so recht, ob es mir nicht teils einfach zu viel des Guten ist und von bizarrer Performancekunst in Effekthascherei umschlägt (das Pendel mit dem nackten Kerl z.B.).
    Aber ich werde sie mal im Auge behalten und mir mehr anhören.
    Und dafür auf jeden Fall schonmal Danke (entsprechend auch ein Kompliment an deinen Artikel ^^).

    • Ja, mit dem Eindruck der durchdachten Performancekunst liegst Du absolut richtig. Das Gesamtpaket macht die Sache erst so richtig faszinierend, aber ich muss sagen daß ich die Musik an sich auch schon gewaltig finde. Bei uns läuft in den Clubs auch gelegentlich Rosa Crux – penetrantes Nerven sein Dank *lach* – in angemessener Lautstärke und bei völligem Reinfallen in die Klänge finde ich es auch als Tanzerlebnis sehr sehr großartig! Wobei wohl dazu kommt daß mich die Band eben an besagtem WGT erst so richtig überrand hat mit den Eindrücken, die sitzen im Kopf fest wenns in der heimischen Disse gespielt wird.

  3. Also ich habe sie mir 2007 auch gleich noch mal angeschaut nachdem mich Rosa Crux 2006 so begeistert hatten. Und dann sind wir extra noch mal in die SChweiz gefahren vor 2 Jahren. Dort traten sie in Zürich im „Dinamo“ auf. Auch wenn ich die Show da schon kannte, war es doch noch mal ganz was besonderes, den Danse de la Terre mitten im Publikum zu erleben. Sie haben da einen Tisch aufgebaut, auf dem die Mädels dann saßen und wir standen noch nicht mal 3meter davon entfernt. Das hautnah zu erleben fand ich umwerfend!! Aber im Schauspielhaus wiederum hatte die Band auf der Bühne mehr Platz sich zu entfalten als in dem Züricher Club, daher fand ich die Bühnenshow an sich beim WGT besser als auf diesem Konzert

    Ich gebe Karnstein recht und hatte es auch schon in meinem Beitrag drin, habe es dann aber wieder entfernt (weil ich dachte es sei vllt. nur mir so gegangen): ich denke auch, dass es besser ist zuerst die Band im Konzert zu erleben, weil man dann sofort durch die Wucht der Performance einen Zugang zu der ’schwierigen‘ Musik hat und zu ihrer vertonten Symbolik. Ob ich gleich so begeistert gewesen wäre, wenn ich sie mir zuerst von CD angehört hätte…. ich bezweifle das für mich.

    • Woah, also so eine Performance so hautnah zu erleben stelle ich mir auch unbeschreiblich umwerfend vor.
      Leider war es mir noch nicht vergönnt Rosa Crux ein weiteres Mal live zu sehen, für Konzerte bin ich generell noch nie weiter als bis leipzig gekommen (wenn auch schon ausserhalb des WGTs) – mein bester Kumpel und ich haben aber schon geplant mal direkt nach Rouen zu reisen, auch wenn die Entfernung von uns aus richtig heftig ist. Oder auch mal an einen anderen Ort – in Rouen würden sie am 16. und 17. Spetember ja wieder spielen, zusammen mit Sieben. Bei der Kombination von Bands wird mir heiß und kalt gleichzeitig *lach* – aber ich fürchte das Wochenende liegt gerade für eine so weite Strecke für mich recht ungelegen.
      Letztes Jahr waren Rosa Crux – glaub ich – beim Amphi. Da hatten wir auch schon überlegt, nur wegen einer einzigen Band hinfahren? Rosa Crux passt auch nun wirklich nicht auf ein gemeines Wald- und Wiesenfestival.

      Ich muss gestehen, ich kann garnicht sagen ob meine Begeisterung so groß gewesen wäre wenn ich zuvor Aufnahmen gehört hätte – wie gesagt hatte ich zur Information schon in ein paar Stücke im Vorfeld reingehört gehabt, was mich auch noch neugieriger gemacht hat, der große Knall löste dann aber wirklich erst das Konzert aus.

  4. Ich habe … ähm … zufällig meine Hände an das Album bekommen, auf dem „Omnes qui descendunt“ ist und finde es ehrlich gesagt immer besser, je intensiver ich mich reinhöre…
    Ich glaube, da hat mich die liebe Rosa wieder auf was gebracht (nach Psyche und Collection D’Arnell Andrea) – vielen lieben Dank ^^

  5. Pingback: Gothic Friday Juni - Resümee

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