Two Spirits

Vor längerem schon stieß ich beim Rumrecherchieren und Que(e)r 😉 – Lesen im Netz auf etwas das mich – wieder mal – faszinierte. Grund genug dem natürlich einen Artikel zu spendieren – was ich auch schon längst vor hatte, doch einerseits hielten mich gewisse Umstände der Internet-losgkeit davon ab, andererseits ist das Thema nicht unbedingt einfach in Worte zu verpacken.
Ich hoffe freilich, es ist mir dennoch halbwegs gelungen.

„Two Spirits“ – dieser Begriff bezeichnet bei den amerikanischen Ureinwohnern besondere Menschen. Wie der Name schon andeutet, leben quasi zwei Seelen im Körper dieser Leute – eine männliche wie eine weibliche.
Je nach Stamm kannte man – neben dem Männlich und Weiblich – daher entweder ein drittes Geschlecht, oder auch insgesamt vier Geschlechter, die eben weibliche Männer und männliche Frauen mit einschlossen.

Wissenschaftlich nachgewiesen sind heutzutage an die 150 nordamerikanische Indianerstämme, die das Konzept der Two Spirits in ihrer Kultur aufwiesen.

Bereits vor der Pubertät betrachtete man Kinder die sich beispielsweise für als typisch männliche Dinge interessierten, aber als biologisch weiblich geboren wurde (oder auch andersherum) als mögliche Two Spirits. Was bedeuted daß diese Kategorisierung unabhängig von sexuellen Präferenzen getroffen wurde, denn diese entwickleten sich logischerweise erst später mit dem Eintritt in die Pubertät.
Den Heranwachsenden wurde dabei jegliche Freiheit gewährt sich so zu entwickeln wie es ihnen am besten entsprach – männlich, weiblich, oder eben als Two Spirit.

Two Spirits genossen im Stamm einen besonderen Ruf, da sie beide geschlechtliche Polaritäten in sich vereinigten wurden ihnen besondere Eigenschaften zugesprochen, da sie einmal mit männlichen und weiblichen Charaktereigenschaften auf Situationen reagieren konnten, es wurden ihnen aber auch übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt, denn in der indianischen Vorstellung wurde das Phänomen, daß zwei solcher Seelen in einem Körper stecken das Resultat göttlicher Einwirkung, so galten die Two Spirits auch dem Göttlichen als besonders nahestehend.

Typisch war auch daß diese Menschen die Kleider des jeweils anderen biologischen Geschlechts trugen und ebenso geschlechtstypischen Arbeiten nachgingen.
Männliche Two Spirits waren so oft Heiler und Wahrsager, biologisch weibliche Krieger oder auch Stammeshäuptling.

Die Geschlechtsidentität wurde von den amerikanischen Ureinwohnern als unabhängig von der sexuellen Präferenz betrachtet und es war ebenfalls akzeptiert wenn Two Spirits das eigene biologische Geschlecht bevorzugten.

Die Geschlechteridentität konnte dabei komplett gewechselt werden, oder nur teilweise – den Berichten dazu die ich gefunden habe scheinen Two Spirits recht individuell ihre Identität ausgelebt zu haben ohne gesellschaftliche Einschränkungen.

Die Entdeckung Amerikas läutete das Ende der Two Spirits ein.

Die Conquestadores des 16. Jahrhunderts entdeckten bei ihren Erkundungen freilich auch Two Spirits in den Indianerstämmen – was für die christlich-westliche Welt eine absolute Perversität darstellte! Man nahm diese sowie andere kulturelle Abweichungen vom europäischen Ideal als Beweis für die Minderwertigkeit der Indianer – und als willkommenen Vorwand den Ureinwohnern allerlei Grausamkeiten anzutun.
Two Spirits wurden festgenommen, vom Stamm isoliert, man lies sie von Hunden zerfetzen.

Auch in den folgenden Jahrhunderten wurde es nicht besser. Die meisten Quellen die von Two Spirits berichten, äussern sich abfällig und angewidert. Sie erhielten die Bezeichnung „Berdache“ – was übersetzt so viel wie „Lustknabe“ oder „Prostituierter“ bedeuted – man sagte den Berdaches ebenfalls ein besonders aktives Liebesleben nach, was durch wie bereits gesagt – auch gleichgeschlechtliche Beziehungen für den zivilisierten Europäer, zusammen mit der Tatsache daß Männer in Frauenkleidung bei den Indianer ein völlig akzeptiertes Bild waren – als besonders widerwärtige Abartigkeit galt.

Doch die gesamte Kultur der amerikanischen Ureinwohner wurde durch die Einwanderer zerstört, die sich wähnten vollends im Recht zu sein als sie den Indianern ihr Land wegnahmen, viele davon töteten, in Reservate einsperrten und zwangsweise umerzogen.
Diese Maßnahmen führten auch dazu daß sogar im eigenen Volke die „Berdaches“ ausgestoßen und verfolgt wurden.

We’wha – eine als Mann geborene Two-Spirit der Zuni-Indianer gelangte 1886 auch in der westlich-christlichen Welt eine ziemliche Berühmtheit. Sie trat als Botschafter auf um zwischen der amerikanischen Regierung und ihrem Stamm zu vermitteln, arbeitete mit Anthropologen zusammen. Sie wurde anfänglich auch wegen ihres Auftretens für eine biologische Frau gehalten und als „Indianer-Prinzessin“ durch die ach so hochzivilisierte High-Society als exotisches Anschauungsobjekt geschleift.

Interessanterweise wurde der sehr abwertende Begriff „Berdache“ erst 1990 aus der anthropologischen Literatur verbannt.

Heute gilt das Phänomen der Two Spirits als aus der Kultur indianischer Völker ausgemerzt, dennoch griffen und greifen viele lesbische, schwule, transgende, intersexuelle oder transsexuelle Indianer den Begriff für sich heute wieder auf. Auch manche Menschen mit nicht-indianischen Ursprüngen identifizieren sich mit diesem Ausdruck.

Leider ist aber auch heute die Akzeptanz von Menschen die nicht in die abgegrenzten Geschlechterrollen passen wollen oder können, oftmals gering. Im Zusammenhang mit Two Spirits ist die Geschichte von Fred Martinez eine sehr Tragische und Erschütternde.

Der junge, als Mann geborene Navajo-Two-Spirit wurde 2001 im Alter von 16 Jahren von homophoben Mördern auf brutale Weise umgebracht.
Seine Geschichte wurde im Jahre 2009 dokumentarisch verfilmt – hier der Trailer:

Den ganzen Film habe ich leider noch nicht gesehen, doch er würde mich sehr reizen.

Auch in anderen Kulturkreisen kennt – oder kannte – man ähnliche Geschlechterkonzepte. Ich werde da gelegentlich auch weiter nachstöbern 😉
Da Robert mit diesem Artikel ja auch ein ähnliches Thema angesprochen hat, habe ich diesen Artikel aus den Entwürfen gezerrt und den Staub abgeklopft 😉

Meiner Auffassung nach kann eine Natur, die Menschen wie Two Spirits hervorbringt, doch nicht falsch liegen? Die Natur wird schon wissen was sie da tut.
Wie sagten die Vulkanier schon: Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination.
Auf das verabscheuungswürdige Subjekte wie die, die Fred Martinez das Leben genommen haben, irgendwann doch mal zu vom Aussterben bedrohten Steinzeitlebewesen gehören.

http://de.wikipedia.org/wiki/Two-Spirit
http://twospirits.org/
http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefault.aspx?tabID=3946&alias=wzo&lexikon=Geschlecht&letter=G&cob=4523

3 Antworten zu “Two Spirits

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