Die Geschichte des Reifrockes

Das neue Jahr beginnt garnicht mal schlecht, insbesondere für meinen Blog, dessen Aufrufe in den letzten Tagen doch deutlich nach oben gingen.
Freilich lagen viele Zugriffe am Posten der neuesten Artikel in Facebook und Myspace, doch auch via Suchmaschine verirren sich die Tage deutlich mehr Besucher hier her.
Unangefochtene Nummer Eins der Suchbegriffe ist hierbei eindeutig die Gala Nocturna, die sich heuer zum fünften Male jährt, und entsprechend natürlich Informationssuchende anzieht, doch ein Suchbegriff weckte mein besonderes Interesse: „Ursprung des Reifrockes“
Nicht nur als begeisterter Strassensperren-Träger, sondern auch weil mich das Thema einmal in meine Lieblingsepoche – die Renaissance – führt, und die Sache natürlich auch mit einem großen Hobby von mir zu tun hat – der Modegeschichte – widme ich mich heute diesem Thema.

Ein Reifrock ist allgemein gesagt ein Rock der mithilfe von Holz, Fischbein, Stahlreifen oder in modernerer Variante Plastikreifen, in seiner mehr oder weniger ausgestellten Form aufgespannt wird, und so vom Körper wegsteht.
Über die Jahrhunderte hat sich die Form und Bauweise immer wieder gewandelt.

Der Ursprung des Reifrockes liegt im Spanien der 1470er, wo der sogenannte „Verdugado“ zunächst als Teil der Oberbekleidung getragen wurde. Zur Stütze wurden zunächst das subtropische Pfahlrohr, oder auch spanisches Schilf genannt, verwandt, später Weidenruten. Dieser Ur-Reifrock war anfangs Teil der Oberbekleidung, die Tunnel die die Reifen hielten waren auf der Aussenseite des Rockes aufgesetzt, wie das folgende Bild zeigt, welches als die früheste Darstellung des Verdugado gilt, und ebenfalls spanischen Ursprungs ist:

Verdugado

Der Name „Verdugado“ soll hierbei von „verdugo“ abstammen, mit dem ein grüner Baumtrieb gemeint ist, denn aufgrund der Steifigkeit des ausgewachsenen Pfahlrohres hat man ursprünglich die flexibleren jungen Triebe dieser Pflanze verwandt. Sieht man sich die moderne Übersetzung dieses Begriffes an, so bekommt man „Scharfrichter“ oder „Henker“ – interessant, dürfte aber mit dem Reifrock nichts mehr zu tun haben ;).
Das deutsche Wikipedia nennt als Bedeutung für „Verdugado“ den „Tugendwächter“. Dabei dürfte es sich nicht um eine direkte Übersetzung des Begriffes handeln, sondern wohl eher um einen Ausdruck der im deutschen Sprachgebrauch für diesen Reifrock üblich war. Beweise für diese Spekulation habe ich nicht gefunden, wer da näheres weiß darf sich gerne zu Wort melden 🙂 – auch habe ich direkt unter diesem Begriff keine Hinweise auf den Reifrock finden können. *

Ein Gerücht beasgt daß der Reifrock erfunden wurde um die Schwangerschaft von Johanna von Portugal zu verbergen – doch keine brauchbaren Quellen bestätigen das.

Es wird gesagt daß der Reifrock um 1520 den Weg in die Mode am englischen Hof fand, durch die Spanierin Katharina von Aragon, Frau von Heinrich VIII.
Belegt ist dies nicht, aber um 1530 tauchte der Reifrock auch in England vermehrt in der Mode auf, zunächst als „vardingal, fardyngale“ oder „verthingale“ bezeichnet, setzte sich die Bezeichnung „Farthingale“ durch.

Prinzessin Elizabeth

Als Versteifung der Röcke wurde nun vermehrt Fischbein verwandt (auch Kordelversteifung wird in historischen Quellen erwähnt), die Farthingale wanderte als Unterrock unter die Oberbekleidung. Diese spanische Farthingale hat im Prinzip die gleiche Form wie der gemeine moderne Brautreifrock – konisch nach unten ausgestellt. Die sogenannte Tudor-Mode zeigt deutlich die damals modische Körperform, die an zwei an den Spitzen aufeinanderstehende Kegel erinnert. Dabei wurde der Oberkörper mit versteiften Oberteilen oder Schnürleibern „in Form“ gehalten.

Diese Silhouette zeigt auch das obenstehende Portrait von Elizabeth I – spätere Königin von England – hier im Alter von 13 Jahren, als Prinzessin.

Auch wenn die Form den neumodischen Reifröcken optisch gleich, so ist die Bauweise eine andere. Es gibt zwar keine erhaltenen Exemplare dieser Farthingales, doch eine brauchbare Anweisung zur Herstellung eines solchen spanischen Reifrockes findet sich in einem erhaltenen spanischen Schneiderbuch das auf 1598 datiert ist – „Libro De Geometria, Pratica Y Traca“ von Juan de Alcega .

Die interessierten Selbernäher finden eine brauchbare Anleitung, basierend auf oben genanntem Buch, hier: http://www.chesholme.com/~jack/farthingale/, in englischer Sprache.

Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts kam die Mode auf, über der spanischen Farthingale zusätzlich eine ausgestopfte Rolle auf Taillenhöhe zu tragen – der sogenannte „Weiberspeck“ oder englisch – „bumroll“. Dieser gab den stoffreichen Röcken eine gerundetere Silhouette.
Wer sich die große, versteifte Farthingale nicht leisten konnte, ahmte die Mode der adligen Gesellschaft nach indem der Weiberspeck alleine als Rock-Unterstützung getragen wurde.
Diese neue Mode erntete, genauso wie die Farthingale an sich, natürlich auch ihren zeitgenössischen Spott:

Weiberspeck

Die spanische Farthingale wurde, bedingt durch den immer größer werdende Weiberspeck zur sogenannten französischen Farthingale, auch bezeichnet als „Verdugadin“. Dieser „Reifrock“ hatte mit der spanischen Variante nicht mehr so viel gemein, denn anstatt den Röcken bis zu den Füßen Halt zu geben, stand er nun als flache Scheibe gerade von der Taille weg, gegen Verrutschen gesichert am Schnürleib festgebunden. Entsprechend künstlich-übertrieben zeigte sich die dazugehörige französische Mode der 1590er, wie im Ditchley-Portrait von Elizabeth I:

Königin Elizabeth

Auch für die französische Farthingale gibt es keine erhaltene Originale, an denen man Material und Bauweise studieren könnte, eine mögliche Konstruktion wird von Janet Arnold in „Patterns of Fashion – 1560-1640“ vorgestellt, welche auf zeitgenössischen Darstellungen basiert. Die bekannteste davon ist eine Kostümzeichnung des Ballettes „Les Esperducattis“, auf der Tänzer mit einer scheibenartigen Konstruktion um die Taille zu sehen sind, welche an das moderne Teller-Tutu erinnern, als auch Darsteller die Röcke über diesem Gestell tragen.
Diese Darstellung findet sich ebenfalls in Janet Arnolds „Patterns of Fashion – 1560-1640“.

Im beginnenden 17. Jahrhundert (modegeschichtlich betreten wir hier den Barock) hielt sich die Farthingale noch eine zeitlang in der höfischen Mode. Doch der Reifrock verlor in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zunächst seine Bedeutung. Lediglich am spanischen Hof blieb der Reifrock noch bis über die Mitte des 17. Jahrhunderts hinaus, und erfuhr hier nochmal eine Wandlung die in vielen Gemälden des spanischen Malers Diego Velásquez zu sehen ist, wie auch auf einem der vielleicht bekanntesten Werke – „Las Meninas“ -1656–1657

Las Meninas

Im Übrigen bin ich seit Jahren schon dabei mir das Gehirn zu verbiegen, wie man einen Reifrock am besten konstruieren kann, um diese querovale Silhouette zu erzeugen, Die Rokoko-Variante scheidet eigentlich aus, und über diese bin ich auch informiert 😉 wer sachdienliche Hinweise hat, dem wäre ich zu großem Dank verpflichtet um eine Nachricht.

So, hier endet der erste Teil meiner Geschichte rund um den Reifrock. Beim nächsten mal begeben wir uns ins 18. Jahrhundert – Rokoko – und bewegen uns von da aus weiter durch die Modegeschichte. Ob es genauso ausführlich werden wird kann ich nicht versprechen, da „meine“ Epoche nunmal das späte 16. Jahrhundert bis ins frühe 17. Jahrhundert ist, aber ich werde mich bemühen 🙂

Kommentare und Anmerkungen sind immer willkommen – insbesondere falls mir doch historischer Mist unterlaufen sein sollte, um Berichtigung bin ich da immer dankbar, aber bitte – mit wissenschaftlich belegbarer Quelle, damit ich sicher sein kann daß die Informationen stimmen 🙂 – denn auch meine Leser sollen verlässliche Informationen bekommen.
Auch Zusatzinformationen werden immer gerne entgegen genommen.

Bilder: Wikimedia Commons

Bücher:
http://www.amazon.de/Patterns-Fashion-1560-1620-v-3/dp/0333382846/ref=sr_1_4?ie=UTF8&qid=1294130012&sr=8-4
http://www.amazon.de/Corsets-Crinolines-Norah-Waugh/dp/0878305262/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1294130086&sr=1-1

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reifrock
http://en.wikipedia.org/wiki/Farthingale
http://www.elizabethancostume.net/farthingale/history.html
http://des.kyhm.com/?farthhist

* : Lediglich ein – zugegeben – nicht sehr gut recherchierter Artikel der offenbar bei der Wortbedeutung das deutsche Wikipedia zitiert, dazu noch als Schönheitsideal der Renaissance fälschlicherweise die „Weiblichen Rundungen“ nennt, und als bildliche Quelle eine Darstellung des Rokoko herzieht, findet man – ein toller „Nachweis“ der nicht mal wissenschaftlich genug ist Quellen zu zitieren *hust* – auch wenn Informationsfetzen richtig sind, der gesamte Artikel ist irreführend!

8 Antworten zu “Die Geschichte des Reifrockes

  1. Hach Rosa, auch hier vielen Dank für diesen Blog….du sprichst mir aus der Seele *lächel….denn ich will meine Dozenten überzeugen, ob ich nicht u.a. das Prüfungsthema „Modegechichte in der Malerei“ haben könnte…..Sachdienliche/handwerkliche Hinweise kann ich dir allerdings noch nicht liefern….vielleicht ändert sich das bald…..(wobei ich das bei deinem Fachwissen bezweifle)……ABER ich kann dir noch einige Karikaturen zum Thema Mode (u.a. auch Reifrock) liefern…hier auf meiner MySpace Seite (http://www.myspace.com/reginleif84/photos/albums/anekdoten-aus-dem-leben/1784642#mssrc=SitesPhotos_SP_AlbumCover_ViewAlbum)….falls du noch weitere Modekarikaturen egal aus welche Epoche und aus welchem Land hast, würde ich dich bitten mir den Literaturhinweis zu geben….vielen lieben Dank!!!

    • Danke, meine Liebe 🙂
      Literaturmässig sind im schon genannten Corsets and Crinolines ein paar Dinge drin, dazu auch Quellen in Textform die sich oft auch kritisch bis satyrisch über die jeweils vorherrschende Mode äussern. Ein empfehlenswertes Buch, auch weil Schnittdiagramme erhaltener Originale zu den jeweiligen Themen dabei sind.
      Ich wünsche Dir viel Glück daß es mit dem Thema klappt – Modegeschichte ist eine tolle Sache 🙂

      • Vielen Lieben Dank für den Literaturtipp…ist direkt auf meine Liste gewandert……
        Das Prüfungsthema wird sich eventuell schon nächste Woche entscheiden…ich bin sehr gespannt….aber da ich schon immer gegen den Strom in meinem Studium geschwommen bin….bin ich relativ zuversichtlich……

  2. Hallo Rosa!
    Danke für diesen schönen Post.
    Zu deiner Frage bezüglich des Velásquez-Reifrocks:
    Du sagst, du kennst die Rokoko-Variante. Da ich nicht weiß ob ich sie kenne, kann es sein, dass ich dir jetzt nichts neues erzählen kann (also seitliche Paniers kenn ich und auch komplette Reifröcke, aber wie letztere ihr Oval halten weiß ich nicht. Da hast du bei mir aber grade eine Frage aufgeworfen, die mich beschäftigen wird. Also wenn du das weißt wäre es lieb, wenn du mir das sagen könntest. Sonst muss ich mal ein paar Emails schreiben, vielleicht finde ich eine Antwort).
    Ich habe mal getüftelt, ob ich aus meiner Krinoline ein Rokoko-Reifrock machen kann, indem ich innen an die Tunnel Bänder nähe, vorne und hinten, jeweils seitlich. Wenn man diese dann zusammenknotet zieht man den Rock doch zusammen und an den Seiten wird er breiter. Man müsste nur schauen, dass die Bänder weit genug außen sitzen, um die Bewegungsfreiheit nicht einzuschränken.
    Eine weitere Möglichkeit wäre, dass das Geheimnis im Material selber liegt. Soweit ich weiß ist Fischbein doch nur nass flexibel und bleibt in der Form wenn es trocken ist, oder? Dann würde die Form ja zu bewerkstelligen sein, wenn man die Reifen in der ovalen Form trocknen lässt. Ist nur heute durch Fischbeinmangel schlecht nachzubauen.
    Soviel zu meinen Gedanken, ich hoffe ich konnte dir helfen, wobei ich sagen muss, dass mein Fachgebiet nicht gerade bei Reifröcken liegt.
    Liebe Grüße cc

    • Danke für Deine Anmerkung 🙂
      Da ich auch schon Rokoko-Gewänder genäht habe, kann ich Dir versichern, daß die Methode mit den Haltebändern innerhalb des Reifrockes für die Ovale Form nicht nur funktioniert, sondern bei richtigen Paniers auch so gemacht wird, allerdings wirst Du eine Krinoline nicht in eine richtige Panier-Form damit bekommen, denn richtige große Paniers nach historischem Vorbild haben zuoberst noch zwei quer verlaufende Stäbe die die Rokoko-typische Hüftauslage ab Taille erst ermöglichen und weitere Stabilität für die schweren Röcke bieten.
      Ich nehme ein bisschen meines zweiten Teils der Reifrock-Geschichte zwar hiermit voraus, aber vielleicht ist das interessant für Dich: http://marquise.de/de/1700/howto/frauen/paniers.shtml

      Die Rockunterbauten des spanischen Barocks habe ich hingegen im verdacht, Varianten der französischen Farthingale zu sein. Ich gestehe, es mag etwas mißverständlich rüber kommen, das wa sich an Info suche ist idealerweise wissenschaftlich belegbar, ansonsten kenne ich mich mit den gängigen Rockunterbauten der Geschichte gut aus 🙂 – auch in der handwerklichen Praxis – Dein Kommentar hat mich aber ehrlich gefreut 🙂

  3. Pingback: Spontis Wochenschau #1/11 – Spontis Weblog

  4. Ich habe eine Frage: weiß jemand etwas darüber, ob dieses Unterrockgestell auch Mappamondo oder mapamundi genannt wurde? Ich meine, dies mal gehört zu haben. Es erscheint mir auch nicht abwegig, da so eine Unterrockkonstruktion durchaus an die Längen-und Breitengrade des Globus erinnert.

    • Hallo Gisela!
      Also für Reifröcke ist mir der Begriff vollkommen unbekannt und in den Jahren in denen ich mich jetzt für historische Kleidung interessiere, auch noch nie untergekommen. Sollte ich aber etwas dazu finden, werde ich das entsprechend ergänzen – bei so einem Thema ist es fast unmöglich ans Ende des Wissens zu gelangen 🙂

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