Konzert: Attrition

Die üblichen WGT Vorbereitungen jedes Jahr schließen die langwierige Aufgabe mit ein, sich gründlich durch die Liste der bestätigten Bands zu graben. Das spannende dabei ist das Entdecken von ganz besonderen Projekten die sich abseits des schwarzen Mainstreams bewegen welche man in sich anödender Regelmässigkeit auf den ebenfalls bekannten Wald- und Wiesenfetsivals „bestaunen“ kann.

Während die Beschwerden im WGT Forum und dem Gästebuch der offiziellen Page vonwegen der vielen unbekannten Bands und dem entsprechend „schlechten“ Line-Up bei manchen Fraktionen lauter wurden, machten andere Herrschaften Luftsprünge vor ihren Rechnern. Und auch ich hatte einiges an interessanten Dingen auf der Liste – nur in dem leicht zähneknirschenden Bewusstsein daß ich eh nur wieder 2-3 Bands schaffe. Das WGT ist auch für mich mehr Treffen denn Festival – man mag von dieser Riesenveranstaltung halten was man mag, wenn man will findet man immer Orte ab von Agra und Co um sich mit Freunden zu treffen und neue zu finden, sowie viele sehr gute Bands kennenzulernen die man nicht selten sonst schwer live sehen kann.

Meine heurige „Sehen-Muss“ – Band war Attrition.

Beim Durchhören fiel mir der Name nur wenig auf, und beim ersten groben Suchen nach Klangbeispielen stieß ich auf angenehme Postpunk-Klänge. Nicht schlecht, doch von dem Format gab es noch mehr, also kamen Attrition erstmal auf die „Vielleicht“-Liste die dann nach Programm nochmal überarbeitet werden sollte. Ja, auch wenn ich jedes mal nur sehr wenige Bands schaffe, die Konzertliste ist am Ende trotzdem recht vollständig, und da wird dann spontan vor Ort entschieden was davon mitgenommen wird und was eben nicht. Aber es gibt auch immer die „Sehen Muss“-Bands die ich nicht verpassen möchte.

Schließlich schickte mir ein Freund den Link auf ein Video – Attrition – A girl called harmony. Und danach wars um mich geschehen, optisch ist das Video wundervoll surreal, und musikalisch ein finsteres, neoklassisches Stück zum Vorzeigen, aber seht selbst:

Im Übrigen ist die Einblendung von Frau E.Autumn nicht zufällig, denn in dem Kommentaren zum Video findet man bei youtube auf die Nachfrage deswegen diese Antwort:

„Emilie joined attrition for a short while…just as we made this video… she had been a fan for a long time!“

Ich kenne mangels Interesse nur wenige Musikstücke von E.A. , zugesagt habe die mir auch nicht, aber ich muss gestehen daß beide Projekte schon irgendwo kompatibel sind. Paradox das …

Egal.

Zurück zum Thema.

Attrition wurde gegründen im Jahre 1980, von Martin Bowes und Julia Niblock. Im Umfeld des Post-Punks und den experimentelleren Spielarten des Industrials bewegte sich die Band zusammen mit wegweisenden Projekten wie Throbbing Gristle, Coil und In the Nursery.
Über die Jahre hat das Projekt im Bereich Darkwave bis Industrial seinen Stil verfeinert, und meiner Meinung nach kann man sie stellenweise auch in die Neoklassik einordnen, maßgeblich wegen der klassischen Stimme von Julia. Zeigt sich hier wieder mal wie eng die Genres Industrial und Neoklassik beieinander liegen? Ich fand hier die Grenzen schon immer sehr fließend, obwohl die Bezeichnung „Neoklassik“ auf den ersten Blick betrachtet so garnicht nach Industriellem Lärm klingen mag.

Das Konzert von Attrition fand am Freitag, dem 21.05.2010 im Schauspielhaus statt. Meine Lieblingslokalität auf dem ganzen WGT. Das Schauspielhaus ist – wie der Name schon vermuten lässt, ein Theater in dem zum WGT für gewöhnlich gezielt neoklassische und verwandte Bands auftreten. Bietet ja auch die denkbar passendste Umgebung für diese Musikrichtung. Auf den roten Samt-Stühlen kann man sich bequem niederlassen und auch in weiter hinten gelegenen Rängen die Bühne noch gut beobachten.
Kein Gedrängel, kein Gefühl zur menschlichen Sardine zu mutieren, kein Füße plattstehen und kein Ärger darüber daß man als Mensch mit recht durchschnittlicher Weibchen-Körpergröße bei nur ein paar Leuten vor sich die Sicht versperrt bekommt.

Zu Beginn des Konzertes zündete sich Martin Bowes ein ganzes Bündel Räucherstäbchen an die er das ganze Konzert über in der Hand behielt, mit Ausnahme einiger weniger die mittendrin an das Publikum in den ersten Reihen verteilt wurden – und die sichtlich wenig damit anzufangen wussten ausser stillhalten und abfackeln lassen.
Für Martin hoffe ich ja, es waren chinesische Räucherstäbchen, die Dinger reißen nämlich nichts, es sei denn man nimmt wirklich die Ganze Packung (das Zeug kommt Minimum in 50er-Bündeln) bei indischem Zeugs – na Prostmahlzeit! Da reicht eins eigentlich dicke *g*

Die ersten 2-3 Musikstücke waren noch etwas lau, doch dann nahm das Konzert Fahrt auf und riß definitiv mit. Das Schauspielhaus war um diese etwas spätere Stunde gerade mal halb gefüllt – ich hatte weit mehr erwartet da man beim Schaupielhaus, wenn der Andrang groß ist, man extrem zeitig da sein muss. Glück für uns, schade aber auch daß eine so grandiose Band nicht mehr Publikum anzog. Dafür waren die die da waren begeistert bei der Sache. Ein junger Herr der seinen Sitzplatz aufgab weil er offensichtlich seinem Bewegungsdrang nicht mehr nachgeben konnte, positionierte sich rechts vorne, seitlich der Bühne und war weit mehr als mitgerissen.

Julias Stimme ist live derart glasklar und kräftig daß sie trotz warmen Wetters und vielen Schichten Stoff am Leib sofort für angenehmes Frösteln sorgt, im Kontrast dazu ist Martins tiefe, grollende Stimmlage die man weniger als Gesang bezeichnen kann, der perfekte Gegenpart.
Sehr Gänsehaut-fördernd.

Ich muss gestehen ich kannte nicht alle Stücke die live vorgetragen wurden, lediglich das was ich von youtube, Myspace oder der offiziellen Page von Attrition an frei runterladbaren MP3’s kannte, dafür waren die die mir schon geläufig waren live umso intensiver, allen voran „Dreamcatcher“, „Two Gods“, das wundervoll sphärische „I am (eternity)“ und natürlich „A girl called harmony“. Auf letzteres Stück hatte das Publikum – mich eingeschlossen – die ganze Show über gewartet, doch wenig verwunderlich sparte die Band sich das Paradestück bis zum Schluss auf.

Fazit: meiner persönlichen Meinung nach eine grandiose Band, dessen Silberscheiben schon auf der „Haben-Muss“-Liste für die Erweiterung der CD Sammlung stehen, und live wirklich eine tolle Erfahrung wenn man sich auf Musik einlassen kann und keine spektakuläre Show braucht. Dafür bekommt man eine Menge Leidenschaft der Künstler auf der Bühne zu sehen. Teilweise sehr meditativ und in jedem Fall mitreißend.

Zum Abschluss noch ein paar Videos mit Live-Eindrücken vom Konzert:

Dante’s Kitchen

I am (eternity) – super Bildmaterial, leider gings beim Sound etwas schief:

The long hall

Die Videos können dem Live-Eindruck leider nicht ganz gerecht werden.

2 Antworten zu “Konzert: Attrition

    • Oh, bei Attrition war noch viel Platz frei im Schauspielhaus, man kam auch noch ganz gut rein ohne 2 Stunden vorher Schlange zu stehen, was mich bei einer so genialen band wunderte, aber naja, Glück für uns die wir uns entschieden hatten es zu sehen 🙂
      Nicht mehr ganz nüchtern kann ich am WGT nachvollziehen *lach*

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